{"id":5307,"date":"2022-07-05T16:28:18","date_gmt":"2022-07-05T14:28:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5307"},"modified":"2022-07-06T14:11:12","modified_gmt":"2022-07-06T12:11:12","slug":"asiatische-opulenz-und-christliche-zerbrechlichkeit-isang-yun-unsuk-chin-mark-andre","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/07\/05\/asiatische-opulenz-und-christliche-zerbrechlichkeit-isang-yun-unsuk-chin-mark-andre\/","title":{"rendered":"Asiatische Opulenz und christliche Zerbrechlichkeit"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/2022_07_01_4_WuWei_UnsukChin_ShiyeonSung-scaled-e1657109313263.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/2022_07_01_4_WuWei_UnsukChin_ShiyeonSung-scaled-e1657109313263-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5311\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/2022_07_01_4_WuWei_UnsukChin_ShiyeonSung-scaled-e1657109313263-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/2022_07_01_4_WuWei_UnsukChin_ShiyeonSung-scaled-e1657109313263-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/2022_07_01_4_WuWei_UnsukChin_ShiyeonSung-scaled-e1657109313263-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/2022_07_01_4_WuWei_UnsukChin_ShiyeonSung-scaled-e1657109313263.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Wu Wei, Unsuk Chin &amp; Shiyeon Sung, \u00a9 Astrid Ackermann f\u00fcr musica viva\/BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Als letztes Konzert in der Saison 2021\/22 der musica viva erklangen am 1. Juli 2022 im M\u00fcnchner Herkulessaal Isang Yuns <\/em>R\u00e9ak, <em>das Sheng-Konzert <\/em>\u0160u <em>der koreanischen Komponistin Unsuk Chin (Solist: Wu Wei) sowie Mark Andres Klarinettenkonzert <\/em>\u201e\u2026 \u00fcber \u2026\u201c <em>mit J\u00f6rg Widmann, in dem auch das Experimentalstudio des SWR mit komplexer Live-Elektronik zum Einsatz kam. Das <\/em><em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte unter Leitung der ebenfalls aus Korea stammenden Dirigentin Shiyeon Sung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mal ohne eine Urauff\u00fchrung beendet dieses Konzert die laufende Saison der musica viva. Der Koreaner <em>Isang Yun<\/em> (1917\u20131995) lebte, nachdem er bereits Ende der 1950er Jahre an den Darmst\u00e4dter Ferienkursen teilgenommen hatte, ab 1964 in Berlin. <em>R\u00e9ak <\/em>\u2013 1966 bei den Donaueschinger Musiktagen unter Ernest Bour aus der Taufe gehoben \u2013 brachte dem Komponisten den internationalen Durchbruch. Das 13-min\u00fctige, gro\u00dfbesetzte Orchesterwerk scheint sich bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung recht nahtlos in die damalige westliche Avantgardemusik einzuf\u00fcgen. Unter der Oberfl\u00e4che werkeln jedoch vor allem asiatische Form- und Klangprinzipien, die eng an altkoreanische Zeremonialmusik (so eine \u00dcbersetzung des Titels) ankn\u00fcpfen. Harmonisch basieren die Klangschichtungen auf Akkorden, wie sie von der koreanischen Mundorgel <em>Saenghwang <\/em>\u2013 eine Variante der chinesischen <em>Sheng <\/em>\u2013 hervorgebracht werden k\u00f6nnen. Verschiedene musikalische Materialien, die man bestimmten Instrumentengruppen, auch explizit deren spezifischer Materialit\u00e4t zuordnen k\u00f6nnte, verdichten sich zu einem ziemlich affirmativen Schluss. Das-BR-Symphonieorchester durchdringt die anspruchsvolle Partitur unter der ebenso souver\u00e4nen Dirigentin <em>Shiyeon Sung<\/em> mit Hingabe. Die klangliche Sensibilit\u00e4t kann aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass Yuns