{"id":530,"date":"2016-02-09T15:35:04","date_gmt":"2016-02-09T14:35:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=530"},"modified":"2016-02-09T15:35:53","modified_gmt":"2016-02-09T14:35:53","slug":"konzert-im-zeichen-tschechiens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/02\/09\/konzert-im-zeichen-tschechiens\/","title":{"rendered":"Konzert im Zeichen Tschechiens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Zum zweiten Mal hintereinander spielten die M\u00fcnchner Philharmoniker unter ihrem slowakischen Gastdirigenten <\/em><em>Juraj Val\u010duha am Freitag, den 05. Februar 2016, ein Programm mit b\u00f6hmischer Musik: die Tondichtung \u201eVodnik\u201c (\u201eDer Wassermann\u201c) Op. 107 von <\/em><em>Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k (1841 \u2013 1904), das Doppelkonzert f\u00fcr zwei Streichorchester, Klavier und Pauken H 271 von Bohuslav Martin\u016f (1890 \u2013 1959) und die \u201eSinfonietta\u201c von <\/em><em>Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek (1854 \u2013 1928).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie man dem in jeden Programmpunkt sehr sorgsam einf\u00fchrenden Programmheft entnehmen konnte, war es stets ein Anliegen der M\u00fcnchner Philharmoniker und ihres Vorg\u00e4ngerorchesters seit 1893, sich als Botschafter tschechischer (bzw. tschechoslowakischer) und polnischer Musik zu erweisen. Dank Juraj Val\u010duha, der seit der Saison 2005\/06 die Philharmoniker immer wieder dirigiert, kamen w\u00e4hrend der drei Tage vom 4. bis zum 6. Februar jeden Abend in der Philharmonie des Gasteigs wieder einmal tschechische Werke zum Erklingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Klug konzipiert war das Programm, das neben zwei der meistgespielten b\u00f6hmischen Komponisten \u2013 Dvo\u0159\u00e1k und Jan\u00e1\u010dek \u2013 mit Martin\u016f einen zwar auch als modernen Klassiker anerkannten, aber in M\u00fcnchen eher weniger zu h\u00f6renden Landsmann pr\u00e4sentierte. Es hatte allerdings am Abend des 5. Februar den Anschein, als ob die Darbietung der zwei erstgenannten Komponisten auch ein gewisses Verbleiben in Routine mit sich brachte, was vor allem die Sinfonietta von 1926, eines der fesselndsten Werke Jan\u00e1\u010deks, betraf. Immerhin geh\u00f6rte der er\u00f6ffnende Satz \u201eFanfaren\u201c sowie der Schluss von \u201eDas Rathaus\u201c mit den darin enthaltenen zw\u00f6lf Trompeten zu den aufregendsten Momenten dieses Abends. Hinsichtlich des zweiten Satzes, der \u201eBurg\u201c, sind vor allem die Streicher und die Holzbl\u00e4ser positiv zu erw\u00e4hnen, sowie Val\u010duha, der kein allzu rasches Tempo nehmen lie\u00df. Allerdings h\u00e4tten einige Gruppen kultivierter agieren k\u00f6nnen, so zum Beispiel die Posaunen, deren gestopfte, f\u00fcr diesen Satz charakteristische Achtel mehr Akzentuierung vertr\u00fcgen. In seinem Textbeitrag zur Sinfonietta schreibt Tobias Niederschlag, es zeichne das Werk aus, auf sp\u00e4tromantische Mischkl\u00e4nge zu verzichten und eher auf klar abgetrennte Instrumentengruppen zu setzen. Derart orientierten sich denn auch die Philharmoniker und Val\u010duha, ohne jedoch zu kantig zu klingen, die Wechsel zwischen den Gruppen kamen stets sehr flie\u00dfend. Was das \u201eK\u00f6nigin-Kloster\u201c angeht, so waren die Themen und deren Wechsel durch die Instrumente zwar sehr plastisch vorgetragen, wobei eine etwas innigere Atmosph\u00e4re, die gerade dieses lyrische Herzst\u00fcck der Sinfonietta ausmacht, nicht geschadet h\u00e4tte. Das gilt auch f\u00fcr den vierten Satz, die \u201eStra\u00dfe\u201c. Dieses Scherzo wurde, wie die \u00fcbrige Sinfonietta auch, mit Ernst und Sicherheit in der Phrasenbildung und Formkontur vorgetragen, allerdings fehlte etwas vom suggestiven Bild der \u201eStra\u00dfe und was in ihr wimmelte\u201c (wie Niederschlag den Komponisten zitiert). Und das ist nicht unerheblich, wenn man bedenkt, dass dieses letzte Werk f\u00fcr Jan\u00e1\u010dek ein sehr pers\u00f6nliches war. Spannend wurde es dann, wie schon angemerkt, im Schlusssatz, der sich immer weiter steigert und wo die Philharmoniker bereits vor der Kulmination in die Fanfaren zu ihren besten Momenten an dem Abend fanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So erhielt die Sinfonietta insgesamt eine beachtenswerte Wiedergabe, die ihre Schw\u00e4chen in der mangelnden musikalischen Tiefe und ihre St\u00e4rke in der formal klaren Gestaltung sowie in der Kompaktheit der Instrumentengruppen hatte. Anders verhielt es sich bei Dvo\u0159\u00e1ks 1896 komponiertem <em>Vodnik<\/em>. Diese f\u00fcr eine symphonische Dichtung schon recht lange Komposition wurde von Marcus Imbsweiler eingehend er\u00f6rtert, vor allem bez\u00fcglich der einzelnen musikalischen Motive, deren Zuordnung zu den