{"id":5535,"date":"2022-12-11T05:26:06","date_gmt":"2022-12-11T04:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5535"},"modified":"2022-12-11T05:26:11","modified_gmt":"2022-12-11T04:26:11","slug":"belebende-gegensaetze-sergiu-celibidache-dirigiert-haydn-und-tschaikowskij-swr-classic","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/12\/11\/belebende-gegensaetze-sergiu-celibidache-dirigiert-haydn-und-tschaikowskij-swr-classic\/","title":{"rendered":"Belebende Gegens\u00e4tze: Sergiu Celibidache dirigiert Haydn und Tschaikowskij"},"content":{"rendered":"\n<p>SWR Classic, SWR19118CD; EAN: 0747313911882<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Celibidache-Haydn-Tschaikowskij.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Celibidache-Haydn-Tschaikowskij.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5536\" width=\"479\" height=\"473\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Celibidache-Haydn-Tschaikowskij.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Celibidache-Haydn-Tschaikowskij-300x296.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 479px) 100vw, 479px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>SWR Classic hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Sch\u00e4tze aus den Archiven des S\u00fcdwest-Rundfunks zu Tage gef\u00f6rdert. Ich erinnere nur an die 30-CD-Packung mit den gesammelten Einspielungen von Carl Schuricht und an die gl\u00fccklicherweise immer noch fortschreitende Hans-Rosbaud-Edition, von welcher zuletzt hervorragende Aufnahmen mit Symphonien von Jean Sibelius und Werken franz\u00f6sischer Komponisten erschienen sind. Mit der Ver\u00f6ffentlichung eines Studiokonzerts aus dem Jahr 1959 ist der Reihe ein weiteres Glanzst\u00fcck hinzugef\u00fcgt worden. Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart spielt unter der Leitung von Sergiu Celibidache Joseph Haydns Symphonie B-Dur Hob.\u00a0I:102 und Pjotr Iljitsch Tschaikowskijs Symphonie Nr.\u00a06 h-Moll <\/em>Path\u00e9tique.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Orchester, das Sergiu Celibidache am 17.&nbsp;September 1959 in der Villa Berg dirigierte, hat im Laufe seiner Geschichte mehrfach den Namen gewechselt. 1946 als \u201eGro\u00dfes Orchester von Radio Stuttgart\u201c ins Leben gerufen und seit 1949 als \u201eSinfonieorchester des S\u00fcddeutschen Rundfunks gef\u00fchrt\u201c, war es wenige Monate vor dem auf der vorliegenden CD festgehaltenen Konzert in \u201eS\u00fcdfunk Sinfonieorchester\u201c umbenannt worden. Den Namen \u201eRadio-Sinfonieorchester Stuttgart\u201c, unter dem es heute vor allem bekannt ist, erhielt es 1975. Durch die Fusionierung zum SWR Sinfonieorchester 2016 beendete der S\u00fcdwestrundfunk die Geschichte seiner Stuttgarter und Freiburger Orchester als eigenst\u00e4ndige Klangk\u00f6rper. Wie die Rosbaud- und Schuricht-Ver\u00f6ffentlichungen, l\u00e4sst sich also auch diese Celibidache-CD als musikalisches Denkmal begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Celibidache verband das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart eine langj\u00e4hrige Zusammenarbeit. Er stand zum ersten Mal 1958 an der Spitze des Orchesters, und kehrte bis 1982, als er sich mit der \u00dcbernahme der M\u00fcnchner Philharmoniker erstmals seit drei Jahrzehnten wieder fest an ein Orchester band, immer wieder nach Stuttgart zur\u00fcck. Die Verbindung intensivierte sich in den 70er Jahren. Von 1972 bis 1979 war Celibidache st\u00e4ndiger Gastdirigent des Radio-Sinfonieorchesters, das damals keinen Chefdirigenten hatte, und fungierte als dessen k\u00fcnstlerischer Leiter. Da das Orchester als Rundfunkklangk\u00f6rper, dessen Schwerpunkt auf nicht allt\u00e4glichem Repertoire lag, dem Dirigenten viel Einstudierungszeit zur Verf\u00fcgung stellen konnte, fand Celibidache hier optimale Arbeitsbedingungen vor, um seine k\u00fcnstlerischen Ziele zu realisieren. Bekanntlich nicht an der Produktion von Tontr\u00e4gern interessiert, duldete Celibidache aber, dass der Rundfunk seine Konzerte aufzeichnete, um sie gelegentlich senden zu k\u00f6nnen. Mitschnitte zahlreicher Auff\u00fchrungen aus dieser Zeit (z.