{"id":5514,"date":"2022-11-17T23:04:00","date_gmt":"2022-11-17T22:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5514"},"modified":"2022-11-18T23:01:33","modified_gmt":"2022-11-18T22:01:33","slug":"ein-musikalischer-waldspaziergang-durchs-19-jahrhundert-raff-strauss-weber-laeiszhalle-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/11\/17\/ein-musikalischer-waldspaziergang-durchs-19-jahrhundert-raff-strauss-weber-laeiszhalle-hamburg\/","title":{"rendered":"Ein musikalischer Waldspaziergang durchs 19.\u00a0Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Wer sich am 13. November 2022 in der Hamburger Laeiszhalle einfand, wurde auf eine musikalische Reise durch \u201eden deutschen Wald\u201c mitgenommen. Unter diesem Motto stand das Konzert, das die Neue Philharmonie Hamburg unter der Leitung von Simon Kannenberg gab. Zur Auff\u00fchrung gelangten die Ouvert\u00fcre zu Carl Maria von Webers <\/em>Freisch\u00fctz<em>, das ausdr\u00fccklich dem Waldhorn zugedachte Hornkonzert Nr.&nbsp;1 Es-Dur von Richard Strauss und die Symphonie Nr.&nbsp;3 F-Dur <\/em>Im Walde<em> von Joachim Raff. Als Hornsolist war Jens Pl\u00fccker zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/SocialMediaFlyer_DerDeutscheWald.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/SocialMediaFlyer_DerDeutscheWald-726x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5487\" width=\"439\" height=\"619\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/SocialMediaFlyer_DerDeutscheWald-726x1024.jpg 726w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/SocialMediaFlyer_DerDeutscheWald-213x300.jpg 213w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/SocialMediaFlyer_DerDeutscheWald-768x1083.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/SocialMediaFlyer_DerDeutscheWald-1090x1536.jpg 1090w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/SocialMediaFlyer_DerDeutscheWald.jpg 1240w\" sizes=\"(max-width: 439px) 100vw, 439px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Das Programm wurde klug zusammengestellt, sah man doch den deutschen Wald in jedem der drei Werke, die von Komponisten aus drei verschiedenen Generationen stammen, aus einem anderen Blickwinkel. Der <em>Freisch\u00fctz<\/em>, 1821 uraufgef\u00fchrt, ist das Fanal der Waldesromantik in der deutschen Musik. Mit den sanften Hornkl\u00e4ngen gegen Anfang der Ouvert\u00fcre hat Weber erstmals in der Symphonik dem Wald zu einer unverwechselbaren Klangsymbolik verholfen, die f\u00fcr Generationen nachfolgender Komponisten verbindlich blieb. Was aber in dieser Oper besonders hervortritt, ist die d\u00fcstere, d\u00e4monische Seite des Waldes. Das Allegro der Ouvert\u00fcre beruht zum gro\u00dfen Teil auf mit Samiel und der Wolfsschlucht assoziierten Themen (\u201eDoch mich umgarnen finstere M\u00e4chte\u201c ist eines in der Oper textiert), die in der Durchf\u00fchrung zu einem unheimlichen H\u00f6hepunkt und Zusammenbruch gef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Richard Strauss ist in seinem Ersten Hornkonzert, das er 1882\/83 mit 18 Jahren schrieb, noch nicht der Programmmusiker, als der er sp\u00e4ter ber\u00fchmt wurde. Das Werk erz\u00e4hlt keine Geschichten, sondern pr\u00e4sentiert sich als virtuose \u201eMusiziermusik\u201c (wie der \u00e4ltere Strauss gesagt h\u00e4tte), die dem Solisten reichlich Gelegenheit gibt, dem Publikum sein K\u00f6nnen zu zeigen. Als Sohn eines der besten Hornspieler seiner Zeit wusste Strauss genau, wie man die M\u00f6glichkeiten des Instruments optimal nutzt und welche Herausforderungen man ihm stellen kann. Dass der junge Komponist auf diverse Topoi zeitgen\u00f6ssischer Hornromantik zur\u00fcckgreift, liegt in der Natur der Sache. Der deutsche Wald jedenfalls ist bei ihm lichtdurchflutet, ganz mit den Augen eines lebensfrohen J\u00fcnglings gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schwerpunkt des Konzerts lag auf dem letzten St\u00fcck, Joachim Raffs Dritter Symphonie <em>Im Walde<\/em>. Das dreiviertelst\u00fcndige Werk gliedert sich in vier S\u00e4tze, die der Komponist allerdings als drei \u201eAbteilungen\u201c versteht \u2013 eine Einteilung, wie sie sp\u00e4ter auch Gustav Mahler in einigen seiner Symphonien vornahm. Als zweite Abteilung fasst Raff dabei die Mittels\u00e4tze zusammen. Diese Gliederung ist programmatischer Natur, denn der erste Satz schildert \u201eEindr\u00fccke und Empfindungen\u201c am Tage, die zweite Abteilung zun\u00e4chst eine \u201eTr\u00e4umerei\u201c (Largo), dann den \u201eTanz der Dryaden\u201c (Scherzo) \u201eIn der D\u00e4mmerung\u201c, wohingegen der Finalsatz dem Treiben im Walde bei Nacht gewidmet ist. Zu Lebzeiten