{"id":5545,"date":"2022-12-27T23:59:00","date_gmt":"2022-12-27T22:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5545"},"modified":"2022-12-29T11:27:20","modified_gmt":"2022-12-29T10:27:20","slug":"ueberzeugende-gesamtaufnahme-von-carl-vines-klaviersonaten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/12\/27\/ueberzeugende-gesamtaufnahme-von-carl-vines-klaviersonaten\/","title":{"rendered":"\u00dcberzeugende Gesamtaufnahme von Carl Vines Klaviersonaten"},"content":{"rendered":"\n<p>Dynamic CDS7931; EAN: 8 007144 079314<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Vine-Klaviersonaten-Liu.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Vine-Klaviersonaten-Liu-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5546\" width=\"480\" height=\"480\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Vine-Klaviersonaten-Liu-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Vine-Klaviersonaten-Liu-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Vine-Klaviersonaten-Liu-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Vine-Klaviersonaten-Liu-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Vine-Klaviersonaten-Liu.jpg 1450w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die chinesisch-amerikanische Pianistin <\/em>Xiaoya Liu <em>hat f\u00fcr das italienische Label Dynamic \u2013erstmals auf einer CD \u2013 die bislang vier Klaviersonaten des Australiers <\/em>Carl Vine <em>(*&nbsp;1954)<\/em> <em>eingespielt. Ein ganz vortrefflicher Zyklus in \u00fcberragender Qualit\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die australische Komponistenszene wird in Europa bislang zu wenig wahrgenommen. Abgesehen von Peter Sculthorpe (1929\u20132014), der vielleicht als Erster versucht hat, das kulturelle Erbe der Ureinwohner und landschaftliche Spezifika mit westlicher Kunstmusik in Einklang zu bringen, betrachtete man viele Komponisten als nicht national eigenst\u00e4ndig (\u201eAch, ich dachte, der sei Engl\u00e4nder\u2026\u201c) oder lie\u00df sie ganz unter den Tisch fallen. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man alles, was auf dem fernen Kontinent komponiert wurde, als australische Musik bezeichnen sollte. Lediglich Brett Dean (*&nbsp;1961) \u2013 zun\u00e4chst Bratscher der Berliner Philharmoniker \u2013 wird seit einigen Jahren regelm\u00e4\u00dfig auch auf westlichen Neue-Musik-Podien aufgef\u00fchrt. Nach Meinung des Rezensenten ist eher Carl Vine, 1954 in Perth geboren, der virtuoseste Vertreter seiner australischen Zunft. Er ist allerdings durch und durch Eklektiker geblieben. Die Vorbilder seiner bislang acht Symphonien und vier Klaviersonaten \u2013 oft zu einseitig als Produkte der Neo-Romantik charakterisiert \u2013 liegen weniger im 19. Jahrhundert, sondern vielmehr bei Elliott Carter, manchen Minimalisten, im Jazz und \u2013 ganz sicher f\u00fcr seine elektronische Musik \u2013 bei Karlheinz Stockhausen. V\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, dass Vine bisher noch nicht einmal einen eigenen Artikel in der MGG erhalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier Klaviersonaten (1990, 1997, 2007 und 2019) bilden nicht nur Vines kompositorische Entwicklung der letzten drei\u00dfig Jahre gut ab, sondern erweisen sich allesamt als pianistisch hochvirtuose und dankbare St\u00fccke. Die ersten beiden Sonaten sowie das 1.&nbsp;Klavierkonzert wurden vom Widmungstr\u00e4ger Michael Kieran Harvey fr\u00fch aufgenommen, und gerade die Sonate Nr.&nbsp;1 galt bald als Geheimtipp unter Pianisten. Wie auch die zweite Sonate \u2013 und das Vorbild Elliott Carters \u2013 ist sie zweiteilig. Die recht vertrackte Faktur nutzt von Beginn an die sogenannte <em>metrische Modulation<\/em> ganz in der Weise Carters, woraus sich komplexe, aber immer h\u00f6rbar gut nachvollziehbare polyrhythmische Schichtungen ergeben. Harmonisch schwankt das dann zwischen auf Quarten aufgebauten und rein tonalen Episoden. Der zweite Teil beginnt mit schikan\u00f6sem Sechzehntelgerase im Unisono, was sofort an das Finale von Chopins b-Moll-Sonate oder das <em>Presto misterioso <\/em>der 1.