{"id":5286,"date":"2022-06-24T02:42:06","date_gmt":"2022-06-24T00:42:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5286"},"modified":"2022-06-30T01:08:37","modified_gmt":"2022-06-29T23:08:37","slug":"roy-travis-zum-100-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/24\/roy-travis-zum-100-geburtstag\/","title":{"rendered":"Roy Travis zum 100. Geburtstag"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die bei RCA erschienene Dimitri-Mitropoulos-Edition, die auf 69 CDs s\u00e4mtliche Aufnahmen umfasst, die der gro\u00dfe Dirigent f\u00fcr RCA und Columbia eingespielt hat, ist eine veritable Schatzkiste. Nicht zuletzt dokumentiert sie Mitropoulos&#8216; Einsatz f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische Musik der Vereinigten Staaten: Roger Sessions, Peter Mennin und Gunter Schuller sind mit Symphonien vertreten, Leon Kirchner mit seinem Klavierkonzert Nr.&nbsp;1, Morton Gould und Elie Siegmeister mit kleineren Orchesterwerken und Samuel Barber mit der Oper <\/em>Vanessa<em>. Als mich kurz nach der Ver\u00f6ffentlichung (April 2022) ein guter Freund mit dieser Wunderschachtel bekannt machte, fanden wir beide Gefallen an einem weiteren US-amerikanischen St\u00fcck, dessen Komponist uns bislang v\u00f6llig unbekannt geblieben war: dem <\/em>Symphonic Allegro<em> von Roy Travis. Eine kurze Suche im Netz ergab, dass die Edition genau rechtzeitig zum 100.&nbsp;Geburtstag des 2013 gestorbenen Komponisten erschienen ist, und dass es sich bei Travis offenbar um einen vielseitigen K\u00fcnstler handelt, der st\u00e4rkere Aufmerksamkeit verdiente als ihm in den letzten Jahren seines Lebens zuteil wurde. Widmen wir Roy Travis anl\u00e4sslich seines Jubil\u00e4ums das folgende Gedenkblatt!<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/TravisSymphony-Allegro-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/TravisSymphony-Allegro-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5288\" width=\"370\" height=\"370\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/TravisSymphony-Allegro-1.jpg 230w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/TravisSymphony-Allegro-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 370px) 100vw, 370px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Roy Elihu Travis, geboren am 24.&nbsp;Juni 1922 in New York City, geh\u00f6rt zu denjenigen Komponisten, die als Gewinner des Gershwin Memorial Contest, eines 1945 ins Leben gerufenen Wettbewerbs f\u00fcr Orchesterwerke junger Autoren, erstmals in der \u00d6ffentlichkeit von sich reden machten. Andere Beispiele sind etwa der gleichaltrige Peter Mennin, an den der Preis 1945 zum ersten Mal vergeben wurde, und der etwas j\u00fcngere Gordon Sherwood, der ihn 1957 erhielt. Anhand dieser drei Komponisten, die alle von jener Stilrichtung ausgehen, die Walter Simmons in seinem Buch <em>Music of Stone and Steel<\/em> als \u201eModern Traditionalism\u201c charakterisiert hat, zeigt sich, welch unterschiedliche Karrieren den Gershwin-Preistr\u00e4gern bevorstehen konnten: Mennin wurde erst zum f\u00fchrenden US-Symphoniker seiner Generation und schlie\u00dflich Pr\u00e4sident der Juilliard High School. Sherwood st\u00fcrzte sich in dem Moment, als ihm im Musikbetrieb Amerikas alle T\u00fcren offen gestanden h\u00e4tten, geradezu fluchtartig in eine abenteuerliche Vagabundenexistenz, konnte aber, nach jahrzehntelanger Vergessenheit, als \u00fcber 70-J\u00e4hriger seine spektakul\u00e4re Wiederentdeckung erleben. Roy Travis&#8216; Leben verlief dagegen allem Anschein nach weniger aufsehenerregend. Nachdem sein <em>Symphonic Allegro<\/em> 1951 mit dem Gershwin Memorial Award ausgezeichnet und von den New Yorker Philharmonikern unter Mitropoulos eingespielt worden war, studierte er, unterst\u00fctzt durch ein Fulbright-Stipendium, ein Jahr lang bei Darius Milhaud in Paris und wurde nach seiner R\u00fcckkehr selbst Musikp\u00e4dagoge. Er unterrichtete in New York an der Columbia University (1952\/53) und an der Mannes School of Music (1952\u20131957), bevor er 1957 an die Musikfakult\u00e4t der University of California in Los Angeles wechselte. Dort wirkte er, seit 1968 Professor, bis zu seiner Pensionierung 1991.<\/p>\n\n\n\n<p>War Travis also nur einer von vielen handwerklich beschlagenen Komponisten, die ihr Dasein als Lehrer fristeten, ohne au\u00dferhalb ihres engeren Wirkungskreises sonderlich bekannt zu werden? Offensichtlich nicht! Ein genauerer Blick auf sein Schaffen verr\u00e4t, dass es sich bei ihm keineswegs um einen Akademiker handelte, der sich mit einmal verinnerlichten Konventionen begn\u00fcgte. