{"id":5497,"date":"2022-11-06T03:50:13","date_gmt":"2022-11-06T02:50:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5497"},"modified":"2022-11-07T01:10:36","modified_gmt":"2022-11-07T00:10:36","slug":"seong-jin-cho-mit-rach-3-beim-brso","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/11\/06\/seong-jin-cho-mit-rach-3-beim-brso\/","title":{"rendered":"Seong-Jin Cho mit \u201eRach 3\u201d beim BRSO"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Gaffigan-Cho-BRSO_cAstrid-Ackermann-scaled-e1667739151277.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Gaffigan-Cho-BRSO_cAstrid-Ackermann-scaled-e1667739151277-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5499\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Gaffigan-Cho-BRSO_cAstrid-Ackermann-scaled-e1667739151277-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Gaffigan-Cho-BRSO_cAstrid-Ackermann-scaled-e1667739151277-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Gaffigan-Cho-BRSO_cAstrid-Ackermann-scaled-e1667739151277-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Gaffigan-Cho-BRSO_cAstrid-Ackermann-scaled-e1667739151277.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Seong-Jin Cho, James Gaffigan, BRSO \u00b7 \u00a9 Astrid Ackermann f\u00fcr BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Sieger des Warschauer Chopin-Wettbewerbs von 2015, Seong-Jin Cho, versuchte sich am 3. und 4.&nbsp;November 2022 in der Isarphilharmonie an Rachmaninows Klavierkonzert Nr.&nbsp;3 d-moll op.&nbsp;30<\/em><em>. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte unter James Gaffigan, der relativ kurzfristig f\u00fcr den erkrankten Zubin Mehta einsprang, danach noch Richard Strauss\u2018 Tondichtung <\/em>Also sprach Zarathustra<em>. Unser Rezensent besuchte das Konzert am Donnerstag, 3.&nbsp;11.&nbsp;2022.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Da selbst der Bayerische Rundfunk \u00fcber einen Schwund bei den Abonnenten seiner Symphoniekonzerte klagt: Ja, daf\u00fcr dass ein absoluter Shooting-Star \u2013 der junge Koreaner <em>Seong-Jin Cho<\/em> \u2013 hier ein echtes Kultst\u00fcck vortragen soll, schmerzt es, dass die Isarphilharmonie nicht bis auf den letzten Platz ausverkauft, allerdings immerhin zu sch\u00e4tzungsweise 90% gef\u00fcllt ist. Zu bedenken ist hierbei jedoch, dass der angek\u00fcndigte Dirigent des Abends \u2013 kein Geringerer als Maestro Zubin Mehta \u2013 kurzfristig krankheitsbedingt abgesagt hatte und durch <em>James Gaffigan<\/em>, designierter Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, ersetzt werden musste. Daf\u00fcr sieht man viele junge, asiatische Gesichter, die offenkundig nicht alle Abonnenten sind, jedoch wohl Karten extra wegen Cho erworben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Rezensent geh\u00f6rt seit Chos Sieg beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 2015 zu dessen Fangemeinde, hat jedoch den ersten Auftritt des koreanischen Pianisten beim BRSO \u2013 als Einspringer f\u00fcr Lang Lang \u2013 vor knapp vier Jahren verpasst. Auf Deutsche Grammophon gl\u00e4nzte Cho bislang nat\u00fcrlich mit Chopin sowie mit Mozart und einer beeindruckenden Einspielung von Liszts Sonate h-Moll. Doch bei Rachmaninows 3.