{"id":5457,"date":"2022-10-12T00:46:00","date_gmt":"2022-10-11T22:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5457"},"modified":"2022-10-10T16:47:13","modified_gmt":"2022-10-10T14:47:13","slug":"besser-spaet-als-nie-angela-hewitts-sehr-persoenliche-auseinandersetzung-mit-beethovens-opp-106-111","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/12\/besser-spaet-als-nie-angela-hewitts-sehr-persoenliche-auseinandersetzung-mit-beethovens-opp-106-111\/","title":{"rendered":"Besser sp\u00e4t als nie: Angela Hewitts sehr pers\u00f6nliche Auseinandersetzung mit Beethovens opp. 106 &#038; 111"},"content":{"rendered":"\n<p>Hyperion CDA68374; EAN: 0 34571 28374 6<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Hewitt106cover.png\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Hewitt106cover.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5458\" width=\"454\" height=\"454\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Hewitt106cover.png 700w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Hewitt106cover-300x300.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Hewitt106cover-150x150.png 150w\" sizes=\"(max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auch die kanadische, insbesondere f\u00fcr ihr Bach-Spiel ger\u00fchmte Pianistin <\/em>Angela Hewitt<em> hat nun ihre Einspielung s\u00e4mtlicher 32 Beethoven-Sonaten auf CD komplettiert: mit den beiden sp\u00e4ten Sonaten Nr.\u00a029 B-Dur op.\u00a0106, der <\/em>Hammerklaviersonate<em>, und der letzten Sonate Nr.\u00a032 c-Moll op.\u00a0111.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn eine weltber\u00fchmte Pianistin ihren Zyklus aller Beethoven-Klaviersonaten mit der letzten \u2013 der c-Moll-Sonate op.&nbsp;111 \u2013 und der gewaltigsten, der <em>Hammerklaviersonate<\/em> op.&nbsp;106, abschlie\u00dft, scheint das in gewisser Weise taktisch klug (das Beste kommt zum Schluss\u2026), aber keineswegs ungew\u00f6hnlich. Hellh\u00f6rig wird man allerdings, wenn man aus <em>Angela Hewitts <\/em>umfangreichem, eigenen Booklettext erf\u00e4hrt, dass sie genau diese beiden St\u00fccke tats\u00e4chlich auch erst mit knapp \u00fcber sechzig erstmals einstudiert hat. Barenboim soll ja einmal gesagt haben: \u201eDie Hammerklaviersonate wird nicht leichter, wenn man sie nicht spielt.\u201c So werden nat\u00fcrlich die Erwartungen der Interpretin an sich selbst wie die der Zuh\u00f6rerschaft besonders hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Da hier nicht der Raum ist, die beiden 47 bzw. 31 Minuten langen Darbietungen bis ins Detail zu verfolgen, seien nur ein paar Beobachtungen wiedergegeben, und dabei Hewitts Ergebnisse auf dem \u2013 neuen \u2013 Fazioli-Fl\u00fcgel mit ihren geistreichen Anmerkungen zu den St\u00fccken verglichen. Hewitt w\u00e4hlt bei Opus 106 durchgehend sehr schl\u00fcssige Tempi, \u00fcberhastet weder die ersten beiden S\u00e4tze noch die Fuge. Letztere beginnt sie mit Viertel = ca. 128: Ein Tempo, das sich in vielen guten Aufnahmen wiederfindet (Richter, Pollini usw.) und f\u00fcr moderne Fl\u00fcgel vielleicht ideal ist. Ebenso gilt Halbe = ca. 108 f\u00fcr den Kopfsatz als bew\u00e4hrtes Grundtempo, auch wenn es noch weit unter den gedruckten 138 liegt. Im Adagio vertraut Hewitt hingegen auf Beethovens Tempovorgabe (Achtel = 92), was sich \u00fcber weite Strecken als Gl\u00fccksfall erweist. Insgesamt gestaltet Hewitt das Tempo jedoch \u00e4u\u00dferst flexibel, gibt ihren Vorstellungen von Klangqualit\u00e4t und Ausdrucksnuancen klar den Vorrang vor metronomischer Konstanz. Dem kann man nur zustimmen, trotzdem h\u00f6ren wir bisweilen recht komische Ausdeutungen. Das beginnt bereits beim Kopfthema, dessen durch den punktierten Achtelauftakt so rigorosen Charakter sie durch die Verbreiterung fast zu einer Viertel aufweicht; man k\u00f6nnte das Kontra-B auch mit der rechten Hand nehmen. Eigentlich gelingen Hewitt im Kopfsatz viele Stellen sehr sch\u00f6n, sie beachtet genau die Sforzati und was sie im jeweiligen Kontext bewirken sollen \u2013 etwa in den Takten 17 ff. auf der \u201eZwei\u201c. Dar\u00fcber hinaus kann sie durchaus den gro\u00dfen, symphonischen Zusammenhalt vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Scherzo ist Hewitt recht flott, die oft etwas zu undeutlich vorgetragene Zweistimmigkeit im Trio ist absolut vorbildlich. Das Prestissimo wird nicht zur Raserei: Sie betrachtet es als \u201eungarischen\u201c Exkurs. Der Beginn des Adagios ist enorm ausdrucksstark, trotz des eher fl\u00fcssigen Tempos. Da, wo die Zweiunddrei\u00dfigstel zu dominieren beginnen (nach T.