{"id":5436,"date":"2022-10-02T00:37:20","date_gmt":"2022-10-01T22:37:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5436"},"modified":"2023-05-24T13:08:04","modified_gmt":"2023-05-24T11:08:04","slug":"gleich-zwei-weltklasse-klangkoerper-beim-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/02\/gleich-zwei-weltklasse-klangkoerper-beim-raesonanz-stifterkonzert-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Gleich zwei Weltklasse-Klangk\u00f6rper beim \u201er\u00e4sonanz\u201c Stifterkonzert der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/raesonanz-Stifterkonzert-2022.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/raesonanz-Stifterkonzert-2022-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5444\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/raesonanz-Stifterkonzert-2022-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/raesonanz-Stifterkonzert-2022-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/raesonanz-Stifterkonzert-2022-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/raesonanz-Stifterkonzert-2022-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/raesonanz-Stifterkonzert-2022.jpg 1700w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Dieter Ammann, Jonathan Nott, OSR &#8211; \u00a9 Astrid Ackermann f\u00fcr musica viva\/BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das <\/em>r\u00e4sonanz<em> Stifterkonzert der Ernst von Siemens Musikstiftung fand dieses Jahr wieder im Rahmen der musica viva des BR im M\u00fcnchner Prinzregententheater statt. Wohl zum ersten Mal \u00fcberhaupt gastierte am Donnerstag, 29. September 2022, das Genfer <\/em>Orchestre de la Suisse Romande<em> unter seinem Chef <\/em>Jonathan Nott<em> in M\u00fcnchen. Dazu gesellte sich f\u00fcr die Urauff\u00fchrung von <\/em>Rebecca Saunders\u2018 <em>\u201eWound\u201c noch ein zw\u00f6lfk\u00f6pfiges Solistenensemble aus Mitgliedern und G\u00e4sten des Pariser <\/em>Ensemble Intercontemporain. <em>Au\u00dferdem erklangen <\/em>Pierre Boulez\u2018<em> \u201eMessagesquisse\u201c mit dem Solocellisten<\/em> L\u00e9onard Frey-Maibach <em>sowie die beiden Orchesterwerke \u201eBoost\u201c und \u201eGlut\u201c des Schweizers <\/em>Dieter Ammann<em>, der dieses Jahr seinen 60.&nbsp;Geburtstag feierte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>r\u00e4sonanz<\/em> Stifterkonzerte der Ernst von Siemens Musikstiftung erfreuen ja seit einigen Jahren einerseits mit ihrer Vorgabe, gerade besonders aufw\u00e4ndige, bereits nach ihren Urauff\u00fchrungen hochger\u00fchmte Orchesterwerke in Perfektion erneut zur Diskussion zu stellen. Daneben bringen sie im Rahmen der <em>musica viva <\/em>ausw\u00e4rtige Klangk\u00f6rper nach M\u00fcnchen, die hier sonst eher selten bzw. gar nicht zu h\u00f6ren sind \u2013 etwa 2019 das London Symphony Orchestra unter Simon Rattle. Kaum zu glauben, dass das 1918 vom legend\u00e4ren Ernest Ansermet gegr\u00fcndete <em>Orchestre de la Suisse Romande <\/em>mit immerhin 112 festen Mitgliedern zum allerersten Mal in M\u00fcnchen zu Gast ist. Unter seinem nun auf Lebenszeit gew\u00e4hlten, britischen Chefdirigenten Jonathan Nott durfte man auf ein \u00e4u\u00dferst anspruchsvolles Programm gespannt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nun in Berlin lebende Britin Rebecca Saunders (*&nbsp;1967) erhielt 2019 den Hauptpreis der EvS Musikstiftung. Dem Rezensenten war schon Anfang der 2000er Jahre ihr besonderes H\u00e4ndchen f\u00fcr mittlere Kammermusik- bzw. Ensemblebesetzungen aufgefallen. Nun f\u00fchrt Saunders mit dem gro\u00dfangelegten, 38-min\u00fctigen St\u00fcck <em>\u201eWound\u201c <\/em>f\u00fcr Soloensemble und Orchester diese spezielle Begabung mit ihrer stetig gewachsenen Erfahrung mit vollem Orchester zusammen. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte man das Werk als Konzert bezeichnen, bei dem 12 Solisten \u2013 des von Boulez gegr\u00fcndeten <em>Ensemble Intercontemporain<\/em> \u2013 als Einheit und das Genfer Orchester sich unentwegt die B\u00e4lle zuwerfen. Mit anfangs sehr dunklen Klangfarben entwickelt sich schnell ein andauerndes, energetisches Spiel zun\u00e4chst recht kleiner, aggressiver Wellenbewegungen in unterschiedlichsten, aber immer interessanten Klangmischungen. Dabei fungiert etwa das Akkordeon (im \u201egro\u00dfen\u201c Orchester) als Ersatz f\u00fcr elektronische Quellen. \u00dcberraschend, dass diese Kleinteiligkeit auf Dauer keineswegs langweilt und trotz nicht \u00fcberschaubaren Formverlaufs recht organisch zu gewaltigen Steigerungen f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Jonathan Nott<\/em> hat das <em>Orchestre de la Suisse Romande<\/em> nun offenkundig einen Chef gefunden, mit dem sich eine ganz erstaunliche Symbiose zu ergeben scheint. Wer Notts Anf\u00e4nge kennt, wird anerkennen m\u00fcssen, wie stark sich der Dirigent nicht nur in seiner \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zisen Zeichengebung weiterentwickelt hat. Man kann nur dar\u00fcber staunen, wie ihm seine Musiker insbesondere die immer aktive Nachzeichnung der komplexen, auch heftigen Dynamik \u2013 gerade bei Saunders \u2013 sozusagen aus der Hand fressen. Jedoch seine gr\u00f6\u00dfte Leistung ist, den weitgespannten Bogen, die musikalische Entwicklung, ohne den n\u00f6tigen Blick aufs Detail zu vernachl\u00e4ssigen, in Spannung zu halten. Ohne hier \u00fcber bildhafte Allusionen wie Hineingreifen oder Aufrei\u00dfen im Kontext von <em>Wunde<\/em> zu spekulieren: Die Musik wirkt so wie st\u00e4ndig wechselnder Lichteinfall aus verschiedenen Perspektiven. Saunders ist mit <em>Wound<\/em> jedenfalls ihr bisher beeindruckendstes Orchesterwerk gelungen \u2013 gewaltiger Applaus f\u00fcr eine Weltklasse-Urauff\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause steht, zwischen zwei Werken des in Deutschland noch nicht gen\u00fcgend beachteten Schweizers Dieter Ammann, Pierre Boulez\u2018 <em>Messagesquisse <\/em>(1977) f\u00fcr Violoncello solo \u2013 hervorragend: L\u00e9onard Frey-Maibach \u2013 und 6 Celli (hier aus beiden Ensembles) auf dem Programm. Nur bei den schnellen, dichten Abschnitten greift Nott hier unterst\u00fctzend ein. Der Kammermusik-Klassiker ist nicht oft zu h\u00f6ren, sorgt daf\u00fcr stets f\u00fcr Jubel, wie nat\u00fcrlich auch bei dieser Auff\u00fchrung. Dieter Ammann kam relativ sp\u00e4t auf die klassische Schiene, und man merkt seiner Musik durchaus die Jazz- und Improvisationserfahrungen an. An seinen St\u00fccken f\u00fcr gro\u00dfes Orchester t\u00fcftelt er teils jahrelang; die Ergebnisse sind dann allerdings in jeder Hinsicht faszinierend. Zuletzt hatte Ammann mit einem wirklich bahnbrechenden Klavierkonzert (<em>Gran Toccata<\/em>, 2019) bewiesen, auf welchem Niveau er sich mittlerweile bewegt, und das St\u00fcck geht hoffentlich weiter seinen Siegeszug um die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie aus der Taufe gehoben wurden, hatten <em>Boost <\/em>(2001) und <em>Glut<\/em> (2016) ebenfalls sogleich f\u00fcr Furore gesorgt: V\u00f6llig zu Recht, wie die grandiose Darbietung heute erneut zeigt. Stimmige Farbigkeit mit einem bis ins Detail ausgearbeitetem Klangspektrum \u2013 dessen oft \u00fcberbordende Sch\u00f6nheit in der Tat nicht zuletzt auf Ammanns perfektem Umgang mit den Erkenntnissen der franz\u00f6sischen Spektralisten beruht \u2013 sowie enorme, dabei emotional immer nachvollziehbare Kontraste auf engstem Raum sind ein echtes Festmahl f\u00fcr ein an neuer Musik interessiertes Auditorium wie auch f\u00fcr das <em>Orchestre de la Suisse Romande. <\/em>Die Souver\u00e4nit\u00e4t und die offensichtliche Begeisterung der Musiker \u00fcbertragen sich so unmittelbar auf das Publikum. Nott \u2013 der <em>Boost<\/em> bereits uraufgef\u00fchrt hatte \u2013 geht an den rhythmisch besonders exaltierten Stellen fast t\u00e4nzerisch mit, zelebriert Ammanns mit der Pr\u00e4zision eines Schweizer Uhrwerks erstellte, wirklich schwierige Partituren mit Inbrunst. Am Schluss des Konzertes gibt es kein Halten mehr, und man muss der EvS Musikstiftung f\u00fcr das mehr als \u00fcberf\u00e4llige Gastspiel dieses Spitzenorchesters seinen Dank aussprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 30.&nbsp;September 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das r\u00e4sonanz Stifterkonzert der Ernst von Siemens Musikstiftung fand dieses Jahr wieder im Rahmen der musica viva des BR im M\u00fcnchner Prinzregententheater statt. Wohl zum ersten Mal \u00fcberhaupt gastierte am Donnerstag, 29. September 2022, das Genfer Orchestre de la Suisse Romande unter seinem Chef Jonathan Nott in M\u00fcnchen. 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