{"id":5323,"date":"2022-08-02T20:55:00","date_gmt":"2022-08-02T18:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5323"},"modified":"2022-08-07T22:51:16","modified_gmt":"2022-08-07T20:51:16","slug":"musik-fuer-solocello-auf-reisen-zwischen-den-welten-crossroads-adele-bitter-mihalovici-mamlok-veress-saygun-ginastera","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/02\/musik-fuer-solocello-auf-reisen-zwischen-den-welten-crossroads-adele-bitter-mihalovici-mamlok-veress-saygun-ginastera\/","title":{"rendered":"Musik f\u00fcr Solocello auf Reisen zwischen den Welten"},"content":{"rendered":"\n<p>eda records, EDA 47, EAN: 8 40387 10047 0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Crossroadsjpg.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Crossroadsjpg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5324\" width=\"483\" height=\"483\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Crossroadsjpg.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Crossroadsjpg-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Crossroadsjpg-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Cellistin Adele Bitter, Mitglied des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, pr\u00e4sentiert f\u00fcnf Solowerke f\u00fcr Violoncello aus den Jahren von 1949 bis 1982. Der Titel \u201ecrossroads\u201c reflektiert dabei Herkunft und Lebenswege der Komponisten S\u00e1ndor Veress, Ursula Mamlok, Marcel Mihalovici, Ahmed Adnan Saygun und Alberto Ginastera.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Literatur f\u00fcr Solocello bis heute vielleicht ein wenig das Flair des Exotischen umweht, dann sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil es nach einer Reihe von Werken zu Zeiten des Barock (mit Bachs Suiten als zeitlosem Gipfelpunkt) fast zwei Jahrhunderte dauerte, bis das Interesse an dieser Besetzung wieder einsetzte, sieht man einmal von einzelnen Werken komponierender Cellisten wie Alfredo Piatti ab. (Das Cello bildet hier nat\u00fcrlich insofern keine Ausnahme, als dass Musik f\u00fcr unbegleitete Melodieinstrumente aus der Zeit zwischen 1750 bis 1900 generell Seltenheitswert besitzt.) Angefangen mit Werken wie Regers und Courvoisiers Suiten oder Toveys und Kod\u00e1lys Solosonaten hat Musik f\u00fcr Cello allein im 20.&nbsp;Jahrhundert jedoch einen enormen Aufschwung erlebt, der bis zum heutigen Tag anh\u00e4lt, und so besteht in der Summe wahrlich kein Mangel an Repertoire. Sicherlich ist es dabei n\u00f6tig, auch etwas abseits der hinl\u00e4nglich bekannten Namen zu graben, aber wenn man dazu bereit ist (und dabei Dutzende von ausgesprochen f\u00e4higen Komponisten mit oft genug bemerkenswert pers\u00f6nlicher Tonsprache findet!), dann kann man eigentlich beinahe aus dem Vollen sch\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Hinsicht ist die neue CD der Cellistin Adele Bitter ausgesprochen verdienstvoll, denn hier werden gleich f\u00fcnf solcher Werke f\u00fcr Solocello von f\u00fcnf verschiedenen Komponisten der zweiten H\u00e4lfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts pr\u00e4sentiert. All diesen Komponisten ist dabei gemein, dass sie einen Teil ihres Lebens au\u00dferhalb ihres Heimatlands verbrachten. Der Ungar S\u00e1ndor Veress etwa lebte von 1949 bis zu seinem Tode im Schweizer Exil, wo auch der Argentinier Alberto Ginastera die