{"id":5245,"date":"2022-05-13T17:25:12","date_gmt":"2022-05-13T15:25:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5245"},"modified":"2022-06-01T17:32:46","modified_gmt":"2022-06-01T15:32:46","slug":"kostbarkeiten-fur-hausmusik-und-konzert-sorbische-volkslieder-von-bjarnat-krawc","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/05\/13\/kostbarkeiten-fur-hausmusik-und-konzert-sorbische-volkslieder-von-bjarnat-krawc\/","title":{"rendered":"Kostbarkeiten f\u00fcr Hausmusik und Konzert: Sorbische Volkslieder von Bjarnat Krawc"},"content":{"rendered":"\n<p>Musikproduktion J\u00fcrgen H\u00f6flich (Beyond the Waves), Artikelnummer: 5456<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-717x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5246\" width=\"425\" height=\"608\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-717x1024.jpg 717w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-768x1096.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-1076x1536.jpg 1076w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-1435x2048.jpg 1435w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_160058-scaled.jpg 1793w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Das in der s\u00e4chsischen und brandenburgischen Lausitz ans\u00e4ssige Volk der Sorben, das heute ungef\u00e4hr 60&nbsp;000 Angeh\u00f6rige umfasst, hat sich \u00fcber Jahrhunderte hinweg, zeitweise starken Anfechtungen zum Trotz, eine eigenst\u00e4ndige Kultur, einschlie\u00dflich zweier eigener Sprachen (Ober- und Niedersorbisch), bewahren k\u00f6nnen. Eine St\u00fctze der sorbischen Identit\u00e4t bildeten seit jeher Volkslied, Volkstanz und Kirchengesang. \u00d6stlich und westlich der Spree, zwischen Bautzen (Budy\u0161in) und L\u00fcbben (Lubin) entwickelte sich auf dieser Grundlage seit dem 19.&nbsp;Jahrhundert eine Kunstmusiktradition, die nicht nur aufgrund der Verschmelzung deutscher und slawischer Einfl\u00fcsse ein besonderes historisch-ethnologisches Interesse beanspruchen kann, sondern auch mehrere Komponisten hervorbrachte, die als bedeutende K\u00fcnstler eigenen Rechts gelten d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wunderbare Einf\u00fchrung in die sorbische Musikkultur bieten, nicht nur aufgrund ihres k\u00fcnstlerischen Wertes, sondern weil sie auch von Laienmusikern ohne gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen, die <em>33 wendischen Volkslieder<\/em> op.&nbsp;52\/1 f\u00fcr Gesang und Klavier von Bjarnat Krawc (1861\u20131948). Von dieser Sammlung ist nun in der Reihe <em>Beyond the Waves<\/em> (Musikproduktion J\u00fcrgen H\u00f6flich, M\u00fcnchen) ein Nachdruck der 1925 im Leipziger Steingr\u00e4ber-Verlag herausgekommenen Erstausgabe erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bjarnat Krawc (ausgesprochen: \u201eKrauz\u201c) trug, zu einer Zeit aufgewachsen, als die s\u00e4chsischen und preu\u00dfischen Beh\u00f6rden den Sorben gegen\u00fcber eine strikte Germanisierungspolitik betrieben, offiziell den deutschen Namen \u201eBernhard Schneider\u201c, und war im deutschsprachigen Gebiet unter diesem bekannt. Ver\u00f6ffentlichungen, die nicht speziell f\u00fcr ein sorbisches Publikum gedacht waren, lie\u00df er unter seinem deutschen Namen erscheinen. Seine zweisprachigen Volksliedbearbeitungen, die auch Deutschsprachige mit der sorbischen Musikkultur vertraut machen sollten, unterzeichnete er mit dem Doppelnamen \u201eSchneider-Krawc\u201c oder \u201eKrawc-Schneider\u201c. Bis heute taucht der Komponist deshalb in der Literatur teils unter seinem sorbischen, teils unter seinem deutschen Namen, teils unter Kombinationen beider auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Geschichte der sorbischen Musik kommt Bjarnat Krawc eine nicht zu untersch\u00e4tzende Bedeutung zu. Zwar hatte es schon vor ihm sorbische Komponisten gegeben, die sich an anspruchsvolleren Formen der Kunstmusik versuchten \u2013 hier ist vor allem Korla Awgust Kocor (1822\u20131904) zu erw\u00e4hnen \u2013, auch existierte zum Zeitpunkt seiner Geburt in der Lausitz bereits ein sorbisches Musikleben mit gefestigten Strukturen in Form regelm\u00e4\u00dfiger S\u00e4ngerfeste, doch war Krawc der erste Sorbe, der an einem deutschen Konservatorium eine umfassende kompositionstechnische Ausbildung erhielt und dessen Kompositionen in relativ gro\u00dfer Zahl von deutschen Verlagen vertrieben wurden. Mit ihm fand die sorbische Kunstmusik Anschluss an die zeitgen\u00f6ssischen Entwicklungen im \u00fcbrigen Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner \u00dcbersiedelung nach Dresden 1883 wurde Krawc-Schneider zum Grenzg\u00e4nger \u2013 und blieb es ein Leben lang. Als gefragter Musikp\u00e4dagoge und Leiter mehrerer deutscher Ch\u00f6re, darunter des angesehensten s\u00e4chsischen Frauenchors, war er fest in das Musikleben der Hauptstadt des K\u00f6nigreichs Sachsen integriert. Aber er fuhr regelm\u00e4\u00dfig in die Lausitz zur\u00fcck, um als Dirigent und Organisator seinen Beitrag zum Ausbau des sorbischen Musiklebens zu leisten. Bereits in jungen Jahren kn\u00fcpfte er zudem enge Kontakte nach B\u00f6hmen, wo er, musizierend und Vortr\u00e4ge haltend, immer wieder f\u00fcr die sorbische Musik warb. Konzertreisen mit einem sorbischen Chor in die Tschechoslowakei, nach Polen und Jugoslawien wurden zu sp\u00e4ten H\u00f6hepunkten seiner Laufbahn. Die Verbindungen des Komponisten nach Prag erwiesen sich letztlich als \u00fcberlebensnotwendig f\u00fcr sein Schaffen: W\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus, als ihm von den deutschen Beh\u00f6rden der Reisepass entzogen und er an der Aus\u00fcbung seiner Dirigentent\u00e4tigkeit gehindert worden war, hatte er heimlich mit Unterst\u00fctzung tschechischer Freunde in Prag ein Archiv seiner Kompositionen anlegen lassen. Dadurch blieben zahlreiche der musikalischen Werke Krawcs erhalten, w\u00e4hrend sein \u00fcbriger Besitz durch den alliierten Bombenangriff auf Dresden 1945 in Flammen aufging. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der mittellos gewordene Komponist ein letztes Mal zum Grenzg\u00e4nger, als er ein Angebot des wiedererstandenen tschechoslowakischen Staates annahm, ins nordb\u00f6hmische Varnsdorf \u00fcberzusiedeln. Dort starb er 1948.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-728x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5247\" width=\"381\" height=\"535\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-728x1024.jpg 728w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-213x300.jpg 213w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-768x1080.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-1092x1536.jpg 1092w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-1457x2048.jpg 1457w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/20220513_105758-scaled.jpg 1821w\" sizes=\"(max-width: 381px) 100vw, 381px\" \/><\/a><figcaption>Ein Exemplar der Erstausgabe, Leipzig 1925. Die Widmungstr\u00e4gerin Ruth Krawcec-Rawp (1900-1979) war eine gesch\u00e4tzte Operns\u00e4ngerin. Ihr Sohn Jan Rawp (1928-2007) wurde einer der wichtigsten sorbischen Komponisten der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das Schaffen Bjarnat Krawcs umfasst, mit Ausnahme von B\u00fchnenwerken, Kompositionen aller Gattungen: von der Klavierminiatur bis zur Symphonischen Dichtung, vom Lied bis zur Missa solemnis. Bei einem zahlenm\u00e4\u00dfig nicht geringen Teil seiner Werke handelt es sich um Bearbeitungen sorbischer Volkslieder, teils mehrstimmig f\u00fcr chorische Besetzungen, teils f\u00fcr Sologesang mit Klavierbegleitung. Welche Bedeutung ihnen der Komponist selbst beima\u00df, zeigt sich darin, dass er ihnen s\u00e4mtlich Opuszahlen gab.