&nbsp;Sonate von Alberto Ginastera erinnert, dann jedoch weitaus dramatischer fortgef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die chinesisch-amerikanische, nun in Massachusetts lebende Pianistin <em>Xiaoya Liu<\/em>, \u2013 Preistr\u00e4gerin zahlloser, daf\u00fcr nicht allzu bekannter Wettbewerbe \u2013 deb\u00fctiert hier mit der ersten Gesamtaufnahme der Vine-Sonaten. Ihre Virtuosit\u00e4t ist umwerfend \u2013 vor allem, weil ihr Spiel bei aller Pr\u00e4zision dynamisch musterg\u00fcltig differenziert und die Musik so stets als pulsierender Organismus am Leben bleibt. Benjamin Boren spielt in der Konkurrenzaufnahme der Sonaten 1\u20133 rhythmisch noch genauer, wodurch der Kopfsatz der ersten Sonate ein wenig gewinnt, zugleich jedoch emotional quasi tot wirkt: Nicht nur der Beginn des zweiten Teils klingt so tats\u00e4chlich wie ein mechanisches Player Piano. Harveys Einspielung kann da technisch nicht mehr ganz mithalten, l\u00e4sst jede Feindynamik im Forte vermissen, wodurch seine Lesart insgesamt gr\u00f6ber und oberfl\u00e4chlicher daherkommt, was nur zum Teil der schlechteren Aufnahmetechnik geschuldet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der 2.&nbsp;Sonate steigert Vine sogar die pianistischen Anforderungen \u2013 die schnellen Arpeggiokaskaden verweisen auf Ravel und die wilden Toccata-Abschnitte enden schlie\u00dflich geradezu explosiv, ergeben aber gleichzeitig eine klarere Form als die 1.&nbsp;Sonate. Bei aller emotionalen Ungez\u00fcgeltheit gelingt wiederum Frau Liu durch ihre ph\u00e4nomenale Kontrolle und Flexibilit\u00e4t die weitaus \u00fcberzeugendste Darbietung. Interessant, dass alle Interpreten die \u2013 nur vom Tempo her \u2013 ruhigeren akkordischen bzw. Oktavabschnitte teils deutlich (Boren) zu schnell nehmen. Lius guter Kompromiss zwischen den gedruckten Metronomangaben und Vermeidung drohender Statik scheint diesbez\u00fcglich durchaus angemessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 3.&nbsp;Sonate ist viers\u00e4tzig ohne Pause und deutlich romantischer bzw. impressionistischer als ihre Vorg\u00e4nger. Liu setzt hier auf sehr sonoren Klang, scheut sich nicht, die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Emotionalit\u00e4t auszukosten, ohne jedoch je ins Sentimentale abzugleiten. Das abschlie\u00dfende Presto \u2013 inklusive des ruhig dahintr\u00f6pfelnden Mittelteils \u2013 wird einfach hinrei\u00dfend, wo Boren hingegen erneut Leerlauf produziert, der den H\u00f6rer ziemlich kalt l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Lius Erstaufnahme der 4.\u00a0Sonate kann einige Schw\u00e4chen des St\u00fccks nicht g\u00e4nzlich verbergen. Die offenkundigen Debussy-Reminiszenzen im ersten Satz <em>Aphorisms <\/em>und vor allem die allzu schlichten Wasserspiele im langsamen zweiten (<em>Reflection<\/em>) haben L\u00e4ngen und nur m\u00e4\u00dfigen Erfindungsreichtum. Das Finale (<em>Fury<\/em>) zeigt Vine dann wieder von seiner besten Seite: Xiaoya Liu bleibt bei den rhythmisch aggressiv konturierten, unerbittlichen Sechzehntelorgien und selbst den Oktav- oder Akkordballungen immer noch klangsch\u00f6n, selbst der fulminante Schluss erscheint dadurch absolut motiviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Tontechnisch \u2013 die Aufnahme entstand 2021 in Ann Arbor \u2013 wurde alles sehr ordentlich eingefangen, so dass wirklich nichts dagegenspricht, mit dieser Einspielung Carl Vines beeindruckendes Sonatenwerk kennenzulernen. Besser als Frau Liu kann man das wohl kaum spielen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen: <\/strong>[Sonaten Nr. 1 &amp; 2] Michael Kieran Harvey (Tall Poppies TP190, 1999-2004); [Sonaten Nr. 1-3] Benjamin Boren (Enharmonic ENCD11-021, 2011)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Dezember 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dynamic CDS7931; EAN: 8 007144 079314 Die chinesisch-amerikanische Pianistin Xiaoya Liu hat f\u00fcr das italienische Label Dynamic \u2013erstmals auf einer CD \u2013 die bislang vier Klaviersonaten des Australiers Carl Vine (*&nbsp;1954) eingespielt. Ein ganz vortrefflicher Zyklus in \u00fcberragender Qualit\u00e4t. Die australische Komponistenszene wird in Europa bislang zu wenig wahrgenommen. 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