{"id":5400,"date":"2022-09-12T16:35:12","date_gmt":"2022-09-12T14:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5400"},"modified":"2022-09-14T16:43:31","modified_gmt":"2022-09-14T14:43:31","slug":"raffs-samson-in-weimar-uraufgefuehrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/09\/12\/raffs-samson-in-weimar-uraufgefuehrt\/","title":{"rendered":"Raffs Samson in Weimar uraufgef\u00fchrt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Joachim Raffs 1857 vollendete Oper <\/em>Samson<em> wurde am 11.&nbsp;September 2022 unter Leitung Dominik Beykirchs in der Inszenierung Calixto Bietos im Deutschen Nationaltheater Weimar uraufgef\u00fchrt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Joachim Raff, mit seinen Klavier-, Kammermusik- und Orchesterwerken einer der meistgespielten Komponisten des 19. Jahrhunderts, hatte mit seinen Opern deutlich weniger Gl\u00fcck. Nur zwei der insgesamt sechs Werke dieser Gattung, <em>K\u00f6nig Alfred<\/em> (UA 1851) und <em>Dame Kobold<\/em> (UA 1870), gelangten zu seinen Lebzeiten auf die B\u00fchne, und nur <em>Dame Kobold<\/em> erwies sich als so erfolgreich, dass sie gedruckt wurde (ihre Ouvert\u00fcre wird heutzutage im Rundfunk gern gesendet). Die \u00fcbrigen Opern Raffs mussten dagegen lange warten, bis sie erstmals zum Erklingen gebracht wurden. <em>Die Parole<\/em> (1868) wartet bis heute. <em>Benedetto Marcello<\/em> (1878), deren Hauptfigur der bekannte Barockkomponist ist, war 2002 auf den Herbstlichen Musiktagen in Bad Urach konzertant zu h\u00f6ren, wurde aber bislang nicht inszeniert. Raffs letzte Oper, <em>Die Eifers\u00fcchtigen<\/em>, die er in seinem Todesjahr 1882 schrieb, wurde vor wenigen Tagen, am 3.&nbsp;September 2022, im Theater Arth (Schweiz, Kanton Zug) erstmals gespielt. Den \u00e4u\u00dferen Anlass bot das 200-Jahr-Jubil\u00e4um des Komponisten, der 1822 in Lachen am Z\u00fcrichsee geboren wurde. Ebenfalls aus diesem Grunde folgte nun, am 11.&nbsp;September, im Deutschen Nationaltheater Weimar die Urauff\u00fchrung des biblischen Musikdramas <em>Samson<\/em> \u2013 und man fragt sich: \u201eWarum erst jetzt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des <em>Samson<\/em> zeigt einmal mehr, wie sehr das Schicksal einer Oper von Zuf\u00e4llen abh\u00e4ngen kann, und dass eine H\u00e4ufung ung\u00fcnstiger Ereignisse im Stande sein kann, ein St\u00fcck, das eigentlich alles hat, um auf der B\u00fchne erfolgreich zu sein, gar nicht erst auf dieselbe kommen zu lassen. Raff begann im Jahr 1851 mit den Arbeiten an der Oper \u2013 zu einer Zeit, als er in Weimar f\u00fcr Franz Liszt als eine Art musikalischer Assistent t\u00e4tig war und dort dessen Einsatz f\u00fcr die Werke Richard Wagners aus n\u00e4chster N\u00e4he miterleben konnte. Wie Wagner schrieb er sich das Libretto selbst, und vertiefte sich dazu so intensiv in die alttestamentarische Geschichte von Samson und Delilah, dass er kurzzeitig sogar daran dachte, an der Jenaer Universit\u00e4t \u00fcber den Stoff zu promovieren. Die musikalische Ausarbeitung beendete er erst 1857 nach seiner \u00dcbersiedelung nach Wiesbaden. Gerade als er mit Franz Liszt in Verhandlungen \u00fcber eine Urauff\u00fchrung des Werkes in Weimar getreten war, ereignete sich dort der Skandal um Peter Cornelius&#8216; <em>Barbier von Bagdad<\/em>, in dessen Folge Liszt sich mit dem Hoftheater zerstritt und sein Kapellmeisteramt niederlegte. Geplante