{"id":5527,"date":"2022-12-05T12:00:00","date_gmt":"2022-12-05T11:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5527"},"modified":"2022-12-06T18:15:54","modified_gmt":"2022-12-06T17:15:54","slug":"eine-griechische-tragoedie-dimitri-mitropoulos-samtliche-rca-und-columbia-aufnahmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/12\/05\/eine-griechische-tragoedie-dimitri-mitropoulos-samtliche-rca-und-columbia-aufnahmen\/","title":{"rendered":"Eine griechische Trag\u00f6die\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>Sony Classical 19439888252; EAN 0194398882529<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-II-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-II-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5529\" width=\"553\" height=\"428\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-II-1.jpg 403w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-II-1-300x232.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><a><\/a><em>Das Jahr 2022 war hinsichtlich der Ver\u00f6ffentlichung von Tontr\u00e4gern nicht weniger interessant und ergiebig als die vorangegangenen Jahre. Wenn nun also das gro\u00dfe Fest des Verschenkens und Beschenktwerdens vor der T\u00fcr steht, dann gibt es so einiges, was in Frage kommt: die sensationellen Ersteinspielungen der Streichquartett-Symphonie von Gavriil Popov (Quartet Berlin Tokyo auf eigenem Label) und der Quartette Nr.&nbsp;3 und 5 von Conrado del Campo (Quatuor Diotima im Vertrieb von outheremusic); Celibidache und die M\u00fcnchner Philharmoniker mit Sibelius\u2019 5.&nbsp;Symphonie und Stravinskys Feuervogel-Suite von 1919 (Eigenlabel der Philharmoniker) oder Karel An\u010derl mit einer gro\u00dfen Verm\u00e4chtnis-Box mit vielen wunderbaren Rarit\u00e4ten (Supraphon); einiges weitere f\u00e4llt mir noch ein, doch editorisch steht der H\u00f6hepunkt des Jahres fest, und dies nicht nur, weil vieles bisher nicht Greifbare erstmals zu bekommen ist, sondern \u00fcberhaupt, weil es sich um eines der ganz gro\u00dfen Verm\u00e4chtnisse des vergangenen Jahrhunderts handelt: s\u00e4mtliche kommerziellen Aufnahmen von Dimitri Mitropoulos, dem \u00fcberragenden Genie der griechischen Musik.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur seit Beginn der Digital-\u00c4ra, nein: seit mehr als 60 Jahren warten die Verehrer von Dimitri Mitropoulos auf eine Anthologie seiner durchweg US-amerikanischen Studio-Aufnahmen, die er zwischen Dezember 1938 und Februar 1958 fast ausschlie\u00dflich in New York und Minneapolis machte: in den 1940er Jahren als Chefdirigent des Minneapolis Symphony Orchestra (des heutigen Minnesota Symphony), in den 1950er Jahren als Chefdirigent des Philharmonic Symphony Orchestra von New York (des heutigen New York Philharmonic) und als erster Gastdirigent an der Metropolitan Opera. Warum hat das so lange gedauert \u2013 w\u00e4hrend die meisten anderen legend\u00e4ren Chefdirigenten der gro\u00dfen US-Orchester wie Arturo Toscanini, Fritz Reiner, Pierre Monteux, George Szell, Charles Munch, John Barbirolli, Eugene Ormandy, Jean Martinon oder Leonard Bernstein l\u00e4ngst mehrfach abgefeiert und auch Serge Koussevitzky oder der unglaublich vielseitige Leopold Stokowski mit einer un\u00fcberschaubaren Zahl von Editionen bedacht wurden?<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal sind es die Nachwehen einer gro\u00dfen Trag\u00f6die, die auch dann noch ihre Echos aussenden, wenn die Nachgeborenen die einstigen Ereignisse l\u00e4ngst nicht einmal mehr vom H\u00f6rensagen kennen. Und in diesem Fall ist es auch noch eine griechische Trag\u00f6die\u2026<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5530\" width=\"522\" height=\"408\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos.jpg 760w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-300x235.