Figuren in der Schauergeschichte Karel Jarom\u00edr Erbens und deren seelischer Darstellung in der Musik. Die entsprechenden Figuren kamen auch deutlich zum Vorschein, vor allem das Motiv des Wassermanns war von gewichtiger Bedeutung, wogegen die Thematik der Mutter in den hohen Streichern eher farblos klang. Was in der ersten H\u00e4lfte des Werkes etwas auf der Strecke blieb, war der formale Zusammenhalt zwischen den einzelnen Episoden dieser Symphonischen Dichtung, die an sich einer Rondoform orientiert. Einige Instrumentengruppen hatten auch ihre Schwierigkeiten mit der Klangbalance. In diesem Fall waren es \u2013 und das ist kein billiges Stereotyp dieser h\u00e4ufig untersch\u00e4tzten Gruppe \u2013 die Bratschen, die, nimmt man den eigenen Anspruch des Orchesters an sein Niveau ernst, einen runderen Gesamtklang h\u00e4tten bringen k\u00f6nnen (die Akustik des Gasteig trug keine Schuld daran). Von \u00fcberzeugender Dramatik waren die wohldosierten Tutti-Ausbr\u00fcche, wobei gerade die an diesem Abend seltenen Eins\u00e4tze des Schlagwerks hervorstachen. Ab der zweiten H\u00e4lfte wurde die Klimax sp\u00fcrbar, welche die Verdichtung der Themen und die allgemeine Steigerung mit sich brachte (woran auch der seltene Einsatz einer zweiten Basstuba Anteil hat). Auch gelang es Val\u010duha von hier ab besser, die Gestaltung einzelner Abschnitte sorgf\u00e4ltiger darzustellen. Sei es der leise, aber hier bedeutsame Schlag des Tamtams, der wohl den Mord am Kind symbolisiert, oder der resignierte Schluss der Dichtung, den wenige tiefe Instrumente inklusive Posaunen pointiert, aber nicht zu lange wiedergaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Oftmals neigen selbst gro\u00dfe Symphonieorchester dazu, weniger bekannte Werke unterprobt und unausgereift zur Auff\u00fchrung zu bringen. Gl\u00fccklicherweise kam ein solcher Eindruck beim Mittelwerk, dem 1938 komponierten Doppelkonzert f\u00fcr zwei Streichorchester, Klavier und Pauken H 271 von Bohuslav Martin\u016f, nicht auf<em>. <\/em>Martin\u016f, der am 8. Dezember 1890 in Poli\u010dka in B\u00f6hmen geboren wurde, hatte das Schicksal eines Nomaden: Er musste, bedingt durch die beiden Weltkriege, von seiner Heimat nach Paris, in die USA und von dort, obwohl keineswegs kommunistisch, aufgrund der Repressionen der Mc-Carthy-\u00c4ra nach Basel \u00fcbersiedeln, wo er am 28. August 1959 starb. Als dementsprechend kosmopolitisch, frei und humanistisch ist sein Schaffen zu verstehen, so beschreibt es Wolfgang St\u00e4hr im Programmheft. Mit dem rein \u00e4u\u00dferlich klassizistischen Doppelkonzert ist zumindest ein Glanzst\u00fcck entstanden, das an diesem Abend bei den M\u00fcnchner Philharmonikern eine Sternstunde erlebte (was auch die notwendige, aber lange Umbauzeit nach dem <em>Vodnik<\/em> kompensierte). Obgleich der erste Satz <em>Poco allegro <\/em>mit seinen tendenziell freitonalen Themen noch recht sperrig klang, konnte man schon das Potential ahnen, das in diesem Werk steckt, das die Streicher mit dem Pauker und dem Pianisten \u00fcberzeugend vortrugen. Emotional packend gelang der zweite Satz Poco allegro, welchen der Komponist \u201eDen M\u00e4rtyrern von Lidice\u201c widmete, wo es zu einem Massaker durch die NS-Wehrmacht gekommen war. Hierbei erh\u00e4lt der Pianist zwar Gelegenheit, als dritte Instanz zwischen den beiden Streichorchestern hervorzutreten. Doch verhielt er sich ganz und gar unpianistisch im eigentlichen Sinne, was man als kluge Zur\u00fcckhaltung zugunsten der Musik verstehen kann. Der H\u00f6hepunkt kam dann mit dem Finale, <em>Allegro<\/em>. Hier zieht Martin\u016f alle satztechnischen und kontrapunktischen Register seines K\u00f6nnens und formt einen komplexen Satz mit hohen Anspr\u00fcchen, der formal sehr geschlossen wirkt, und den die Philharmoniker unter dem einf\u00fchlsamen Dirigat Val\u010duhas voller Hingabe musizierten. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann vielleicht, dass die Musiker gelegentlich das konzertante Konzept klarer betonen h\u00e4tten k\u00f6nnen, indem sie die Trennung zwischen den beiden Streichorchestern mehr akzentuierten. Dies fiel jedoch nicht sehr ins Gewicht bei dem Niveau, das die Streicher (inklusive Bratschen) in diesem Binnenst\u00fcck des Abends erreichten, was uns, was sicher ausbauf\u00e4hig ist, auf weitere Auff\u00fchrungen im Sinne musikalischer V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung nicht nur zwischen Tschechien und Deutschland hoffen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Februar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum zweiten Mal hintereinander spielten die M\u00fcnchner Philharmoniker unter ihrem slowakischen Gastdirigenten Juraj Val\u010duha am Freitag, den 05. 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