{"id":5261,"date":"2022-06-20T17:53:35","date_gmt":"2022-06-20T15:53:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5261"},"modified":"2022-06-22T20:01:07","modified_gmt":"2022-06-22T18:01:07","slug":"ein-ausserordentlicher-kammermusikabend-mit-dem-quartet-berlin-tokyo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/20\/ein-ausserordentlicher-kammermusikabend-mit-dem-quartet-berlin-tokyo\/","title":{"rendered":"Ein au\u00dferordentlicher Kammermusikabend mit\u00a0dem Quartet\u00a0Berlin-Tokyo"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Besprechung des Konzerts:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Berlin, Konzerthaus, 12. Juni 2022<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Kurt Hauschild: Streichquartett Nr.\u00a05 D-Dur<\/li><li>Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr.\u00a011 f-Moll op.\u00a095<\/li><li>Boris Yoffe: f\u00fcnf St\u00fccke aus dem Quartettbuch<\/li><li>Gawriil Popow: Quartett-Symphonie c-Moll op.\u00a061<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Quartet Berlin-Tokyo<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zugleich Vorstellung der CD:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-container-1 wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<ul><li>Erwin Schulhoff: F\u00fcnf St\u00fccke f\u00fcr Streichquartett<\/li><li>Gawriil Popow: Quartett-Symphonie c-Moll op.&nbsp;61<\/li><\/ul>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>QBT Collection, QBT 001; EAN: 0 048544 807747<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Popow-Schulhoff1.png\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Popow-Schulhoff1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5273\" width=\"482\" height=\"435\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Popow-Schulhoff1.png 678w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Popow-Schulhoff1-300x271.png 300w\" sizes=\"(max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Es gibt Konzerte, die man nicht vergisst, Konzerte, in denen man als Zuh\u00f6rer einer solch \u00fcberragenden k\u00fcnstlerischen Leistung teilhaftig wird, dass das Erklungene als ein best\u00e4ndiges Echo im Ged\u00e4chtnis nachklingt. Der Kammermusikabend, den das Quartet Berlin-Tokyo am 12.&nbsp;Juni 2022 im Berliner Konzerthaus gegeben hat, war ein solches Konzert. Das Quartett \u2013 Tsuyoshi Moriya und Dimitri Pavlov an den Violinen, Gregor Hrabar an der Bratsche und Ruiko Matsumoto am Violoncello \u2013 pr\u00e4sentierte ein von echtem Entdeckersp\u00fcrsinn zeugendes Programm, dem kein besonderer Titel beigegeben war, durch das sich jedoch erkennbar ein roter Faden zog. Alle hier zusammengebrachten Werke sind nicht in Hinblick auf die \u00d6ffentlichkeit entstanden, sondern dokumentieren den Zustand einer (freiwilligen oder erzwungenen) Zur\u00fcckgezogenheit. Es handelt sich, um es mit einem Werktitel des hier nicht vertretenen Jean Sibelius zu sagen, um \u201eVoces intimae\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ost-Berliner Kurt Hauschild (1933\u20132022) schrieb sein F\u00fcnftes Streichquartett, wie alle seine zu DDR-Zeiten komponierten Werke, abseits des \u00f6ffentlichen Musikbetriebs. Ludwig van Beethoven betrachtete sein Quartett op.&nbsp;95 als ein so privates Dokument, dass er es zun\u00e4chst nur engsten Freunden zeigte und sich erst nach sechs Jahren zur Ver\u00f6ffentlichung entschlie\u00dfen konnte. Die St\u00fccke aus Boris Yoffes (*1968) <em>Quartettbuch<\/em> sind musikalische Tagebuchaufzeichnungen im wahrsten Sinn des Wortes. Gawriil Popows (1904\u20131972) <em>Quartett-Symphonie<\/em> op.