{"id":5440,"date":"2022-10-05T00:19:00","date_gmt":"2022-10-04T22:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5440"},"modified":"2022-10-04T17:22:34","modified_gmt":"2022-10-04T15:22:34","slug":"kuenstlerische-faszination-fur-ein-instrument-erard-festival-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/05\/kuenstlerische-faszination-fur-ein-instrument-erard-festival-hamburg\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstlerische Faszination f\u00fcr ein Instrument"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Interview mit dem Pianisten Mathias Weber, dem k\u00fcnstlerischen Leiter des Hamburger \u00c9rard Festivals<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von 23. 10. bis 30. 10 findet in Hamburgs Laeiszhalle das 6. <a href=\"https:\/\/erardfestival.com\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/erardfestival.com\/\">\u00c9rard-Festival <\/a>statt. Die aktuelle Festivalausgabe ehrt den frankobelgischen Komponisten C\u00e9sar Franck anl\u00e4sslich seines 200. Geburtstags. Daf\u00fcr konnte die \u00c9rard-Gesellschaft jenen orginalen \u00c9rard-Fl\u00fcgel nach Hamburg holen, auf dem Franck viele seiner Werke komponiert hat \u2013 unter anderem auch sein f-Moll Klavierquintett, das in Hamburg in gleich zwei Fassungen zur Auff\u00fchrung kommt.<\/em> <em>Das in Hamburg stattfindende deutsch-franz\u00f6sische \u00c9rard-Festival, veranstaltet von der durch Stephanie Weber ins Leben gerufene \u00c9rard-Gesellschaft, ist die wohl bedeutendste Institution im deutschsprachigen Raum, die das Kulturgut dieser legend\u00e4ren franz\u00f6sischen Fl\u00fcgel lebendig h\u00e4lt. Mathias Weber, Pianist und k\u00fcnstlerischer Leiter des Festivals sch\u00f6pft aus dem linearen und feinen Klangcharakter dieser Instrumente immer wieder neues k\u00fcnstlerisches Potenzial f\u00fcr kammermusikalische Begegnungen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>The New Listener: Warum haben Sie C\u00e9sar Franck ins Zentrum des \u00c9rard Festivals gesetzt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mathias Weber: <\/strong>Das ist vor allem dem gl\u00fccklichen Umstand geschuldet, dass wir den Original-Fl\u00fcgel von C\u00e9sar Franck zur Verf\u00fcgung gestellt bekamen. Mehr noch: Auf diesem \u00c9rard-Fl\u00fcgel hat C\u00e9sar Franck sein f-Moll Klavierquintett, welches in der Laeiszhalle zur Auff\u00fchrung kommen wird, komponiert. Und auch Franz Liszt, dessen Klavierkonzert Nr. 2 unter anderem auf dem Programm steht, ist ja \u201eder\u201c \u00c9rard-K\u00fcnstler schlechthin. Beide Komponisten sind durch den Klang dieses Instruments origin\u00e4r beeinflusst worden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei den ersten beiden Konzerten steht C\u00e9sar Francks Klavierquintett f-Moll gleich zweimal auf dem Programm \u2013 einmal im Original zusammen mit dem Schumann Quartett und danach im viel gr\u00f6\u00dfer besetztem Format mit dem Oldenburgischen Staatsorchester.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Dem Original steht eine von mir kreierte Orchesterversion gegen\u00fcber. Mich interessierte hier das Spiel mit den Rollenverteilungen. Durchaus wird in der Orchesterversion dem Klavier einiges \u201eweggenommen\u201c und an ein ganzes Orchester weitergegeben. Deswegen ist diese neue Fassung von mir kein Klavierkonzert im \u00fcblichen Sinne. Das Klavier agiert eher wie ein obligates Soloinstrument. Ich habe das St\u00fcck so bearbeitet, dass es eben nicht genuin klavierm\u00e4\u00dfig ist, sondern stattdessen mehr Gleichberechtigung entsteht. Das kommt auch \u00e4u\u00dferlich dadurch zum Ausdruck, dass der Dirigent bei dieser Auff\u00fchrung vor dem Klavier steht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sind Sie vorgegangen bei dieser Neufassung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer meiner Auff\u00fchrungen des Franck-Quintetts kommentierte ein Musikerkollege: Das klingt ja wie ein Orchester, was mich dazu brachte, das Quintett zun\u00e4chst f\u00fcr ein solches zu bearbeiten. Aber dadurch fehlte wieder etwas. Vor allem wurde mir klar, dass das rein figurative Element des Klaviersatzes nur im Orchester allein nicht darstellbar ist. Also habe ich das Quintett von Franck zu einer \u201eSinfonie f\u00fcr Orchester und Klavier\u201c weiterentwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle spielt Franz Liszt im Programm?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Franz Liszts Klavierkonzert A-Dur und der sinfonischen Dichtung <em>Les Pr\u00e9ludes<\/em> wollen wir auf die Verwandtschaft C\u00e9sar Francks mit Franz Liszt anspielen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Aspekte standen f\u00fcr C\u00e9sar Franck im Vordergrund, wenn er sich an Franz Liszt orientierte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Klavierpart bei C\u00e9sar Franck ist ja auffallend beweglich, so dass hier eine Inspiration durch Franz Liszt nahe liegt. Aber trotz solcher Einfl\u00fcsse hat C\u00e9sar Franck etwas ganz eigenst\u00e4ndiges daraus gemacht. Durch die fantasievolle Verwendung eines Grundgedankens konnte sowohl bei Liszt als auch bei Franck eine monumentale Gro\u00dfform entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Am 30. Oktober spielen Sie zusammen mit dem Ensemble Acht \u2013 