{"id":5297,"date":"2022-06-28T00:37:00","date_gmt":"2022-06-27T22:37:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5297"},"modified":"2022-07-01T11:36:22","modified_gmt":"2022-07-01T09:36:22","slug":"mustergueltiges-martin-requiem-mit-leif-segerstam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/06\/28\/mustergueltiges-martin-requiem-mit-leif-segerstam\/","title":{"rendered":"Musterg\u00fcltiges Martin-Requiem mit Leif Segerstam"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio C5454; EAN: 8 45221 05454 4<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Martin-Requiem-Segerstam-Capriccio.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Martin-Requiem-Segerstam-Capriccio-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5298\" width=\"448\" height=\"448\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Martin-Requiem-Segerstam-Capriccio-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Martin-Requiem-Segerstam-Capriccio-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Martin-Requiem-Segerstam-Capriccio-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Martin-Requiem-Segerstam-Capriccio-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Martin-Requiem-Segerstam-Capriccio.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Vom immer noch stark untersch\u00e4tzten <\/em>Requiem<em> des schweizerischen Komponisten Frank Martin gab es bislang lediglich zwei Aufnahmen aus Kirchen. Nun brachte Capriccio die immerhin schon 43 Jahre alte, musikalisch ganz vorz\u00fcgliche Produktion des ORF mit Leif Segerstam aus dem Wiener Musikverein auf den Markt, gekoppelt mit Jan\u00e1\u010deks ebenfalls selten zu h\u00f6rendem \u201eVaterunser\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Frank Martin<\/em> (1890\u20131974), der gerne auch seine eigenen Werke dirigierte, geh\u00f6rte bis zu seinem Tode durchaus zu den meistgespielten zeitgen\u00f6ssischen Komponisten in Europa. Leider teilt er mit etlichen anderen Kollegen das etwas unverst\u00e4ndliche Schicksal, danach relativ schnell aus dem Fokus des \u00f6ffentlichen Interesses geraten zu sein \u2013 trotz des ungemein hohen Niveaus seines Schaffens. Als einer der wenigen Komponisten vermochte er, noch aus der Tradition der Sp\u00e4tromantik und des Impressionismus kommend, ein relativ stabiles harmonisches Fundament mit teils zw\u00f6lft\u00f6nigen Techniken in Einklang zu bringen. Die expressive Kraft von Martins Musik kommt vor allem in seinen Vokalwerken zum Tragen. Das 1971\/72 entstandene Requiem hat der Komponist 1973 noch selbst in Lausanne zur Urauff\u00fchrung gebracht (der Mitschnitt ist auf Jecklin nach wie vor erh\u00e4ltlich). Martin schreibt zu seinem Alterswerk: \u201eWas ich hier versucht habe auszudr\u00fccken, ist der klare Wille, den Tod anzunehmen, den Frieden mit ihm zu machen.\u201c Mit relativ sparsamen Mitteln \u2013 etwa nur 2-faches Holz \u2013 wird dennoch ein eindrucksvolles Bekenntnis von enormer Energie abgelegt, das sich m\u00fchelos mit den bedeutendsten, dabei doppelt so langen Requiem-Vertonungen messen lassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Strecken dominiert \u2013 sowohl bei den Solisten wie im Chor \u2013 eine monodische Behandlung des Gesanges mit deutlichster Textverst\u00e4ndlichkeit und empathischer Ausdeutung: Man h\u00f6re nur den Beginn des <em>Dies irae<\/em>, wo nach dem bedrohlichen Einschleichen eines unheimlichen Schauders, der offensichtlich nicht von dieser Welt stammen soll (Schlagwerk plus Glissandi in Posaunen