&nbsp;B. Symphonien von Bruckner und Brahms, Tondichtungen von Richard Strauss) wurden nach dem Tode des Dirigenten von der Deutschen Grammophon ver\u00f6ffentlicht. Aufzeichnungen von Proben, die den Editionen beigegeben wurden, dokumentieren die \u00e4u\u00dferste Sorgfalt, mit der Celibidache bei den Einstudierungen zu Werke ging, und die Hingabe, mit der die Stuttgarter Musiker seine Anweisungen in Klang umsetzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der neuen SWR-Classic-CD wird dem Bild, das uns die fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen von Celibidaches Wirken in Stuttgart vermittelten, ein weiterer wichtiger Mosaikstein hinzugef\u00fcgt. Die Platte bietet ein ganzes Konzert des damals 47-j\u00e4hrigen Dirigenten. Es umfasst, wie es Celibidache gerade zu jener Zeit liebte, mit Joseph Haydns B-Dur-Symphonie Hob.&nbsp;I:102 und Pjotr Tschaikowskijs <em>Pathetique<\/em> zwei Werke, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten: ein Programm extremer Kontraste. Celibidache war keiner jener Dirigenten, die glaubten, durch einseitige \u00dcberbetonung bestimmter Aspekte den Charakter eines Werkes besonders deutlich machen zu k\u00f6nnen, oder gar an den St\u00fccken einen pers\u00f6nlichen Interpretationsstil demonstrieren zu m\u00fcssen. Solche Darbietungsweisen, die letztlich den Beigeschmack der Einseitigkeit hervorrufen, haben ihn nie interessiert. Stattdessen sichtete er die Partituren ph\u00e4nomenologisch, indem er die Fortschreitung der Harmonien verfolgte, der Beschaffenheit des Tonsatzes auf den Grund ging, die Phrasierung der melodischen Linien in Haupt- und Nebenstimmen bis ins kleinste Detail nachvollzog und \u00fcber all dem nie verga\u00df, dass Instrumente Stellvertreter menschlicher Stimmen sind. Seine Dirigate vermitteln den Eindruck eines zwanglosen Entfaltens der in den Partituren angelegten Kr\u00e4fte, denen nichts von au\u00dfen hinzugef\u00fcgt werden muss, um sie zur Wirkung zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was f\u00f6rdert Celibidache auf diese Weise nicht alles zu Tage! Beide, Haydn und Tschaikowskij, stehen als runde Charaktere vor uns, als scharf profilierte Pers\u00f6nlichkeiten, die man nicht auf wenige Schlagworte reduzieren kann. Nat\u00fcrlich ist Haydn auch unter Celibidache geistvoll, witzig, von nie nachlassendem Spieltrieb durchdrungen, aber bereits die sehr breit genommene Einleitung des ersten Satzes verr\u00e4t, dass dem Komponisten das Feierliche und Erhabene durchaus vertraut gewesen ist. Die liebevoll ausmusizierten Sechzehntelnoten in breit schwingendem 3\/4-Takt verleihen dem langsamen Satz eine Stimmung apollinischer Gelassenheit. Der hervortretende Trompetenton kurz vor seinem Ausklang wird nicht zum groben Effekt, sondern sendet sanftes Licht von innen. Die von langen Noten gepr\u00e4gten Takte in der Coda des Finales klingen wie ferne Chor\u00e4le in den Trubel dieses Satzes hinein. Dass auch die turbulente Seite der Haydnschen Kunst in Celibidaches H\u00e4nden bestens aufgehoben ist, davon zeugen etwa der \u00e4u\u00dferst markant herausgemei\u00dfelte Kanon in der Durchf\u00fchrung des Kopfsatzes und der unaufhaltsame Schwung des Finales.