&nbsp;61 entstand zu einer Zeit, als die Lenker der sowjetischen Kulturpolitik dem ehemals sehr erfolgreichen Komponisten l\u00e4ngst nur noch der Rang einer Randfigur des Musiklebens zugestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier unterschiedliche Geisteswelten hat das Quartet Berlin-Tokyo in diesem Konzert durchschritten. In jedem Falle bewundern muss man die Meisterschaft der vier Instrumentalisten im kammermusikalischen Zusammenspiel. Wir haben es hier mit einem Ensemble zu tun, in dem ausnahmslos alle Mitglieder vortreffliche Musiker sind. Keines steht hinter den \u00fcbrigen zur\u00fcck, keines spielt sich zu Ungunsten der anderen in den Vordergrund. Im Gegenteil: Jede Stimme ist ein ausgepr\u00e4gter Charakter, der, wenn der Komponist es verlangt, die F\u00fchrung \u00fcbernehmen kann \u2013 aber noch bemerkenswerter erscheint, wie gut sie alle aufeinander h\u00f6ren. Die Vier lassen einander Raum zum Atmen, dann spornen sie sich wieder gegenseitig zu H\u00f6chstleistungen an. Man h\u00f6rt einen auf allen Ebenen gleicherma\u00dfen kr\u00e4ftig und pr\u00e4gnant durchgebildeten Quartettklang.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei zeitgen\u00f6ssischer Musik muss man sich heutzutage bekanntlich auf einiges gefasst machen, doch ist dem Ensemble mit Kurt Hauschilds Streichquartett Nr.&nbsp;5 tats\u00e4chlich eine \u00dcberraschung gelungen. Hauschild, der im Brotberuf als Mathematiker arbeitete und seine Kompositionen erst nach 1989 \u00f6ffentlich spielen lie\u00df, suchte n\u00e4mlich zum Komponieren das Rokoko als geistiges Refugium auf und schrieb Musik, als w\u00e4re seit den Tagen Joseph Haydns keine Zeit vergangen. \u201eJa, darf man denn das?\u201c, hat sich vielleicht der eine oder andere Zuh\u00f6rer gefragt. Ja, nat\u00fcrlich darf man \u2013 namentlich, wenn man sich so gut in den Stil dieser Epoche eingelebt hat und im sicher beherrschten Quartettsatz ansprechende Gedanken so gewandt verarbeiten kann, wie Hauschild dies vermochte. Die Mandolinenimitationen des Finales zeugen zudem von einem an Haydn gemahnenden Humor. Ich habe beim Anh\u00f6ren dieses Werkes an den trefflichen Weimarer Komponisten und P\u00e4dagogen Reinhard Wolschina denken m\u00fcssen, dessen Musik freilich ganz anders klingt, der aber seine Sch\u00fcler zu fragen pflegt, ob die Musik, die sie schreiben, auch die Musik ist, die sie selbst h\u00f6ren wollen. Kurt Hauschild hat offenbar Musik geschrieben, die er selbst h\u00f6ren wollte. Wer m\u00f6chte es ihm ver\u00fcbeln? Dass sich das Quartet Berlin-Tokyo dem Werk mit h\u00f6rbarem Vergn\u00fcgen gewidmet hat, ist jedenfalls als ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr den Komponisten zu bezeichnen, und man kann nur bedauern, dass er das Konzert nicht mehr erleben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Beethovens f-Moll-Werk op.&nbsp;95 zeugten namentlich die kantablen Stellen von der Sorgfalt, mit der das Quartett zu Werke geht. So gelang im dritten Satz der Kontrastabschnitt sehr sch\u00f6n. Man h\u00f6rte hier einen wirklichen \u201eChorgesang\u201c der drei Unterstimmen, den der Primgeiger dezent mit Achtelfigurationen zu begleiten verstand. Auch der langsame Satz mit seinen l\u00e4ngeren fugierten Abschnitten befand sich in guten, polyphonieerprobten H\u00e4nden. Im \u00dcbrigen zeichneten die Musiker das Bild eines heftigen, cholerischen, zwischen Extremen hin- und hergerissenen Beethoven. Die Hauptthemen des ersten und dritten Satzes wurden betont scharfkantig artikuliert. Das Finale war deutlich mehr <em>Agitato<\/em> als <em>Allegretto<\/em>. Auch den Kopfsatz h\u00f6rte man in rasantem Tempo. Geschah dies, wie es in j\u00fcngerer Zeit zur Mode geworden zu sein scheint, unter dem Eindruck der nachtr\u00e4glich vom Komponisten hinzugef\u00fcgten, in ihrer Aussagekraft fraglichen Metronomisierungen? Freilich ist es eine Leistung, in solch hoher Geschwindigkeit so sauber zu spielen, wie es das Quartett tat, doch zeigte sich an einzelnen Stellen die Problematik des Geschwindigkeitsrauschs. So gelang es den Musikern weder in der Exposition, noch in der Reprise des Kopfsatzes die \u00dcberleitung zum Seitenthema schl\u00fcssig darzustellen: Das abrupte Bremsen wirkte seltsam unentschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcnf St\u00fccke aus Boris Yoffes <em>Quartettbuch<\/em> bildeten das ruhige Intermezzo des Abends. Yoffe, der sich mit seinem 2014 erschienenen Buch <em>Im Fluss des Symphonischen<\/em> den Ruf eines vorz\u00fcglichen Kenners sowjetischer Symphonik erworben hat, konzentriert sich als Komponist auf kleine Formen. Im Falle der Quartettst\u00fccke kann man durchaus sagen: kleinste Formen, denn die im Konzert erklungenen dauern zusammengenommen nur rund f\u00fcnf Minuten. Das <em>Quartettbuch<\/em> ist anscheinend ein veritables Tagebuch, das t\u00e4glich um ein neues St\u00fcck w\u00e4chst. Die vom Quartett ausgew\u00e4hlten Nummern <em>Bell<\/em>, <em>Sunshine<\/em>, <em>Rain<\/em>, <em>Far<\/em> und <em>Visit<\/em> machten den Eindruck, als h\u00e4tten den Komponisten beim Verfassen derselben mehr oder weniger die gleichen Gedanken beherrscht. Sie sind alle karg, leise, langsam und im Hinblick auf die Harmonik nicht sonderlich dissonant, und man fragt sich, ob eine andere Auswahl vom Komponisten Boris Yoffe vielleicht einen umfassenderen Eindruck geliefert h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eindeutig der H\u00f6hepunkt des Abends war die Auff\u00fchrung des einzigen Streichquartetts von Gawriil Popow, dem der Autor den Titel <em>Quartett-Symphonie<\/em> gab. Popow hatte in den 1920er Jahren seine Laufbahn erfolgversprechend begonnen: Er galt als einer der begabtesten Komponisten der jungen Sowjetunion, und seine Fr\u00fchwerke sorgten f\u00fcr ein vergleichbares Aufsehen wie diejenigen seines Freundes Dmitrij Schostakowitsch. Diese Phase seines Schaffens gipfelte in der Ersten Symphonie, einem ungeheuer ausdrucksstarken, d\u00fcster gestimmten Werk in hochgradig dissonanter Harmonik, das sich seit seiner Wiederentdeckung vor einigen Jahren berechtigter Wertsch\u00e4tzung als eines H\u00f6hepunkts des sowjetischen \u201eFuturismus\u201c in der Musik erfreut. Nach seiner Urauff\u00fchrung 1935 wurde das Werk von der Leningrader Zensur als Ausdruck \u201eder Ideologie uns feindlich gesinnter Klassen\u201c verboten \u2013 ein Vorbeben des gro\u00dfen Scherbengerichts, das von der Partei 1936 anl\u00e4sslich von Schostakowitschs <em>Lady Macbeth von Mzensk<\/em> veranstaltet wurde. \u00dcber Popows sp\u00e4teres Schaffen hat sich eine Legende gebildet, derzufolge ein genialer Komponist durch die stalinistische Kulturpolitik einerseits, durch Alkoholismus anderseits k\u00fcnstlerisch zerst\u00f6rt worden sei. In beiden Punkten wurden Tatsachen zu Ungunsten Popows \u00fcberspitzt. In der Tat war die Verurteilung durch die Kommunistische Partei ein Gewaltakt, der den Komponisten schwer traf. Popow komponierte danach nicht mehr so wie zuvor. Er wurde von Seiten der Musikfunktion\u00e4re argw\u00f6hnisch beobachtet, und konnte im Konzertsaal nie wieder an seine fr\u00fcheren Erfolge ankn\u00fcpfen. Allerdings muss Behauptungen, er sei