{"id":5376,"date":"2022-08-31T10:44:00","date_gmt":"2022-08-31T08:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5376"},"modified":"2022-09-01T10:50:35","modified_gmt":"2022-09-01T08:50:35","slug":"zwei-spaetentdeckungen-aus-enescus-kammermusikschaffen-emotional-direkt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/31\/zwei-spaetentdeckungen-aus-enescus-kammermusikschaffen-emotional-direkt\/","title":{"rendered":"Zwei Sp\u00e4tentdeckungen aus Enescus Kammermusikschaffen \u2013 emotional direkt"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.573616; EAN: 7 47313 36167 0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Enescu-Klaviertrio-quartett-Naxos.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Enescu-Klaviertrio-quartett-Naxos-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5377\" width=\"421\" height=\"421\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Enescu-Klaviertrio-quartett-Naxos-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Enescu-Klaviertrio-quartett-Naxos-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Enescu-Klaviertrio-quartett-Naxos-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Enescu-Klaviertrio-quartett-Naxos-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Enescu-Klaviertrio-quartett-Naxos.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 421px) 100vw, 421px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Naxos hat sich schon immer auch f\u00fcr die Musik des grandiosen Rum\u00e4nen <\/em>George Enescu<em> stark gemacht. Auf der neuen CD mit zwei erst nach dem Tod des Komponisten ver\u00f6ffentlichten bzw. entdeckten Kammermusikwerken \u2013 dem Klaviertrio a-Moll (1916) und dem 1. Klavierquartett D-Dur (1909) \u2013 spielen <\/em>Stefan Tarara <em>(Violine)<\/em>, Molly Carr <em>(Viola)<\/em>, Eun-Sun Hong <em>(Violoncello)<\/em> <em>und<\/em> Josu De Solaun <em>(Klavier)<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald siebzig Jahre nach seinem Tod geh\u00f6ren die meisten der erstaunlichen Meisterwerke des Rum\u00e4nen <em>George Enescu<\/em> (1881\u20131955) immer noch nicht zum Standardrepertoire der klassischen Moderne. Ob der Hauptgrund daf\u00fcr tats\u00e4chlich in der lange enormen Popularit\u00e4t seiner beiden <em>Rum\u00e4nischen Rhapsodien<\/em> zu suchen ist, die ja sein Werk v\u00f6llig unterbelichtet erscheinen lassen m\u00fcssen, oder in der \u00fcberragenden Bekanntheit Enescus als einer der bedeutendsten Geiger und P\u00e4dagogen der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, sei mal dahingestellt. Ersteres w\u00e4re nun in etwa so, als ob man \u00fcber Beethovens <em>Wellingtons Sieg<\/em> dessen Symphonien, Sonaten und Streichquartette v\u00f6llig vergessen h\u00e4tte. Dass Enescu wohl ebenso versiert Klavier spielte wie die Violine, wissen freilich auch nur die Wenigsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Enescu war vielmehr einer derjenigen Zeitgenossen, die in ihrem Werk eben keinen radikalen Bruch mit der Sp\u00e4tromantik vollzogen haben, trotzdem komplex und zum Teil ebenso eigenwillig innovativ wie herausfordernd f\u00fcr Interpreten und H\u00f6rer sind. Das sp\u00fcrt man beispielhaft in der hier vorgestellten Kammermusik. Das dreis\u00e4tzige <em>Erste Klavierquartett<\/em> von 1909 ist mit 37 Minuten ein echtes Schwergewicht der Gattung \u2013 mit zyklischer Transformation sogar \u00fcber die Satzgrenzen hinaus verwandter Themen und gro\u00dfer emotionaler Spannweite. Nach der erfolgreichen Urauff\u00fchrung erklang das St\u00fcck zu Lebzeiten dennoch lediglich zweimal \u2013 jeweils mit Enescu am Klavier (!) \u2013 und wurde erst 1965 gedruckt. Das relativ knappe einzige <em>Klaviertrio<\/em> des Komponisten, das zwischen 1911 und 1916 entstand, blieb sogar bis zu seinem Tod in der Schublade. 