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rt Travis in eine Reihe mit John Foulds und Walter Kaufmann, Komponisten, die sich mit wahrer Leidenschaft in Musiktraditionen au\u00dferhalb des abendl\u00e4ndischen Kulturkreises vertieften, daraus mannigfaltige Anregungen f\u00fcr das eigene Schaffen gewannen und zu Pionieren des musikalischen Austauschs zwischen Ost und West wurden. Wie Foulds und Kaufmann besch\u00e4ftigte sich auch Travis mit den Modi und rhythmischen Modellen der indischen Musik. Eine wenigstens ebenso gro\u00dfe Bedeutung erlangte f\u00fcr ihn die traditionelle Musik des westlichen Afrika, mit der er sich auseinanderzusetzen begann, nachdem er in den 60er Jahren die Bekanntschaft des ghanaischen Meistertrommlers Robert Ayitee gemacht und an den von diesem an der University of California veranstalteten Kursen teilgenommen hatte. Travis transkribierte Tonaufzeichnungen ghanaischer und anderer westafrikanischer Lieder und T\u00e4nze und erlangte dadurch ein profundes Wissen \u00fcber die Strukturen, die dem Musizieren der betreffenden V\u00f6lker zugrunde liegen. Die erste k\u00fcnstlerische Frucht dieser Besch\u00e4ftigung war seine Zweite Klaviersonate, die <em>African Sonata<\/em>, in deren vier S\u00e4tzen er auf Tanztypen der in Ghana bzw. Mali ans\u00e4ssigen Ashanti, Ewe und Bambara zur\u00fcckgriff. Sp\u00e4ter begann der Komponist afrikanische und indische Instrumente mit abendl\u00e4ndischen zu kombinieren. So existiert aus seiner Feder ein Konzert f\u00fcr Violine, Tabla (indische Trommel) und Orchester. Sein Werk <em>Switched-On Ashanti<\/em> basiert auf Tonbandaufzeichnungen des Meistertrommlers Kwasi Badu, die Travis mit einem Synthesizer bearbeitete. Diese werden im Konzert den Kl\u00e4ngen einer Quer- bzw. Piccolofl\u00f6te gegen\u00fcbergestellt. Travis umfangreichstes Werk, in welchem abendl\u00e4ndische und afrikanische Traditionen verschmolzen werden, ist die abendf\u00fcllende Oper <em>The Black Bacchants<\/em>, nach den <em>Bakchen<\/em> des Euripides, deren Instrumentalensemble ein gro\u00dfes Symphonieorchester samt einer Vielzahl westafrikanischer Instrumente umfasst. Daneben entstanden weiterhin Kompositionen f\u00fcr konventionelle abendl\u00e4ndische Besetzungen. Roy Travis starb am 19.&nbsp;Oktober 2013 im Alter von 91 Jahren \u00fcber der Arbeit an seiner dritten Oper <em>Hamlet<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diskographie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Von den nachfolgend aufgez\u00e4hlten LP-Aufnahmen ist bislang nur Mitropoulos&#8216; Einspielung des <em>Symphonic Allegro<\/em> auf CD wiederver\u00f6ffentlicht worden.)<\/p>\n\n\n\n<ul><li><em>Symphonic Allegro <\/em>(Columbia, 1952): New York Philharmonic, Dimitri Mitrpoulos (Dirigent).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><em>Collage for Orchestra<\/em> (Cri, 1970): Royal Philharmonic Orchestra, Arthur Bennett Lipkin (Dirigent).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li>Zwei Szenen aus der Oper <em>The Passion of Oedipus<\/em> (Orion, 1973): William Du Pr\u00e9 (Oedipus), Maureen Lehane (Jocasta), Joy Mammen (Oracle), John Robert Dunlap (Laios), Robert Lloyd (Corinthian Envoy), Richard Hale (Old Shepherd), The Royal Philharmonic Orchestra and Chorus, Jan Popper (Dirigent).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><em>Duo Concertante<\/em>, <em>African Sonata<\/em>, <em>Switched-On Ashanti<\/em> (Orion, 1973): Isidor Lateiner (Violine), Edith Grosz (Klavier), Richard Grayson (Klavier), Kwasi Badu (ghanaische Trommeln), Gretel Shanley (Fl\u00f6te).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><em>Symphonic Allegro<\/em>, <em>Songs and Epilogues<\/em>, <em>Piano Concerto<\/em> (Orion, 1975): Harold Enns (Bass), Royal Philharmonic Orchestra; Irma Vallecillo (Klavier), Utah Symphony Orchestra; Jan Popper (Dirigent).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juni 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die bei RCA erschienene Dimitri-Mitropoulos-Edition, die auf 69 CDs s\u00e4mtliche Aufnahmen umfasst, die der gro\u00dfe Dirigent f\u00fcr RCA und Columbia eingespielt hat, ist eine veritable Schatzkiste. 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