letzten rund zehn Jahre seines Lebens verbrachte. Marcel Mihalovici, geb\u00fcrtiger Rum\u00e4ne, lie\u00df sich zun\u00e4chst zu Studienzwecken in Paris nieder, der Stadt, die dabei zu seiner Wahlheimat wurde, unterbrochen lediglich von einem f\u00fcnfj\u00e4hrigen Exil in Cannes w\u00e4hrend der deutschen Besatzung (Mihalovici war j\u00fcdischen Glaubens). Die Berlinerin Ursula Mamlok wiederum fl\u00fcchtete 1939 ebenfalls vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Judenverfolgung nach Amerika und verbrachte den Gro\u00dfteil ihres Lebens in den USA, bevor sie f\u00fcr ihre letzten zehn Lebensjahre doch wieder nach Berlin zur\u00fcckkehrte. Nur im Falle des T\u00fcrken Ahmed Adnan Saygun kann man nicht von Emigration sprechen: seine per staatlichem Stipendium erm\u00f6glichten Studien in Paris stehen in Zusammenhang mit den ehrgeizigen (und erfolgreichen) Programmen zur Etablierung eines Kulturlebens westlicher Pr\u00e4gung in der jungen t\u00fcrkischen Republik in den 1920er Jahren. Bewegte Lebensgeschichten also, wesentlich gepr\u00e4gt von den politischen Umst\u00e4nden des 20.&nbsp;Jahrhunderts, und dies ist es auch, worauf der Titel der CD, \u201ecrossroads\u201c also, anspielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind Bachs Solosuiten der Klassiker des cellistischen Solorepertoires schlechthin, und auf der vorliegenden CD ist es die 1949 entstandene <em>Solosonate op.&nbsp;60<\/em> von Marcel Mihalovici (1898\u20131985), die sich am deutlichsten auf dieses Vorbild bezieht. Mihalovici, Sch\u00fcler von d\u2019Indy und Le Flem sowie Ehemann der Pianistin Monique Haas, greift Melos und Rhetorik der Bach\u2019schen Suiten ganz bewusst auf, gestaltet seine Sonate wenigstens teilweise durchaus suitenhaft (f\u00fcnf S\u00e4tze zu je drei bis f\u00fcnf Minuten) und lehnt sich auch in der tonalen Homogenit\u00e4t an Bach an (alle S\u00e4tze enden in c-moll). Selbstverst\u00e4ndlich geht es Mihalovici aber nicht darum, Bach lediglich zu kopieren, und so kontextualisiert er die barocke Rhetorik neu, sch\u00f6n zu beobachten etwa im langsamen vierten Satz, der den Charakter Bach\u2019scher Sarabanden mit einer Melodik kombiniert, der etwas von einem volkst\u00fcmlichen Klagelied innewohnt. Auch die tonale Struktur ist bei n\u00e4herem Hinsehen differenzierter: ist der erste Satz noch ganz in c-moll gehalten, so gehen die sp\u00e4teren S\u00e4tze zun\u00e4chst von anderen tonalen Zentren aus und beschreiben B\u00f6gen, die am Ende dann doch wieder zur faktischen Grundtonart der Sonate zur\u00fcckf\u00fchren. Ein sehr sch\u00f6nes und interessantes Werk, das hier offenbar sogar erstmals aufgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls suitenhaft angelegt ist die <em>Partita op.&nbsp;31<\/em> des gro\u00dfen t\u00fcrkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun (1907\u20131991), 1955 entstanden und dem Andenken Friedrich Schillers gewidmet. Saygun, eines der prominentesten Mitglieder der T\u00fcrkischen F\u00fcnf, jener Gruppe etwa gleichaltriger Tonk\u00fcnstler also, die als die ersten professionellen t\u00fcrkischen Komponisten gelten d\u00fcrfen, bezieht sich in seiner Partita nicht direkt auf Bachs Idiom; Bach steht hier vielmehr Pate f\u00fcr die Umwandlung von (in diesem Falle eben t\u00fcrkischer) Tanzmusik in Soloformen. Florian Schuck weist im Beiheft zurecht darauf hin, dass der vierte Satz sicherlich der \u201ewestlichste\u201c des Werks ist, eine Art Siciliano im phrygischen Modus. Hier darf man sicherlich eine Parallele zum dritten Satz seiner nur wenige Jahre zuvor entstandenen Ersten Sinfonie ziehen, der in ganz \u00e4hnlicher Weise Menuett und t\u00fcrkische Folklore miteinander kombiniert. Am Rande sei angemerkt, dass Saygun auch ein ganz wundervolles Cellokonzert komponiert hat, ein lyrisch-melancholisches Sp\u00e4twerk aus dem Jahre 1987.