{"id":5571,"date":"2023-01-18T23:27:00","date_gmt":"2023-01-18T22:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5571"},"modified":"2023-01-29T16:48:48","modified_gmt":"2023-01-29T15:48:48","slug":"uneitler-beruehrender-bruckner-mit-herbert-blomstedt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/01\/18\/uneitler-beruehrender-bruckner-mit-herbert-blomstedt\/","title":{"rendered":"Uneitler, ber\u00fchrender Bruckner mit Herbert Blomstedt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am Donnerstag, 12.&nbsp;1.&nbsp;2023 und Freitag, 13.&nbsp;1.&nbsp;2023, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Herbert Blomstedt Bruckners 4.&nbsp;Symphonie sowie Mendelssohns unverw\u00fcstliches Violinkonzert e-Moll mit dem Solisten Leonidas Kavakos. Unsere Rezension bezieht sich auf das Konzert vom Donnerstag.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/BRSO-Blomstedt1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"744\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/BRSO-Blomstedt1-1024x744.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5572\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/BRSO-Blomstedt1-1024x744.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/BRSO-Blomstedt1-300x218.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/BRSO-Blomstedt1-768x558.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/BRSO-Blomstedt1-1536x1116.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/BRSO-Blomstedt1-2048x1487.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>\u00a9 Astrid Ackermann f\u00fcr BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn ein Konzert mit dem nun 95-j\u00e4hrigen Herbert Blomstedt angesagt ist, haben wohl mittlerweile alle begriffen, dass dann musikalische Glanzleistungen zu erwarten sind und es um jedes verpasste Konzert mit diesem charismatischen Dirigenten wirklich schade w\u00e4re. Vor den T\u00fcren des Herkulessaals standen nach langer Zeit tats\u00e4chlich wieder etliche Leute an, die noch Karten f\u00fcr das offensichtlich ausverkaufte Event suchten. Trotzdem blieben im Saal ein paar Pl\u00e4tze frei, was am Ehesten der anhaltenden Erk\u00e4ltungswelle geschuldet sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Blomstedt, der nach einem unangenehmen Sturz im Sommer vorerst im Sitzen dirigieren muss, ist hellwach, wirkt in seiner pr\u00e4zisen Zeichengebung auch manuell fit wie ein Turnschuh und versetzt die Zuh\u00f6rer mit seiner absolut \u00fcberzeugenden Klangregie in atemloses Staunen. Bedeutsamer allerdings, wie souver\u00e4n und intelligent er seine vortreffliche Agogik unmittelbar aufs Orchester \u00fcbertr\u00e4gt \u2013 dies wird bereits bei Mendelssohns Violinkonzert e-Moll deutlich. Nur direkt zu Beginn herrscht bez\u00fcglich des Anfangstempos wenige Sekunden leichte Uneinigkeit zwischen ihm und dem wie immer fantastischen Solisten Leonidas Kavakos. Der agiert ebenso uneitel wie Blomstedt, stellt die zweifellos vorhandene Virtuosit\u00e4t \u00fcberhaupt nicht heraus, sondern gestaltet insbesondere die lyrischen Stellen \u00fcberlegen. So erklingt das Seitenthema des Kopfsatzes innigst, ohne \u00fcbertriebene Geste, die Kantilene im zweiten Satz quasi unschuldig unsentimental: dies v\u00f6llig glaubw\u00fcrdig. Fast schon jenseitig gelingt ihm der zauberhafte Schluss vor dem \u00fcberleitenden <em>Allegretto non troppo<\/em>. Den 3. Satz begleitet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erneut mit perfekter Dynamik. Toll, wo die Streicher das kokette Thema des Solisten sp\u00e4ter mit breitem Strich unterf\u00fcttern. Blomstedt steuert neben der Pr\u00e4zision des Augenblicks jedoch immer gleichzeitig das gro\u00dfe Ganze, sorgt f\u00fcr klare Strukturen und fortw\u00e4hrende Spannung der musikalischen Entwicklung. Nichts wirkt dabei erzwungen, beh\u00e4lt eine umso mehr befreiende Leichtigkeit. Kavakos bedankt sich f\u00fcr den tosenden Applaus mit zwei S\u00e4tzen aus Bachs Solopartita h-Moll.