{"id":5451,"date":"2022-10-08T23:42:00","date_gmt":"2022-10-08T21:42:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5451"},"modified":"2022-10-09T03:51:38","modified_gmt":"2022-10-09T01:51:38","slug":"richard-wetz-auffuehrungen-auf-dem-linzer-brucknerfest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/08\/richard-wetz-auffuehrungen-auf-dem-linzer-brucknerfest\/","title":{"rendered":"Richard-Wetz-Auff\u00fchrungen auf dem Linzer Brucknerfest"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/20220930_112125-Kopie-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/20220930_112125-Kopie-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5452\" width=\"440\" height=\"587\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/20220930_112125-Kopie-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/20220930_112125-Kopie-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/20220930_112125-Kopie-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/20220930_112125-Kopie-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/20220930_112125-Kopie-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 440px) 100vw, 440px\" \/><\/a><figcaption>Chouchane Siranossian auf einem Transparent am Linzer Taubenmarkt, das das Konzert vom 1. Oktober ank\u00fcndigte.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>\u00dcber das Programm des diesj\u00e4hrigen Linzer Brucknerfestes kann man sich nur in T\u00f6nen h\u00f6chsten Lobes \u00e4u\u00dfern. Unter dem Motto \u201eVisionen \u2013 Bruckner und die Moderne\u201c haben es sich die Veranstalter zum Ziel gesetzt, Anton Bruckners Ausstrahlung auf die Musik des 20.&nbsp;Jahrhunderts h\u00f6rbar zu machen. Man beschr\u00e4nkte sich dabei keineswegs auf h\u00e4ufig zu h\u00f6rende Werke, sondern pr\u00e4sentierte dem Publikum eine gro\u00dfe Zahl wertvoller Kompositionen, denen lange Zeit eine ihrer Qualit\u00e4t entsprechende Rezeption versagt geblieben ist. Darin muss man den Hauptverdienst des Festes erblicken. Es ist zu hoffen, dass auch andere Musikfeste sich vom Entdeckersp\u00fcrsinn der Linzer anstecken lassen und uns \u00e4hnlich klug gestaltete Programme bieten, anhand derer so recht die Vielfalt musikgeschichtlicher Entwicklungen deutlich wird. Schwerpunkte lie\u00dfen sich im Veranstaltungsplan des Brucknerfestes vor allem in Hinblick auf das Schaffen dreier um 1880 geborener Komponisten erkennen: Heinrich Kaminski, Richard Wetz und Franz Schmidt. Der Verfasser dieser Zeilen hat zwei Konzerte besucht, in denen Werke von Richard Wetz aufgef\u00fchrt wurden: Am 30.&nbsp;September erklang im Mariendom neben Bruckners 150.&nbsp;Psalm und Arvo P\u00e4rts <em>Cantus in memoriam Benjamin Britten<\/em> das Requiem op.&nbsp;50, am 1.&nbsp;Oktober im Brucknerhaus neben Gottfried von Einems <em>Bruckner Dialog<\/em> op.&nbsp;39 und Bruckners Erster Symphonie (in der Fassung von 1890) das Violinkonzert h-Moll op.&nbsp;57. Beide Male spielte die PKF \u2013 Prague Philharmonia unter Leitung von Eugene Tzigane. Das Chorkonzert wurde vom Prager Philharmonischen Chor (Einstudierung: Luk\u00e1\u0161 Vasilek) und den Solisten Claudia Barainsky (Sopran) und Nikolay Borchev (Bariton) bestritten, Violinsolistin im Orchesterkonzert war Chouchane Siranossian.<\/p>\n\n\n\n<p>Es h\u00e4tte Wetz gewiss gefreut, seine Werke in diesem Rahmen gespielt zu wissen, f\u00fchlte er sich doch dem Schaffen Bruckners aufs Engste verbunden, seit er die Musik des \u00f6sterreichischen Meisters zu Beginn des 20.&nbsp;Jahrhunderts f\u00fcr sich entdeckt hatte. Der geb\u00fcrtige Schlesier, der seit 1906 als Dirigent und P\u00e4dagoge in Erfurt lebte, leitete mehrere Erstauff\u00fchrungen Brucknerscher Kompositionen in Mitteldeutschland. Die Erfurter Auff\u00fchrung der f-Moll-Messe im Jahr 1907 war \u00fcberhaupt erst die dritte auf dem Gebiet des Deutschen Reiches. 