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 522px) 100vw, 522px\" \/><\/a><figcaption>Dimitri Mitropoulos in den 1950er Jahren.<br \/>Quelle: The New York Public Library Digital Collections<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Geboren 1896 in Athen, wuchs Dimitri Mitropoulos in einer Familie auf, deren hochbegabte junge M\u00e4nner meist Priester wurden. Zugleich war seine musikalische Begabung fr\u00fch offensichtlich, und der belgische Komponist Armand Marsick \u2013 einst Sch\u00fcler von Ropartz und d\u2019Indy sowie Freund von Saint-Sa\u00ebns und Ysa\u00ffe, bis zum Ausbruch des griechisch-t\u00fcrkischen Krieges Direktor des Athener Konservatoriums \u2013 nahm ihn unter seine Fittiche. Mitropoulos wollte seine beiden Lebensadern unter einen Hut bringen und erbat die Aufnahme ins orthodoxe Klosterleben unter Beibehaltung seines Musikerstatus. Die Absicht scheiterte am Verbot des instrumentalen Musizierens, sonst w\u00e4re aus ihm vielleicht eine Art griechischer Parallelerscheinung des piemontesischen Priester-Komponisten Lorenzo Perosi geworden. Also begleitete er Marsick nach Rom und wurde zu einem lebenslangen Anh\u00e4nger der Lehren des San Francesco d\u2019Assisi. Dessen Ideal einer nicht-hierarchischen, jedem Mitglied gleichen Rang gew\u00e4hrenden Gemeinschaft wollte er als Musiker verwirklichen, und als sich herausstellte, dass er vor allem Dirigent sein w\u00fcrde, \u00fcbertrug er diese Haltung auf seine Orchester, wof\u00fcr ihn seine Musiker liebten, was ihm aber letzten Endes auch zum Verh\u00e4ngnis werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zun\u00e4chst verstand er sich noch prim\u00e4r als tiefsch\u00fcrfender Komponist und brillanter Pianist. Er ging nach Berlin zu Ferruccio Busoni, der ihm auf einen Schlag das austrieb, was man damals in fortschrittlichen Kreisen als romantische Flausen ansah. Mitropoulos, der von seiner Grundveranlagung her immer r\u00fcckhaltlos aus tiefster Seele sch\u00f6pfen musste, war als Komponist auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen. Schnell zeigte sich seine immense dirigentische Begabung, 1921\u201325 wirkte er als Assistent unter Erich Kleiber an der Berliner Staatsoper, also bei genau dem richtigen Mann, um den Pionier der Moderne in ihm heranreifen zu lassen. Dann folgte er einem Ruf zur\u00fcck nach Athen, wo er sich in der muffigen, von Eifersucht vergifteten musikalischen Provinz unter widrigsten Bedingungen als begnadeter Orchestererzieher emporarbeitete. Eine gigantische Sensation war dann sein Deb\u00fct 1930 bei den Berliner Philharmonikern: Egon Petri, der allseits beglaubigte Statthalter der Busoni-Schule, sagte im letzten Moment als Solist in Prokofieffs 3.&nbsp;Klavierkonzert ab, und Mitropoulos fragte zuerst bescheiden nach, ob das akzeptabel sei, um dann in diesem horrend herausfordernden Werk am Klavier einzuspringen. Er dirigierte vom Instrument aus, lieferte eine fulminante Vorstellung ab und frappierte die etablierte musikalische Welt. Fortan stand seiner internationalen Karriere nichts Wesentliches mehr im Wege, und \u00fcberall wurde er mit seinem eine Sensation garantierenden Prokofieff-Wunderkonzert eingeladen.