Auff\u00fchrungen in Wiesbaden und Darmstadt zerschlugen sich wegen Besetzungsschwierigkeiten. Sp\u00e4ter begeisterte sich der ber\u00fchmte Tenor Ludwig Schnorr von Carolsfeld, Wagners erster Tristan, f\u00fcr das Werk, doch starb er 1865 v\u00f6llig \u00fcberraschend, bevor er irgendwo eine Inszenierung hatte erreichen k\u00f6nnen. Sp\u00e4testens nachdem 1877 Camille Saint-Sa\u00ebns mit <em>Samson et Dalila<\/em> den gleichen Stoff erfolgreich auf die B\u00fchne gebracht hatte, resignierte Raff \u2013 l\u00e4ngst als Instrumentalkomponist ber\u00fchmt geworden \u2013 und \u00fcberlie\u00df es der Nachwelt, sich um seinen <em>Samson<\/em> zu k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, da man erstmals die Gelegenheit hatte, Raffs Oper zu h\u00f6ren, kann man getrost sagen, dass die Zeitgenossen des Komponisten ein bedeutendes Werk verpasst haben. Bereits die Art und Weise, wie Raff den Bibelstoff dichterisch bearbeitet, zeugt vom dramatischen Talent des Autors. Die Figur der Delilah formt er g\u00e4nzlich um und gewinnt dadurch Personenkonstellationen, die die Vorlage nicht hergibt. Erscheint Delilah in der Bibel als k\u00fchl berechnende und bestechliche Frau, die Samson mit voller Absicht ins Verderben lockt, so liebt sie ihn in Raffs Drama genauso wie er sie. Dadurch verschwindet die Tendenz der Vorlage: Man erlebt den Konflikt der Israeliten und Philister als neutraler Beobachter und wird nicht vom Dichterkomponisten dazu verleitet, sich auf eine Seite zu schlagen. Auch musikalisch ergreift Raff nicht Partei. Das Fest der Philister im letzten Akt h\u00e4tte gewiss die M\u00f6glichkeit geboten, es als eine Art schwarze Messe zu vertonen. Die Musik ist aber schlicht festlich und fr\u00f6hlich. Raff hatte kein Interesse daran, die Philister pauschal als B\u00f6sewichte zu zeichnen. Die Gewichtung liegt nicht auf den politischen, sondern auf den pers\u00f6nlichen Konstellationen. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Liebe zweier Menschen aus einander feindlich gesinnten Lagern \u2013 \u00e4hnlich <em>Romeo und Julia<\/em>. Samson ist, wie in der Bibel, ein b\u00e4renstarker Krieger und besiegt im ersten Akt die Philister mit Leichtigkeit. Allerdings verzichtet Raff nahezu g\u00e4nzlich auf einen in der Vorlage eminent wichtigen Teil der Handlung: Wir erleben nicht, dass Delilah Samson nach den Quellen seiner Kraft ausfragt, auch fehlt dem Werk eine Szene, in der ihm die Haare (seine Energiequelle) geschnitten werden. Samson selbst ist es, der sich aus Liebe zu Delilah die Haare schneidet (was zwischen zweitem und dritten Akt passiert sein muss). Delilah hilft ihren Landsleuten nur dabei Samson gefangen zu nehmen, weil sie f\u00fcrchtet, er, der sich nach seinem Sieg freiwillig am Hof der zum Frieden gezwungenen Philister aufh\u00e4lt, k\u00f6nne sie wieder verlassen. Von der Absicht ihn zu blenden, ahnt sie nichts. Da Delilah bei Raff die Tochter des Philisterk\u00f6nigs Abimelech ist, ergibt sich die M\u00f6glichkeit, auch diesen als differenzierten Charakter zu gestalten: In seinem gro\u00dfen Monolog im zweiten Akt schwankt er, ob er sich gegen Samson verschw\u00f6ren, oder ihn aus R\u00fccksicht auf das Liebesgl\u00fcck seiner Tochter verschonen soll. Erst der energische Einspruch seiner Heerf\u00fchrer und des Oberpriesters bewegt ihn dazu, Samsons Gefangennahme zu betreiben. Auch am Schluss \u00e4ndert Raff die