{"id":5348,"date":"2022-08-18T00:01:00","date_gmt":"2022-08-17T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5348"},"modified":"2024-01-21T15:57:20","modified_gmt":"2024-01-21T14:57:20","slug":"folge-zwei-der-choros-des-brasilianers-camargo-guarnieri-brillant-und-unterhaltsam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/18\/folge-zwei-der-choros-des-brasilianers-camargo-guarnieri-brillant-und-unterhaltsam\/","title":{"rendered":"Folge zwei der \u201eChoros\u201c des Brasilianers Camargo Guarnieri: brillant und unterhaltsam"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574403; EAN: 7 47313 44037 5<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Guarnieri-Choros-2-Naxos.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Guarnieri-Choros-2-Naxos-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5349\" width=\"471\" height=\"467\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Guarnieri-Choros-2-Naxos-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Guarnieri-Choros-2-Naxos-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Guarnieri-Choros-2-Naxos-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Guarnieri-Choros-2-Naxos-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Guarnieri-Choros-2-Naxos.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 471px) 100vw, 471px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Nach der ersten Folge (Violine, Fl\u00f6te, Fagott) der Gesamtaufnahme s\u00e4mtlicher <\/em>Choros <em>f\u00fcr Soloinstrumente und Orchester von <\/em>Camargo Guarnieri<em> bringt die zweite CD die<\/em> <em>St\u00fccke f\u00fcr Klarinette, Klavier, Violoncello und Viola; dazu noch <\/em>Flor de Trememb\u00e9. <em>Das S\u00e3o Paulo Symphony Orchestra spielt diesmal unter Leitung von <\/em>Roberto Tibiri\u00e7\u00ad\u00e1<em>; die Solisten sind <\/em>Olga Kopylova <em>(Klavier), <\/em>Ovanir Buosi <em>(Klarinette),<\/em> Hor\u00e1cio Schaefer <em>(Viola) und<\/em> Matias de Oliveira Pinto <em>(Violoncello).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der bislang erstaunlichen Naxos-Reihe <em>\u201eThe Music of Brazil\u201c <\/em>darf nat\u00fcrlich <em>(Mozart)<\/em> <em>Camargo Guarnieri <\/em>(1907-1993) \u2013 er selbst verzichtete stets auf seinen ersten Vornamen \u2013 nicht fehlen; f\u00fcr die meisten Klassikfreunde nach Heitor Villa-Lobos wohl der zweitbekannteste Komponist des Landes. Immerhin verfasste er \u2013 zieht man die 80 zur\u00fcckgezogenen Jugendwerke bis 1927 einmal ab \u2013 an die 400 Eigenkompositionen. Erst mit zwanzig erhielt Guarnieri wirklich professionelle musikalische Ausbildung. 1938 ging er dank eines Stipendiums nach Paris, wo Charles Koechlin sein wichtigster Kompositionslehrer wurde, sich aber auch Begegnungen etwa mit Nadia Boulanger oder Darius Milhaud ergaben. Nach Kriegsbeginn wieder zur\u00fcck in Brasilien, hielt er \u2013 wie <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" target=\"_blank\">Cl<\/a><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">a<\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" target=\"_blank\">udio Santoro<\/a> \u2013 guten Kontakt zum Exil-Deutschen Hans-Joachim Koellreutter, lehnte jedoch die von diesem propagierte Zw\u00f6lftonmethode der Zweiten Wiener Schule ab und richtete sich 1950 in einem offenen Brief \u2013 dessen Echtheit mittlerweile angezweifelt wird \u2013 gegen deren Verfechter. So vertrat Guarnieri lange einen Stil, der auf nationale Identit\u00e4t fokussiert war, aber harmonisch mehr in Richtung einer recht freien Polytonalit\u00e4t zielte. In seiner sp\u00e4ten Schaffensperiode (ab 1965) finden sich gar wieder Allusionen von Reihentechniken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die insgesamt sieben <em>Choros <\/em>von Camargo Guarnieri kn\u00fcpfen ebenso wenig direkt an die traditionellen Formationen der brasilianischen Popularmusik (<em>Ch\u00f4ros<\/em>) an wie bei Villa-Lobos, stehen hier vielmehr einfach f\u00fcr den Begriff <em>Konzert<\/em>: <em>\u201eChoro est\u00e1 substituindo concerto\u201c<\/em>. Vom Umfang mit 10 bis 20 Minuten k\u00fcrzer als die meisten Solokonzerte des Komponisten, die er nicht als <em>Choro<\/em> betitelt, stellen sie jedoch keineswegs geringere Anforderungen an die Solisten. Die vier Werke der vorliegenden CD sind alle dreis\u00e4tzig \u2013 beim <em>Choro<\/em> f\u00fcr Klarinette in einem Satz zusammengefasst. Innerhalb der S\u00e4tze bevorzugt Guarnieri zumeist A-B-A-Formen europ\u00e4ischer Tradition. Dar\u00fcber hinaus sp\u00fcrt man h\u00e4ufig seine Vorliebe f\u00fcr Musik des <em>Sert\u00e3o <\/em>im Nordosten Brasiliens. Wenn auch gr\u00f6\u00dfer besetzt als diese, lohnt sich zudem ein Vergleich mit Hindemiths sieben <em>Kammermusiken<\/em>, die der Komponist in den 1930ern wohl eingehend studiert haben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitglieder des <em>Orquestra Sinf\u00f4nica do Estado de S\u00e3o Paulo<\/em> (OSESP) stemmen die Soli dreier St\u00fccke und machen ihre Sache allesamt hervorragend: <em>Ovanir Buosi<\/em> brilliert sowohl in den jazzinspirierten Abschnitten als auch den nachdenklichen Momenten seines knappen <em>Choro <\/em>f\u00fcr Klarinette und Orchester (1956)<em>.