&nbsp;Klavierkonzert, das nicht nur technisch nochmal ein ganz anderes Kaliber darstellt, soll sich zeigen, dass der 28-J\u00e4hrige durchaus noch entwicklungsf\u00e4hig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema des ersten Satzes \u2013 das Orchester ist von Beginn an zu laut \u2013 nimmt Cho zun\u00e4chst bewusst schlicht: Man darf keinesfalls gleich die gro\u00dfe folgende Entwicklung \u201everraten\u201c. Das zweite Thema ist leicht marschm\u00e4\u00dfig, dabei zugleich kokett. Dies spielt Cho leider ohne jeden Charme; erst beim \u201eNachfassen\u201c entwickelt Rachmaninow daraus eine vertr\u00e4umte Kantilene, wo der Koreaner endlich in seinem Element ist: Singen auf dem Fl\u00fcgel, damit kann er \u00fcberzeugen. Selbstverst\u00e4ndlich ist Cho dem als Markstein pianistischer Gemeinheiten ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten \u201eRach&nbsp;3\u201c technisch gewachsen: Alles greift er traumhaft sicher, die schnellen Passagen sind vom Tempo her meist schon am Limit. Ob er merkt, dass er vom Orchester st\u00e4ndig dynamisch zugedeckt wird? Anders ist kaum zu erkl\u00e4ren, wie er \u2013 und dies widerspricht geradezu seinem sonst durchgehend feinen, hochdifferenzierten Anschlag \u2013 dann zunehmend vor allem eine Reihe von Bass-Oktaven bzw. -akkorden derart brachial und teils musikalisch unmotiviert reindrischt, dass es keine Freude mehr ist. Die fette Kadenz \u2013 mit etwas zu viel Pedal \u2013 gelingt ihm gut, bei den beidh\u00e4ndigen Akkordkaskaden mei\u00dfelt er gekonnt zwei Klangterrassen heraus. Die folgenden Dialoge mit den Holzbl\u00e4sern sind himmlisch. Bei der verk\u00fcrzten Reprise\/Coda nimmt das Orchester die Dynamik anscheinend selbst in die Hand \u2013  was funktioniert; der Schluss bleibt, wie gefordert, unnachgiebig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darbietung des zweiten Satzes ist am stimmigsten: Gleich mit der Orchestereinleitung erschlie\u00dft Gaffigan das elegische Thema \u2013 tolles Oboensolo! \u2013 klanglich engagiert und emotional spannend, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Cho h\u00e4lt sich an diese Vorgabe, selbst da, wo Rachmaninow richtig pathetisch aufdreht. Das <em>Poco pi\u00f9 mosso <\/em>(nach Zif. [32]) mit seinen gef\u00fcrchteten Repetitionen ist brillant, aber das hat man schon spritziger, verr\u00fcckter geh\u00f6rt. Doch dann nimmt das \u00dcbel seinen Lauf: Bereits die \u00dcberleitung zum Finale wirkt zu brutal und \u00fcbertrieben, was sich leider so fortsetzt. Der dritte Satz wird deutlich zu rasch genommen; die andauernde, m\u00f6rderische Orgie von Achteltriolen in einem schnellen <em>Alla breve <\/em>ger\u00e4t so zur Farce, bei der alle Details verschwimmen. Die merkw\u00fcrdige \u201ekavallereske\u201c Passage (<em>Pi\u00f9 mosso<\/em> vor Zif. [43]) \u2013 zugegebenerma\u00dfen einer von Rachmaninows vielleicht schw\u00e4chsten Einf\u00e4llen \u00fcberhaupt \u2013 wird keineswegs besser, wenn man \u00fcber sie hinweg rast; die sp\u00e4tere Parallelstelle ist zudem alles andere als perfekt zusammen. Selbst das h\u00fcbsche Scherzando danach wirkt \u00fcberhastet, die Schlussapotheose unehrlich und erm\u00fcdend \u2013 was f\u00fcr ein Krampf! Das erinnert ein wenig an die \u2013 in allen drei S\u00e4tzen \u2013 katastrophale M\u00fcnchner Auff\u00fchrung von Yuja Wang 2011 mit dem Royal Philharmonic Orchestra und einem v\u00f6llig \u00fcberforderten Charles Dutoit. Immerhin: Wang hat daraus gelernt und ihr \u201eRach&nbsp;3\u201c mittlerweile enorm kultiviert. Fazit: Cho zeigt sehr sch\u00f6ne Ans\u00e4tze, besitzt die n\u00f6tige \u201ePranke\u201c. Die ersten beiden S\u00e4tze kann man gerne so verkaufen, das Finale ist jedoch noch v\u00f6llig unausgegoren. Und eine hochkar\u00e4tige Auff\u00fchrung dieses geliebten Monstrums klappt nur mit einem viel aktiver eingreifenden Dirigenten: Erst k\u00fcrzlich beim ARD-Wettbewerb hat das BRSO mit dem 4.