Vorlage entscheidend: Delilah verkleidet sich als israelitischer Knabe, um Samson auf dem Dagonsfest zwischen die S\u00e4ulen des Tempels f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Als er den Tempel zum Einsturz bringt, stirbt sie mit ihm \u2013 auch ein Liebestod&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Dem spannungsvoll angelegten Libretto entspricht eine meisterliche musikalische Gestaltung. Jeder der f\u00fcnf Akte ist pausenlos durchkomponiert und bildet eine zusammenh\u00e4ngende Gro\u00dfform, was teils durch wiederkehrende Motive unterstrichen wird. Unbestreitbar ist diese Konzeption auf Wagners Einfluss zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es w\u00e4re aber eine grobe Vereinfachung, w\u00fcrde man Raff deswegen als einen Nachahmer Wagners bezeichnen. Verglichen mit Wagner wirken seine Melodien schlichter. Im Orchesterklang bevorzugt er hellere Farben. In der Harmonik hat er keine Angst vor k\u00fchnen Fortschreitungen, bewegt sich \u00fcberhaupt auf der H\u00f6he des im mittleren 19.&nbsp;Jahrhundert Erreichten, aber eigentlich \u201ewagnerisch\u201c wirkt seine Handhabung der Chromatik nicht. Man tut, anstatt ihn vorschnell mit einem Etikett zu versehen, gut daran, ihn als einen durchaus eigenen Kopf zu betrachten, der die Entwicklungen seiner Zeit wachen Sinnes verfolgt, kritisch sichtet und sich davon dienstbar macht, was der Umsetzung seiner k\u00fcnstlerischen Pl\u00e4ne n\u00fctzt. Im <em>Samson<\/em> muss man nicht nur die Geschlossenheit der einzelnen Akte loben, sondern auch die Steigerung zum Schluss hin. Der letzte Akt ist zugleich der musikalisch hervorragendste. Raff hat hier, in Anlehnung an die franz\u00f6sische Gro\u00dfe Oper, die Tempelszene als umfangreiche Ballettnummer gestaltet und mit einer Suite delikat instrumentierter, teils anmutiger, teils schwungvoller T\u00e4nze versehen, die geschickt zum katastrophalen, im wahrsten Sinne des Wortes best\u00fcrzenden Finale hinf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die musikalische Umsetzung betrifft, so k\u00f6nnen die Kr\u00e4fte des Weimarer Nationaltheaters stolz auf sich sein. Die Staatskapelle Weimar unter der Leitung Dominik Beykirchs zeigte sich hochmotiviert. Besonderes Lob verdienen die w\u00e4hrend der zeremoniellen Szenen auf der B\u00fchne spielenden Blechbl\u00e4ser. Emma Moore, eine sehr wandlungsf\u00e4hige Sopranistin, gestaltete Delilah angemessen vielschichtig und brachte mit gleichem Geschick die zarte wie die energische Seite ihrer Figur zum Ausdruck. Uwe Schenker-Primus \u00fcberzeugte als zwischen Zaudern und Handeln hin- und hergerissener Philisterk\u00f6nig, ebenso Avtandil Kaspeli als mit d\u00e4monischer Energie die Handlung vorantreibender Oberpriester. Mit Peter Sonn stand f\u00fcr die Titelrolle ein seine Kr\u00e4fte klug disponierender Tenor zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Briefen, die Raff an Liszt schrieb, w\u00e4hrend er mit ihm \u00fcber eine Auff\u00fchrung des Samson in Weimar verhandelte, wissen wir, dass er gro\u00dfen Wert auf eine genaue Umsetzung seiner Vorstellungen legte. Mit Recht, denn wer sich die M\u00fche macht, ein psychologisch vielschichtiges Werk zu dichten und es mit dem ihm zur Verf\u00fcgung stehenden gro\u00dfen kompositorischen K\u00f6nnen in Musik zu setzen, der darf wohl erwarten, dass man sich zumindest bei der Urauff\u00fchrung an seine Vorgaben