{"id":5479,"date":"2022-10-30T23:07:00","date_gmt":"2022-10-30T22:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5479"},"modified":"2022-11-03T17:33:40","modified_gmt":"2022-11-03T16:33:40","slug":"musica-viva-urauffuehrungen-von-milica-djordjevic-und-nicolaus-richter-de-vroe-im-herkulessaal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/30\/musica-viva-urauffuehrungen-von-milica-djordjevic-und-nicolaus-richter-de-vroe-im-herkulessaal\/","title":{"rendered":"Urauff\u00fchrungen von Milica Djordjevi\u0107 und Nicolaus Richter de Vroe im Herkulessaal"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MV_20221028.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MV_20221028-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5493\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MV_20221028-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MV_20221028-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MV_20221028-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MV_20221028.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Chor &amp; Symphonieorchester des BR unter Johannes Kalitzke<br \/> <em>\u00a9 Astrid Ackermann f\u00fcr musica viva\/BR<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Im ersten musica viva Konzert der neuen Saison im M\u00fcnchner Herkulessaal mit Chor &amp; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von <\/em>Johannes Kalitzke<em> gab es am 28.&nbsp;10.&nbsp;2022 wieder zwei gr\u00f6\u00dfere Urauff\u00fchrungen: \u201e<\/em>Mit o ptici\u201c <em>f\u00fcr Chor und Orchester von <\/em>Milica Djordjevi\u0107<em> und ein neues Violinkonzert von<\/em> Nicolaus Richter de Vroe<em> mit dem Weltklassesolisten<\/em> Ilya Gringolts. <em>Wohl als Beitrag zum<\/em> <em>Zentenarium Iannis Xenakis\u2018 (1922\u20132001) erklang zudem erneut dessen Ensemblest\u00fcck <\/em>Jalons.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum 100. Geburtstag des griechischen, dann in Frankreich t\u00e4tigen Komponisten und Architekten <em>Iannis Xenakis<\/em>, der mit seinem extremen Konstruktivismus bei zugleich \u00fcberbordender musikalischer Energie bis zu seinem Tode 2001 einer der gro\u00dfen Erneuerer der Nachkriegszeit blieb, spielt das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> nochmals dessen Ensemblest\u00fcck <em>Jalons <\/em>von 1986. Eine Verlegenheitsgeste? Das St\u00fcck stand erst im Oktober 2020 auf dem Programm (siehe unsere <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/06\/musica-viva-mit-coronakonformer-ensemblemusik-im-herkulessaal\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/06\/musica-viva-mit-coronakonformer-ensemblemusik-im-herkulessaal\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kritik<\/a>), freilich zur Zeit der Corona-Beschr\u00e4nkung auf 200 Zuh\u00f6rer eine fast traurige Angelegenheit. Beim jetzigen Konzert, das zwar nicht ausverkauft, aber doch zum Gl\u00fcck wieder sehr gut besucht ist, dirigiert der technisch ungleich versiertere <em>Johannes Kalitzke.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Zusammenspiel der 15 Musiker \u2013 Xenakis schrieb <em>Jalons<\/em> f\u00fcr das von Boulez gegr\u00fcndete Ensemble Intercontemporain zum 10-j\u00e4hrigen Bestehen \u2013 erscheint perfekter als unter Peter Rundel, dabei allerdings k\u00e4lter. Die sich unvers\u00f6hnlich perspektivisch gegeneinander verschiebenden Klangebenen \u2013 absolut toll mal wieder die Bl\u00e4ser \u2013 erhalten Vorrang vor Emotionalit\u00e4t, die ja laut Xenakis bei seiner Musik nie Intention ist, auch wenn sie sich unvermeidlich beim H\u00f6rer einstellen mag, gerade bei den geradezu beschwichtigenden Harfeneinw\u00fcrfen. So wirkt diese Darbietung klar, gelassen und fast ein wenig zu routiniert: Sch\u00f6nheit der musikalischen Architektur, die f\u00fcr sich selbst spricht. Trotzdem h\u00e4tte sich der Rezensent angesichts der immer hochrangigen Xenakis-Auff\u00fchrungen des BRSO zum Jubil\u00e4um doch lieber eines jener gro\u00dfbesetzten St\u00fccke gew\u00fcnscht, die man bisher noch nie gespielt hat. Davon g\u00e4be es einige, aber angesichts der aufw\u00e4ndigen Probenarbeit an gleich zwei Urauff\u00fchrungen diesmal wohl nicht realisierbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Serbin <em>Milica Djordjevi\u0107 <\/em>\u2013 2016 Komponistenpreistr\u00e4gerin der Ernst von Siemens Musikstiftung \u2013 war schon immer fasziniert von der Dichtung Miroslav Anti\u0107s: In <em>Mit o ptici <\/em>(<em>Mythos des Vogels<\/em>) f\u00fcr Chor und Orchester geht es um einen von einem K\u00fcnstler erschaffenen Vogel, der freigelassen zum Monster mutiert und \u201enicht mehr aus der Welt zu schaffen\u201c ist. Der \u00fcber weite Strecken dialogisch gef\u00fchrte Text ist zun\u00e4chst klar auf die verschiedenen Chorgruppen verteilt, aber die Entropie der Entwicklung \u00fcber vier