{"id":5563,"date":"2023-01-07T15:32:11","date_gmt":"2023-01-07T14:32:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5563"},"modified":"2023-01-07T16:00:24","modified_gmt":"2023-01-07T15:00:24","slug":"musik-politik-und-krieg-boris-yoffes-zurueckgewiesener-beitrag-fuer-musik-und-aesthetik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/01\/07\/musik-politik-und-krieg-boris-yoffes-zurueckgewiesener-beitrag-fuer-musik-und-aesthetik\/","title":{"rendered":"\u201eMusik, Politik und Krieg\u201c \u2013 Boris Yoffes zur\u00fcckgewiesener Beitrag f\u00fcr Musik\u00a0&amp;\u00a0\u00c4sthetik"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im September 2022 schrieb der Komponist und Essayist Boris Yoffe auf Anfrage der Zeitschrift Musik&nbsp;&amp;&nbsp;\u00c4sthetik einen Text f\u00fcr ihre Rubrik \u201eForum\u201c. Als Thema wurde ihm \u201eMusik, Politik und Krieg\u201c mitgeteilt. Die Zeitschrift akzeptierte Yoffes Statement und teilte dem Autor mit, es werde unter dem von einem Redakteur vorgeschlagenem Titel \u201eZwischen Mythos und Metaphysik\u201c zusammen mit einer kurzen Biografie Yoffes ver\u00f6ffentlicht werden. Ende Oktober jedoch erhielt Yoffe eine E-Mail von einem anderen Redakteur, in der es hie\u00df, der Beitrag sei abgelehnt worden als dem Thema \u201eKrieg in der Ukraine\u201c nicht entsprechend. Auf die Bemerkung Yoffes, das Thema sei urspr\u00fcnglich ganz anders formuliert worden, kam seitens Musik&nbsp;&amp;&nbsp;\u00c4sthetik keine Antwort. \u00dcber die Gr\u00fcnde der pl\u00f6tzlichen Absage soll hier nicht spekuliert werden. Mittlerweile ist Heft 105 von Musik&nbsp;&amp;&nbsp;\u00c4sthetik, das Yoffes Text enthalten sollte, erschienen. Das \u201eForum\u201c, bestehend aus acht Texten von Alla Zagaykevych, Ludmilla Yurina, Luigi Gaggero, D\u00e1niel P\u00e9ter Bir\u00f3, Ri\u010dardas Kabelis, Agnes Krumwiede, Friedrich Geiger und Gerhard R. Baum kann auf der Seite der Zeitschrift kostenlos heruntergeladen werden (siehe <a href=\"https:\/\/www.musikundaesthetik.de\/article\/99.120205\/mu-27-1-74\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.musikundaesthetik.de\/article\/99.120205\/mu-27-1-74\">hier<\/a>). The New Listener erg\u00e4nzt diese Textsammlung nun um den zur\u00fcckgewiesenen Beitrag Boris Yoffes. (D. Red.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meines Erachtens handeln Menschen weitgehend irrational; man glaubt an bestimmte Mythen und gestaltet sein Leben als ein System von Ritualen, die die Glaubw\u00fcrdigkeit der entsprechenden Mythen untermauern sollen. Dabei spielt das \u00c4sthetische die zentrale Rolle; das Gl\u00e4nzen einer Uniform, die laute Marschmusik und die flammenden patriotischen bzw. den Feind d\u00e4monisierenden Reden geh\u00f6ren zum Rituellen, und ich f\u00fcrchte, dass das Zerst\u00f6ren, Vernichten, das Foltern und Morden auch eine Art sadistischer Rituale sind, die sich mit einer Ideologie bzw. Mythologie ohne Weiteres rechtfertigen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erlaube mir hier an die wunderbaren, bewundernswerten Meisterwerke Beethovens und Generationen von Romantikern zu erinnern, die einen ethisch ambivalenten, wenn nicht zu sagen naiven, bis zur L\u00e4cherlichkeit reichenden Heroismus-Mythos verk\u00f6rpern. Auch die Kunst der Moderne wurde weitgehend von den dualistischen Vorstellungen eines Kampfes des Guten mit dem B\u00f6sen gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ethische ist leider grunds\u00e4tzlich eher sekund\u00e4r und l\u00e4sst sich relativieren, je nach Profit, Spa\u00df oder \u00dcberlebensstrategie. Die hohe Kunst, die sich mit den zentralen existenziellen Fragen auseinandersetzt, und zwar auf einer unmittelbaren, intuitiven Ebene \u2013 jenseits von Kalender, Reisepass und Bankkonto \u2013 wie eine praktische Metaphysik \u2013, kann die Menschheit beeinflussen, ja grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndern, weil sie eben das \u00c4sthetische (u.