&nbsp;87), muss Hewitt ihren offenkundigen Drang nach vorne k\u00fcnstlich zur\u00fccknehmen, die Agogik erscheint nicht immer nat\u00fcrlich. Und wo sich dann \u2013 in anderer Tonart \u2013 quasi reprisenartig ein l\u00e4ngerer Abschnitt wiederholt, verliert sie schlie\u00dflich derart den Fokus, dass der <em>pi\u00f9 forte <\/em>Ausbruch \u00fcber dem verminderten Septakkord (T.&nbsp;165) tats\u00e4chlich nur wie <em>\u201eein Moment der Krise\u201c<\/em> (Hewitt) und nicht wie ein letzter, verzweifelter Aufschrei wirkt, bevor bei ihr der Satz nebul\u00f6s ins Nichts dahind\u00e4mmert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fuge packt die bewunderte Bach-Spielerin wirklich souver\u00e4n, begreift die einzelnen Durchf\u00fchrungen so, wie es z.&nbsp;B. Charles Rosen in <em>Der klassische Stil<\/em> beschrieben hat: als eine Folge von \u2013 bei Hewitt in der Tat enorm abwechslungsreichen \u2013 Charaktervariationen. Wenn jedoch nach der Trillerorgie zur Dominante A (T.&nbsp;243 ff.) \u201eein drittes Thema\u201c erscheint \u2013 nach Meinung des Rezensenten der bewusste R\u00fcckzug von der Monsterfuge zu einer kleinen D-Dur-Fughetta \u2013 verbreitert sie das Tempo viel zu stark, so dass der Wiederaufbau des \u201ealten\u201c Fugenwahnsinns seiner sich schnell erneut verdichtenden Struktur etwas hinterherhinkt. Der Schluss hat dennoch Gr\u00f6\u00dfe \u2013 so wie die gesamte Darbietung, wenn hier auch keine Glanzleistung \u00e0 la Murray Perahia vollbracht wird \u2013 der sich \u00fcbrigens ebenfalls erst sehr sp\u00e4t an diesen Klavier-Himalaya wagte.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch interessanter und konsequenter erscheint dem Rezensenten op.&nbsp;111. Hewitt l\u00e4sst sich Zeit, schon bei der Einleitung: Dramatik ohne jede Spur von Hektik; wie jemand, der in fortgeschrittenem Alter so viel Resilienz entwickelt hat, dass er die F\u00fcgungen des Schicksals genauestens und bewusst reflektiert, jedoch auszuhalten vermag. Der ganze Satz bleibt dabei hochenergetisch. Die <em>Arietta<\/em> spielt Hewitt vielleicht eine Spur zu langsam. Das geht bei den ersten Variationen noch gut: Klar, dass sie die (virtuelle) Beschleunigung nicht als Boogie-Woogie verfremdet, sondern ganz in barocker Tradition exerziert. Ab der vierten Variation (T.&nbsp;65) verliert sich die Pianistin leider. Was sie als \u201eeine Art jenseitige Musik, die in ihrer Zartheit geradezu \u00e4therisch ist\u201c beschreibt, ger\u00e4t mit seiner potenziert tern\u00e4ren Struktur dann zur indifferenten Suppe. Erst in der langen Coda agiert Hewitt wieder gestalterisch \u00fcberzeugend. Trotzdem ist diese Aufnahme von op.&nbsp;111 ausgereift und hebt sich aus einer Masse von Einspielungen hervor, die dem Geheimnis dieses legend\u00e4ren Werkes weit weniger abgewinnen k\u00f6nnen. Aufnahmetechnisch ausgezeichnet und mit einem sehr pers\u00f6nlichen Booklettext, legt Angela Hewitt hier eine in vielerlei Hinsicht besondere Beethoven-Auseinandersetzung vor.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahme: <\/strong>[op. 106] Murray Perahia (DG 00289 479 8353, 2016)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Oktober 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hyperion CDA68374; EAN: 0 34571 28374 6 Auch die kanadische, insbesondere f\u00fcr ihr Bach-Spiel ger\u00fchmte Pianistin Angela Hewitt hat nun ihre Einspielung s\u00e4mtlicher 32 Beethoven-Sonaten auf CD komplettiert: mit den beiden sp\u00e4ten Sonaten Nr.\u00a029 B-Dur op.\u00a0106, der Hammerklaviersonate, und der letzten Sonate Nr.\u00a032 c-Moll op.\u00a0111. 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