1965 entdeckt und noch viel sp\u00e4ter von Pascal Bentoiu ediert, geh\u00f6rt es bisher eher zu den Rarit\u00e4ten Enescus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Protagonisten des <em>Trios<\/em> \u2013 der Heidelberger Violinist <em>Stefan Tarara<\/em>, die s\u00fcdkoreanische Cellistin <em>Eun-Sun Hong<\/em> und der spanisch-amerikanische Pianist <em>Josu De Solaun<\/em> \u2013 waren jeweils in ihrem Fach erste Preistr\u00e4ger des internationalen George Enescu Wettbewerbs 2014. De Solaun hat bereits Enescus komplettes Soloklavierwerk f\u00fcr <em>Grand Piano<\/em> eingespielt. Vergleicht man die vorliegende Darbietung (entstanden 2017 in Valencia) mit der des britischen Schubert Ensembles (2012), so f\u00e4llt zun\u00e4chst auf, dass sich letztere nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Autograph in vielen Details nicht an die Bentoiu-Fassung halten. Inwieweit auch die Neueinspielung teils eigene Lesarten ber\u00fccksichtigt, kann der Rezensent mangels Notenmaterials leider nicht bewerten; jedenfalls gibt es Unterschiede im Text beider Aufnahmen. Dass Enescu es im Kopfsatz nach hochexpressivem Beginn verinnerlichter und ruhiger angehen l\u00e4sst, kommt dem britischen Understatement des Schubert Ensembles entgegen. Aber schon im langsamen Variationssatz beweisen die Naxos-Musiker gr\u00f6\u00dfere Geschmeidigkeit und Finesse \u2013 etwa gleich in der Presto-Variation. Und im bedrohlich stampfenden Einleitungsteil des Finales klingen sie wirklich desolat, sind mittendrin im Geschehen; nicht nur kultivierte Betrachter eines intelligent angelegten Klangpanoramas wie ihre britische Konkurrenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt emotional direkter, daf\u00fcr klanglich streckenweise weniger feinsinnig als das Schubert Ensemble (2010), scheinen Tarara, Hong und De Solaun \u2013 nun verst\u00e4rkt durch die US-Bratscherin <em>Molly Carr<\/em> \u2013 auch f\u00fcr das <em>1. Klavierquartett<\/em> geradezu pr\u00e4destiniert. Hier wird individuellen Momenten der Einzelstimmen deutlich mehr Entfaltungsm\u00f6glichkeit gew\u00e4hrt: Man h\u00f6re etwa die Bratschenstelle I.&nbsp;Satz, 7.&nbsp;Takt nach Zif.&nbsp;[17] (Track [4], ab 7\u201838\u201c), ausdr\u00fccklich mit <em>molto espressivo <\/em>versehen, die von Carr als h\u00f6chst schmerzlicher Einwurf gestaltet wird, bei den Briten lediglich ein korrespondierendes R\u00e4dchen im Stimmengeflecht. Derlei Intensit\u00e4t macht den 14-min\u00fctigen Kopfsatz nat\u00fcrlich ebenso f\u00fcr den H\u00f6rer zu einer Tour de Force. Das atmosph\u00e4risch dichte, einerseits noch am franz\u00f6sischen Impressionismus geschulte, gleichzeitig die sp\u00e4tere Metamorphosentechnik des D\u00e4nen <em>Vagn Holmboe<\/em> vorwegnehmende <em>Andante mesto <\/em>\u00fcberzeugt bei beiden Ensembles. Im Finale gewinnt jedoch wiederum die Neuaufnahme, ist zupackender, besonders im Klavier virtuoser; gerade auch der fulminante, nochmals das Hauptthema rekapitulierende Schluss wirkt da stringent, beim Schubert Ensemble droht er beinahe zu zerfallen. Die Naxos-Technik betont noch die Direktheit der Auff\u00fchrungen; hingegen l\u00e4sst die R\u00e4umlichkeit etwas zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Als wirklich \u00e4rgerlich erweist sich der leider suboptimal gestimmte Fl\u00fcgel, vor allem beim Quartett. Richard Whitehouses Booklettext ist wie immer konzentriert und informativ. Man darf also die mehr als interessante Erweiterung der Enescu-Diskographie mit \u00e4u\u00dferst kompetenten Musikern unter Kammermusikfreunden durchaus willkommen hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Klavierquartett: Schubert Ensemble (Chandos CHAN 10672, [2010])<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li>Klaviertrio: Schubert Ensemble (Chandos CHAN 10790, [2012 ])<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, August 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.573616; EAN: 7 47313 36167 0 Naxos hat sich schon immer auch f\u00fcr die Musik des grandiosen Rum\u00e4nen George Enescu stark gemacht. Auf der neuen CD mit zwei erst nach dem Tod des Komponisten ver\u00f6ffentlichten bzw. entdeckten Kammermusikwerken \u2013 dem Klaviertrio a-Moll (1916) und dem 1. 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