{"id":5275,"date":"2022-06-22T23:59:00","date_gmt":"2022-06-22T21:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5275"},"modified":"2022-06-23T03:51:09","modified_gmt":"2022-06-23T01:51:09","slug":"lieder-von-wetz-und-ansorge-zu-neuem-leben-erweckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/22\/lieder-von-wetz-und-ansorge-zu-neuem-leben-erweckt\/","title":{"rendered":"Lieder von Wetz und Ansorge zu neuem Leben erweckt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Hochschule f\u00fcr Musik Franz Liszt Weimar feiert 2022 ihr 150-j\u00e4hriges Bestehen und veranstaltet anl\u00e4sslich dieses Jubil\u00e4ums mehrere Konzerte. Am 21.&nbsp;Juni fand im Saal Am Palais ein Solo- und Liederabend statt, in welchem Studierende der F\u00e4cher Klavier und Gesang Proben ihres K\u00f6nnens lieferten. Zur Auff\u00fchrung gelangten Klavierwerke von Franz Liszt, Lieder von Richard Wetz und Conrad Ansorge, sowie Vokalquartette von Johannes Brahms.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den ersten Teil des Konzerts, der ganz der Klaviermusik Liszts gewidmet war, fasse ich mich kurz. Von den drei Ausf\u00fchrenden dieses Programmabschnitts hinterlie\u00df nur Can \u00c7akmur, der die Ballade h-Moll und zwei der sp\u00e4ten <em>Valses oubli\u00e9es<\/em> spielte, einen st\u00e4rkeren Eindruck. \u00c7akmur verf\u00fcgt \u00fcber eine brillante Gel\u00e4ufigkeit, die ihn auch rascheste L\u00e4ufe scheinbar m\u00fchelos meistern l\u00e4sst, und ein breites Spektrum hinsichtlich des Anschlags und der Dynamik. Seine F\u00e4higkeit zu sehr leisem, dennoch deutlichem Spiel zeigte sich namentlich am Schluss der <em>Valse oubli\u00e9e<\/em> Nr.&nbsp;4. Im Mittelteil der <em>Valse oubli\u00e9e<\/em> Nr.&nbsp;1 fielen maniriert wirkende Verz\u00f6gerungen auf. Trotz seinem offensichtlichen Talent gelang es \u00c7akmur nicht, die Ballade h-Moll als ein zusammenh\u00e4ngendes Ganzes darzustellen. Die zahlreichen Motivwiederholungen und Sequenzen h\u00e4tten einen weniger gleichf\u00f6rmigen Vortrag, st\u00e4rkere Differenzierung im Kleinen und einen l\u00e4ngeren \u201eAtem\u201c in der Phasierung vertragen. Die Abfolge der einzelnen Abschnitte wirkte wenig motiviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanter war die zweite Konzerth\u00e4lfte. Ich m\u00f6chte zun\u00e4chst auf den Schluss zu sprechen kommen. Der Abend ging mit zwei auf Schiller-Texte komponierten Vokalquartetten von Johannes Brahms zu Ende:<em> Der Abend<\/em> op.&nbsp;64\/2 und <em>N\u00e4nie <\/em>op.&nbsp;82 (letztere bekanntlich f\u00fcr Chor und Orchester komponiert). Von Megumi Hata am Klavier begleitet, sagen Evelina Liubonko (Sopran), Kate\u0159ina \u0160pa\u0148\u00e1rov\u00e1 (Alt), Taiki Miyashita (Tenor) und Christoph Kurzweil (Ba\u00df). Die Auff\u00fchrungen verdeutlichten vor allem, dass es zum Quartettgesang nicht gen\u00fcgt, einfach nur vier gute Stimmen zusammenzubringen. Evelina Liubonko kann man sich wunderbar auf einer Opernb\u00fchne vorstellen. Hier aber wirkte sie fehlbesetzt, denn sie sang nicht wie die Oberstimme eines Quartetts, sondern wie eine Solistin, indem sie sich nicht nur durch die Lautst\u00e4rke, sondern auch durch h\u00e4ufiges Vibrato von den \u00fcbrigen Stimmen abhob.