{"id":527,"date":"2016-02-08T18:39:56","date_gmt":"2016-02-08T17:39:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=527"},"modified":"2016-02-09T13:59:00","modified_gmt":"2016-02-09T12:59:00","slug":"mit-boehmischen-pauken-und-trompeten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/02\/08\/mit-boehmischen-pauken-und-trompeten\/","title":{"rendered":"Mit b\u00f6hmischen Pauken und Trompeten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die M\u00fcnchner Philharmoniker spielen am 04., 05. und 06. Februar 2016 in der Philharmonie des Gasteig M\u00fcnchen unter Juraj Val\u010duha Werke aus Tschechien, auf dem Programm stehen &#8222;Vodn\u00edk&#8220; (Der Wassermann) von Anton\u00edn Leopold Dvo\u0159\u00e1k, das Doppelkonzert f\u00fcr zwei Streichorchester, Klavier und Pauken von Bohuslav Martin\u016f sowie die Sinfonietta von Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek. F\u00fcr The New Listener besuche ich die dritte und letzte der Vorstellungen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur schlecht besucht ist die Philharmonie im Gasteig am Abend des 06. Februar, das rein b\u00f6hmische Programm scheint kein besonderer Publikumsmagnet zu sein. Es ist sehr bedauerlich, dass diese Werkauswahl auf kein gr\u00f6\u00dferes Interesse st\u00f6\u00dft, ist sie doch mehr als spannend und vielseitig: Der Wassermann, Vodn\u00edk, die erste der (nach der letzten Symphonie entstandenen) f\u00fcnf sp\u00e4ten Tondichtungen Dvo\u0159\u00e1ks, ist ein mitrei\u00dfendes Werk in ausgereiftem und vollendetem Personalstil, das durch absolute Ausreizung des einpr\u00e4gsamen Grundmaterials lange Zeit im Kopf zu bleiben vermag. Doppelb\u00f6dige Kantabilit\u00e4t und schroffe Gewalt wechseln einander ab in einer wilden Handlung, die im Mord an der Tochter gipfelt. Einen ganz anderen Weg beschreitet Martin\u016f in seinem an das barocke Concerto Grosso angelehnten Doppelkonzert f\u00fcr zwei Streichorchester, Klavier und Pauken, das mit rhythmischer Durchschlagskraft und voller orchestraler Wirkung trotz kleiner Besetzung besticht. Stets ein klanglicher H\u00f6hepunkt ist die Sinfonietta Jan\u00e1\u010deks, in deren Rands\u00e4tzen neben der eh bereits gro\u00dfen Orchesterbesetzung noch dreizehn weitere Trompeten, zwei Tenortuben und zwei Basstrompeten zum Einsatz kommen (sp\u00e4ter hat Chatschaturian in seiner bombastischen Dritten Symphonie etwas Vergleichbares versucht). Die Sinfonietta ist ein monolithisches Sp\u00e4twerk voll sanglicher Melodik, mit virtuoser Instrumentation, als H\u00f6rerfahrung immer wieder zutiefst beeindruckend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser pathosbeladenen Musik gelingt es dem Dirigenten Juraj Val\u010duha, den M\u00fcnchner Philharmonikern wieder eines zur\u00fcckzugeben, was in letzter Zeit selten anzutreffen war: die Spielfreude. Man denke beispielsweise an den vollkommen unterprobten Prokofieff-Zyklus unter Gergiev oder ein erstaunlich farbloses Pr\u00e9lude \u00e0 l&#8217;apr\u00e8s-midi d&#8217;un faune von Debussy, wo wenig Hingabe zur Musik zu sp\u00fcren war. Heute ist dies anders, das Orchester hat Lust und Spa\u00df an dem m\u00e4chtigen Programm und spielt wieder aus vollem Herzen. Besonders farbenreich erscheint die Musik Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1ks, der schlichten und dauerpr\u00e4senten Motivik gewinnen die Philharmoniker etliche feine Farbnuancen ab und genie\u00dfen immer wieder die vollt\u00f6nenden H\u00f6hepunkte. Das Orchester kennt und mag die musikalische Sprache des Tschechen und wei\u00df, dies ansprechend umzusetzen. Besonders erfreulich gestalten sich die h\u00e4ufigen phraseninternen Instrumentenwechsel, die perfekt aufeinander abgestimmt sind und eine imaginativ r\u00e4umliche Wirkung evozieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weniger Verst\u00e4ndnis zeigen die Streicher f\u00fcr die eigent\u00fcmliche Musik von Bohuslav Martin\u016f, dessen Stil uns noch immer unvertraut und neuartig erscheint. Was auch bei Dvo\u0159\u00e1k und Jan\u00e1\u010dek als Grundtendenz vorliegt, wird hier zum Extrem: Es ist stets zu laut, und wiederholt werden Pianoangaben schlicht nicht beachtet, daf\u00fcr ist die Musik im Forte zu pauschal m\u00e4chtig, zu wenig differenziert ausgestaltet und kontrastlos, wodurch einige L\u00e4ngen entstehen. Hinzu kommt eine