{"id":5315,"date":"2022-07-15T01:21:00","date_gmt":"2022-07-14T23:21:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5315"},"modified":"2022-07-16T01:27:49","modified_gmt":"2022-07-15T23:27:49","slug":"sehnsucht-beseeltheit-und-routine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/07\/15\/sehnsucht-beseeltheit-und-routine\/","title":{"rendered":"Sehnsucht, Beseeltheit und Routine"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 10. und 11.&nbsp;Juli 2022 spielte die Staatskapelle Weimar in der Weimarhalle unter der Leitung von Giedr\u0117 \u0160lekyt\u0117 ihr zehntes Symphoniekonzert der Spielzeit 2021\/22. Es erklangen Jean Sibelius&#8216; Violinkonzert und Sergej Rachmaninows Symphonie Nr.&nbsp;1 sowie, als deutsche Erstauff\u00fchrung,<\/em> Saudade<em> von \u017dibuokl\u0117 Martinaityt\u0117. Als Violinsolistin war Rebekka Hartmann zu h\u00f6ren. Die folgende Besprechung bezieht sich auf das Konzert vom 11.&nbsp;Juli.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Abend begann vielversprechend mit zeitgen\u00f6ssischer Musik. Die 1973 geborene, in New York lebende litauische Komponistin \u017dibuokl\u0117 Martinaityt\u0117 hat bislang vorrangig mit ihren Orchesterwerken Aufmerksamkeit erregt. Ihr St\u00fcck <em>Saudade<\/em>, ein eins\u00e4tziges Werk von etwa einer Viertelstunde Dauer, stammt aus dem Jahr 2019 und war an den beiden Weimarer Konzertabenden zum ersten Mal in Deutschland zu h\u00f6ren. Der Begriff \u201eSaudade\u201c stammt aus dem Portugiesischen und bezeichnet \u201e eine Meta-Nostalgie, ein Sehnen, das auf die Sehnsucht selbst ausgerichtet ist\u201c, wie die Komponistin in ihrer Werkeinf\u00fchrung schreibt. Dieser Zustand wird durchaus schl\u00fcssig in Musik \u00fcbersetzt. Ohne dass man von Themen oder Motiven sprechen k\u00f6nnte, sind doch \u00fcber den Verlauf der Komposition gewisse Grundbausteine pr\u00e4sent, die dem Werk ein einheitliches Gepr\u00e4ge geben. Man h\u00f6rt immer wieder fluktuierende Cluster aus Stufen der Molltonleiter, die sich einem Niederlassen auf dem Grundton verweigern und dadurch nie zur Ruhe kommen. An Glissandi und feinen chromatischen Umspielungen spart Martinaityt\u0117 nicht, ohne dass dabei der diatonische Grundcharakter der Musik verloren ginge. Die Form ist leicht zu \u00fcberblicken: Nach einer l\u00e4ngeren statischen Eingangsphase steigt die Musik in die Tiefen der Kontrab\u00e4sse hinab, bevor sie allm\u00e4hlich zum blechbl\u00e4serdominierten Tutti anw\u00e4chst und schlie\u00dflich leise verklingt. Die ganze Zeit \u00fcber wirkt die Musik entr\u00fcckt, wie eine Folge poetischer Impressionen aus fein abgestuften orchestralen Graut\u00f6nen, in welchen sich Naturlaute mit Kl\u00e4ngen mischen, die an einen Synthesizer gemahnen. Die Auff\u00fchrung durch die Staatskapelle unter dem Dirigat Giedr\u0117 \u0160lekyt\u0117s, einer Landsfrau Martinaityt\u0117s, wirkte rundum gelungen, sodass man von dem Werk einen positiven Eindruck bekam. Nichts deutete darauf hin, wie sich der Abend noch entwickeln w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Rebekka Hartmann konnte f\u00fcr das Violinkonzert von Jean Sibelius eine Solistin au\u00dferordentlichen Formats gewonnen werden, sodass, rein auf die Solostimme bezogen, die Auff\u00fchrung dieses Werkes eine \u00fcberragende musikalische Leistung genannt werden muss. Rebekka Hartmann besitzt einen untr\u00fcglichen Sinn f\u00fcr die musikalische Form, f\u00fcr den Zusammenhang der T\u00f6ne. Jede Note ist ihr bedeutungsvoll, spielt eine Rolle im Ganzen. So wirken unter ihren H\u00e4nden selbst Passagen in raschesten Notenwerten nie verwischt, \u00fcbereilt oder blo\u00df