<\/p>\n\n\n\n<p>1936 deb\u00fctierte er beim Boston Symphony Orchestra, wo er sofort als Kronprinz von Serge Koussevitzky gehandelt wurde, und als er im folgenden Jahr wiederkehrte, lud man ihn auch nach Minnesota ein, wo das Orchester gerade \u2013 nach dem Weggang Eugene Ormandys nach Philadelphia \u2013 nach einem neuen Leiter Ausschau hielt. Ormandy hatte \u00fcbrigens 1934\u201335 in Minneapolis f\u00fcr RCA als Recording Pioneer erstaunliche Einspielungen gemacht, darunter Mahlers Zweite und Bruckners Siebte, die auf unz\u00e4hlige Schellacks verteilt wurden und soeben s\u00e4mtlich in einer 11-CD-Box bei Sony Classical verf\u00fcgbar gemacht worden sind. Man kann, wenn man beispielsweise die damals so popul\u00e4re <em>Hary-J\u00e1nos-Suite<\/em> von Kod\u00e1ly h\u00f6rt, sehr eindr\u00fccklich den Unterschied zwischen dem frischen, charmant entspannten Musikanten Ormandy in seiner wohl besten Zeit und dem Existenzialisten Mitropoulos h\u00f6ren. (Auch Sch\u00f6nbergs <em>Verkl\u00e4rte Nacht<\/em> und Jarom\u00edr Weinbergers robust z\u00fcndende Polka und Fuge aus <em>Schwanda der Dudelsackpfeifer<\/em> laden zum direkten Vergleich ein.)<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls nahm Mitropoulos die Herausforderung in Minneapolis im Sturm, und auch die Fortf\u00fchrung der RCA-Aufnahmen \u00fcbernahm er, nachdem er seine Musiker zu nie dagewesenem Glanz gef\u00fchrt hatte. Er leitete die Geschicke dieses Orchesters, das pl\u00f6tzlich von einem provinziellen Klangk\u00f6rper zu einem der angesehensten der USA wurde, durch die schweren Jahre des II.&nbsp;Weltkriegs und machte Minneapolis zu einer musikalischen Bastion des Unerh\u00f6rten und Modernen. Ab 1946 US-amerikanischer Staatsb\u00fcrger, war er auf die Musikszene in seiner Heimat kaum besser zu sprechen als sp\u00e4ter sein Kollege Sergiu Celibidache auf das Musikleben im kommunistischen Rum\u00e4nien unter Ceau\u0219escu. 1950 wurde er, nach mehreren umjubelten Arbeitsphasen am Big Apple, von den New Yorker Philharmonikern abgeworben. Im ersten Jahr teilte er sich die Leitung mit Leopold Stokowski, der zu jener Zeit durch eine schwere pers\u00f6nliche Krise ging, und im darauffolgenden Jahr war er alleiniger Chefdirigent des prestigetr\u00e4chtigsten Orchesters jenseits des Atlantiks.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Position klingt nach k\u00fcnstlerischer Allmacht, wird jedoch in ihrer Autorit\u00e4t \u00fcbersch\u00e4tzt. Vom Management wurde ihm schnell signalisiert, dass er sich in der Repertoireauswahl mehr am etablierten Werkkanon und den ber\u00fchmten Solisten \u2013 also am immer noch lebendigen Vorbild Toscaninis \u2013 zu orientieren habe, und so focht er bis zum Ende einen leidenschaftlichen Kampf f\u00fcr alles Neue und Unbekannte. In seiner Auswahl findet sich kein Anzeichen ideologischer Scheuklappen, jedoch nat\u00fcrlich ein Schwerpunkt US-amerikanischer Musik, worunter ihm Zeitgenossen wie Morton Gould, Peter Mennin, Roger Sessions, Howard Swanson oder auch David Diamond besonders am Herzen lagen. Im Laufe der Jahre wurde er allerdings zur Zielscheibe der New Yorker Kritik, die auf die zunehmenden Unruhen und Beschwerden aus dem Orchester reagierte und ihn letztlich \u2013 in Person des neuen Chefkritikers der New York Times, Howard Taubman \u2013 abschoss. Er wollte Gleicher unter Gleichen sein, was er \u2013 nicht bereit, offenkundig sich gegen ihn verhaltende Musiker abzustrafen \u2013 mit dem Messer im R\u00fccken bezahlte. Zu jenem Zeitpunkt, 1957, hatte er schon seinen ersten Herzinfarkt hinter sich, doch dachte er nicht an Schonung und verausgabte sich weiterhin komplett im Dienst an der Kunst. Mittlerweile war er zudem zum Favoriten der MET avanciert, wo auch die Kritik nicht anders konnte, als seine umwerfend dramatischen, vom