{"id":5328,"date":"2022-08-06T02:23:55","date_gmt":"2022-08-06T00:23:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5328"},"modified":"2022-08-08T22:52:03","modified_gmt":"2022-08-08T20:52:03","slug":"eleganz-und-tiefgang-bei-carl-philipp-emanuel-bachs-klaviermusik-marc-andre-hamelin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/06\/eleganz-und-tiefgang-bei-carl-philipp-emanuel-bachs-klaviermusik-marc-andre-hamelin\/","title":{"rendered":"Eleganz und Tiefgang bei C.\u00a0P.\u00a0E. Bachs Klaviermusik"},"content":{"rendered":"\n<p>Hyperion CDA68381\/2; EAN: 0 34571 28381 4<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bach-CPE-Sonaten-Rondos-Hamelin_front.png\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bach-CPE-Sonaten-Rondos-Hamelin_front.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5329\" width=\"465\" height=\"465\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bach-CPE-Sonaten-Rondos-Hamelin_front.png 700w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bach-CPE-Sonaten-Rondos-Hamelin_front-300x300.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bach-CPE-Sonaten-Rondos-Hamelin_front-150x150.png 150w\" sizes=\"(max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Neben Repertoire, an das sich eigentlich nur Supervirtuosen trauen (d\u00fcrfen), \u00fcberzeugt der in den USA lebende Frankokanadier Marc-Andr\u00e9 Hamelin immer auch mit Werken der Wiener Klassik. Nach drei vielbeachteten Doppel-CDs mit Klaviermusik von Joseph Haydn hat er auf Hyperion nun 2 CDs mit \u2013 \u00fcberwiegend \u2013 Sonaten &amp; Rondos von <\/em>Carl Philipp Emanuel Bach <em>eingespielt. Die komplette Tracklist der intelligenten Auswahl ist <u><a href=\"https:\/\/www.hyperion-records.co.uk\/dc.asp?dc=D_CDA68381\/2\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.hyperion-records.co.uk\/dc.asp?dc=D_CDA68381\/2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a><\/u><\/em> zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ungeheure Bedeutung Carl Philipp Emanuel Bachs (1714\u20131788) f\u00fcr die Entwicklung der Klaviermusik \u2013 sowohl der solistischen als auch des Klavierkonzerts, das fast als seine Erfindung gelten darf \u2013 wird heute eher untersch\u00e4tzt. Junge Klaviersch\u00fcler wagen sich schnell an Haydn- und Beethoven-Sonaten, und der enorm umfangreiche und vielschichtige Kosmos C.&nbsp;P.&nbsp;E. Bachs wird quasi ignoriert. Seine Sonaten sind noch nicht <em>richtig klassisch<\/em> (was durchaus sein Gutes hat), und die inspirierte Virtuosit\u00e4t f\u00e4llt nicht sofort ins Auge. Und was soll uns heute der vorgeblich <em>galante Stil <\/em>noch sagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich auch nur ein wenig mit C.&nbsp;P.&nbsp;E. Bachs Klavierwerken besch\u00e4ftigt hat, und sei es nur das kleine, geniale <em>Solfeggio c-moll <\/em>(H&nbsp;220), das <em>Marc-Andr\u00e9 Hamelin<\/em> hier ebenfalls spielt (CD&nbsp;1, Track 27), wird sich zumindest deren Charme nicht entziehen k\u00f6nnen. Wie sich die unmittelbare Emotionalit\u00e4t als Galanterie begreifen l\u00e4sst und eine zu starke Ausrichtung der Darbietung hin auf Erfahrungswerte der Wiener Klassik als unzureichend erweist, kann man sch\u00f6n anhand der <em>Sonate D-Dur<\/em> (H&nbsp;286) sehen: Wenn <em>Ana-Marija Markovina<\/em> in ihrer Gesamtaufnahme generell darauf setzt, immer sch\u00f6n die typischen Taktgruppierungen, wie sie Haydn, Mozart und Beethoven dann als essentiell formbildend verwenden (meist Vierer- bzw. Achterperioden), als in sich abgerundete Einheiten darzustellen und entsprechend zu phrasieren, geht die unmittelbare Ausdruckskraft kleinerer Details melodisch-figurativer oder harmonischer Natur verloren, die beim Bach-Sohn einfach mehr Aufmerksamkeit verdient, ja unbedingt ben\u00f6tigt. Die delikaten, asymmetrischen Akzente im 1. Satz (<em>Allegro di