{"id":5341,"date":"2022-08-15T01:45:05","date_gmt":"2022-08-14T23:45:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5341"},"modified":"2023-07-07T18:54:28","modified_gmt":"2023-07-07T16:54:28","slug":"zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/","title":{"rendered":"Zwei zentrale Symphonien Claudio Santoros in musterg\u00fcltiger Deutung"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574402; EAN: 7 47313 44027 6<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Santoro-S-57-Thomson-Naxos.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Santoro-S-57-Thomson-Naxos-1024x1016.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5342\" width=\"443\" height=\"440\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Santoro-S-57-Thomson-Naxos-1024x1016.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Santoro-S-57-Thomson-Naxos-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Santoro-S-57-Thomson-Naxos-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Santoro-S-57-Thomson-Naxos-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Santoro-S-57-Thomson-Naxos.jpg 1462w\" sizes=\"(max-width: 443px) 100vw, 443px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Es sind nicht nur die gr\u00f6\u00dftenteils einem breiteren Publikum bisher verborgen gebliebenen Sch\u00e4tze, die bei der Naxos Serie <\/em>\u201eThe Music of Brazil\u201c <em>seit den ersten Ver\u00f6ffentlichungen Anfang 2019 begeistern, sondern vielmehr die musikalische und technische Qualit\u00e4t der Aufnahmen. Mit zwei zentralen Symphonien (Nr.&nbsp;5 &amp; 7) von Claudio Santoro (1919\u20131989) und dem Goi\u00e1s Philharmonic Orchestra unter seinem britischen Chef Neil Thomson gelingt dem Label erneut eine exemplarische Einspielung bedeutenden Repertoires.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Lebensgeschichte des in Manaus geb\u00fcrtigen Komponisten <em>Claudio Santoro<\/em> \u2013 noch mehr seines umfangreichen Werkes \u2013 erscheint zun\u00e4chst ein wenig verschlungen: Fr\u00fch als Geigentalent erkannt, unterrichtete Santoro bereits mit 18 Jahren am Konservatorium in Rio, wo er auch zu komponieren begann. 1940 traf er auf den aus Deutschland emigrierten Hans-Joachim Koellreutter, der versuchte, in Brasilien die Zw\u00f6lftontechnik Sch\u00f6nbergs zu etablieren. Ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung konnte er nicht wahrnehmen, da die USA ihm ein Visum verweigerten, worauf er 1947 auf Empfehlung Charles M\u00fcnchs zu Nadia Boulanger nach Paris ging, dort zus\u00e4tzlich von Eug\u00e8ne Bigot zum Dirigenten ausgebildet wurde. Von da an sammelte er national wie international zahlreiche Preise ein. Hatte er sich, nicht erst durch Kontakte und Reisen nach Moskau und Prag, nun stark den \u00e4sthetischen Forderungen des Sozialistischen Realismus zugewandt und damit der Dodekaphonie vorerst eine Absage erteilt, durchlebte er als Komponist in den 1950ern eine mehr oder weniger nationalistische Phase, die sich dennoch stark von denen seiner Landsm\u00e4nner Villa-Lobos (freilich eine Generation zuvor) oder Camargo Guarnieri unterscheidet. In Santoros Musik geht zwar eine intensive Erforschung der heimatlichen Folklore mit ein, kommt aber lediglich als reines Material f\u00fcr abstrakte Formen zum Einsatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Milit\u00e4rputsch 1964 war Santoro in einigen f\u00fchrenden musikalischen Positionen Brasiliens t\u00e4tig \u2013 vor allem als Dirigent und Hochschullehrer. Parallel dazu hatte er seit 1960 beide deutsche Staaten besucht, etwa um elektroakustische Studien zu betreiben. 1965 zur Persona non grata erkl\u00e4rt, verlie\u00df er seine Heimat, arbeitete dann vor allem in Frankreich und Deutschland: u.&nbsp;a. Professuren f\u00fcr Dirigieren und Komposition in Mannheim 1971\u20131978. Nach seiner R\u00fcckkehr gab es neben weiteren Ehrungen auch erhebliche Missverst\u00e4ndnisse innerhalb des dortigen Kulturbetriebes. Ab Mitte der 1960er Jahre nutzte Santoro neben Elektronik, Aleatorik, teilweise graphischer Notation und anderen Avantgarde-Elementen auch wieder die Zw\u00f6lftontechnik, allerdings nicht durchgehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Von seinen insgesamt 14 Symphonien kann man die vorliegenden Nr.\u00a05 (1955) und Nr.