ersten bis zum letzten Ton fesselnden Auff\u00fchrungen zu bejubeln. Und als Orchesterdirigent wandte er sich nun zur\u00fcck nach Europa, wo er nach dem Tode des in vielem geistesverwandten Wilhelm Furtw\u00e4ngler schnell der Lieblingsdirigent der Wiener Philharmoniker wurde. Vor allem seine Auff\u00fchrungen der Symphonien Gustav Mahlers und von Werken von Richard Strauss und Franz Schmidt machten ihn zum Gegenstand einer kultischen Verehrung, die aufgrund der vielen erhaltenen Live-Aufnahmen unver\u00e4ndert anh\u00e4lt. Mitropoulos starb \u2013 wie es sich geh\u00f6rt, kann man in seinem Fall sagen \u2013 am 2.&nbsp;November 1960 w\u00e4hrend einer Probe f\u00fcr Mahlers Dritte in der Mail\u00e4nder Scala an seinem dritten Herzinfarkt. Das Bergsteigen, das er so sehr liebte, hatte er l\u00e4ngst aufgeben m\u00fcssen, doch Kettenraucher war er nach wie vor. Er hat alles, auch die komplexesten neuen Werke, auswendig dirigiert und kannte die Musik bis ins kleinste Detail besser als die versiertesten unter den Komponisten, die das Gl\u00fcck hatten, von ihm aufgef\u00fchrt zu werden. Leider gibt es von ihm nur ganz wenige Aufnahmen von Werken der Klassiker, und da hat viel Neid und \u00fcble Nachrede dazu gef\u00fchrt, seine Leistungen zu marginalisieren. Mitropoulos war im Leben ein Asket, manche haben ihn sogar als Masochisten bezeichnet, in der Musik hingegen von unwiderstehlicher Strahlkraft mit seinem alles und jeden in Bann ziehenden Lebenswillen, seiner unaufhaltsam pulsierenden Entdeckungsfreude und einer Intensit\u00e4t ohnegleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun also wird die weltweite Mitropoulos-Gemeinde f\u00fcr ihr 60j\u00e4hriges Warten entsch\u00e4digt, indem Sony Classical s\u00e4mtliche RCA- und Columbia-Aufnahmen des bedeutendsten griechischen Musikers des 20.&nbsp;Jahrhunderts in einer luxuri\u00f6s ausgestatteten 69-CD-Box ver\u00f6ffentlicht. Das hat so lange gedauert, da die Plattenfirma in diesem Unternehmen vom New York Philharmonic \u2013 wo Mitropoulos seit Bernsteins Zeiten bis heute ein \u00e4hnlicher Interimsstatus zugeschrieben wird, wie ihn die Berliner Philharmoniker unter Karajan gegen\u00fcber Celibidache als Image etablierten \u2013 kaum nennenswerte Unterst\u00fctzung erfuhr. Und in Minneapolis hatte man einfach nicht die Ressourcen, um dies ambitionierte Vorhaben entsprechend mit voranzutreiben. Dass Mitropoulos ein Genie \u2013 dies nicht nur als Dirigent, sondern auch als Pianist und (was man erst heute allgemein anzuerkennen beginnt) als Komponist \u2013 war, stand stets au\u00dfer Zweifel, und mit genau dieser Etikettierung warb die Columbia schon damals f\u00fcr seine New Yorker Aufnahmen. Doch zugleich war es seine kompromisslos auf die Angelegenheiten der Musik konzentrierte Hingabe, die ihn f\u00fcr Fragen des Prestiges und der Macht blind sein lie\u00df. Er agierte selbstlos als Dirigent, bezahlte oft Projekte, die nicht die n\u00f6tige Unterst\u00fctzung erhielten, aus der eigenen Tasche, half auch jedem anderen Bed\u00fcrftigen gro\u00dfz\u00fcgig mit seinem Geld aus, bis er selbst keines mehr hatte; und diese Selbstlosigkeit erwartete er zugleich von seinen Mitstreitern, was dazu f\u00fchrte, dass er von der Columbia keine besseren Bedingungen forderte und daher schlechter behandelt wurde als beispielsweise die Kollegen aus Philadelphia unter ihrem viel oberfl\u00e4chlicheren, jedoch sehr auf gute Politur bedachten Chefdirigenten Eugene Ormandy. Nicht nur hatte Ormandy wie auch Bruno Walter und George Szell bei der Auswahl des Repertoires \u00fcberwiegend freie Hand, es wurde dort auch weitaus gro\u00dfz\u00fcgiger mit den zur Verf\u00fcgung gestellten Aufnahme-Sessions verfahren. In New York unter Mitropoulos hingegen wurden alle Beteiligten auslaugende Mammut-Sessions anberaumt, die heute schlicht absurd \u00fcberfordernd wirken, und man kann sich nur wundern, wie es unter derart desastr\u00f6sen Bedingungen \u00fcberhaupt zu solchen Leistungen kommen konnte. So wurden am 2. November 1952 Borodins 2.