&nbsp;Konzert bewiesen, was da m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich darf man dankbar sein, \u00fcberhaupt kurzfristig einen Einspringer f\u00fcr ein so schwieriges Programm zu bekommen. Gaffigan leistet dies beim BRSO nun schon zum zweiten Mal. Bei Strauss\u2018 <em>Also sprach Zarathustra <\/em>h\u00f6rt man leider, dass er keinesfalls auf Augenh\u00f6he mit Zubin Mehta agiert. Zwar versteht der Amerikaner, wie die Dramaturgie dieser Tondichtung funktioniert; er wei\u00df genau, wie er etwa auf einen H\u00f6hepunkt \u2013 davon gibt es hier einige \u2013 zusteuert, welches die richtigen Tempi sind. Was fehlt, ist vor allem eine genauere F\u00fchrung der Feindynamik, der klanglichen Staffelung innerhalb des riesigen Orchesterapparats. Anfangs vermisst man eine echte Orgel. Zwar sind die elektronischen Konzertorgeln von ihrer Charakteristik her mittlerweile nah am Original. Als Bassfundament des bekannten \u201eUniversum\u201c-Themas scheitern sie unweigerlich an den Lautsprechern, die da lediglich hei\u00dfe Luft blubbern. Bei den <em>\u201eHinterweltlern\u201c<\/em> m\u00fcsste man sofort die vielfach geteilten Streicher, aber ebenso das Holz sorgf\u00e4ltiger austarieren. Gaffigan bleibt in seinem Bewegungsrepertoire erschreckend pauschal. Mit der linken Hand dirigiert er \u00fcber weite Strecken parallel, gibt viele Eins\u00e4tze ohne zu anzuzeigen, \u201ewie\u201c und vor allem \u201ewie laut\u201c zu spielen ist. Sein Grundambitus ist zu gro\u00df, um dynamische Abstufungen schnell zu provozieren. Etwa zu den B\u00e4ssen oder zum Schlagzeug entsteht kaum Kontakt. So fehlt der Fuge (<em>\u201eVon der Wissenschaft\u201c<\/em>) einerseits das Geheimnisvolle, andererseits die ironische \u00dcberzeichnung; auch mangelt es bald an Klarheit. Herr Barakhovsky spielt sein Violinsolo im <em>Tanzlied <\/em>hinrei\u00dfend s\u00fcffig, danach ger\u00e4t der Abschnitt jedoch \u2013 erneut mangels Differenzierung \u2013 zu billiger Schrammelmusik. Und sp\u00e4testens, wo es dann auf \u201eGanze\u201c geht \u2013 noch vor dem Glockeneinsatz \u2013 klingt alles wie ein einziger Brei. Schade, dass bei einem dem Orchester so vertrauten Werk heute nur Mittelma\u00df zu h\u00f6ren ist. Das Publikum zeigt sich dennoch beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 4. November 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sieger des Warschauer Chopin-Wettbewerbs von 2015, Seong-Jin Cho, versuchte sich am 3. und 4.&nbsp;November 2022 in der Isarphilharmonie an Rachmaninows Klavierkonzert Nr.&nbsp;3 d-moll op.&nbsp;30. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte unter James Gaffigan, der relativ kurzfristig f\u00fcr den erkrankten Zubin Mehta einsprang, danach noch Richard Strauss\u2018 Tondichtung Also sprach Zarathustra. 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