ein Konformist geworden, der sein Talent letztlich im Alkohol ertr\u00e4nkt habe, entschieden entgegengetreten werden. Popow mag in sp\u00e4teren Jahren dem Trunk verfallen sein, doch hatte dies offensichtlich keine sp\u00fcrbaren Auswirkungen auf seine Schaffenskraft. Man kann nicht einmal sagen, seine Produktivit\u00e4t habe in quantitativer Hinsicht darunter gelitten: Ein kurzer Blick in die im Netz verf\u00fcgbaren Werkverzeichnisse (deutsche, englische, russische Wikipedia) zeigt, dass er bis an sein Lebensende kontinuierlich komponierte. Und die Qualit\u00e4t? Wurde der geniale Modernist zu einem linientreuen Verfertiger staatstragender Propaganda? Ein h\u00fcbsches Beispiel, wie durch \u2013 hier sicherlich unbeabsichtigte \u2013 Verdrehungen von Daten Erz\u00e4hlungen fabriziert werden, welche suggerieren, dergleichen sei der Fall gewesen, bietet ein <a href=\"https:\/\/www.therestisnoise.com\/2004\/09\/the_popov_di\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.therestisnoise.com\/2004\/09\/the_popov_di\">Text<\/a> des US-amerikanischen Kritikers Alex Ross, in welchem es hei\u00dft: \u201ePopov, exploding with talent but lacking that eerie detachment from his creative self, collapsed under the outward pressure. He felt obligated to produce programmatic Socialist-Realistic pieces on a regular basis (<em>Komsomol Is The Chief of Electrification<\/em>).\u201c Ein Blick ins Werkverzeichnis verr\u00e4t, dass die genannte Filmmusik-Suite aus dem Jahre 1931 stammt! Popow ist bei weitem nicht der einzige sowjetische Komponist gewesen, der seinen Lebensunterhalt wesentlich durch Filmmusik bestritt \u2013 vor wie nach seiner Verdammung. Immer noch in Russland popul\u00e4r ist sein Lied <em>Schwarzer Rabe<\/em> aus der Musik zum Film <em>Tschapajew<\/em> (1934). Nun finden sich unter Popows Werken auch \u201evaterl\u00e4ndische\u201c, \u201eheroische\u201c und \u201efestliche\u201c Kompositionen (die Zweite, Dritte und Sechste Symphonie hei\u00dfen explizit so), aber dieser Umstand sollte niemanden \u00fcberraschen, der einigerma\u00dfen mit der Musikgeschichte der Sowjetunion \u2013 und speziell mit den Werkverzeichnissen von Prokofjew, Schostakowitsch, Chatschaturjan \u2013 vertraut ist. H\u00f6rt man die besagten Symphonien Popows, so kommt man nicht umhin, festzustellen, dass der Komponist zwar seine Harmonik etwas entsch\u00e4rft hat, aber handwerklich virtuos in einem ausgepr\u00e4gten Personalstil schreibt, in welchem sich auffallend viele Charakterz\u00fcge aus seiner Fr\u00fchzeit erhalten haben. Als Orchesterkomponisten reizte es ihn offensichtlich, \u201ekammermusikalisch\u201c zu schreiben und reduzierte Besetzungen zu verwenden. So ist seine Dritte Symphonie ein reines Streichorchesterwerk, und die Sechste enth\u00e4lt zahlreiche Passagen nur f\u00fcr Bl\u00e4ser (Nr.&nbsp;4 ist gar f\u00fcr A-cappella-Chor geschrieben!). Anderseits hatte Popow eine Vorliebe f\u00fcr Kammermusik, die sich an der Grenze zum Orchestralen bewegt. So finden sich unter seinen Werken ein Oktett, ein Septett, das ausdr\u00fccklich als <em>Kammersymphonie<\/em> bezeichnet ist, und ein Quintett f\u00fcr Fl\u00f6te, Klarinette, Trompete, Violoncello und Kontrabass.<\/p>\n\n\n\n<p>Verwundert es vor diesem Hintergrund noch, dass er sein 1951 komponiertes Streichquartett op.