<\/em> Die Hauspianistin des Orchesters, <em>Olga Kopylova<\/em> fiel schon auf der ersten CD mit einer exzellenten Darbietung von <em>Seresta <\/em>auf und spielt hier vielleicht den dankbarsten, auf alle F\u00e4lle den am leichtesten zug\u00e4nglichen <em>Choro<\/em> (1956) \u2013 mit einem zwischen Zartheit und robustem Auftreten changierendem ersten Satz, einem hemmungslos nostalgischen zweiten und einem leichtf\u00fc\u00dfig t\u00e4nzerischen Finale samt \u00e4u\u00dferst eing\u00e4ngigen Hauptthema. Den gr\u00f6\u00dften Tiefgang sp\u00fcrt der Rezensent im Werk f\u00fcr Viola von 1975, schon aus der letzten Schaffensphase Guarnieris. Schroff und energetisch im kurzen Kopfsatz mit einer tollen Kadenz, wahrlich <em>tristemente <\/em>im langsamen Zentrum, schlie\u00dflich ausgelassen und rhythmisch hochaktiv. Eine echte Paradenummer f\u00fcr den Bratscher <em>Hor\u00e1cio Schaefer<\/em>, und sicher nicht nur f\u00fcr den, wenn das St\u00fcck denn mal die Runde machte. Der Solist des <em>Choro <\/em>f\u00fcr Violoncello, <em>Matias de Oliveira Pinto<\/em>, stammt zwar aus S\u00e3o Paulo, lebt aber schon l\u00e4nger in Deutschland, wo er zurzeit eine Professur in M\u00fcnster bekleidet. Hier startet der Komponist zwar am dramatischsten und bedient die gleiche Teleologie wie in den anderen <em>Choros<\/em>; manches ist dann freilich recht pauschal und absehbar, dennoch unterhaltsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Besondere Aufmerksamkeit verdient die kleine \u201eZugabe\u201c: <em>Flor de Trememb\u00e9<\/em>, ein Geschenk Guarnieris an seine zweite Frau, die eben von dorther stammte. F\u00fcr ein selbst 1937 h\u00f6chst ungew\u00f6hnliches Solistenensemble von 15 Spielern \u2013 u.&nbsp;a. mit Ukulele, Baritonsaxophon, Harfe und Klavier \u2013 geschrieben, zeigt der Komponist bereits in dieser fr\u00fchen Phase echte Meisterschaft: in der versierten kontrapunktischen Disposition wie im pfiffigen Umgang mit Jazzeinfl\u00fcssen. Das Beste dabei: Zum Schluss verpackt Guarnieri das bisher vorgestellte Material noch kurz in eine rasante Zugfahrt, so wie man sie aus Honeggers <em>Pacific 231 <\/em>und nat\u00fcrlich Villa-Lobos\u2018 <em>Bachianas brasileiras No.&nbsp;2<\/em> (4.&nbsp;Satz: Toccata. <em>O trenzinho de caipira<\/em>) kennt \u2013 das macht richtig Spa\u00df!<\/p>\n\n\n\n<p>Wurde das bedeutendste Orchester Brasiliens in der ersten Folge noch von Altmeister <em>Isaac Karabtchevsky <\/em>geleitet (man lese die <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/04\/30\/bedeutende-nische-im-riesigen-gesamtwerk-die-symphonien-von-villa-lobos-unter-karabtchevsky\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/04\/30\/bedeutende-nische-im-riesigen-gesamtwerk-die-symphonien-von-villa-lobos-unter-karabtchevsky\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kritik seiner Gesamtaufnahme der Villa-Lobos-Symphonien<\/a>), steht nun mit <em>Roberto Tibiri\u00e7\u00e1 <\/em>ein nicht minder versierter Dirigent der Folgegeneration \u2013 und ebenfalls aus S\u00e3o Paulo geb\u00fcrtig \u2013 am Pult des <em>OSESP. <\/em>Er sorgt \u00fcber die gesamte Darbietung f\u00fcr gute Durchsichtigkeit, die aufnahmetechnisch gleicherma\u00dfen unterst\u00fctzt wird, begleitet untadelig und hat die richtige Ader f\u00fcr Jazziges, genau wie f\u00fcr goldrichtig dosiertes s\u00fcdamerikanisches Flair. F\u00fcr die H\u00f6rer gibt es mal wieder enorm viel Gutes zu entdecken \u2013 lohnenswert!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinweis: <\/strong>Folge 1 der Choros von Camargo Guarnieri auf Naxos 8.574197 (2019)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, August 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574403; EAN: 7 47313 44037 5 Nach der ersten Folge (Violine, Fl\u00f6te, Fagott) der Gesamtaufnahme s\u00e4mtlicher Choros f\u00fcr Soloinstrumente und Orchester von Camargo Guarnieri bringt die zweite CD die St\u00fccke f\u00fcr Klarinette, Klavier, Violoncello und Viola; dazu noch Flor de Trememb\u00e9. 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