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuvor standen die Sopranistin Emma Moore und die Pianistin Teodora Opri\u0219or im Mittelpunkt, die jeweils vier Lieder von Richard Wetz und Conrad Ansorge vortrugen. Teodora Opri\u0219or hat bereits im vorigen Jahr ihr Liedgestalterexamen mit Werken dieser beiden Komponisten bestritten, und man kann sie in der Entscheidung, sich f\u00fcr sie einzusetzen, nur best\u00e4rken. Dank mehreren in den letzten drei Jahrzehnten herausgekommenen CD-Ver\u00f6ffentlichungen wei\u00df man inzwischen wieder, dass Richard Wetz (1916\u20131935 Kompositionsprofessor in Weimar) ein herausragender Symphoniker und Oratorienkomponist gewesen ist. F\u00fcr sein gut 100 Titel umfassendes Liedschaffen ist dagegen noch Pionierarbeit zu leisten (wozu als Grundlage die bei Musikproduktion H\u00f6flich\/Beyond the Waves erschienene Gesamtausgabe empfohlen sei). Conrad Ansorge, einer der letzten Sch\u00fcler Liszts, ist als Komponist nie zu einem solchem Ruhm gelangt, wie er ihn als Pianist genie\u00dfen konnte. Dass allerdings seine Kompositionen nach seinem Tod weitgehend unbeachtet blieben, und auch die Tontr\u00e4gerproduktion bislang wenig Notiz von ihnen genommen hat, kann man, den Kostproben nach zu urteilen, die Moore und Opri\u0219or ihrem Publikum boten, nur als schwerwiegendes Vers\u00e4umnis bezeichnen. Ansorge und Wetz waren introvertierte K\u00fcnstler, die ihre entscheidende Pr\u00e4gung zwar im sp\u00e4ten 19.&nbsp;Jahrhundert erfuhren \u2013 das hei\u00dft: als Gesangskomponisten unter dem Einfluss der arios-deklamatorischen Singstimmenbehandlung Richard Wagners \u2013, aber in ihrer Musik eine Gegenwelt zu den blendenden Effekten und der \u00fcberbordenden Ornamentik mancher ihrer Zeitgenossen schufen. Wetz kleidet seine Ges\u00e4nge dabei bevorzugt in ein feierliches Halbdunkel, w\u00e4hrend Ansorge schimmernde Gebilde von zerbrechlicher Zartheit erschafft. Emma Moore war den St\u00fccken eine gewissenhafte und textdeutliche Interpretin, deren kraftvolle Stimme jedoch in der Akustik des relativ schmalen und hohen Saales oft etwas \u00fcberstark wirkte. In Teodora Opri\u0219or stand ihr eine Begleiterin zur Seite, die sie nie \u00fcbert\u00f6nte, aber immer pr\u00e4sent blieb. Die Pianistin hat sich die Werke so zu eigen gemacht, dass sie ihren Part bis in die letzten Winkel mit Leben erf\u00fcllen konnte. Den H\u00f6hepunkt an Subtilit\u00e4t erreichte sie in Ansorges Richard-Dehmel-Vertonung <em>Dann <\/em>op.&nbsp;10\/7, deren leise nachschlagende Synkopen sie zu unheimlicher Spannung steigerte. Wahrlich, es ist eine Freude, diese Musik in so kompetenten H\u00e4nden zu wissen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juni 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hochschule f\u00fcr Musik Franz Liszt Weimar feiert 2022 ihr 150-j\u00e4hriges Bestehen und veranstaltet anl\u00e4sslich dieses Jubil\u00e4ums mehrere Konzerte. Am 21.&nbsp;Juni fand im Saal Am Palais ein Solo- und Liederabend statt, in welchem Studierende der F\u00e4cher Klavier und Gesang Proben ihres K\u00f6nnens lieferten. 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