{"id":5417,"date":"2022-09-20T18:37:38","date_gmt":"2022-09-20T16:37:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5417"},"modified":"2022-10-31T03:21:15","modified_gmt":"2022-10-31T02:21:15","slug":"musikalischer-chronist-der-ukrainischen-geschichte-jewhen-stankowytsch-zum-80-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/09\/20\/musikalischer-chronist-der-ukrainischen-geschichte-jewhen-stankowytsch-zum-80-geburtstag\/","title":{"rendered":"Musikalischer Chronist der ukrainischen Geschichte \u2013 Jewhen Stankowytsch zum 80.\u00a0Geburtstag"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Violinwerke.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Violinwerke.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5418\" width=\"448\" height=\"448\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Violinwerke.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Violinwerke-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Violinwerke-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Holodomor, Babyn Jar, Tschernobyl \u2013 den Schreckensereignissen der ukrainischen Geschichte hat Jewhen Stankowytsch eindringliche Mahnmale in T\u00f6nen errichtet. In den folkloristischen Traditionen seiner Heimat tief verwurzelt, steigerte er deren Elemente zu einem scharf profilierten Personalstil und schuf zahlreiche Orchester-, Kammermusik-, Vokal- und B\u00fchnenwerke. Das Friedensgebet mit dem er seine 2015 entstandene Kammersymphonie Nr.&nbsp;12 schloss, blieb bis heute unerh\u00f6rt. In einem vom Krieg ersch\u00fctterten Land beging Jewhen Stankowytsch, einer der gro\u00dfen Komponisten unserer Zeit, am 19. September 2022 seinen 80. Geburtstag.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jewhen Fedorowytsch Stankowytsch (zur Zeit der Sowjetunion auch in der russischen Form seines Namens als Jewgenij Fjodorowitsch Stankowitsch bekannt, in englischen Ver\u00f6ffentlichungen Yevhen Stankovych geschrieben) stammt aus der Oblast Transkarpatien, dem ethnisch gemischten Grenzgebiet der Ukraine zu Polen, der Slowakei, Ungarn und Rum\u00e4nien. Er kam 1942 in Swaljawa als Sohn einer Lehrerfamilie zur Welt. Im Alter von zehn Jahren erlernte er das Spiel auf dem Bajan (dem osteurop\u00e4ischen Knopfakkordeon) und versuchte sich bald in der Komposition. An der Musikhochschule der Oblasthauptstadt Ushhorod studierte er Violoncello, bevor er 1961 ans Konservatorium nach Lemberg wechselte, wo er ersten Kompositionsunterricht von Adam So\u0142tys erhielt. Nach mehrj\u00e4hriger Unterbrechung durch den Milit\u00e4rdienst setzte er seine Studien 1965 am Kiewer Konservatorium, der heutigen Nationalen Musikakademie der Ukraine P.\u00a0I. Tschaikowskyj, fort. Sein wichtigster Lehrer war dort Borys Ljatoschynskyj, der herausragende ukrainische Symphoniker seiner Zeit. Nach dessen Tod 1968 schloss Stankowytsch seine Komponistenausbildung bei Myroslaw Skoryk ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Stankowytsch wuchs in ein sowjetisches Musikleben hinein, f\u00fcr das Dmitrij Schostakowitsch bereits ein Klassiker war. Auch waren die ersten Regungen eines westlich orientierten Avantgardismus sp\u00fcrbar geworden. In der Ukraine hatte namentlich Walentyn Sylwestrow w\u00e4hrend der 1960er Jahre mit Kompositionen, die sich der Zw\u00f6lftonmethode bedienten, f\u00fcr Aufsehen bzw. bei den Kulturbeh\u00f6rden f\u00fcr Unmut gesorgt. Nach wie vor waren in der staatlich gef\u00f6rderten Musikpublizistik jene Stimmen beherrschend, die den \u201eSozialistischen Realismus\u201c als \u00e4sthetische Richtlinie f\u00fcr das kompositorische Schaffen propagierten. In diesem Umfeld erfuhren Stankowytschs Fr\u00fchwerke gleicherma\u00dfen Zustimmung wie Ablehnung. Einerseits erhielt er Preise, sein Ruf als eines der hervorragendsten Nachwuchstalente der ukrainischen Musik festigte sich, anderseits musste er heftige Kritik \u00fcber sich ergehen lassen. Die Kulturfunktion\u00e4re wussten nicht recht, wie sie ihn einzustufen hatten. Teils erschienen ihnen seine Werke als zu modern, teils als zu \u2013 folkloristisch! So wurde seine erste Oper <em>Wenn der Farn bl\u00fcht<\/em> 1979 unmittelbar vor der bereits angesetzten Urauff\u00fchrung verboten (sie kam erst 2017 in Lemberg