\u00a0a. im Kern der Pers\u00f6nlichkeit) unmittelbar behandelt. Aber nur so\u2026 Das Schaffen Wagners w\u00e4re das naheliegendste Beispiel daf\u00fcr, wie die radikalen Ver\u00e4nderungen im kulturellen Mythos \u2013 und die sind nicht mit Manifesten zu erreichen, sondern nur durch die unmittelbare Kraft der Kunst, des \u00c4sthetischen \u2013 die Geschichte lenken: weg vom Christentum zu den esoterischen Str\u00f6mungen (die \u00fcbrigens keinen Krieg gescheut haben) und zur sexuellen Revolution\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ein K\u00fcnstler sich als Mensch, als B\u00fcrger sozial oder unter Umst\u00e4nden auch politisch engagieren kann, ist jedoch selbstverst\u00e4ndlich und steht hier gar nicht zur Debatte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Boris Yoffe, September 2022]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Boris Yoffe, 1968 in Leningrad (Sankt Petersburg) geboren und seit 1997 in Deutschland wohnhaft, ist nach dem Urteil seines Kompositionslehrers Wolfgang Rihm \u201eeine der begabtesten und eigenwilligsten Erscheinungen unter den Komponisten seiner Generation\u201c und beschreibt sich selbst als \u201eEinzelg\u00e4nger \u2013 zwischen Kulturen (deutsch, j\u00fcdisch, russisch), Gebieten (Musik, Philosophie, Religion, Wissenschaft), zwischen Sakralem und Absurdem, strenger Konsequenz und eigenwilliger Unvorhersehbarkeit.\u201c Seine von polyphonen Strukturen gepr\u00e4gte Musik, in welcher immer wieder die intensive Auseinandersetzung des Komponisten mit der Renaissance, dem Barock und der Klassik zu sp\u00fcren ist, verzichtet auf \u00e4u\u00dferliche Effekte und versteht sich als \u201eeine individualistische Auseinandersetzung mit \u00c4sthetischem, die keinen Anspruch auf Innovation erhebt und dabei etwas Befreiendes mit sich bringt\u201c. Es ist eine zeitlose Kunst von zerbrechlicher Sch\u00f6nheit und hoher Konzentration. Yoffe schrieb u.&nbsp;a. die drei Kammeropern <em>Die Geschichte von dem Rabbi und seinem Sohn <\/em>(2002), <em>Esther de Racine<\/em> (UA Basel 2006) und <em>Madame Lenine <\/em>(UA Freiburg 2017), eine Symphonie f\u00fcr Gitarre, Gambe, Violoncello und Stimme, eine Messe f\u00fcr Chor a cappella sowie zahlreiche Vokal- und Kammermusikwerke in verschiedensten Besetzungen. Als sein Hauptwerk betrachtet er sein <em>Quartettbuch<\/em>, ein seit 1995 ununterbrochen fortgesetztes musikalisches Tagebuch, bestehend aus tausenden kurzer St\u00fccke f\u00fcr Streichquartett. Yoffe ist auch als Autor philosophischer und musikhistorischer B\u00fccher hervorgetreten. Besondere Aufmerksamkeit erregte seine monumentale Geschichte der sowjetischen Symphonik <em>Im Fluss des Symphonischen<\/em> (Hofheim 2014). Weitere Buchver\u00f6ffentlichungen: <em>Musikalischer Sinn<\/em> (Hofheim 2012), <em>ABCH, Ambivalente Strukturen bei Bach und ihre Semantisierung<\/em> (Nordhausen 2021), <em>Bruckner in Venedig \/ Bruckner a Venezia<\/em> (Nordhausen 2022).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Januar 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 2022 schrieb der Komponist und Essayist Boris Yoffe auf Anfrage der Zeitschrift Musik&nbsp;&amp;&nbsp;\u00c4sthetik einen Text f\u00fcr ihre Rubrik \u201eForum\u201c. Als Thema wurde ihm \u201eMusik, Politik und Krieg\u201c mitgeteilt. 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