{"id":554,"date":"2016-02-22T10:23:06","date_gmt":"2016-02-22T09:23:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=554"},"modified":"2016-02-22T10:24:52","modified_gmt":"2016-02-22T09:24:52","slug":"klassik-und-klassizistik-im-prinzregententheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/02\/22\/klassik-und-klassizistik-im-prinzregententheater\/","title":{"rendered":"Klassik und Klassizistik im Prinzregententheater"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am Abend des 21. Februar 2016 spielt Jan Lisiecki im M\u00fcnchner Prinzregententheater zusammen mit dem Z\u00fcrcher Kammerorchester unter Leitung seines Konzertmeisters Willi Zimmermann die Klavierkonzerte Nr. 20 d-Moll KV 466 und Nr. 21 C-Dur KV 467 von Wolfgang Amadeus Mozart. Au\u00dferdem gibt das Orchester Mozarts Marsch D-Dur KV 249 sowie die f\u00fcnfte Symphonie B-Dur D 485 von Franz Schubert. Der Veranstalter ist M\u00fcnchenMusik.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese beiden Werke sind untrennbar miteinander verbunden, trotz ihres extrem divergierenden Charakters: Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzerte Nr. 20 d-Moll KV 466 und Nr. 21 C-Dur KV 467. Die zwei Konzerte wurden 1785 innerhalb weniger Wochen hintereinander komponiert und werden bis heute auf etlichen Aufnahmen kombiniert, so auch auf dem Deb\u00fctalbum des damals 17-j\u00e4hrigen Jan Lisiecki, der heute kurz vor seinem 21. Geburtstag steht. Das C-Dur-Konzert funkelt in strahlender Ausgelassenheit, einem strukturell komplexen Kopfsatz folgen zwei durchweg inspirierte und stringente S\u00e4tze, von denen vor allem der Mittelsatz gro\u00dfe Beliebtheit erlangt hat. Ganz anders das d\u00fcstere und unheilverk\u00fcndende d-Moll-Konzert, das jeden Ausbruch ins Dur sofort wieder in den Abgrund zu rei\u00dfen vermag: sogar das liebliche Romanzenthema des Mittelsatzes bricht im Mittelteil ein und b\u00e4umt sich mit aller Gewalt in donnerndem Moll auf. Neben diesen beiden unverg\u00e4nglichen Werken Mozarts kann das Orchester sich mit Schuberts Symphonie Nr. 5 pr\u00e4sentieren, die h\u00e4ufig als erste klassizistische Symphonie der Musikgeschichte beschrieben wird. Tats\u00e4chlich besinnt sie sich auf \u00fcberlieferte, Mozart\u2018sche und Haydn\u2018sche Ideale, ist die k\u00fcrzeste und ohne Pauken, Klarinetten und Trompeten am sparsamsten besetzte Symphonie Schuberts. Dessen ungeachtet enth\u00fcllt auch sie eine ganz eigene und unverwechselbare Tonsprache im klassischen Korsett und geht furchtlos eigene Wege, modulatorisch und hinsichtlich der Themenentwicklung. Diese Symphonie hat eine freundliche und beschwingte Grundattit\u00fcde und brilliert durch eine von Schubert eher ungewohnte uneingeschr\u00e4nkte Leichtigkeit und Heiterkeit, einmal ohne den f\u00fcr ihn so bezeichnenden doppelten Boden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist durchaus erstaunlich, mit wie viel Liebe zum Detail Jan Lisiecki an die beiden ausgereiften Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart geht. In einem Alter, in dem heute die meisten Pianisten lediglich auf schnelle Finger und automatisierte Perfektion achten (was &#8211; welch ein Teufelskreis! &#8211; vom Publikum peinlicherweise meist auch noch durch besonders laute Bravo-Rufe und noch tosenderen Applaus honoriert wird), nimmt Lisiecki die Musik selbst unter die Lupe. In gr\u00f6\u00dfter Detailverliebtheit gestaltet er jede Phrase und jede Stimme farbenreich aus. Beim C-Dur-Konzert mag es dadurch noch teilweise etwas steril und gewollt wirken sowie der Bezug zum gro\u00dfen Ganzen etwas fragmentarisch erscheinen, doch im d-moll-Konzert geht dies voll auf. Hier beweist er ein unersch\u00fctterliches Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Musik, was auch beim Konzert in C-Dur schon durchaus ersichtlich wurde, und kann die Zerrissenheit und Untergr\u00fcndigkeit der Musik dem H\u00f6rer sinnhaft vermitteln. In beiden Konzerten gl\u00e4nzt sein Spiel durch klare und schlichte Tongebung mit technischer Brillanz und wohldosiertem Pedaleinsatz. Die Ausfeilung der Melodief\u00fchrung bringt mit sich, dass Lisiecki auch die Gesetze von Spannung und Entspannung erf\u00fchlt und die Linien dynamisch aus den ihnen innewohnenden