<\/p>\n\n\n\n<p>In Krawcs Liedbearbeitungen treffen die beiden seinen Kompositionsstil pr\u00e4genden Haupteinfl\u00fcsse unmittelbar aufeinander: die sorbische Volksmusik und die satztechnische Meisterschaft seines Dresdner Kompositionslehrers Felix Draeseke. Von Draeseke, dem er sich sehr verbunden f\u00fchlte (er stellte zur Auff\u00fchrung von Draesekes Gro\u00dfer Messe op.&nbsp;85 1912 eigens einen Chor zusammen und dirigierte 1913 auf dessen Totenfeier), hat Krawc die kontrapunktische Strenge \u00fcbernommen, das Denken in gegeneinander gef\u00fchrten Melodielinien. Ganz wie sein Lehrer l\u00e4sst Krawc die Musik abwechslungsreich durch harmonische Nebenstufen wandern und bringt wirkungsvoll chromatische Durchg\u00e4nge und Ausweichungen ins Spiel. Seine S\u00e4tze stehen dabei immer auf fester diatonischer Grundlage und wahren den Bezug zum tonalen Zentrum. Die Nebenstimmen schmiegen sich den zugrunde liegenden Volksliedern passend an; nie hat man den Eindruck, die einfachen Melodien w\u00fcrden durch die Bearbeitung \u00fcberfrachtet werden. Wie fein der sorbische Meister bei seiner Arbeit zu Werke geht, m\u00f6ge statt vieler Worte eine Probe aus Krawc op.&nbsp;52\/1 zeigen. Es handelt sich um das erste Lied der Sammlung:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Krawc-op.521.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Krawc-op.521-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5248\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Krawc-op.521-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Krawc-op.521-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Krawc-op.521.jpg 900w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Das ganze Opus, das nach der damals im Deutschen bevorzugten Bezeichnung der Sorben als Wenden \u201ewendische Volkslieder\u201c hei\u00dft, ist zweisprachig. Neben dem sorbischen Originaltext sind alle Lieder mit einer vom Komponisten herr\u00fchrenden deutschen \u00dcbersetzung unterlegt. Dass die Volksweisen f\u00fcr jeden Laien singbar sind, liegt in der Natur der Sache, aber auch die Begleitung bietet keine Hindernisse, die sich nicht von einem flei\u00dfigen Amateurklavierspieler bew\u00e4ltigen lie\u00dfen. Es handelt sich kurzum um vorz\u00fcgliche Hausmusik! Aber ebenso sollten professionelle K\u00fcnstler an der Sammlung nicht vor\u00fcber gehen. Die schlichte Sch\u00f6nheit der Melodien und die kunstreiche, dabei nie aufdringlich gek\u00fcnstelte Einfassung, die ihnen Bjarnat Krawc gegeben hat, lassen diese Kostbarkeiten der Volksliedbearbeitung auch im Rahmen eines Liederabends ihre Wirkung entfalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Mai 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musikproduktion J\u00fcrgen H\u00f6flich (Beyond the Waves), Artikelnummer: 5456 Das in der s\u00e4chsischen und brandenburgischen Lausitz ans\u00e4ssige Volk der Sorben, das heute ungef\u00e4hr 60&nbsp;000 Angeh\u00f6rige umfasst, hat sich \u00fcber Jahrhunderte hinweg, zeitweise starken Anfechtungen zum Trotz, eine eigenst\u00e4ndige Kultur, einschlie\u00dflich zweier eigener Sprachen (Ober- und Niedersorbisch), bewahren k\u00f6nnen. 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