absolviert. Alles atmet und ger\u00e4t in Schwingung, die Violinstimme erscheint bis in kleinste Einzelheiten hinein ausgeleuchtet und von Leben durchpulst. Aber welch ein prosaisches Tun dagegen im Orchester! Wie jedes der gro\u00dfen symphonisch angelegten Violinkonzerte lebt auch das Sibeliussche von der Interaktion des Soloinstruments mit den orchestralen Kr\u00e4ften. Was hilft es also, dass eine beseelte Musikerin das Solo spielt, wenn das Orchester sich damit begn\u00fcgt, nur den Hintergrund zu liefern und nicht einmal versucht, einen Dialog auf Augenh\u00f6he entstehen zu lassen? Es folgte hier lediglich gehorsam dem Taktstock der immer ordentlich taktierenden Dirigentin, die sich mit einer blo\u00dfen Koordinatorenrolle zufrieden zu geben schien, und lieferte schwunglos eine matte Begleitung zu Rebekka Hartmanns begnadetem Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auff\u00fchrungsgeschichte von Sergej Rachmaninows Erster Symphonie zeigt eindr\u00fccklich, was einem Meisterwerk bl\u00fchen kann, wenn seine Premiere missgl\u00fcckt. Die Urauff\u00fchrung 1897 unter der Stabf\u00fchrung Alexander Glasunows muss den Berichten zufolge zu einem furchtbaren Durcheinander ausgeartet sein; mit dem Ergebnis, dass der tonangebende Kritiker C\u00e9sar Cui dem Werk bescheinigte, als Programmmusik \u00fcber die Sieben Plagen \u00c4gyptens durchgehen und \u201ealle Bewohner der H\u00f6lle in geradezu k\u00f6stlicher Weise erfreuen\u201c zu k\u00f6nnen. Bekanntlich litt der Komponist anschlie\u00dfend jahrelang unter Depressionen, gab die Symphonie nie mehr zur Auff\u00fchrung frei und ver\u00f6ffentlichte sie nicht. Zwischenzeitlich verschollen, kam sie erst nach seinem Tod wieder ans Licht und wurde mit einem halben Jahrhundert Versp\u00e4tung endlich als die musikalische Gro\u00dftat erkannt, die sie ist. Ist das nicht eine Mahnung an die Dirigenten, sorgsam mit den ihnen anvertrauten Werken umzugehen und ihnen die bestm\u00f6gliche Pflege zuteil werden zu lassen? Ich gehe zu Giedr\u0117 \u0160lekyt\u0117s Gunsten davon aus, dass sie die Probenzeiten vor allem nutzte, um in diesem Sinne f\u00fcr \u017dibuokl\u0117 Martinaityt\u0117s Werk zu wirken, und ihr schlicht die Zeit fehlte, bei Sibelius und Rachmaninow mehr als routinierte Auff\u00fchrungen zu Stande zu bringen. H\u00e4tte Glasunow die Rachmaninowsche Symphonie seinerzeit so dirigiert wie Giedr\u0117 \u0160lekyt\u0117, so w\u00e4re die Auff\u00fchrung kein Fiasko geworden, aber auch nicht mehr als gut koordinierte Routine. Die Dirigentin sperrte das Werk in einen K\u00e4fig aus Taktstrichen. Nirgendwo hatte man das Gef\u00fchl, als animiere sie die Musiker dazu, weiter als bis zum n\u00e4chsten Takt zu denken. So wirkten die Ecks\u00e4tze grobschl\u00e4chtig und stumpf martialisch, immer auf die \u201eEinsen\u201c der Takte fixiert, wohingegen sich das Adagio m\u00fcde von Ton zu Ton fortschleppte. Das Scherzo gelang noch am relativ besten und entwickelte eine gewisse Leichtigkeit, ohne dass dies am insgesamt ern\u00fcchternden Eindruck des Ganzen viel \u00e4ndern konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juli 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10. und 11.&nbsp;Juli 2022 spielte die Staatskapelle Weimar in der Weimarhalle unter der Leitung von Giedr\u0117 \u0160lekyt\u0117 ihr zehntes Symphoniekonzert der Spielzeit 2021\/22. Es erklangen Jean Sibelius&#8216; Violinkonzert und Sergej Rachmaninows Symphonie Nr.&nbsp;1 sowie, als deutsche Erstauff\u00fchrung, Saudade von \u017dibuokl\u0117 Martinaityt\u0117. Als Violinsolistin war Rebekka Hartmann zu h\u00f6ren. 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