Kr\u00e4ften entstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein klein wenig geschm\u00e4lert wird die furiose Wirkung der Konzerte bedauerlicherweise durch die Zugabe, die Tr\u00e4umerei aus Robert Schumanns Kinderszenen. Zwar formt Lisiecki auch hier die Melodie plastisch aus und bringt sie durch eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Abmischung der einzelnen Stimmen zum Strahlen, doch l\u00e4uft ihm die hochromantische Musik strukturell vollkommen aus dem Ruder. Er &#8222;vertr\u00e4umt&#8220; sich in der Tr\u00e4umerei, l\u00e4sst das Tempo vollst\u00e4ndig auseinanderfallen und somit den H\u00f6rer ohne jeden Sinn f\u00fcr Zusammenhang oder zentrale Aussage des St\u00fcckes zur\u00fcck. Mit einem weiteren St\u00fcck von Mozart oder einem seiner Zeitgenossen h\u00e4tte sich Jan Lisiecki einen gr\u00f6\u00dferen Gefallen getan &#8211; oder mit einem weiteren Satz eines anderen Klavierkonzerts von Mozart oder auch Haydn, wo au\u00dferdem das ausgezeichnete Orchester sich noch einmal h\u00e4tte beteiligen k\u00f6nnen. Trotzdem wird anhand von Mozart deutlich, welch herausragender Musiker Jan Lisiecki bereits jetzt ist \u2013 einer, der fr\u00fch schon einen guten Zugang zur Musik hatte und der einzelnen T\u00f6nen und deren Verbindungen sp\u00fcrend nachforscht anstatt sich auf zirkushafte Fingerfertigkeit zu verlassen &#8211; ein gehaltvoller Weg, den weiter zu beschreiten wahrlich lohnt, und der zweifellos von gro\u00dfem Erfolg gekr\u00f6nt sein wird!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Z\u00fcrcher Kammerorchester unter Willi Zimmermann, der nebenbei noch als Konzertmeister die ersten Violinen anf\u00fchrt, zeigt sich von seiner besten Seite. In der kleinen Besetzung begeistert das Ensemble durch seinen enormen Farben- und Artikulationsreichtum, durch Durchh\u00f6rbarkeit und sp\u00fcrbare feinsinnige Abstimmung. Es ist offenkundig, wie wach sich die Musiker gegenseitig zuh\u00f6ren und ihren eigenen Klang in das Gewebe einpassen k\u00f6nnen. Das intime Gef\u00fchl, das durch die N\u00e4he des Publikums zur B\u00fchne ohne einsch\u00fcchternde Erhebung oder gro\u00dfen Abstand im M\u00fcnchner Prinzregententheater entsteht, kommt dem Kammerorchester zus\u00e4tzlich zu Gute, in Kombination mit seinem warmen und frischen Klang wirkt alles sehr vertraut, gar heimisch. Die Begleitung der beiden Klavierkonzerte ger\u00e4t hinrei\u00dfend (abgesehen von der kurzen Panne, als die Musiker nicht genau zu wissen scheinen, wann denn die Kadenz im Kopfsatz des KV 466 nun endet und wann folglich ihr Einsatz folgt &#8211; was aber angesichts der doch recht eigenwillig gew\u00e4hlten Kadenzen in diesem Konzert im Gegensatz zu den angenehmen und sich gut einpassenden Kadenzen in KV 467 nicht allzu sehr zu verwundern vermag) und auch der eher unbekannte Marsch zu Beginn des Konzerts ist bereits ein musikalisches Erlebnis. Doch am meisten k\u00f6nnen die Musiker des Z\u00fcrcher Kammerorchesters mit der f\u00fcnften Symphonie von Franz Schubert verzaubern, die eine besonders schillernde Lebendigkeit erh\u00e4lt und stets atmend pulsiert. Zu keiner Zeit entstehen l\u00e4hmende L\u00e4ngen und die Zeit verfliegt wie im Flug. Eine h\u00f6chst bemerkenswerte Leistung dieses renommierten Schweizer Ensembles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Abend des 21. Februar 2016 spielt Jan Lisiecki im M\u00fcnchner Prinzregententheater zusammen mit dem Z\u00fcrcher Kammerorchester unter Leitung seines Konzertmeisters Willi Zimmermann die Klavierkonzerte Nr. 20 d-Moll KV 466 und Nr. 21 C-Dur KV 467 von Wolfgang Amadeus Mozart. Au\u00dferdem gibt das Orchester Mozarts Marsch D-Dur KV 249 sowie die f\u00fcnfte Symphonie B-Dur D &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/02\/22\/klassik-und-klassizistik-im-prinzregententheater\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Klassik und Klassizistik im Prinzregententheater<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[87,503,507,508,506,505,184,504],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=554"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4943,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554\/revisions\/4943"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}