ung\u00fcnstige Aufstellung mit Klavier und Pauken hinter den Streichern, wobei der Pianist den Dirigenten frontal anschauen kann. Resultat der Kombination der beiden Aspekte ist, dass die beiden Solisten kaum h\u00f6rbar sind (und das, obwohl ich einen akustisch sehr guten und mittigen Platz habe). Zwar stimmt es, dass die Pauke eher eine erg\u00e4nzende Rolle spielt als solistisch hervorzutreten, aber der Klaviersolist sollte doch als zentrale S\u00e4ule stets deutlich vernehmbar sein. Die grunds\u00e4tzliche Aufteilung in zwei antiphonisch agierende Streichorchester wird dadurch geradezu hinf\u00e4llig, und man nimmt die konzertierend wettstreitende Teilung kaum wahr. Allem Anschein nach ist den Veranstaltern der Pianist auch nicht wichtig, wird dieser (wie auch der Paukist) doch nicht einmal im Programm erw\u00e4hnt. Der Pianist hat das Konzert auch scheinbar nicht wirklich als Solistenst\u00fcck erarbeitet, seine Stimme klingt eher nach einem soliden Accompagnement denn nach der zentralen Rolle im Wechselspiel mit den beiden Streichorchestern als drittem Widerpart. Nat\u00fcrlich liegt hier kein Klavierkonzert im klassischen Sinne vor und der Fl\u00fcgel spielt bis auf kurze kadenzartige Abschnitte im Mittelsatz eher innerhalb des Orchesters denn solistisch hervorgehoben, doch hier wurde eine Nivellierung erreicht, die den Charakter verf\u00e4lscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich nach der Pause die dreizehn zus\u00e4tzlichen Blechbl\u00e4ser erheben, senkt sich auch das letzte Programmheft und der &#8222;kollektive Astmaanfall&#8220;, der zwischen den S\u00e4tzen eines Konzerts nicht mehr aus dem heutigen Konzertleben wegzudenken ist, ist pl\u00f6tzlich ausgeblendet. Der sp\u00e4te Stil von Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek wirkt so verbl\u00fcffend attraktiv, so unmittelbar und so wirkungsvoll, das sich einfach keiner dieser Musik entziehen kann. Er ist schlicht und volkst\u00fcmlich, aber doch enorm ausgearbeitet und von riskanter Komplexit\u00e4t. Hier k\u00f6nnen sich die Musiker einmal austoben, und das nutzen sie voll aus; Val\u010duha versucht erst gar nicht, das Orchester zur\u00fcckzuhalten. Der enorme Blechapparat, der normalerweise auf die ersten Kiekser nur warten l\u00e4sst, intoniert absolut lupenrein und gibt sich freudig schmetternd, das Holz wartet mit virtuosen L\u00e4ufen auf (immer wieder herrlich, wenn Fl\u00f6te und Piccolo ihre rasenden Linien ziehen, die von anderen Holzbl\u00e4sern aufgegriffen werden), auch die Harfe tritt mit brillanten Eins\u00e4tzen hervor, das Schlagwerk ist gut abgestimmt und die Streicher bew\u00e4ltigen ihre rhythmisch verzwickten Passagen mit imponierender Lockerheit. Hier zeigt sich einmal, dass die M\u00fcnchner Philharmoniker doch ein wirkliches Spitzenensemble sein k\u00f6nnen, das ganz vorne mitspielen kann \u2013 schwer verst\u00e4ndlich, dass sie dies in letzter Zeit ein paar Mal vergessen lie\u00dfen. Sehr hoffe ich darauf, sie in n\u00e4chster Zeit \u00f6fter mit solch hinrei\u00dfender Spiellaune und musikalischem Gestaltungswillen zu h\u00f6ren wie heute bei Dvo\u0159\u00e1k und Jan\u00e1\u010dek. Juraj Val\u010duhas oft schon \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Pathos wirkt bei diesen St\u00fccken teils auch recht f\u00f6rderlich, wenngleich er Martin\u016f zerbr\u00f6ckeln l\u00e4sst. Er kann durchaus f\u00fcr gro\u00dfe Effekte und Pr\u00e4gnanz garantieren, so dass ich mich bis heute an sein Konzert mit Rudolf Buchbinder im Concerto in F von George Gershwin von 2014 zur\u00fcckerinnere, das nicht zuletzt dank seines Enthusiasmus zu einem unvergleichlichen Erlebnis geworden ist. Dies tut den M\u00fcnchner Philharmonikern nach wie vor gut, aber dennoch w\u00e4re es generell w\u00fcnschenswert, den animierenden Vorw\u00e4rtstrieb etwas im Zaum zu halten und eben wenigstens nicht durchg\u00e4ngig ungeb\u00e4ndigt walten zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum ist am Ende des Konzertabends nicht zu Unrecht begeistert \u2013 noch immer unter der enormen Unmittelbarkeit der Sinfonietta stehend. Solch ein Werk live zu h\u00f6ren, ist etwas ganz Besonderes und wird mich noch einige Zeit begleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die M\u00fcnchner Philharmoniker spielen am 04., 05. und 06. 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