{"id":5319,"date":"2022-07-31T22:51:10","date_gmt":"2022-07-31T20:51:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5319"},"modified":"2022-07-31T23:04:26","modified_gmt":"2022-07-31T21:04:26","slug":"jenseits-klanglicher-verwaltung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/07\/31\/jenseits-klanglicher-verwaltung\/","title":{"rendered":"Jenseits klanglicher Verwaltung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Mozart und Bruckners Vierte unter Salvador Mas Conde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Herrenchiemsee-Festspiele, die heuer \u2013 nach zwei Jahren Unterbrechung durch die bayerischen Corona-Ma\u00dfnahmen \u2013 zum 20.\u00a0Mal stattfanden, sind mit einem Ritual verbunden, welches das bei \u201anormalen\u2018 Konzerten gebr\u00e4uchliche bei weitem \u00fcbertrifft. Auf die Schifffahrt von Prien \u00fcber den Chiemsee zur Herreninsel (nein, nicht mit einem Schaufelraddampfer) folgt eine kleine Wanderung via Klosteranlage (wahlweise auch eine Kutschen- oder Shuttlebusfahrt) zum gewaltigen Ludwigsschloss im Versailles-Stil. Dort gibt es erst einmal Verpflegung bei feierlicher Freiluftstimmung, dann den Einzug des Publikums in der Art eines opulenten Schlossrundgangs, und schlie\u00dflich wird der Spiegelsaal erreicht, der Gipfel der Prachtentfaltung in einer Welt, die vor lauter Pracht und Luxus \u00fcberquillt. Das Konzert im Spiegelsaal findet vor 60 Zuh\u00f6rerreihen zu je 10 Pl\u00e4tzen statt \u2013 also ein Schlauch wie in manch alten Kinos\u00e4len, nur eben viel gr\u00f6\u00dfer und \u00fcppiger. Besser nicht dran denken, dass einer der gewaltigen Kronleuchter herabst\u00fcrzen k\u00f6nnte, das w\u00fcrde dann schon das eine oder andre Leben kosten\u2026 Und nicht genug des Drum\u00a0&amp;\u00a0Dran: In der Pause spielt im Schlossgarten ein Alphornbl\u00e4serquartett \u2013 sehr sch\u00f6n, eine echte Trouvaille lokaler Musikpflege.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vorletzten Konzert der diesj\u00e4hrigen Herrenchiemsee-Festspiele spielt das Hausorchester, die einst von Enoch zu Guttenberg (1946\u20132018) gegr\u00fcndete und geleitete KlangVerwaltung, deren k\u00fcnstlerische Leitung nach seinem Tod mittlerweile in die H\u00e4nde von Kent Nagano \u00fcbergegangen ist. Es ist ja ein Wunder, dass die Bayerische Schl\u00f6sser- und Seenverwaltung sich damals tats\u00e4chlich darauf eingelassen hat, dieses j\u00e4hrlich zweiw\u00f6chige Musikfest in jenen luxuri\u00f6sen Hallen zuzulassen \u2013 und eigentlich w\u00e4re, ginge es nach dem Bauherrn, gar kein Schloss mehr da. Denn Ludwig II. wollte nicht nur keine \u00d6ffentlichkeit in seinem unvollendet gebliebenen Domizil, das er nur ein paar Tage im Jahr vor seinem bravour\u00f6sen Ableben genie\u00dfen konnte \u2013 er wollte auch, dass es nach seinem Tode wieder abgerissen w\u00fcrde. Man hat es dann aber doch stehen lassen, und lagebedingt entging es Kriegssch\u00e4den und Pl\u00fcnderungen g\u00e4nzlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war also auch dieses Konzert am 30.&nbsp;Juli, bei angenehm wolkigem Wetter, ausverkauft (es scheint allerdings so, dass einige Handvoll Besucher dann meist doch nicht kommen und ihre Pl\u00e4tze ungenutzt lassen\u2026). Der Dirigent des Abends: Salvador Mas Conde aus Barcelona, einst Chef der W\u00fcrttembergischen Philharmonie, der D\u00fcsseldorfer Symphoniker, einiger bekannter katalanischer, holl\u00e4ndischer und anderer Orchester, und bedeutender Mentor des Dirigierens in Wien und Barcelona. Er ist schon seit vielen Jahren regelm\u00e4\u00dfiger Gastdirigent der KlangVerwaltung und ein exzellenter Musiker und souver\u00e4ner Kapellmeister zeitloser Klasse. Es gibt in seinem Dirigieren keinerlei Show, jede Geste sitzt und alles entsteht aus dem zusammenh\u00e4ngenden, charakteristischen Erfassen des Tonsatzes, der gro\u00dfen Form mit ihren Spannungsb\u00f6gen, rhythmisch so pr\u00e4zise wie elastisch, harmonisch die kadenzierenden Verl\u00e4ufe klar empfindend und modellierend, melodisch stets gesanglich und lebensvoll durchartikuliert. Ein wunderbarer Dirigent.