\u00a07 (<em>\u201eBras\u00edlia\u201c<\/em>, 1959\/60) getrost als die zentralen Orchesterwerke der fruchtbaren nationalistischen Phase des Komponisten ansehen. Die <em>F\u00fcnfte <\/em>\u2013 1956 in Rio uraufgef\u00fchrt, jedoch zun\u00e4chst in Moskau verlegt \u2013 zeigt, wie weit Santoro hier vom Folklorismus der meisten s\u00fcdamerikanischen Zeitgenossen entfernt ist. Die Verwendung sowohl lydisch-mixolydischer Modi wie typisch brasilianischen Schlagwerks (etwa im Scherzo, II. Satz) versucht keinesfalls, Volksmusik nachzuahmen: Alles dient letztlich der Errichtung eines symphonischen Geb\u00e4udes, wie es eher den Erwartungen eines europ\u00e4ischen Publikums entsprechen d\u00fcrfte. Im <em>Lento<\/em> benutzt er Material des <em>Xang\u00f4 <\/em>ausnahmsweise einmal direkt. Weder geht es hier um allzu pr\u00e4chtige Farbigkeit \u2013 wie oft bei Villa-Lobos \u2013 noch um ausufernde Expressivit\u00e4t. Santoro \u00fcberzeugt nicht nur handwerklich, wie sich gerade im grandiosen Kontrapunkt zeigt, sondern durch ebenso klug wie organisch angesteuerte emotionale wie klangliche H\u00f6hepunkte. Die <em>Siebte <\/em>verdankt ihren Titel einem Wettbewerb zur Einweihung der Planhauptstadt <em>Bras\u00edlia<\/em> im Jahre 1960, wurde aber erst 1964 in Berlin vom Komponisten uraufgef\u00fchrt. Noch reichere Instrumentation und die konsequente Verwendung von Viertonmotiven in drei der vier S\u00e4tze strahlen Erhabenheit und Optimismus aus, ohne dass die Symphonie als solche programmatisch sein m\u00f6chte. Bei so viel Meisterschaft erscheint der Vorwurf einiger Kritiker, Santoro sei zu akademisch, nahezu irrelevant. F\u00fcr Neulinge klingt das alles freilich n\u00e4her dran an beispielsweise Aaron Copland \u2013 der auch durch die Schule von Mademoiselle Boulanger ging \u2013 als an seinen brasilianischen Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Orquestra Filarm\u00f4nica de Goi\u00e1s<\/em> beweist einmal mehr die Professionalit\u00e4t brasilianischer Kulturorchester jenseits von Rio de Janeiro oder S\u00e3o Paulo. 1980 gegr\u00fcndet, residiert der Klangk\u00f6rper seit 2006 im hochmodernen <em>Centro Cultural Oscar Niemeyer<\/em> der Millionenstadt Goi\u00e2nia. Wer keinen Beton mag, sollte sich das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cClYs2sP34k\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cClYs2sP34k\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Drohnenvideo<\/a> vielleicht lieber nicht ansehen. Niemeyer und Santoro waren \u00fcbrigens pers\u00f6nlich eng befreundet. Der Chefdirigent <em>Neil Thomson<\/em> (Jahrgang 1966) stammt aus London, war eine Zeit lang j\u00fcngster Dirigierprofessor am dortigen Royal College of Music, und leitet das Orchester in Goi\u00e1s seit 2014. Dessen Klangkultur ist absolut beeindruckend, und Thomson hat hier eine Offenheit f\u00fcr Neue Musik entwickelt, die in Brasilien bisher einmalig sein d\u00fcrfte \u2013 mit zahlreichen Erstauff\u00fchrungen europ\u00e4ischer Moderne. \u00dcber s\u00e4mtliche Orchestergruppen hinweg sp\u00fcrt man eine dichte Kommunikation, Homogenit\u00e4t und wachen Sinn f\u00fcr musikalische Details, die den Rezensenten \u2013 sp\u00e4testens nach der ersten CD der Naxos-Reihe <em>The Music of Brazil <\/em>mit dem Orquestra Filarmonica de Minas Gerais \u2013 nun keineswegs mehr \u00fcberraschen. Und wieder kann die Aufnahmetechnik mithalten \u2013 zumindest mit der aktuell einzigen Konkurrenz-CD mit Santoro-Symphonien (Nr.&nbsp;4 &amp; 9 unter John Neschling) auf BIS, immerhin bereits 20 Jahre her. Gegen\u00fcber den alten Rundfunk-Aufnahmen der Nummern 5 &amp; 7 mit dem Komponisten selbst, die man auf YouTube findet, nat\u00fcrlich ein Quantensprung. Dass Thomson manche Grobheiten Santoros erheblich gl\u00e4ttet, mag sich wohl allein durch den enormen spieltechnischen Fortschritt seines Orchesters erkl\u00e4ren, das seit Corona wohl kurz vor dem Aus stand, nun aber offenkundig \u00fcberlebt hat. Auf jeden Fall weckt diese Naxos-Entdeckung das Interesse auf acht noch nicht eingespielte Gattungsbeitr\u00e4ge, die hoffentlich irgendwann folgen werden, und sollte in keiner Symphonien-Sammlung fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, August 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574402; EAN: 7 47313 44027 6 Es sind nicht nur die gr\u00f6\u00dftenteils einem breiteren Publikum bisher verborgen gebliebenen Sch\u00e4tze, die bei der Naxos Serie \u201eThe Music of Brazil\u201c seit den ersten Ver\u00f6ffentlichungen Anfang 2019 begeistern, sondern vielmehr die musikalische und technische Qualit\u00e4t der Aufnahmen. 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