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen drei Werke auf der CD bedienen sich der Zw\u00f6lftontechnik, die allerdings teils sehr frei gehandhabt wird, so etwa in der 1967 entstandenen <em>Solosonate<\/em> von S\u00e1ndor Veress (1907\u20131992), einem intensiven, ausdrucksstarken Werk in drei S\u00e4tzen. Veress, Student von Bart\u00f3k und Kod\u00e1ly, fand im Schweizer Exil zu einer eigenen Lesart der Dodekaphonie, die insbesondere auch Einfl\u00fcssen ungarischer Folklore gegen\u00fcber offen ist und so trotz moderneren Vokabulars sehr wohl in Kontinuit\u00e4t zu seinen fr\u00fchen Werken steht. Interessanterweise kann man bei seiner Solosonate stellenweise an die Solosonate seines eigenen Sch\u00fclers Gy\u00f6rgy Ligeti denken (beide Werke beginnen \u00fcberdies mit einem <em>Dialogo<\/em>). Ob Veress dieses Werk, dessen Rezeptionsgeschichte eigentlich erst 1979 wirklich begann, gekannt hat, erscheint aber eher fraglich, aber sowohl der fr\u00fche Ligeti als auch der reife Veress beziehen sich nat\u00fcrlich insbesondere auch auf Bart\u00f3k und Kod\u00e1ly.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Veress kombiniert auch der Argentinier Alberto Ginastera (1916\u20131983) zw\u00f6lft\u00f6nige Verfahren mit Folklore, im Falle seiner f\u00fcr Rostropowitsch komponierten <em>Pune<\/em><em>\u00f1<\/em><em>a Nr.&nbsp;2 op.&nbsp;45<\/em> (1976) besonders der pr\u00e4kolumbianischen Zeit (was nat\u00fcrlich zumindest teilweise hypothetisch zu verstehen ist: hier geht es nicht um Rekonstruktion, sondern eher um Imagination, Beschw\u00f6rung). Das Resultat ist ein ph\u00e4nomenal farbenreiches Diptychon aus Liebeslied und wildem Tanz, in welchem das Cello unter anderem die Kl\u00e4nge von Fl\u00f6ten, Trommeln, aber auch Gitarren suggeriert. Ohne Folklorebez\u00fcge, aber wiederum mit einer eigenen Variante von Dodekaphonie kommen schlie\u00dflich Ursula Mamloks (1923\u20132016) konzise <em>Fantasy Variations<\/em> aus dem Jahre 1982 daher, konzentrierte, facettenreiche, manchmal allerdings vielleicht ein wenig spr\u00f6de Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist bei einer solchen Zusammenstellung allein schon Adele Bitters Pioniergeist hervorzuheben, aber auch an ihren Darbietungen selbst gibt es vieles zu loben. Ihr Ton ist insgesamt kraftvoll und agil, und zahlreiche Details werden sorgf\u00e4ltig herausgearbeitet. Bitters Interpretation von Mihalovicis Sonate ist wie erw\u00e4hnt offenbar konkurrenzlos und besticht insbesondere durch ihre an der Besch\u00e4ftigung mit barocker Musik geschulte Gestaltung von Phrasen, eine \u201esprechende\u201c Darbietung. Sayguns Partita hat erst j\u00fcngst verst\u00e4rkt Aufmerksamkeit gefunden; im Vergleich etwa zu Sinan Dizmens solider Lesart bietet Bitter die deutlich variablere, dramatisch akzentuiertere, in den Details z.