setzte sich der Symphoniker Raff bei den Musik\u00e4sthetikern zwischen alle St\u00fchle, fiel sein Schaffen doch genau in jene Jahre, als sich der Richtungsstreit zwischen den Anh\u00e4ngern der \u201eProgrammmusik\u201c und denen der \u201eabsoluten Musik\u201c auf dem H\u00f6hepunkt befand. Alle elf Symphonien Raffs sind nach klassischen Vorbildern gestaltet und k\u00f6nnen ohne weiteres als absolute Musik bestehen, aber nicht weniger als neun von ihnen hat der Komponist mit einem Programm oder zumindest charakteristischen \u00dcberschriften versehen. Auch f\u00fcr die <em>Wald-Symphonie<\/em> formulierte Raff ein ausf\u00fchrliches Programm, doch belie\u00df er es in der gedruckten Partitur bei kurzen Anmerkungen vor jedem Satz. Mag Raff mit seinem Konzept von Programmsymphonik in den Musikjournalen seiner Zeit umstritten gewesen sein, das Publikum wusste seine Werke jedenfalls zu sch\u00e4tzen. Immerhin blieb die 1871 uraufgef\u00fchrte <em>Wald-Symphonie<\/em> drei Jahre lang die meistgespielte Symphonie eines lebenden deutschen Komponisten. Dies verwundert nicht, denn Raff war ein begnadeter musikalischer Landschafts- und Genremaler, der die Farbenpalette des gro\u00dfen Orchesters mit au\u00dferordentlichem Geschick zu handhaben wusste. Seine St\u00e4rke lag in pittoresken Szenen, in fein abgestufter Koloristik. Klangfarben waren ein unabdingbarer Bestandteil seines Konzepts musikalischer Dramaturgie. In der Symphonie <em>Im Walde<\/em> schl\u00e4gt sich dies darin nieder, dass es in den ersten drei S\u00e4tzen nur verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenige Tutti-Abschnitte gibt. Erst im Finale entfaltet sich die Macht des vollen Orchesters ganz. Dieser Satz ist auch der einzige des Werkes, der nicht leise endet. Hier l\u00e4sst Raff des Nachts die \u201ewilde Jagd mit Frau Holle und Wotan\u201c ausziehen. Welches Thema Frau Holle, welches Wotan zuzuordnen ist, bleibt unklar. (Ich vermute einen Scherz des Komponisten, um die Zuh\u00f6rer zur Aufmerksamkeit zu animieren.) Jedenfalls weckt das Programm des Satzes Assoziationen an Webers <em>Freisch\u00fctz<\/em> und <em>Wagners<\/em> Ring. Raffs Musik hat nicht die d\u00fcstere Majest\u00e4t des Wagnerschen Wotan, auch f\u00fchrt er uns in seinem Finale keineswegs in die Wolfsschlucht, wo ja Weber bekanntlich das Wilde Heer auf die Beschw\u00f6rung durch den Teufelsb\u00fcndner Kaspar hin aufmarschieren l\u00e4sst. Stattdessen l\u00e4sst er einen Zug urfideler Waldschrate vor unseren Ohren vor\u00fcberziehen. Die ansteckende Wirkung ihrer derben Vitalit\u00e4t bezeugt Pjotr Tschaikowskij, der diverse Stilmittel dieses Satzes im Allegro molto vivace seiner <em>Symphonie path\u00e9tique<\/em> wiederverwendete. Die Elementarkr\u00e4fte der Natur sind bei Raff dem Menschen freundlich gesonnen. Ganz in diesem Sinne schlie\u00dft er die Symphonie mit einem pr\u00e4chtigen Sonnenaufgang.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darbietungen durch die Neue Philharmonie Hamburg waren durchweg erfreulich. Simon Kannenberg, der in diesem Konzert zum ersten Mal mit dem Orchester auftrat, erwies sich als ein sehr kompetenter Kapellmeister, der nie den Verlauf der Musik aus den Augen verliert und es versteht, stets die Spannung aufrecht zu halten. Stellen, an denen Motive durch die einzelnen Orchestergruppen wandern, wie etwa in der Durchf\u00fchrung der <em>Freisch\u00fctz<\/em>-Ouvert\u00fcre, widmete er seine besondere Aufmerksamkeit. Jens Pl\u00fccker meisterte seine anspruchsvolle Solostimme im Strauss-Konzert gl\u00e4nzend, gleicherma\u00dfen sicher in den virtuosen wie in den kantablen Abschnitten. Als zweiter Solist lie\u00df sich in der Zugabe Emmanuel Goldstein h\u00f6ren, der an diesem Abend als Gast-Konzertmeister wirkte und Raffs <em>Cavatina<\/em> op. 85\/3 vollendet gesangvoll vortrug.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausdr\u00fccklich loben muss man den umfangreichen, sattsam mit wertvollen Informationen zur musik- und ideengeschichtlichen Stellung der aufgef\u00fchrten Werke ausgestatteten Programmhefttext, den Dirigent Simon Kannenberg selbst verfasst hat. Kannenberg ist auch als Musikwissenschaftler hervorgetreten und geh\u00f6rt zu den besten Kennern des Schaffens von Joachim Raff. Vor nicht langer Zeit hat er den Briefwechsel Raffs mit Hans von B\u00fclow herausgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, November 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich am 13. November 2022 in der Hamburger Laeiszhalle einfand, wurde auf eine musikalische Reise durch \u201eden deutschen Wald\u201c mitgenommen. 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