und Streichern), der Chor zun\u00e4chst nur sprechend den \u201eTag des Zorns\u201c artikuliert; erst ab dem <em>Tuba mirum <\/em>bricht der Schrecken so richtig los. Dass Martin ebenfalls kontrapunktische Komplexit\u00e4t virtuos beherrscht, zeigt er uns im <em>Kyrie<\/em>. Ungew\u00f6hnlich, wie das abschlie\u00dfende <em>Lux aeterna<\/em> durchgehend im Fortissimo gehalten wird: alles in allem ein h\u00f6chst pers\u00f6nliches Meisterwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Die CD ist sicher als Hommage an den ehemaligen Chefdirigenten (1975\u20131982) des ORF Radio-Symphonieorchesters, <em>Leif Segerstam<\/em>, gedacht \u2013 dessen immer berstend zupackendes Musizieren sich auch hier wieder direkt auf die Zuh\u00f6rer \u00fcbertr\u00e4gt. Seine Solisten sind ausgezeichnet, neben der belgischen Altistin Ria Bollen, die schon bei der Urauff\u00fchrung dabei war, vor allem ein stimmlich \u00fcberzeugender Claes H. Ahnsj\u00f6 und ein kraftvoller Robert Holl. Lediglich Jane Marsh neigt in der H\u00f6he ein wenig zur Sch\u00e4rfe. Der Wiener Jeunesse Chor ist hochpr\u00e4zise, aber letztlich zur\u00fcckhaltender als die Kr\u00e4fte aus Lausanne, die sich teils die Seele aus dem Leib zu singen scheinen. Die sorgf\u00e4ltig ausgearbeiteten Details erscheinen bei Segerstam und seinem Orchester musterg\u00fcltig, was nat\u00fcrlich so nur im Konzertsaal gelingen mag. Deswegen ist f\u00fcr das St\u00fcck die neue CD ab jetzt musikalisch erste Wahl. Interessant, dass sich die Dirigenten aller drei nun verf\u00fcgbaren Einspielungen bei der Tempowahl sehr einig sind und sich ziemlich exakt an die Vorgaben der Partitur halten. Aufnahmetechnisch \u00fcbertrifft der Wiener Mitschnitt zwar nicht die f\u00fcr eine Kirche erstklassige Leistung von Jecklin aus der Kathedrale in Lausanne, ist jedoch um Klassen besser als einige leider \u2013 nur technisch! \u2013 recht misslungene Dokumente mit Segerstam von den Salzburger Festspielen. Klanglich bleibt f\u00fcr das Martin-Requiem allerdings die digitale Aufnahme aus der Kirche St.\u00a0Georg, Stein am Rhein, unter Klaus Knall der Geheimtipp.<\/p>\n\n\n\n<p>Leo\u0161 Jan\u00e1\u010deks <em>Vaterunser <\/em>(Ot\u010den\u00e1\u0161) f\u00fcr Tenor, Chor, Orgel und Harfe von 1901\/06 vertont nicht etwa das komplette Gebet, sondern bezieht sich auf f\u00fcnf Gem\u00e4lde des Polen J\u00f3zef M\u0119cina-Krzesz, die f\u00fcr eine Benefiz-Veranstaltung als \u201elebende Bilder\u201c umgesetzt wurden. F\u00fcr Stammg\u00e4ste der Wiener Staatsoper vielleicht nichts Neues \u2013 jedoch kennt man den Tenor <em>Heinz Zednik<\/em> auf Operngesamtaufnahmen fast ausschlie\u00dflich im Charakterfach. Wie herrlich lyrisch er seine Stimme auch einsetzen konnte, beweist er hier (1987) geradezu exemplarisch. Allein deshalb sollte man diese gelungene Darbietung nicht missen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen (Martin): <\/strong>Capella Cantorum Konstanz, Collegium Vocale Z\u00fcrich, Musicuria, Bl\u00e4serensemble der Basel Sinfonietta \u2013 Klaus Knall (MGB CD 6183, 1999); Union Chorale et ch\u0153ur de dames de Lausanne, Groupe vocal \u00abArs Laeta\u00bb, Orchestre da la Suisse Romande \u2013 Frank Martin (Jecklin-Disco JD 631-2, 1973)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio C5454; EAN: 8 45221 05454 4 Vom immer noch stark untersch\u00e4tzten Requiem des schweizerischen Komponisten Frank Martin gab es bislang lediglich zwei Aufnahmen aus Kirchen. 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