auf die B\u00fchne). Zwar basiert die Musik des St\u00fcckes auf originalen ukrainischen Volksges\u00e4ngen, doch wurde der Inhalt, der keinerlei Bez\u00fcge zur sowjetischen Gegenwart aufweist und stattdessen Kulte der heidnischen Fr\u00fchzeit und die Lebenswelt der Saporoger Kosaken beschreibt, zum Anlass genommen, das Werk unter dem Vorwurf des Nationalismus aus dem Programm zu verbannen. Auch entfaltet Stankowytsch, der sich nach eigener Aussage vom \u201eMelos der Zentral-Ukraine bzw. von der einzigartigen Mehrstimmigkeit des Saporoger Sitsch, also des Kosakentums, einerseits und von Karpaten- oder Huzulen-Folklore anderseits\u201c inspirieren lie\u00df, hier mit betont archaisierender Harmonik und dem Einsatz zahlreicher Schlaginstrumente ein Folklorepanorama, dessen Eigenart sich kaum mit Begriffen wie \u201etraditionell\u201c oder \u201emodernistisch\u201c erfassen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Avantgardist ist Stankowytsch in der Tat nie gewesen. Die formbildende Kraft der Tonalit\u00e4t hat er in seinem Schaffen nie verleugnet und auch in der Wahl der Gattungen stets die Anbindung an die Tradition gesucht. Einer bestimmten Stilrichtung oder Schule l\u00e4sst er sich allerdings kaum zurechnen. Charakteristisch f\u00fcr Stankowytschs Komponieren ist sein breites Spektrum harmonischer Stilmittel. Die Einfachheit der heimatlichen Folklore und des orthodoxen Kirchengesangs fungieren als ein gedachtes Zentrum, von dem ausgehend er zu komplexen Harmoniegebilden gelangt, die jedoch stets die Beziehung zum Ursprung wahren. Von der Diatonik zum Cluster ist es f\u00fcr Stankowytsch nur ein kleiner Schritt \u2013 vor allem ein Schritt, bei dem die Richtung klar ist. Seine F\u00e4higkeit zur musikalischen Synthese zeigt sich in seinen Werken besonders dann, wenn er originale Volksmelodien verarbeitet. Sie f\u00fcgen sich nahtlos in den Kontext einer dissonanzges\u00e4ttigten modernen Harmonik ein, die letztlich auf den gleichen Grundlagen aufbaut wie die Diatonik der Folklore. Viele Werke Stankowytschs gewinnen ihre Spannung aus der Gegen\u00fcberstellung scharf kontrastierender Gedanken. Elementare, grobk\u00f6rnige Kurzmotive wechseln mit ausgedehnten elegischen Kantilenen. Auch instrumentatorisch werden diese Kontraste hervorgehoben. \u00dcberhaupt ist Stankowytschs Einfallsreichtum als Instrumentator schier unersch\u00f6pflich. Man h\u00f6re sich einmal seine zwischen 1973 und 2003 entstandenen sechs Symphonien an, die sich in ihren Besetzungen deutlich voneinander unterscheiden. In Nr.&nbsp;1 und Nr.&nbsp;4, der <em>Sinfonia larga<\/em> und der <em>Sinfonia lirica<\/em>, verlangt er nur nach 15 bzw. 16 Solostreichern, denen er eine solche Vielfalt an Kl\u00e4ngen abgewinnt, dass man mitunter meint, ein vollbesetztes Symphonieorchester zu h\u00f6ren. Nr.&nbsp;2, die <em>Heroische<\/em>, und Nr. 6 sind seine einzigen Symphonien f\u00fcr eine \u201egew\u00f6hnliche\u201c Besetzung. Bei Nr.&nbsp;3, <em>Ich best\u00e4rke mich selbst<\/em>, handelt es sich um eine Symphoniekantate f\u00fcr Soli, gemischten Chor und Orchester nach Gedichten von Pawlo Tytschyna. Nr.&nbsp;5, die <em>Symphonie der Pastoralen<\/em>, n\u00e4hert sich durch Verwendung einer Solovioline dem Konzertanten. Besonders intensiv hat sich Stankowytsch der Kammersymphonie zugewandt und geh\u00f6rt mit mittlerweile 15 Werken zu den produktivsten Komponisten auf diesem Gebiet. Offensichtlich reizt es ihn besonders, sich auf ein kleines Instrumentarium zu beschr\u00e4nken, um diesem einen maximalen Reichtum an Kl\u00e4ngen zu entlocken. Jede der Kammersymphonien ist f\u00fcr eine andere Besetzung geschrieben. Wiederholt weist er einem bestimmten Instrument solistische Aufgaben zu (Nr.&nbsp;3 Fl\u00f6te, Nr.&nbsp;5 Klarinette, Nr.&nbsp;6 Horn, Nr.&nbsp;9 Klavier). Das eigentliche Fach der konzertanten Musik hat Stankowytsch mit zwei Viola-, zwei Violoncello- und sieben Violinkonzerten ebenfalls reich bedacht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Symphonien.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Symphonien.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5419\" width=\"335\" height=\"335\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Symphonien.