&nbsp;61 als <em>Quartett-Symphonie<\/em> konzipierte? Popow schreibt hier tats\u00e4chlich Kl\u00e4nge, die den Eindruck erwecken, kein Solistenensemble, sondern ein Orchester aus vier Streichern vor sich zu haben. Auch hinsichtlich der Spieldauer strebt das viers\u00e4tzige Werk in symphonische Weiten. Die Auff\u00fchrung nimmt beinahe eine Stunde in Anspruch, von welcher der erste Satz allein bereits 25 Minuten dauert. Stilistisch komponiert Popow hier ebenso eigen wie in seinen Symphonien. Er ist wiederholt mit Schostakowitsch verglichen worden, doch haben beide Komponisten \u2013 abgesehen von der Tatsache, dass sie der gleichen Generation angeh\u00f6ren, der gleichen Tradition entstammen und ihre Biographien Parallelen aufweisen \u2013 letztlich nicht allzu viel miteinander gemeinsam. Ihre Musik zeigt, wie unterschiedlich K\u00fcnstler auf vergleichbare Situationen reagieren k\u00f6nnen. Schostakowitsch erscheint als das Urbild eines psychologisierenden Komponisten. In seiner Musik zeichnet er bestimmte psychische Zust\u00e4nde in T\u00f6nen nach. Wenn er davon spricht, seine F\u00fcnfte Symphonie thematisiere \u201edas Werden der Pers\u00f6nlichkeit\u201c, so ist das keineswegs nur eine Phrase im Sinne der staatlichen Kulturdoktrin. Seine Musik handelt von den Empfindungen des Menschen in der Gesellschaft. Popow erscheint dagegen als ein musikalischer Landschaftsmaler. Eine <em>Pastorale<\/em> Symphonie von Schostakowitsch erscheint schwer vorstellbar. Popow hat eine solche mit seiner F\u00fcnften vorgelegt (\u201eeine wunderbare Welt der Natur ohne Menschen\u201c nennt sie Boris Yoffe treffend), und bereits seine Zweite, die <em>Vaterl\u00e4ndische<\/em>, l\u00e4sst sich als in T\u00f6nen geschaffene Landschaft bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die \u201eSymphonie\u201c f\u00fcr Streichquartett enth\u00e4lt viel \u201eLandschaftliches\u201c, \u201eNaturfrommes\u201c, das man bei Schostakowitsch so kaum finden wird. Im Kopfsatz hat Popow einen allm\u00e4hlichen Beruhigungsprozess auskomponiert: Von der Hektik des Anfangs, die tats\u00e4chlich etwas an Schostakowitsch gemahnt (dessen ein Jahr sp\u00e4ter entstandenes F\u00fcnftes Quartett recht \u00e4hnlich beginnt), gelangt die Musik in mehreren Stufen (die den Stationen der Sonatenform entsprechen) zur Gelassenheit der letzten Minuten des Satzes. An zweiter Stelle folgt ein k\u00fcrzeres St\u00fcck, das in etwa die Waage zwischen einem Elfenspuk-Scherzo und einem elegischen Walzer h\u00e4lt. Der langsame dritte Satz beginnt mit einer verhaltenen Melodie, in welche, beinahe wie Lockrufe, Volksliedintonationen hineinklingen. Der Satz wird im Folgenden immer lebhafter und t\u00e4nzerischer, kehrt dann zur Stimmung des Anfangs zur\u00fcck, schlie\u00dft aber mit einer feierlichen Coda. Das Finale, das anders als die \u00fcbrigen S\u00e4tze von Anfang an in Dur steht, ist mit \u201eAllegro giocoso\u201c \u00fcberschrieben, beginnt aber introvertiert und sehr kantabel und nimmt erst nach und nach energischen Charakter an. Der letzte Abschnitt des Satzes, nach dem langsamen Mittelteil, ist eine einzige gro\u00dfe Steigerung \u00fcber mehr als f\u00fcnf Minuten und bezieht auch Themen fr\u00fcherer S\u00e4tze ein \u2013 ein Triumph des Symphonikers Gawriil Popow!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Quartet Berlin-Tokyo wurde auf dieses Werk durch Boris Yoffe aufmerksam gemacht, der in seinem oben erw\u00e4hnten Buch Popow ausf\u00fchrlich w\u00fcrdigt. Die Quartett-Symphonie wurde in der f\u00fcr sowjetische Komponisten im Allgemeinen schweren Zeit zwischen dem zweiten gro\u00dfen Scherbengericht (1948) und Stalins Tod (1953) komponiert. Zwar konnte Popow erreichen, dass das Werk bereits kurz nach seiner Vollendung uraufgef\u00fchrt wurde, doch teilte es anschlie\u00dfend das Schicksal vieler anderer Kompositionen seines Autors und blieb jahrzehntelang