&nbsp;Symphonie (eine der gro\u00dfartigsten Mitropoulos-Einspielungen), 4&nbsp;T\u00e4nze von de Falla und von Mendelssohn drei Ouvert\u00fcren und die Symphonien Nr.&nbsp;3 und 5 aufgenommen. Und am 11.&nbsp;November 1957, als das gemeinsame Schiff schon im Sinken begriffen war, brachte man nach <em>Star Spangled Banner<\/em> Mussorgskys <em>Nacht auf dem kahlen Berge<\/em>, eine umfangreiche Suite aus Prokofieffs <em>Romeo und Julia<\/em> sowie Tschaikowskys <em>Slawischen Marsch<\/em> und \u2013 zum Schluss \u2013 die <em>Path\u00e9tique<\/em> unter Dach und Fach. Wie sollte der Tschaikowsky da noch so passioniert gespielt werden k\u00f6nnen wie der Prokofieff? Und wie h\u00e4tten die Mendelssohn-Symphonien noch jene Frische haben k\u00f6nnen, die sie im Konzert hatten? Ganz abgesehen davon, dass es auch kaum Zeit f\u00fcr Nachkorrekturen gab und m\u00f6glichst alles sofort reibungslos zu klappen hatte. Es ist also ein schlichtes Wunder, dass die meisten dieser Einspielungen trotzdem zum Fesselndsten und Mitrei\u00dfendsten geh\u00f6ren, was je auf Schallplatte gebannt wurde. Die Mendelssohn-Symphonien beispielsweise genie\u00dfen bis heute Referenzstatus. Und die legend\u00e4re Aufnahme des Sch\u00f6nberg-Violinkonzerts mit Mitropoulos\u2019 Freund Louis Krasner wurde \u2013 wie Krasner ausf\u00fchrlich geschildert hat \u2013 in der letzten halben Stunde eines ganzt\u00e4gigen Aufnahmeprojekts spontan eingeschoben, ohne die Gelegenheit zu auch nur einer minimalen Nachkorrektur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen daran sehen, wie widrigste Bedingungen die Menschen \u00fcber sich selbst hinaus wachsen lassen, wie sie aber auch der langfristigen Stabilit\u00e4t einer Beziehung im Wege stehen und die Strahlkraft und Begeisterung auch gro\u00dfartigster k\u00fcnstlerischer Erlebnisse allm\u00e4hlich aush\u00f6hlen. Mitropoulos und sein Orchester haben sozusagen \u00dcbermenschliches geleistet, und am Ende hat man ihn daf\u00fcr verflucht und sich seinem Z\u00f6gling Leonard Bernstein, der ihn letztlich auch verriet, an die Brust geworfen. Zumal Bernstein das damals so gef\u00e4hrliche Thema seiner Homosexualit\u00e4t mit einer glanzvollen Heirat kaschierte, wogegen Mitropoulos, der stets lebte wie ein M\u00f6nch, wegen seiner homosexuellen Veranlagung ins Gerede geriet. Insofern ist die nun vorliegende CD-Anthologie nicht nur ein sp\u00e4ter Triumph seiner unnachahmlichen Kunst, sondern auch ein Akt dessen, was man Wiedergutmachung nennt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-I.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-I.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5531\" width=\"439\" height=\"439\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-I.jpg 355w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-I-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Mitropoulos-Box-I-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 439px) 100vw, 439px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Es ist nicht einfach, Highlights aus dieser Sammlung zu benennen. Viele, darunter die Opernaufnahmen wie Bergs <em>Wozzeck<\/em>, Barbers <em>Vanessa<\/em>, Mussorgskys <em>Boris Godunov<\/em> oder Verdis <em>Maskenball<\/em> \u2013 allesamt mit Traumbesetzungen \u2013, wie seine Berlioz-, Scriabin-, Prokofieff- oder Schostakowitsch-Einspielungen, Sch\u00f6nbergs <em>Erwartung<\/em> mit Dorothy Dow oder das 5.