1922 trat er mit einer kurzen Monographie \u00fcber Bruckner hervor, die im Reclam-Verlag herauskam, geh\u00f6rt also auch als Musikschriftsteller zu den Bruckner-Pionieren. Im Sommer 1930 unternahm er eine Fu\u00dfwanderung durch den Bayerischen Wald nach Passau, fuhr mit dem Schiff nach Linz und erf\u00fcllte sich anschlie\u00dfend den lang gehegten Wunsch, Bruckners Grabst\u00e4tte in St.&nbsp;Florian zu besuchen. Ob ihn jedoch die Auff\u00fchrungen seiner Werke, wie man sie nun auf dem Linzer Brucknerfest h\u00f6ren konnte, zufriedengestellt h\u00e4tten, wage ich zu bezweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte \u00fcber Eugene Tzigane nichts Schlechtes sagen, denn dieser Dirigent h\u00e4lt wirklich Ausschau nach hochwertigen St\u00fccken, die die Konzertprogramme bereichern k\u00f6nnen, und f\u00fchrt sie in klugen Zusammenstellungen auf. So dirigierte er im Juni dieses Jahres in Weimar das Festkonzert anl\u00e4sslich des 150. Geburtstags der Hochschule f\u00fcr Musik Franz Liszt, in welchem neben der <em>Champagner-Ouvert\u00fcre<\/em> Waldemar von Bau\u00dfnerns das pr\u00e4chtige Klavierkonzert Hans Bronsart von Schellendorfs, Franz Liszts zu selten zu h\u00f6render <em>Orpheus<\/em>, sowie Werke zweier zeitgen\u00f6ssischer Th\u00fcringer Komponisten, des vor wenigen Jahren gestorbenen Karl Dietrich und Wolf G\u00fcnther Leidel, zur Auff\u00fchrung kamen. (Dass auf diesen Seiten damals nicht dar\u00fcber berichtet wurde, liegt einzig daran, dass ich am Tage des Konzerts aufgrund anderer Verpflichtungen nicht in Weimar sein konnte.) Also, ich halte fest: Tzigane ist von edlen Absichten geleitet, die man nur bef\u00fcrworten kann. Die Frage ist: Halten seine Auff\u00fchrungen, was die Absichten versprechen? Leider waren die Linzer Konzerte nicht dazu angetan, diese Frage bejahend zu beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kirchenkonzert litt vor allem unter den sehr ung\u00fcnstigen akustischen Bedingungen des Mariendoms. Bei dem er\u00f6ffnenden Psalm Bruckners las ich in der Partitur mit und konnte zahlreiche Noten sehen, ohne die zugeh\u00f6rigen T\u00f6ne zu h\u00f6ren. Was mein Ohr erreichte, war eine verwaschene Skizze des Werkes. Der Klang l\u00f6ste sich in der Kirchenhalle auf wie eine Brausetablette im Wasserglas. Dasselbe galt f\u00fcr das Wetz-Requiem. Die Gr\u00f6\u00dfe und Sch\u00f6nheit beider Werke konnte man nur an jenen Stellen ahnen, an welchen der Chor in langen Notenwerten homophon a cappella sang, oder sonstwie das kontrapunktische und orchestrale Geschehen derma\u00dfen reduziert war, dass die Stimmen nicht ineinander verschwammen und einander gegenseitig ausschalteten. Kann man den Dirigenten daf\u00fcr verantwortlich machen? Ich glaube, dass auch viele andere Kapellmeister an diesen akustischen Bedingungen gescheitert w\u00e4ren. Vielleicht h\u00e4tten die Veranstalter gut daran getan, den Raum mit h\u00f6lzernen Schallw\u00e4nden auszukleiden? Allerdings schien Tzigane auch kaum R\u00fccksicht auf den langen Nachhall im Dom zu nehmen. Der Brucknersche Psalm wurde strikt in einem so hohen Tempo durchdirigiert, dass die Feinheiten der Partitur auch unter besseren Bedingungen kaum zur Geltung gekommen w\u00e4ren. Der erste dissonante H\u00f6hepunkt von Wetzens Dies Irae warf noch sein Echo durch den Raum, als der Chor schon die leise Fortsetzung anstimmte, welche dadurch im Nachhall unterging. Einzig P\u00e4rts <em>Cantus in memoriam Benjamin Britten<\/em> gelangte in diesem Konzert zu einer gelungenen Darbietung. Das nur f\u00fcr Streicher und eine gelegentlich schlagende Glocke geschriebene St\u00fcck erwies sich als unverw\u00fcstlich, ja die Domakustik schien die gew\u00fcnschte meditative Wirkung der P\u00e4rtschen Prolationskanons noch zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich bot nur das Orchesterkonzert am folgenden Tage die M\u00f6glichkeit, Eugene Tziganes Leistung als Dirigent einzusch\u00e4tzen. Allerdings war auch hier der Gesamteindruck nicht sehr erfreulich. Zu Beginn h\u00f6rte man Gottfried von Einems <em>Bruckner Dialog<\/em>, einen viertelst\u00fcndigen symphonischen Satz, dem der Komponist das Choralthema aus dem unvollendeten Finalsatz der Neunten Symphonie Bruckners