{"id":5290,"date":"2022-06-26T04:06:31","date_gmt":"2022-06-26T02:06:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5290"},"modified":"2022-06-26T19:09:08","modified_gmt":"2022-06-26T17:09:08","slug":"draeseke-konzerte-in-bad-rodach-und-dresden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/26\/draeseke-konzerte-in-bad-rodach-und-dresden\/","title":{"rendered":"Draeseke-Konzerte in Bad\u00a0Rodach und Dresden"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Bad Rodach und Dresden sind mit dem Leben und Wirken Felix Draesekes eng verbunden. Der 1835 in Coburg geborene Komponist verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Rodach und starb 1913 in Dresden, wo er seit 1876 lebte. In der zweiten Junih\u00e4lfte 2022 fanden in beiden St\u00e4dten Konzerte statt, die dem Schaffen Draesekes gewidmet waren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 18.\u00a0Juni veranstaltete die Internationale Draeseke-Gesellschaft, die zwei Tage zuvor ihre vor kurzem erschienene Edition des <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/23\/felix-draesekes-briefwechsel-veroeffentlicht\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/23\/felix-draesekes-briefwechsel-veroeffentlicht\/\">Draeseke-Briefwechsels<\/a> der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt hatte, im Saal des Bad Rodacher Jagdschl\u00f6sschens einen Kammermusik- und Klavierabend. Es erklangen zwei Sonaten des Komponisten. Zuerst spielten Barbara Thiem (Violoncello) und Wolfgang M\u00fcller-Steinbach (Klavier) die 1890 entstandene Violoncellosonate D-Dur op.\u00a051, ein abgekl\u00e4rtes Werk, in welchem ein mit einer weitgespannten Melodie anhebender Kopfsatz und ein sehr beschwingtes Finale einen schattenhaften langsamen Satz umschlie\u00dfen. Barbara Thiem, die an der Colorado State University unterrichtet, hat sich wie nur wenige Kammermusiker in den Vereinigten Staaten f\u00fcr den Komponisten eingesetzt. Wolfgang M\u00fcller-Steinbach, selbst Komponist, transkribierte zahlreiche Werke Draesekes f\u00fcr andere Besetzungen. Beide sind auf mehreren CDs der von Alan Krueck, dem Pionier der modernen Draeseke-Forschung, ins Leben gerufenen Tontr\u00e4gerproduktion <em>AK Coburg<\/em> zu h\u00f6ren, und haben dort auch gemeinsam die Violoncellosonate eingespielt. Lag somit die erste H\u00e4lfte des Konzerts in den H\u00e4nden von Veteranen, so geh\u00f6rte die zweite einem jungen K\u00fcnstler: Aris Alexander Blettenberg, gleicherma\u00dfen als Dirigent, Pianist und Komponist aktiv ist, brachte Draesekes Klaviersonate op.\u00a06 zur Auff\u00fchrung, ein relativ fr\u00fches, in den 1860er Jahren entstandenes und f\u00fcr diese Zeit sehr k\u00fchnes Werk, dessen ungew\u00f6hnliche Satzfolge (Introduzione e Marcia funebre, Intermezzo, Finale) die Bezeichnung <em>Sonata quasi fantasia<\/em> ebenso rechtfertigt wie der tonal nicht geschlossene Tonartenplan (Kopfsatz in cis-Moll, Finale in E-Dur). Blettenberg setzte den Trauermarsch so um, dass die quasi-orchestrale Schreibweise des Hauptteils gut zur Wirkung kam. An mehreren Stellen meinte man tats\u00e4chlich ein Alternieren von Blechbl\u00e4sern und Streichern zu h\u00f6ren. Dass dem Pianisten eine enorme physische Kraft zur Verf\u00fcgung steht, machten bereits die ersten Takte des Werkes deutlich. Das Intermezzo, ausdr\u00fccklich <em>Valse-Scherzo<\/em> genannt, fasste er jedoch zu sportlich und zu wenig t\u00e4nzerisch auf. Hier fehlte es entschieden an Leichtigkeit. Ich widerspreche entschieden Walter Georgiis Behauptung (<em>Klaviermusik<\/em>, 1950), dass das Finale formal und inhaltlich schw\u00e4cher sei als die vorangegangenen S\u00e4tze. Die musikalische Handlungsf\u00fchrung, den meisterhaften Aufbau des letzten Satzes zu verdeutlichen, ist allerdings schwieriger. Wer hier nur auf die kleingliedrige Motivik achtet und die weitgespannte