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Symphonien-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Stankowytsch-Symphonien-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 335px) 100vw, 335px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Stankowytschs freier Umgang mit traditionellen Formkonzepten l\u00e4sst sich exemplarisch anhand seiner Zweiten Symphonie studieren. Das Werk besteht aus drei S\u00e4tzen, die ohne Pause aufeinander folgen. Der erste stellt einem trotzigen, dreit\u00f6nigen Streichermotiv ein melodiebetontes Thema in den Bl\u00e4sern gegen\u00fcber und steigert beide in der Durchf\u00fchrung zu apokalyptischen Bildern. Der zweite, langsame Satz beginnt leise und polyphon in den Streichern, nimmt bald das Volkslied <em>O schau, Mutter, schau<\/em> auf und verarbeitet es auf vielf\u00e4ltige Weise. Er m\u00fcndet, allm\u00e4hlich lebhafter werdend, nahtlos in das kurze Finale, das weniger ein eigenst\u00e4ndiger Satz als eine gemeinsame Coda beider erster S\u00e4tze ist und mit Elementen beider die Symphonie zum kr\u00e4ftigen Ausklang f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wiederholt hat Stankowytsch in seinen Werken Ereignisse der ukrainischen Geschichte gestaltet. Die Oper <em>Wenn der Farn bl\u00fcht<\/em>, mit ihrer Thematisierung der Fr\u00fchgeschichte und des Saporoger Kosakenstaates, wurde bereits erw\u00e4hnt. Seine <em>Taras-Passion<\/em> (2013) behandelt das Schicksal des Nationaldichters Taras Schewtschenko (1814\u20131861), der wegen seiner als revolution\u00e4r eingestuften Gedichte zehn Jahre in die Verbannung nach Zentralasien geschickt wurde, wo ihm auf ausdr\u00fccklichen Befehl des Zaren verboten war, sich k\u00fcnstlerisch zu bet\u00e4tigen. Das 1992 komponierte <em>Requiem f\u00fcr die Opfer der Hungersnot<\/em> ist dem Ged\u00e4chtnis der Toten des Holodomor gewidmet, der von der sowjetischen Regierung w\u00e4hrend der 1930er Jahre zur Schw\u00e4chung des Bauernstandes gezielt ins Werk gesetzten Hungersnot, die in der Ukraine zu mehreren Millionen Toten f\u00fchrte. Diesem Werk voran ging 1991 das 2006 neu gefasste <em>Kaddisch-Requiem \u201eBabyn Jar\u201c<\/em>, das der Ermordung von 33.000 Kiewer Juden durch die SS im Jahr 1941 gedenkt. 2011, 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, komponierte Stankowytsch das Oratorium <em>Die Mutter von Tschernobyl<\/em>. Eines der j\u00fcngsten Werke dieses musikalischen Chronisten der Ukraine, das auf historische Geschehnisse Bezug nimmt, ist die 2015 entstandene Zw\u00f6lfte Kammersymphonie. Es handelt sich hierbei um die kammerorchestrale Fassung zweier im Jahr zuvor, nach dem Ausbruch des ukrainischen B\u00fcrgerkriegs, komponierter St\u00fccke f\u00fcr Violine und Klavier: <em>Fresko des Maidans<\/em> und <em>Gebet f\u00fcr den Frieden<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum heutigen Tage ist Jewhen Stankowytsch, der seit 1988 als Kompositionsprofessor an der Nationalen Musikakademie der Ukraine lehrt und von 2005 bis 2010 als Vorsitzender des Nationalen Komponistenverbands der Ukraine amtierte, ungebrochen sch\u00f6pferisch t\u00e4tig. Neben den genannten Kompositionen umfasst sein Werkverzeichnis noch zahlreiche weitere Orchester-, Kammermusik-, Vokal- und B\u00fchnenwerke, die es rechtfertigen, von ihm als dem hervorragendsten unter den lebenden ukrainischen Komponisten zu sprechen. Eine weitere Verbreitung seiner Werke auch au\u00dferhalb seiner Heimat erscheint gerade anl\u00e4sslich seines 80. Geburtstages sehr w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, September 2022]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>NB: Der Verfasser dankt Holger Sambale und Christoph Schl\u00fcren f\u00fcr wertvolle Hinweisungen und Korrekturen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holodomor, Babyn Jar, Tschernobyl \u2013 den Schreckensereignissen der ukrainischen Geschichte hat Jewhen Stankowytsch eindringliche Mahnmale in T\u00f6nen errichtet. In den folkloristischen Traditionen seiner Heimat tief verwurzelt, steigerte er deren Elemente zu einem scharf profilierten Personalstil und schuf zahlreiche Orchester-, Kammermusik-, Vokal- und B\u00fchnenwerke. 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