h\u00e4lt. Was h\u00e4tte dagegen gesprochen, dies auch 2022 zu tun? Besser als mit der Inszenierung Calixto Bieitos w\u00e4re das Theater auf jeden Fall damit gefahren. Bieito hat Raffs Werk im Grunde nur genutzt, um eine Reihe infantiler Einf\u00e4lle auf die B\u00fchne zu bringen, die sich \u00fcberdies schnell abnutzen. W\u00e4hrend in der ersten H\u00e4lfte ein Konzept noch insofern erkennbar war, als dass der Regisseur die in den Dialogen unterschwellig pr\u00e4senten Machtfragen zwischen den Figuren durch gegenseitiges Pr\u00fcgeln und Schubsen zum Ausdruck brachte, gelegentlich auch durch Andeutungen sexueller Handlungen (die kein bisschen provokant, eher routiniert, ja beinahe pr\u00fcde wirkten), so war die zweite H\u00e4lfte nach der Pause nur noch albern und \u00e4rgerlich. Wenn man am Haus kein Ballett hat, so kann man doch eine Tanzszene immer noch durch der Musik angemessene Bewegungen der Mitwirkenden sinnvoll umsetzen. Stattdessen geriet die Szene im Tempel Dagons in Bieitos Inszenierung zu einer armseligen Regietheater-Karikatur. Es wurde ein Basketball hin und her geworfen, dann setzte sich der Chor auf den Boden und fing an, lachend Pl\u00fcschtiere in die Luft zu werfen. Schlie\u00dflich torkelten alle Beteiligten wie besoffen im Kreis \u00fcber die B\u00fchne und schlenkerten sinnlos mit den Armen herum. Statt den Schwung der Tempelt\u00e4nze zu einer interessanten Choreographie zu nutzen, wurde die Musik hier mit allen Mitteln gest\u00f6rt. Auch die Wirkung des Schlussakkordes wurde in Mitleidenschaft gezogen: Eigentlich war der Tempel schon eingest\u00fcrzt, doch sah man Samson noch nach Verklingen der Musik am Boden kauern und sich schluchzend in H\u00e4nde und Arme bei\u00dfen. Was soll dieser Unsinn? Man kann dem Werk, das fraglos zum Bedeutendsten geh\u00f6rt, was Raff geschrieben hat, und unter den Werken der deutschen Zeitgenossen Richard Wagners einen hohen Rang beanspruchen darf, nur w\u00fcnschen, dass es einmal in einer guten Inszenierung \u00fcber eine B\u00fchne geht!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, September 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Raffs 1857 vollendete Oper Samson wurde am 11.&nbsp;September 2022 unter Leitung Dominik Beykirchs in der Inszenierung Calixto Bietos im Deutschen Nationaltheater Weimar uraufgef\u00fchrt. Joachim Raff, mit seinen Klavier-, Kammermusik- und Orchesterwerken einer der meistgespielten Komponisten des 19. Jahrhunderts, hatte mit seinen Opern deutlich weniger Gl\u00fcck. Nur zwei der insgesamt sechs Werke dieser Gattung, K\u00f6nig &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/09\/12\/raffs-samson-in-weimar-uraufgefuehrt\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Raffs Samson in Weimar uraufgef\u00fchrt<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[4459,4455,4453,4452,4272,4454,4458,4456,4410,4457,4372],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5400"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5400"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5400\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5403,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5400\/revisions\/5403"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5400"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5400"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5400"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}