auf dem Programm stehen zwei Septette von Ludwig van Beethoven und Nepomuk Hummel. Worauf k\u00f6nnen wir uns hier freuen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hummels Septett d-Moll op. 74 ist von Franz Liszt herausgegeben worden und man kann es zu den bedeutendsten St\u00fccken der Kammermusik nach Beethoven rechnen. Es ist ein sehr dramatisches, viers\u00e4tziges St\u00fcck. Man k\u00f6nnte den Charakter dieser Musik als \u201ejanusk\u00f6pfig\u201c oder doppelb\u00f6dig bezeichnen. Formal ist es eigentlich ein Klavierkonzert und trotzdem zugleich ein Kammermusik-St\u00fcck. Die Besetzung \u201esechs Instrumente plus Klavier\u201c geht ja schon ins Orchestrale. Daher ist der Klaviersatz auch sehr konzertm\u00e4\u00dfig. Aber trotzdem ist es kein Klavierkonzert, da die anderen Instrumente thematisch viel zu sagen haben. Vom Ausdruckscharakter her steht diese Musik auf einer Schwelle zwischen den Zeiten. Ich sehe hier eine Symbiose von Mozart\u00b4scher Leichtigkeit und d\u00e4monischer Romantik. Durchaus stand hier auch E.&nbsp;T.&nbsp;A. Hoffmann Pate. Zugleich bezieht sich die Komposition in ihrem dritten Satz auf Beethovens vierten Satz seines Es-Dur Septetts. Hier einen Vergleich zu ziehen, ist doppelt lehrreich: Beethoven bleibt in seiner Komposition in der Form drin, wo Hummel sie st\u00e4rker aufbricht \u2013 allein das macht die Gegen\u00fcberstellung dieser beiden Werke in einem Konzert zu einem spannenden St\u00fcck musikalischer Zeitgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welchen Austausch gab es zwischen Beethoven und Hummel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hummel war ein Freund von Beethoven und die beiden haben sich sehr gesch\u00e4tzt. Angeblich hat sich Beethoven auch f\u00fcr Hummels Frau interessiert. Das fand Hummel aber nicht so nett und wollte deswegen nicht auf Beethovens Beerdigung spielen. Aber Hummels Frau hat trotzdem darauf bestanden, dass er es tue.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was macht Ihre pers\u00f6nliche Faszination f\u00fcr die Fl\u00fcgel aus dem Hause \u00c9rard aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Leidenschaft f\u00fcr den \u00c9rard-Fl\u00fcgel resultiert aus einer gewissen Verr\u00fccktheit. Aber ich habe hier den perfekten Klang f\u00fcr mich gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gab es daf\u00fcr ein Erweckungserlebnis?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es war wie eine Offenbarung, als ich zum ersten Mal diesen Klang geh\u00f6rt habe. Ich bin in einem Klaviergesch\u00e4ft eher zuf\u00e4llig darauf gesto\u00dfen. Ich wusste schon, dass die \u00c9rard-Fl\u00fcgel interessant sind. Auch Richard Wagner hatte so einen und deswegen d\u00fcrften sie wohl nicht ganz so schlecht sein. Als ich nun in diesem Klaviergesch\u00e4ft war, habe ich einen \u00c9rard aus dem Jahr 1858 zum ersten Mal bewusst geh\u00f6rt. Der war noch nicht mal richtig restauriert. Aber ich habe ihn gespielt und gedacht, das ist es! Ich habe noch diverse andere Instrumente demonstriert bekommen, aber bin immer wieder zum \u00c9rard zur\u00fcck gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Man sagt, dass \u00c9rard-Fl\u00fcgel durch die Technik der \u201edoppelten Repetition\u201c die ersten modernen Fl\u00fcgel sind. Was macht dieses Prinzi<\/strong><strong>p <\/strong><strong>aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man konnte dadurch einfach viel schneller spielen. Der entscheidende Unterschied ist, dass der Hammer nicht mehr komplett zur\u00fcckf\u00e4llt, sondern auf halber Strecke gehalten wird. Die ganze moderne Spielweise, die sich seit Liszt und Mendelssohn etabliert hat, w\u00e4re ohne die doppelte Repetition nicht denkbar. Auch jeder moderne Fl\u00fcgel hat sie heute noch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo hingegen zeigt sich die \u00dcberlegenheit des \u00c9rard-Fl\u00fcgels?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Steinway hat als erster Klavierbauer die tiefen Saiten \u00fcberkreuz gespannt, womit er eine Revolution vollzogen hat. Das f\u00fchrte zu deutlich mehr Wucht in den B\u00e4ssen. Der Reiz des \u00c9rard besteht darin, dass hier die Saiten weiterhin linear, also \u00fcberall nebeneinander gespannt sind. Dadurch klingt der \u00c9rard viel klarer und genau diese Klarheit und Linearit\u00e4t macht meine k\u00fcnstlerische Faszination f\u00fcr dieses Instrument aus. Mit einem \u201eKreuzsaiter\u201c kann man polyphone Bass-F\u00fchrungen l\u00e4ngst nicht so differenziert abbilden. Alles ist immer eine Frage des Standpunktes. Rachmaninoff wird auf einem modernen Konzertfl\u00fcgel immer eine viel m\u00e4chtigere Wirkung entfalten als auf einem \u00c9rard. Aber Ravel klingt wiederum auf einem \u00c9rard umso faszinierender.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Das Interview f\u00fchrte Stefan Pieper]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit dem Pianisten Mathias Weber, dem k\u00fcnstlerischen Leiter des Hamburger \u00c9rard Festivals Von 23. 10. bis 30. 10 findet in Hamburgs Laeiszhalle das 6. \u00c9rard-Festival statt. Die aktuelle Festivalausgabe ehrt den frankobelgischen Komponisten C\u00e9sar Franck anl\u00e4sslich seines 200. Geburtstags. 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