molto<\/em> \u2013 Hamelin: CD&nbsp;2, Track&nbsp;6) wirken bei ihr v\u00f6llig willk\u00fcrlich, gar deplatziert, somit g\u00e4nzlich unverst\u00e4ndlich: Sie schafft zwar irgendwie die \u201eQuadratur\u201c der Taktgruppen gem\u00e4\u00df dem klassischen Schema; sinnstiftend wirkt das hier jedoch gerade nicht. Vielmehr glaubt der H\u00f6rer, die Akzente seien nicht ganz \u201en\u00fcchtern\u201c zustande gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie etlichen Interpreten auf zeitgen\u00f6ssischen Instrumenten \u2013 auf die ich hier nicht eingehen m\u00f6chte \u2013 gelingt es Hamelin oder <em>Mikhail Pletnev<\/em> schon durch leicht inegales Spiel, das kokette Insistieren auf dieser zweiten rhythmischen Ebene zu verdeutlichen, sie aber vor allem \u00fcberhaupt erst klar h\u00f6rbar zu machen. Das klingt bei Hamelin dann in der Tat galant \u2013 und immer noch elegant! Pletnev ger\u00e4t dieser Satz \u00fcberraschenderweise geradezu jazzig. Auch in den anderen S\u00e4tzen der beiden Sonaten H&nbsp;286 und e-Moll H&nbsp;281 \u2013 neben dem Rondo c-Moll H&nbsp;283 die einzigen \u00dcberschneidungen von deren Alben \u2013 \u00fcbertrifft Pletnevs Entdeckerlust und sein offenes Ohr f\u00fcr Feinheiten Hamelin. Im Tempo ist man sich \u00fcbrigens auffallend einig. Trotzdem ist Hamelins Doppelalbum \u00fcberragend: Weniger die im Detail durchgehend gebotene, h\u00f6chste Pr\u00e4zision und sichere Technik (Triller, rasantes Laufwerk etc. \u2013 z.&nbsp;B. <em>Sonate a-Moll H&nbsp;247<\/em>, CD&nbsp;1, Track&nbsp;3), als vielmehr seine F\u00e4higkeit, gr\u00f6\u00dfere Verl\u00e4ufe im Auge zu behalten, dabei gleichzeitig die Sch\u00f6nheiten des Augenblicks auszukosten, f\u00fchren zu diesem Urteil. Selbstverst\u00e4ndlich wird \u00fcberwiegend non legato gespielt, melodische Verbindungen werden geschickt \u00fcbers Pedal imaginiert, ohne dass das Klangbild jemals schwammig wird. Alles erscheint so ungemein gesanglich \u2013 lange eine Grundforderung Bachs an die Pianisten \u2013 und Hamelin vermeidet zum Gl\u00fcck, historische Cembali oder Hammerfl\u00fcgel zu imitieren; schon gar nicht beim <em>Abschied von meinem Silbermannischen Claviere<\/em> H&nbsp;272.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswahl von 140 Minuten Musik kann zwar unm\u00f6glich einen vollst\u00e4ndigen Querschnitt von C.&nbsp;P.&nbsp;E. Bachs Klaviermusik abbilden. Immerhin umfasst sie eine Zeitspanne von \u00fcber 60 Jahren: vom fr\u00fchen G-Dur-Marsch (vor 1725) aus dem <em>Notenb\u00fcchlein f\u00fcr Anna Magdalena Bach <\/em>\u00fcber die Sonate e-Moll H&nbsp;66 (1751) \u2013 noch eine 5-s\u00e4tzige barocke Suite \u2013 bis zur besagten D-Dur-Sonate (1785\/86) und der zukunftsweisenden <em>Freien Fantasie fis-Moll <\/em>H&nbsp;300 von 1787 mit ihrem atemberaubenden Tiefgang \u2013 der H\u00f6hepunkt der Ver\u00f6ffentlichung. Da ist die T\u00fcr f\u00fcr Beethoven bereits ganz weit offen. Wer nicht kategorisch auf historischen Instrumenten besteht, kommt an diesen erstklassigen Interpretationen kaum vorbei. Die perfekte Aufnahmetechnik und der gute, nicht \u00fcberladene Booklettext von keinem Geringeren als Mahan Esfahani runden den \u00e4u\u00dferst positiven Eindruck ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Ana-Marija Markovina (H\u00e4nssler Classic 98.003, 2005-2013, 26 CD) <\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li>[Sonaten H 281 u. H 286, Rondo H 283:] Mikhail Pletnev (DG 459 614-2, 1998)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, August 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hyperion CDA68381\/2; EAN: 0 34571 28381 4 Neben Repertoire, an das sich eigentlich nur Supervirtuosen trauen (d\u00fcrfen), \u00fcberzeugt der in den USA lebende Frankokanadier Marc-Andr\u00e9 Hamelin immer auch mit Werken der Wiener Klassik. 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