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der KlangVerwaltung steht ein recht junges Orchester auf instrumentalem Topniveau zur Verf\u00fcgung, das alles spielen kann, und alles sehr gut. In Anbetracht der Tatsache, dass f\u00fcr dieses Programm nur drei Proben zur Verf\u00fcgung standen, au\u00dfergew\u00f6hnlich gut. Zwar geh\u00f6ren Mozarts Sinfonia concertante f\u00fcr Geige, Bratsche und Orchester und Bruckners 4.&nbsp;Symphonie (in der \u00fcberragenden 2.&nbsp;Fassung dargeboten nach der Ausgabe von Robert Haas mit einigen \u00dcbernahmen aus der sp\u00e4teren Ausgabe von Leopold Nowak) zum Kernrepertoire der Symphonieorchester, doch weicht Mas Condes Musizierhaltung so entscheidend von aktuellen Trends und Moden ab, dass drei Proben einen knappen Zeitrahmen vorgeben, der offenkundig optimal genutzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz selten h\u00f6rt man einen so wunderbar nat\u00fcrlich und plastisch musizierten Mozart, der nicht billig beeindrucken und erregen m\u00f6chte, sondern schlicht dem folgt und das entfaltet, was man die \u201aLogik der Gestalten und ihrer Entwicklung\u2018 nennen k\u00f6nnte. Und endlich werden wieder die Notenl\u00e4ngen auch in den Streichern weitgehend ausgehalten, die Farben kommen zum Leuchten, die Harmonik tritt als kontinuierlich sich bewegende, dynamische Dimension formbildend in Erscheinung, es gibt nichts Kurzatmiges, Beliebiges, und zugleich ersteht die Musik in all ihrer Mannigfaltigkeit, Kraft, Pr\u00e4senz und ihrem Kontrastreichtum vom innigen Gesang bis zur kultiviert wuchtigen Themeneruption, so ganz ohne den Terror der redundanten Taktbetonungen, wie sie nach wie vor die Ideologen scheinbarer Authentizit\u00e4t fordern. Die beiden Solistinnen \u2013 Geigerin Fabiola Kim und Bratschistin Katharina Kang Litton \u2013, die unter Mas Condes umsichtiger Leitung wunderbar diskret und feinf\u00fchlig begleitet werden, ohne dass das Orchester je in Neutralit\u00e4t verfallen w\u00fcrde: diese beiden Damen sind sehr gute Virtuosinnen, und wenn sie die Sinfonia concertante \u00f6fter mit Mas Conde spielen (und vielleicht auch mit ihm arbeiten) w\u00fcrden, so d\u00fcrfte man hoffen, dass sie \u00fcber das instrumentale K\u00f6nnen hinaus auch einen Bezug zur Musik und den ihr innewohnenden Gesetzen entwickeln k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause dann Anton Bruckners Vierte Symphonie. Ganz klar ist die Auff\u00fchrung eine Freude f\u00fcr all jene H\u00f6rer, die verstanden und erlebt haben, welche Gr\u00f6\u00dfe diese Musik unter Sergiu Celibidache entfaltete, f\u00fcr jene H\u00f6rer, die heute auch die Darbietung von R\u00e9my Ballot lieben werden. Mas Conde l\u00e4sst sich Zeit, das Orchester geht mit aller Wachheit und Hingabe mit, und es ist anzunehmen, dass diese Symphonie seit l\u00e4ngerer Zeit nicht so hinrei\u00dfend erklungen ist. Ganz besonders sch\u00f6n das Spiel der Solofl\u00f6te, der Trompeten und Posaunen, und auf vielen weiteren Positionen. Wunderbar, wie die riesige Architektur lebendig wird und in ihren gewaltigen Proportionen in aller Eindeutigkeit mit bezwingender Spannkraft vollkommen bruchlos organisch manifestiert wird. Vielleicht w\u00e4re es ja eine gute Idee, Mas Conde im kommenden Jahr mit Bruckners F\u00fcnfter, Siebter oder Achter wieder einzuladen, aber im Grunde darf sich das Publikum auf alles freuen, was er mit diesem superben Orchester k\u00fcnftig darbieten wird. Der Applaus wollte nicht enden, die befreite Stimmung danach hielt sp\u00fcrbar bei allen Anwesenden auch noch bei der R\u00fcckfahrt \u00fcbers Wasser an. Und man versteht endlich einmal wieder, warum diese Musik \u00fcberhaupt geschrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, 31. Juli 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mozart und Bruckners Vierte unter Salvador Mas Conde Die Herrenchiemsee-Festspiele, die heuer \u2013 nach zwei Jahren Unterbrechung durch die bayerischen Corona-Ma\u00dfnahmen \u2013 zum 20.\u00a0Mal stattfanden, sind mit einem Ritual verbunden, welches das bei \u201anormalen\u2018 Konzerten gebr\u00e4uchliche bei weitem \u00fcbertrifft. 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