l\u00e4ngere Abschnitte bringt auch dies zunehmend in Unordnung. Inwieweit die junge Lettin <em>Krista Audere <\/em>\u2013 sie erhielt 2021 den Eric Ericson Preis \u2013 bei ihrer Einstudierung die Besonderheiten der serbischen Sprache vermitteln konnte, sei dahingestellt. F\u00fcr Djordjevi\u0107 ist Textverst\u00e4ndlichkeit hier nicht vorrangig, jedoch h\u00e4lt sie gewisse dem Serbischen innewohnende onomatopoetische Qualit\u00e4ten f\u00fcr unverzichtbar. Das Klanggeschehen im Chor ist von Beginn an hochdifferenziert: Die Frauenstimmen zun\u00e4chst mit heller Textur; die Herren erinnern stellenweise an die Eindringlichkeit von Strawinskys <em>Zvezdolikij<\/em>. Selbst bei der brutalen, rauen Steigerung des dritten Abschnitts mit sagenhafter interner Beschleunigung bleibt es dennoch organisch. Im gro\u00dfbesetzten Orchester erscheint ebenso vieles als lautmalerische Mimesis (Fl\u00fcgelschlagen? etc.), von Kalitzke sorgf\u00e4ltig h\u00f6rbar gemacht. Insgesamt eine poetische, nachvollziehbare Textausdeutung, wobei das musikalische Material f\u00fcr den H\u00f6rer allerdings weitgehend unter dem Schirm bleibt. Die Komponistin erf\u00e4hrt daf\u00fcr einhellige Zustimmung beim Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>Von 1988 bis zu seiner Pensionierung als Violinist beim BRSO t\u00e4tig, ist der aus Halle stammende <em>Nicolaus Richter de Vroe <\/em>(*1955) als Komponist auf den bedeutendsten Festivals f\u00fcr Neue Musik gespielt worden. Angesichts des ungew\u00f6hnlich breit aufgestellten Repertoires des russischen Stargeigers <em>Ilya Gringolts<\/em> verwundert es nicht, dass Richter de Vroe in sein 40-min\u00fctiges, neues Violinkonzert so ziemlich alles hineingepackt hat, was seit 400 Jahren auf der Geige m\u00f6glich ist: von Skordaturen bis zum ganzen Arsenal moderner, verfremdender Spieltechniken. Begleitet wird der Solist dabei von einem Kammerorchester \u2013 bei den Streichern nur doppelt besetztes Quintett \u2013, erweitert um Klavier bzw. Cembalo, Gitarre bzw. E-Gitarre sowie die japanische Mundorgel Sho, die eine l\u00e4ngere, die Violine faszinierend kontrastierende Passage gestaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das durchgehende Werk ist quasi symmetrisch in sieben Abschnitte gegliedert, mit einem zentralen \u201eHauptsatz\u201c, der allerdings eher Traditionen karikiert. Gringolts changiert sehr pr\u00e4zise und bewusst zwischen Ton und Ger\u00e4usch \u2013 und wie immer nimmt man diesem Tausendsassa einfach <em>alles<\/em> ab, egal wie seltsam und im Kontext unerwartbar es vielleicht erscheinen mag. Da Richter de Vroes Bestreben klar in Richtung Klangkomposition geht, h\u00f6rt man sofort Klanggesten in H\u00fclle und F\u00fclle, Laute anstelle \u201emusikalischer\u201c Motive. Im langen Hauptsatz geht es dann sehr lebendig, wild, schnell und akzentuiert zu. Sp\u00e4ter gibt es hier eine Reihe von verfremdeten Zitaten bzw. Allusionen \u201ealter\u201c Musik: vom Barock \u2013 daher das Cembalo \u2013 bis zu eindeutigen Bez\u00fcgen zu Bergs Violinkonzert. Nach und nach zerf\u00e4llt die Spannung \u2013 R\u00fcckblenden oder gar ein Abschiednehmen vom Orchester? Am Schluss (\u201eZwei Ausg\u00e4nge\u201c) verl\u00e4sst Gringolts die B\u00fchne und geht spielend nach hinten durch den Herkulessaal, wobei er geschickt und unsichtbar vom Konzertmeister vorne verdoppelt wird: eine wirkungsvolle r\u00e4umliche Irritation. F\u00fcr das ein wenig ausufernde Spektakel instrumentalen Theaters gibt es einzelne Buhs, f\u00fcr den fabelhaften Gringolts, Orchester und Dirigent nat\u00fcrlich den absolut angemessenen, gro\u00dfen Beifall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 30. Oktober 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten musica viva Konzert der neuen Saison im M\u00fcnchner Herkulessaal mit Chor &amp; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Johannes Kalitzke gab es am 28.&nbsp;10.&nbsp;2022 wieder zwei gr\u00f6\u00dfere Urauff\u00fchrungen: \u201eMit o ptici\u201c f\u00fcr Chor und Orchester von Milica Djordjevi\u0107 und ein neues Violinkonzert von Nicolaus Richter de Vroe mit dem Weltklassesolisten Ilya &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/10\/30\/musica-viva-urauffuehrungen-von-milica-djordjevic-und-nicolaus-richter-de-vroe-im-herkulessaal\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Urauff\u00fchrungen von Milica Djordjevi\u0107 und Nicolaus Richter de Vroe im Herkulessaal<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[242,728,1207,2954,2001,4494,771,507,2202,4493,243],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5479"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5479"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5496,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5479\/revisions\/5496"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}