&nbsp;Beethoven-Konzert mit Robert Casadesus galten sofort als ma\u00dfstabsetzend und sind es bis heute geblieben. Andere sind weniger bekannt geworden, und unter diesen m\u00f6chte ich besonders die hinrei\u00dfende Aufnahme von Tschaikowskys 1.&nbsp;Orchestersuite erw\u00e4hnen, mit ihrem frappierend fugierenden Kopfsatz, der zu seinen symphonischen Gipfelleistungen z\u00e4hlt und hier mit maximaler Differenzierung, Spannkraft und bezwingend organischer Geschlossenheit dargeboten wird; eine feine, in ihrer erf\u00fcllten Unschuld besonders ber\u00fchrende Aufnahme des 3.&nbsp;Beethoven-Konzerts mit dem jungen Jean Casadesus; Dukas\u2019 <em>Zauberlehrling<\/em> und die Schumann-Symphonien. Oder die nur mit Hilfe unabh\u00e4ngiger Funds eingespielten Symphonien Nr.&nbsp;2 von Roger Sessions und Nr.&nbsp;3 von Peter Mennin sowie das <em>Symphonic Allegro<\/em> des jungen Roy Travis. Besonders Mennins Dritte \u2013 vom meines Erachtens bedeutendsten Symphoniker, den die USA hervorgebracht haben \u2013 ist auf die F\u00e4higkeiten Mitropoulos\u2019 geradezu ideal zugeschnitten: unaufhaltsames Momentum in den Ecks\u00e4tzen, dabei st\u00e4ndig in vollem Auskosten der Sensitivit\u00e4t der Tonbeziehungen, von flammendem Leben erf\u00fcllt. Und verinnerlichter Fluss, Palestrina-artiges Verst\u00e4ndnis des kontrapunktischen Gewebes in modernem Harmoniegewand im lyrischen Mittelsatz. Da findet man auch die Verbindung zum Komponisten Mitropoulos, wie sie in der lyrischen Ekstase des 19j\u00e4hrigen im Orchesterst\u00fcck <em>Taph\u00e9<\/em> (Begr\u00e4bnis) mitzuerleben ist, von welchem bei YouTube eine wunderbar einf\u00fchlsam disponierte Auff\u00fchrung unter Ioannis Protopapas vorhanden ist. Oder in seinem letzten Orchesterwerk, dem gnadenlos \u00fcber Stock und Stein jagenden, quasi den mittleren Bart\u00f3k vorwegnehmenden Concerto grosso von 1928, welches unl\u00e4ngst in einer Neuaufnahme bei Bridge Records ver\u00f6ffentlicht wurde. Wie sehr bedaure ich, dass Mitropoulos selbst sich nicht mehr um seine eigenen Kompositionen k\u00fcmmerte, wie dies Furtw\u00e4ngler und de Sabata gelegentlich und selbst Celibidache bei einer Gelegenheit getan haben. Doch das Verm\u00e4chtnis Mitropoulos\u2019 ist \u2013 auch wenn er kaum Skalkottas dirigiert hat und seine Auff\u00fchrungen gro\u00dfer Werke seiner Landsm\u00e4nner Perpessas und Petrides nicht ins Aufnahmestudio mitbrachte \u2013 eine gigantische Lebensleistung, und was in dieser Anthologie von den von ihm so geliebten Meistern Mahler, Strauss, Sch\u00f6nberg, Krenek oder Schnabel fehlt, kann man gro\u00dfenteils in seinen Live-Aufnahmen nacherleben. Und es steht au\u00dfer Zweifel, dass \u2013 wenn man die Entstehungsbedingungen der Columbia-Aufnahmen in Betracht zieht \u2013 der Unterschied zwischen Konzert- und Studioaufnahmen bei ihm nicht gr\u00f6\u00dfer war als etwa bei Celibidache die Differenz zwischen Konzerten und Aufnahmen in den Rundfunkstudios. Es ist eigentlich immer live, wie es die Musik ihrem Wesen nach seit jeher ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Dezember 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sony Classical 19439888252; EAN 0194398882529 Das Jahr 2022 war hinsichtlich der Ver\u00f6ffentlichung von Tontr\u00e4gern nicht weniger interessant und ergiebig als die vorangegangenen Jahre. 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