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bei EMI (sp\u00e4ter Warner) erschienenen Mitschnitte der letzten drei Symphonien Pjotr Tschaikowskijs mit den M\u00fcnchner Philharmonikern dokumentieren, dass Celibidache wie kein anderer Dirigent berufen war, die ganze Gr\u00f6\u00dfe dieses Symphonikers deutlich werden zu lassen. Vergleicht man die hier vorliegende Sechste mit der sp\u00e4teren Aufnahme, f\u00e4llt zwar auf, dass der 80-j\u00e4hrige Celibidache sich gegen\u00fcber den knapp 50 Minuten der Stuttgarter Auff\u00fchrung insgesamt 10 Minuten mehr Zeit nimmt, doch die Herangehensweise an die Musik ist im Wesentlichen gleich geblieben. Wir erleben denselben Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen, aber stets seinen Prinzipien treu. Diese fr\u00fche <em>Path\u00e9tique<\/em> vermittelt unmissverst\u00e4ndlich, nicht anders als die sp\u00e4te, wie schl\u00fcssig Tschaikowskij komponiert hat. Die extremen Tempo- und Ausdruckskontraste des Kopfsatzes, in welchem zudem mehrfach Themen eingef\u00fchrt werden, die im weiteren Verlauf nicht wiederkehren, haben schon manchen Kapellmeister dazu verf\u00fchrt, das St\u00fcck als blo\u00dfe Abfolge locker miteinander verbundener Episoden aufzufassen und entsprechend zerrissen darzubieten. Celibidache erkennt, wie eng aufeinander bezogen die einzelnen Abschnitte des Satzes sind, wie ihre stark gegens\u00e4tzlichen Stimmungen einander gegenseitig beleuchten und wie durch diese Gegens\u00e4tze die musikalische Handlung vorangetrieben wird. \u201eVerweile doch, du bist so sch\u00f6n\u201c, meint man es aus dem Seitensatz t\u00f6nen zu h\u00f6ren, wenn der Dirigent in \u00dcbereinstimmung mit dem harmonischen Gef\u00e4lle Phrasenenden leicht verlangsamt, um mit dem jeweils n\u00e4chsten Phrasenanfang wieder ins Grundtempo zur\u00fcckzukehren. Und ist dann scheinbar Ruhe eingetreten, bricht mit einer manischen Energie sondergleichen die Durchf\u00fchrung in die friedliche Szenerie herein wie die apokalyptischen Reiter. Das <em>largamente forte possibile <\/em>vor der Wiederkehr des Andante-Themas hat die Intensit\u00e4t eines alles mit sich rei\u00dfenden Lavastroms. Aber nicht nur im Extremen ist Celibidache in seinem Element. Auch die feineren Schwankungen arbeitet er trefflich heraus. Man h\u00f6re etwa im zweiten Satz, wie der Mittelteil durch die deutliche Hervorhebung der lastenden Blechbl\u00e4sert\u00f6ne und eine geringf\u00fcgige Verlangsamung des Tempos einen ganz anderen Klang erh\u00e4lt als der lichte Hauptteil. Die \u00dcberleitung, die zu ihm zur\u00fcckf\u00fchrt, wirkt wie ein erneutes Aufbl\u00fchen nach vor\u00fcbergehender Eintr\u00fcbung. Das vielleicht Wunderbarste an dieser Tschaikowskij-Darbietung ist, dass man merkt, mit welchem Geschick der Komponist Neben- und Gegenstimmen eingesetzt hat. Celibidache hatte die Gabe, seinen Musikern eine konkrete Vorstellung von ihrer Rolle im Ganzen zu vermitteln. Nicht nur wer gerade das Thema hat, hat etwas zu sagen, sondern auch diejenigen, die es begleiten, oder die ihm einen Kontrapunkt zur Seite stellen. Man kann nahezu in jedem Moment dar\u00fcber staunen, welch ein Leben hier in allen Stimmen pulsiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es besteht also ein guter Grund, SWR Classic f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung dieser CD dankbar zu sein. Da Haydns Symphonie Nr.&nbsp;102 in den Celibidache-Editionen von Audite, Deutsche Grammophon und EMI\/Warner fehlt, wird zudem eine diskographische L\u00fccke geschlossen. Ein Begleittext, der ein lebendiges Bild von Celibidache als Mensch und K\u00fcnstler vermittelt, rundet die Produktion trefflich ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Norbert Florian Schuck [Dezember 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SWR Classic, SWR19118CD; EAN: 0747313911882 SWR Classic hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Sch\u00e4tze aus den Archiven des S\u00fcdwest-Rundfunks zu Tage gef\u00f6rdert. 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