zugrunde gelegt hat. Es erklingt teils so, wie Bruckner es niedergeschrieben hat, teils in abgeleiteter Form, im Wechsel mit eigenen Gedanken Einems, sodass man tats\u00e4chlich meint, einem Gespr\u00e4ch zweier sehr unterschiedlicher Komponistenpers\u00f6nlichkeiten beizuwohnen. Leider hat Tzigane es nicht vermocht, die Charaktere angemessen herauszuarbeiten. Weder das ungemein kaprizi\u00f6se Wesen Einems, der nie um einen humorvollen Hakenschlag verlegen ist, noch die majest\u00e4tische Schlichtheit des Brucknerschen Chorals kamen zur Geltung. Alles wurde bew\u00e4ltigt, als w\u00e4ren die Ausf\u00fchrenden in Eile gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie im Kirchenkonzert der P\u00e4rtsche <em>Cantus<\/em>, so stach auch hier die mittlere Nummer heraus, was vor allem dem Umstand zu verdanken ist, dass Chouchane Siranossian als Solistin f\u00fcr das Wetzsche Violinkonzert gewonnen werden konnte. Dieses Werk l\u00e4sst sich als symphonische Rhapsodie charakterisieren. In seinem halbst\u00fcndigen Verlauf werden wenige kurze Motive gleichsam improvisierend einem best\u00e4ndigen Verwandlungsprozess unterzogen, wobei aber alle Abschnitte des St\u00fcckes so geschickt aufeinander bezogen sind, dass sich ein fest zusammenh\u00e4ngendes Ganzes ergibt. Es ist eine \u00fcber weite Strecken lyrische, oft sehr zarte Musik, die sich zwar durchaus zu glanzvollen H\u00f6hepunkten steigern kann, sich anschlie\u00dfend aber regelm\u00e4\u00dfig ins Halbdunkel zur\u00fcckzieht. Chouchane Siranossian fand den richtigen gesanglichen Ton f\u00fcr dieses St\u00fcck und erf\u00fcllte ihre Stimme bis in die Verzierungen hinein mit Leben. Nie dr\u00e4ngte sie sich \u00fcber Geb\u00fchr in den Vordergrund, sondern lie\u00df auch den Orchesterinstrumenten, gerade in den sparsam instrumentierten Passagen, Raum zur Entfaltung, und wirkte so wie die Hauptschlagader eines klingenden Organismus. Dieses introvertierte St\u00fcck war bei ihr in sehr guten H\u00e4nden!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erste Symphonie Bruckners beschloss das Konzert. Leider konnte man Tziganes Darbietung keine der Qualit\u00e4ten nachr\u00fchmen, die <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/25\/der-kecke-besen-in-vollendung-remy-ballot-altomonte-orchester-hard-chor-brucknertage-st-florian\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/25\/der-kecke-besen-in-vollendung-remy-ballot-altomonte-orchester-hard-chor-brucknertage-st-florian\/\">R\u00e9my Ballots Auff\u00fchrung <\/a>(ebenfalls Fassung 1890) vor gut einem Monat im nahen St.\u00a0Florian auszeichneten. Die Tempi waren recht z\u00fcgig und wurden stur durchgehalten. Statt auf Detailarbeit wurde auf grobe Effekte gesetzt, namentlich in den Blechbl\u00e4sern. Man konnte den Dirigenten zwar auf unterschiedliche Weise gestikulieren sehen, doch hatten diese Gesten keinen h\u00f6rbaren Einfluss auf den Klang. Die Violinen beispielsweise spielten nicht geschmeidiger, obwohl sie mehrfach geradezu gestreichelt wurden. Eher wirkte es, als werde der Dirigent vom Orchester mitgerissen als umgekehrt. Daran, dass man viele der einkomponierten Verflechtungen der ersten und zweiten Violinen nicht h\u00f6rte, hatte auch die Aufstellung der Streicher mit beiden Violingruppen auf der (vom Dirigenten gesehen) linken Seite ihren Anteil. Auch h\u00e4tten die langen Haltet\u00f6ne der B\u00e4sse, die gegen Ende von Wetzens Violinkonzert die Solokadenz grundieren, den Raum besser gef\u00fcllt, w\u00e4ren sie von hinten statt von der Seite gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Oktober 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber das Programm des diesj\u00e4hrigen Linzer Brucknerfestes kann man sich nur in T\u00f6nen h\u00f6chsten Lobes \u00e4u\u00dfern. Unter dem Motto \u201eVisionen \u2013 Bruckner und die Moderne\u201c haben es sich die Veranstalter zum Ziel gesetzt, Anton Bruckners Ausstrahlung auf die Musik des 20.&nbsp;Jahrhunderts h\u00f6rbar zu machen. 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