&nbsp;B. der Artikulation feiner gearbeitete und dadurch charaktervollere Einspielung (exemplarisch z.&nbsp;B. am vierten Satz nachzuvollziehen). Sayguns Musik ist kontrastreich, oft von unerwarteten Wendungen gepr\u00e4gt (man vergleiche etwa den pl\u00f6tzlichen Wechsel nach Des ganz am Endes des zweiten Satzes), was sich in sp\u00e4ten Werken wie der F\u00fcnften Sinfonie noch verst\u00e4rkt, reich an Farben, die aber in der Regel eher dem dunkleren Spektrum angeh\u00f6ren, immer auch etwas zur\u00fcckgenommen-hintergr\u00fcndig, und diese Typika f\u00e4ngt Bitter insgesamt sehr gut ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Veress\u2019 Sonate ist u.&nbsp;a. von Mikl\u00f3s Per\u00e9nyi (Hungaroton) eingespielt worden. Unterschiede (durchaus reizvoller Natur, denn die Sonate erlaubt verschiedene Lesarten) ergeben sich dabei bereits durch den Ton beider Cellisten: Per\u00e9nyi ist f\u00fcr sein feines, nuancenreiches Spiel bekannt, Bitter ist im Vergleich zupackender, unmittelbarer. Wo Per\u00e9nyis Interpretation allerdings ihre Vorz\u00fcge hat, ist in der Gestaltung gr\u00f6\u00dferer Zusammenh\u00e4nge, etwa der wiegenden Figuren im Mittelteil des ersten Satzes, die er konsequenter in den Gesamtzusammenhang integriert, besonders aber im Finale, das er im Wesentlichen als Perpetuum mobile realisiert, w\u00e4hrend der Satz in Bitters Interpretation manchmal etwas zu episodisch wirkt. Ginasteras <em>Pune<\/em><em>\u00f1<\/em><em>a<\/em> hat u.&nbsp;a. auch Maximilian Hornung auf CD herausgebracht; seine Interpretation wirkt erst einmal brillanter, virtuoser als Bitters, die aber wiederum in der expressiven Ausgestaltung etwa der Gesangslinien des ersten Satzes sehr wohl ihre Meriten hat. Ein \u00e4hnliches Bild ergibt sich im zweiten Satz, der bei Bitter eine fast rituelle Dimension erh\u00e4lt, etwas zu beil\u00e4ufig dann allerdings der Schluss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Lob geb\u00fchrt Florian Schucks ausf\u00fchrlichem, mit gr\u00fcndlich recherchierten Hintergrundinformationen aufwartendem, Details und Charakteristika der Musik auch jenseits des Offensichtlichen exzellent erl\u00e4uterndem Begleittext. Auch Adele Bitter selbst hat ein pers\u00f6nlich gef\u00e4rbtes, ansprechendes Geleitwort beigesteuert. Insgesamt f\u00e4llt an der Pr\u00e4sentation der CD die Priorit\u00e4t, die hier der Musik selbst, den Komponisten und ihren Werken einger\u00e4umt wird, sehr angenehm auf. Das Label eda records wird manchem Musikliebhaber \u00fcbrigens noch unter seinem alten Namen Edition Abseits ein Begriff sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedem, der sich f\u00fcr Musik f\u00fcr Solocello aus der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts interessiert, sei dieses Album unbedingt empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Juli 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eda records, EDA 47, EAN: 8 40387 10047 0 Die Cellistin Adele Bitter, Mitglied des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, pr\u00e4sentiert f\u00fcnf Solowerke f\u00fcr Violoncello aus den Jahren von 1949 bis 1982. Der Titel \u201ecrossroads\u201c reflektiert dabei Herkunft und Lebenswege der Komponisten S\u00e1ndor Veress, Ursula Mamlok, Marcel Mihalovici, Ahmed Adnan Saygun und Alberto Ginastera. 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