{"id":539,"date":"2016-02-17T00:03:39","date_gmt":"2016-02-16T23:03:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=539"},"modified":"2016-02-17T00:04:02","modified_gmt":"2016-02-16T23:04:02","slug":"gipfel-der-romantischen-soloviolinliteratur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/02\/17\/gipfel-der-romantischen-soloviolinliteratur\/","title":{"rendered":"Gipfel der romantischen Soloviolinliteratur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Henri Vieuxtemps<br \/>\nWerke f\u00fcr Solovioline<br \/>\nAus den 36 Et\u00fcden op. 48: Nr. 6 \u201aErz\u00e4hlung\u2019, Nr. 7 \u201aQual\u2019, Nr. 25 Tarantella, Nr. 27 Agitato, Nr. 28 Moderato, Nr. 32 Corelli-Variationen<br \/>\n6 Morceaux op. 55<br \/>\nLa Chasse op. 32 Nr. 2<br \/>\n6 \u00c9tudes de concert op. 16<br \/>\nReto Kuppel (Violine)<br \/>\nNaxos 8. 573339 (ISBN: 747313339778)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Lucien0002.gif\" rel=\"attachment wp-att-540\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-540 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Lucien0002.gif\" alt=\"Lucien0002\" width=\"188\" height=\"187\" \/><\/a>Der Belgier Henri Vieuxtemps (1820-81) war nicht nur der \u00fcberragende Violinvirtuose seiner Generation, sondern vor allem ein ganz gro\u00dfer Musiker und wunderbarer Komponist. Bei Charles de B\u00e9riot als Geiger ausgebildet, lernte er Louis Spohr kennen, h\u00f6rte Niccol\u00f2 Paganini und erwarb sein kompositorisches R\u00fcstzeug bei dem so gestrengen wie eigenwilligen Kontrapunktmeister Anton\u00edn Reicha. Die Violinkonzerte Nr. 4 und 5 von Vieuxtemps geh\u00f6ren zu den sch\u00f6nsten Gattungsbeitr\u00e4gen der Epoche, werden bis heute gerne gelegentlich von all jenen Virtuosen dargeboten, die den puren romantischen Ausdruck in seiner Pracht und Sch\u00f6nheit lieben, und genie\u00dfen die volle Ignoranz der intellektuellen Kritik. Das besagt in diesem Fall nichts au\u00dfer dass es sich um sinnlich bestrickende Musik handelt, die au\u00dferdem vortrefflich komponiert ist und auch architektonisch \u2013 anders als die meisten Virtuosenkonzerte der Zeit \u2013 anspruchsvoll und stimmig, ja sogar interessant f\u00fcr das begleitende Orchester ist. Schande \u00fcber die Ignoranten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Qualit\u00e4ten von Vieuxtemps\u2019 Musik kennt, wird von diesen Solowerken nicht \u00fcberrascht sein. Wer sich bisher nicht damit befasst hat, umso mehr. Die meisten \u2013 auch Geiger \u2013 denken n\u00e4mlich, dass in der Sololiteratur f\u00fcr ihr Instrument zwischen den Capricen von Paganini und den Sonaten von Ysa\u00ffe eine Et\u00fcdenw\u00fcste liegt, die au\u00dfer Pierre Rode, Rodolphe Kreutzer, Charles de B\u00e9riot und \u00e4hnlichen f\u00fcr den Unterricht nach wie vor h\u00f6chst verdienstvollen Meistern nichts Nennenswertes hervorgebracht habe. Diese Einsch\u00e4tzung beruht einzig auf Unwissen, und vorliegende Aufnahme korrigiert sie in sch\u00f6nster Weise. Reto Kuppel ist M\u00fcnchner Konzertg\u00e4ngern als langj\u00e4hriger Konzertmeister des neben den Berliner Philharmonikern f\u00fchrenden Orchesters der Nation, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, bekannt. Warum seine solistische Karriere bisher nicht ganz nach oben gef\u00fchrt hat, darf nach dem H\u00f6ren dieser Aufnahme als R\u00e4tsel bezeichnet werden. Hier liegt zweifellos ein Album vor, das pr\u00e4destiniert ist, alle internationalen Preise \u2013 inklusive des lokalen Preises der Deutschen Schallplattenkritik \u2013 abzur\u00e4umen. Ob es bei letzterem Gremium, das fast immer nur auszeichnet, was bereits allerorten etabliert ist, dazu kommen wird, ist allerdings \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig, denn wahrscheinlich werden sich die in Ehren ergrauten Juroren diese Scheibe gar nicht erst anh\u00f6ren. Lassen wir sie also einfach links liegen und widmen uns kurz und knapp dem wertvollen Gegenstand der