Periodenstruktur au\u00dfer Acht l\u00e4sst, ist verloren, und wird den Satz nur als ein viel zu langes Virtuosenst\u00fcck erscheinen lassen k\u00f6nnen. Blettenberg gelang dieses Finale besser als den meisten Pianisten, die ich mit dem St\u00fcck geh\u00f6rt habe. Leider geriet er im Verlauf desselben immer mehr in einen Geschwindigkeitsrausch, sodass im letzten Teil keine M\u00f6glichkeit der Steigerung mehr gegeben war und der Schluss rein mechanisch klang. Als Zugabe w\u00e4hlte der Pianist zwei kurze St\u00fccke eigener Komposition, beide inspiriert von der Heimat seiner griechischen Vorfahren: einen Sirtaki und einen langsamen Tanz. Hatte man in der Draeseke-Sonate zum Ende hin nur noch Tastenarbeit geh\u00f6rt, so zeigte sich Blettenberg namentlich in seinem langsamen Tanz als poetischer, zart empfindender Musiker, und man w\u00fcnschte sich, er h\u00e4tte mehr von dieser Seite seines K\u00f6nnens in die Sonate hin\u00fcbergerettet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzert, das die Singakademie Dresden am 24.&nbsp;Juni gab, geh\u00f6rte zu einer Reihe, die sich Komponisten widmet, nach welchen in Dresden Stra\u00dfen benannt sind. Die Draesekestra\u00dfe befindet sich im Stadtteil Blasewitz, etwa auf halbem Wege zwischen dem Blauen Wunder und dem Tolkewitzer Friedhof, wo Felix Draeseke 1913 zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Unter dem Dirigat ihres k\u00fcnstlerischen Leiters Michael K\u00e4ppler, musizierten ab 19 Uhr etwa 30 S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger eine halbe Stunde lang unter freiem Himmel auf dem an der Ecke Draesekestra\u00dfe\/Berggartenstra\u00dfe gelegenen Spielplatz. Dort hatte sich ein Publikum von an die 100 Personen eingefunden, und auch an den Fenstern umliegender H\u00e4user waren vereinzelt Zuh\u00f6rer zu sehen. Der Chor sang zu Beginn Draesekes sechsstimmiges Graduale <em>Beati quorum via<\/em> op.&nbsp;57\/2. Im Anschluss machte Michael K\u00e4ppler das Publikum auch auf die Instrumentalmusik des Komponisten aufmerksam und spielte auf einem tragbaren Klavier <em>R\u00eave de Bonheur<\/em> und <em>Incertitude<\/em>, das Anfangs- und das Schlussst\u00fcck aus dem Zyklus <em>Petite histoire<\/em> op.&nbsp;9. Zwischen den einzelnen Programmnummern gab K\u00e4ppler kurze Einf\u00fchrungen zu Draesekes Lebenslauf und seiner Stellung in der Musikgeschichte, was bei den Anwesenden durchaus auf Zustimmung stie\u00df: \u201eDas ist wie eine Lehrveranstaltung, die zu uns kommt. Das finde ich total genial\u201c, h\u00f6rte ich eine Zuh\u00f6rerin neben mir sagen. Draesekes Beziehung zu Wagner gedenkend und dem Umstand Rechnung tragend, dass es sich um den Johannistag handelte, h\u00f6rte man an diesem Abend au\u00dferdem den Eingangschor aus den<em> Meistersingern von N\u00fcrnberg<\/em>. Einen interessanten Kontrast zu Draesekes Graduale bot das <em>Jubilate Deo<\/em> seines Zeitgenossen Edmund Kretschmer, der in Dresden als Hofkirchenkomponist t\u00e4tig war und stilistisch offensichtlich mehr von Mendelssohn als von Wagner gepr\u00e4gt wurde. Mit einer Wiederholung des <em>Beati quorum via<\/em> verabschiedeten sich K\u00e4ppler und sein Chor von einem offensichtlich dankbaren Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 20. November 2022 wird die Singakademie in der Dresdner Lukaskirche gemeinsam mit der Elbland Philharmonie Sachsen Felix Draesekes <em>Osterszene nach Goethes Faust<\/em> zur Auff\u00fchrung bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juni 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bad Rodach und Dresden sind mit dem Leben und Wirken Felix Draesekes eng verbunden. Der 1835 in Coburg geborene Komponist verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Rodach und starb 1913 in Dresden, wo er seit 1876 lebte. 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