streckenweise durchaus gewaltt\u00e4tige Musik f\u00fcr an Werken der 1960er geschulte Ohren dann doch wenig spektakul\u00e4r wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders <em>Unsuk Chins<\/em> (*1961) Konzert <em>\u0160u <\/em>(2009\/10): Schon die Exotik der chinesischen Mundorgel <em>Sheng <\/em>macht nat\u00fcrlich sofort neugierig. Der hinrei\u00dfend mitgehende Virtuose <em>Wu Wei <\/em>spielt allerdings eine so erst ab den 1980ern gebaute, gegen\u00fcber dem seit Jahrtausenden tradierten Instrument in seinen technischen und musikalischen M\u00f6glichkeiten stark erweiterte Sheng mit 37 Bambuspfeifen. Von archaisierenden Kl\u00e4ngen \u2013 einstimmige Melodik gibt es zwar kaum \u2013 bis zu frenetisch-bissigen Grooves oder eigenwilligen Clustern, die sich teils wie Elektronik anh\u00f6ren, sowie Quasi-Glissandi kommt hier eine Bandbreite zum Vorschein, die sogleich ungl\u00e4ubiges Erstaunen hervorruft. Formal zwingend und mit exzellenter Orchestrierung gelingt Chin ein modernes Solokonzert der Superlative \u2013 das bislang einzig Wu Wei bew\u00e4ltigen kann. Der verf\u00fcgt \u00fcber einen unglaublichen Atem, um das relativ kleine Instrument lauter als ein modernes Akkordeon erklingen lassen zu k\u00f6nnen. Das Publikum ist entsprechend begeistert: tosender Applaus.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mark Andre<\/em> (*1964) f\u00fchlt sich in seiner Musik, die stets T\u00fcren zu metaphysischen Sph\u00e4ren \u00f6ffnet, christlicher Mystik verbunden. Sein Klarinettenkonzert mit Live-Elektronik <em>\u201e\u2026\u00fcber\u2026\u201c <\/em>von 2015 bezieht seinen Titel aus dem Schlusssegen der evangelischen Liturgie, in dem das Wort <em>\u00fcber <\/em>bekanntlich zweimal vorkommt. Wie immer interessieren den Komponisten fragilste, instabile Kl\u00e4nge und deren Verschwinden, symbolisch f\u00fcr den Verschwundenen \u2013 den auferstandenen Jesus Christus \u2013 und seine transzendente Pr\u00e4senz als Heiliger Geist stehend. Es gibt hier aber noch andere, ganz weltlich \u201eVerschwundene\u201c: die Musiker des 2016 aufgel\u00f6sten Freiburger Orchesters des SWR, deren gefl\u00fcsterte Vornamen elektronisch auf reale Resonanzk\u00f6rper einiger Orchesterinstrumente \u00fcbertragen werden. Was Andre an kaum f\u00fcr realisierbar gehaltenen Kl\u00e4ngen \u2013 <em>J\u00f6rg Widmann<\/em> hat hierf\u00fcr ausgiebig mit dem Komponisten experimentiert \u2013 vom Solisten fordert, ist erschreckend neu (etwa diverse Multiphonics) und eine stetige Gratwanderung an der H\u00f6rbarkeitsgrenze. Die Pr\u00e4zision, mit der das BR-Symphonieorchester dabei Frau Sungs klarer Schlagtechnik folgt und sich in die vom Experimentalstudio des SWR genauestens austarierte Live-Elektronik \u2013 bravo an alle Beteiligten! \u2013 einbetten l\u00e4sst, bleibt \u00fcber fast 40 Minuten jederzeit faszinierend. Und selbst w\u00e4hrend des absehbaren Endes, wo Widmann minutenlang alleine und beinahe unh\u00f6rbar bleibt, k\u00f6nnte man eine Stecknadel fallen h\u00f6ren. So wird Neue Musik quasi zur Andacht, der das Publikum bereitwillig und hochkonzentriert folgt. Die demonstrative Ent\u00e4u\u00dferung von Mark Andres Klangkunst bleibt \u00fcber jeden Zweifel erhaben. Der Beifall entbrandet z\u00f6gerlich, zeugt dann jedoch von absoluter Zustimmung f\u00fcr ein bewegendes Konzert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 4. Juli 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als letztes Konzert in der Saison 2021\/22 der musica viva erklangen am 1. 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