Besprechung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann hier vorz\u00fcglich die Reifung des Stils von Vieuxtemps, wenngleich nicht chronologisch angeordnet, mitvollziehen \u2013 von den noch insgesamt, bei aller Noblesse und Satzkunst, etwas salonhafteren und technischer orientierten sechs Konzertet\u00fcden op. 16 (1845) und der obsessiven Studie \u201aLa chasse\u2019 aus op. 32 \u00fcber die sechs gro\u00dfartigen Nummern aus den Et\u00fcden op. 48 aus den 1870er Jahren zu den sechs erlesen verfeinerten und dabei in der Vitalit\u00e4t kein bisschen verringerten, sechs postum publizierten St\u00fccken op. 55. Vieuxtemps verschmilzt die Einfl\u00fcsse seiner Vorg\u00e4nger Bach, Viotti, Paganini und B\u00e9riot, aber auch anderer gro\u00dfer Komponisten aus Klassik und Romantik, die keine Meistergeiger waren, zu einem absolut authentischen, schw\u00e4rmerisch empfindsamen, melodisch tragf\u00e4higen, harmonisch substanziellen, motivisch und rhythmisch hochlebendigen Ganzen. Ja, hier vereinen sich Bach und Paganini, bevor sein geistiger Nachfolger Ysa\u00ffe in sp\u00e4ten Jahren seine neue, eigene Fusion schuf. Sollte bei Ysa\u00ffe das impressionistische Element neu sein, so war es bei Vieuxtemps das romantische. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass er nur ein Jahrzehnt nach Chopin, Mendelssohn, Schumann und Liszt geboren wurde! Das war damals die Avantgarde!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowohl die furios virtuosen Paradest\u00fccke wie Torment, Tarantella oder Agitato aus op. 48 als auch die eher meditativ lyrischen Miniaturen zeugen von hoher kompositorischen Meisterschaft und beherrschter Leidenschaft. Die postumen St\u00fccke erklimmen einen weiteren Gipfel, der sich zum Beispiel in einem herrlich stilisierten, geigerisch mehr als reizvollen Menuett oder in einer an Bach gemahnenden gro\u00dfen Fuge ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reto Kuppel spielt all das nicht nur mit einer exzeptionellen Liebe und Sorgfalt, sondern \u00fcberdies mit \u00fcberall \u00fcberlegenster geigerischen Meisterschaft. Herrlich, wie er auch die unteren Noten der gebrochenen Akkorde stets klar resonieren l\u00e4sst, wie sein Spiel bei allem Feinsinn und aller nie verk\u00fcnstelten Raffinesse stets eine Klarheit und Entschiedenheit ausstrahlt, den Mut des Spontanen, der sich in seiner nat\u00fcrlichen Emphase niemals gehen l\u00e4sst. Das ist vorbildlich und wegweisend. Auch die Klangtechnik ist ausgezeichnet, und der Booklettext von Bruce Schueneman fasst kompetent das Wesentliche zusammen. Eine ideale Vorzeigeproduktion, die in sch\u00f6nster Weise den Weg in unbekannte Musik weist, die l\u00e4ngst in den Konzerts\u00e4len in aller Welt heimisch sein sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, Februar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henri Vieuxtemps Werke f\u00fcr Solovioline Aus den 36 Et\u00fcden op. 48: Nr. 6 \u201aErz\u00e4hlung\u2019, Nr. 7 \u201aQual\u2019, Nr. 25 Tarantella, Nr. 27 Agitato, Nr. 28 Moderato, Nr. 32 Corelli-Variationen 6 Morceaux op. 55 La Chasse op. 32 Nr. 2 6 \u00c9tudes de concert op. 16 Reto Kuppel (Violine) Naxos 8. 573339 (ISBN: 747313339778) Der Belgier &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/02\/17\/gipfel-der-romantischen-soloviolinliteratur\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Gipfel der romantischen Soloviolinliteratur<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[38,491,492],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/539"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=539"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/539\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":542,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/539\/revisions\/542"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=539"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=539"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=539"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}