unbeachtet \u2013 bis zur Ersteinspielung auf CD durch das Quartet Berlin-Tokyo, auf welche aufmerksam zu machen der Zweck des Konzerts im Berliner Konzerthaus war. Die Musiker haben sich w\u00e4hrend der von den Covid-19-Restriktionen gepr\u00e4gten Monate, als zwar Proben, aber keine Konzerte m\u00f6glich waren, aufs Intensivste mit dem St\u00fcck auseinandergesetzt, es immer wieder gespielt, Aufnahmen davon gemacht und kritisch abgeh\u00f6rt, sodass sie es sich schlie\u00dflich voll und ganz zu eigen gemacht haben. Sie spielten das Werk, das gewiss nicht einfach zu meistern ist, mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit und erhabenen Leichtigkeit, die Staunen machte. Man hatte nicht mehr den Eindruck, als w\u00fcrden da mit B\u00f6gen und Fingern den Streichinstrumenten T\u00f6ne abgewonnen: die Musik entstand im Hier und Jetzt wie von allein und entfaltete sich unaufhaltsam vom Anfang ausgehend in weitem Bogen hin zum Schluss. Wer an diesem Abend im Konzerthaus anwesend war, wurde einer gro\u00dfen Auff\u00fchrung teilhaftig, wie man sie wahrlich nicht alle Tage erlebt! Gl\u00fccklich das vergessene Werk, das <em>so<\/em> aus seinem Dornr\u00f6schenschlaf wachgek\u00fcsst wird!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Quartet Berlin-Tokyo hinterlie\u00df \u00fcbrigens nicht nur musikalisch einen hervorragenden Eindruck, sondern wirkte auch menschlich durch seine Kommunikation mit dem Publikum sympathisch. Bratschist Gregor Hrabar trat vor jeder Nummer des Programms nach vorn und sprach ein paar einleitende Worte zum jeweiligen Werk und zur Beziehung, die das Quartett zu ihm aufgebaut hat. Am Schluss gab es als Zugaben zwei kurze St\u00fccke von Erwin Schulhoff und Alexander Glasunow (<em>Orientale<\/em> aus den <em>Novelletten<\/em> op.&nbsp;15). Ersteres geh\u00f6rte zu Schulhoffs F\u00fcnf St\u00fccken f\u00fcr Streichquartett, die das Quartett auf der gleichen CD eingespielt hat wie Popows op.&nbsp;61, und dies ebenso meisterlich, mit ebensolcher Hingabe. Die CD ist eine Eigenproduktion des Ensembles und unter dem Label \u201eQBT Collection\u201c erschienen. Ausdr\u00fccklich sei hier auf sie hingewiesen, und damit der Wunsch verbunden, dass das Quartet Berlin-Tokyo die Musikwelt mit weiteren so gelungenen Auff\u00fchrungen und Aufnahmen beehren m\u00f6ge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juni 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung des Konzerts: Berlin, Konzerthaus, 12. Juni 2022 Kurt Hauschild: Streichquartett Nr.\u00a05 D-Dur Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr.\u00a011 f-Moll op.\u00a095 Boris Yoffe: f\u00fcnf St\u00fccke aus dem Quartettbuch Gawriil Popow: Quartett-Symphonie c-Moll op.\u00a061 Quartet Berlin-Tokyo Zugleich Vorstellung der CD: Erwin Schulhoff: F\u00fcnf St\u00fccke f\u00fcr Streichquartett Gawriil Popow: Quartett-Symphonie c-Moll op.&nbsp;61 QBT Collection, QBT 001; EAN: 0 &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/20\/ein-ausserordentlicher-kammermusikabend-mit-dem-quartet-berlin-tokyo\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein au\u00dferordentlicher Kammermusikabend mit\u00a0dem Quartet\u00a0Berlin-Tokyo<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13,3],"tags":[1054,4366,386,4370,4367,4368,4365,86,4369,4364],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5261"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5261"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5279,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5261\/revisions\/5279"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}