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruckners Vierte dirigiert der schwedische Maestro auswendig; er kennt jedes Detail, zeigt genauestens selbst kleinste dynamische Schattierungen an, gibt alle wichtigen Eins\u00e4tze und Impulse. Der Blick aufs Ganze ist hier absolut vonn\u00f6ten, sollen die langen musikalischen Entwicklungsb\u00f6gen nicht \u2013 wie leider bei allzu vielen Bruckner-Dirigenten \u2013 in akademisch sture Periodik zerfallen, wo das Publikum dann ab und an durch brachiale Blechorgien erschreckt wird. Blomstedt hat jedes Motiv als klanglich in sich bereits sinnhaftes Element mit dem Orchester genauestens erarbeitet. Wie ph\u00e4nomenal seine Proben ablaufen, hat das BRSO dankenswerterweise auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fUfLGqd_bZ0\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fUfLGqd_bZ0\">Youtube<\/a> zug\u00e4nglich gemacht \u2013 und mit der ergreifenden Auff\u00fchrung der <em>Romantischen <\/em>ernten die Musiker nun die Fr\u00fcchte dieser Anstrengung. Man h\u00f6rt an keiner Stelle falsches Pathos, selbst die Fortissimo-Massierungen sind organisch und fein austariert. Vor allem versteht man endlich diejenigen Passagen, die schon vieles vom sp\u00e4teren <em>\u201eNaturlaut\u201c <\/em>bei Mahler vorwegnehmen \u2013 vom geheimnisvollen Beginn der Ecks\u00e4tze bis zu den gewaltigen Eruptionen, wo Motive mehrfach \u00fcbereinander geschichtet werden: Alles strahlt Erhabenheit aus, wobei Blomstedts Tempi niemals z\u00e4h werden. Selbst die beiden Abschnitte im <em>Andante<\/em>, in denen sich eine Melodie sehns\u00fcchtig und nicht enden wollend \u00fcber einem Pizzicato-Teppich ausbreitet, wobei der Rezensent in anderen Darbietungen kaum ein G\u00e4hnen unterdr\u00fccken konnte, langweilen hier keine Sekunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Blomstedt beachtet durchaus Bruckners typische Terrassendynamik, g\u00f6nnt ihr jedoch differenzierte Zwischenstufen, die f\u00fcrs jeweilige musikalische Material optimiert sind. Verschleppen duldet er hingegen \u00fcberhaupt nicht. Sehr bestimmt und dennoch flexibel im Tempo wird st\u00e4ndig die Spannung am K\u00f6cheln gehalten. Der Dirigent vertraut seinem Prinzip, Form \u00fcber \u2013 \u00e4u\u00dferliche \u2013 Emotion zu stellen und gewinnt damit. Den Bl\u00e4sersolisten \u2013 hier nat\u00fcrlich allen voran den H\u00f6rnern \u2013 geb\u00fchrt mal wieder ein Extralob. An diesem Abend darf jeder sein besonderes \u201eSchmankerl\u201c erfolgreich pr\u00e4sentieren. Und bei den gro\u00dfen Tutti-H\u00f6hepunkten f\u00fcgen sich alle h\u00f6chst aufrichtig zu einem riesigen, aber stets kultiviertem Organismus zusammen. Derart wirkungsvoll \u2013 gerade im grandiosen Finale \u2013 und zugleich unaufgeregt wie klangsch\u00f6n hat man die <em>Romantische<\/em> in M\u00fcnchen lange nicht mehr geh\u00f6rt: Herbert Blomstedt reiht sich damit v\u00f6llig zu Recht in die Reihe gesch\u00e4tztester und \u00e4u\u00dferst erfahrener Bruckner-Interpreten wie Jochum, Wand oder Skrowaczewski ein. Hoffentlich bleibt uns dieser Dirigent noch einige Zeit erhalten. Seine Aura begeistert das Publikum im Herkulessaal auch diesmal wieder, so dass Standing Ovations f\u00fcr ein hinrei\u00dfendes Konzerterlebnis eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sind. Man merkt, wie Blomstedt \u2013 der auf dem Weg von und zum Podium ein wenig gest\u00fctzt werden muss \u2013 gerne \u00f6fter auf- und abtreten w\u00fcrde, es aber bei einem Mal bel\u00e4sst. M\u00fcnchen freut sich auf ein baldiges Wiedersehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 15. Januar 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag, 12.&nbsp;1.&nbsp;2023 und Freitag, 13.&nbsp;1.&nbsp;2023, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Herbert Blomstedt Bruckners 4.&nbsp;Symphonie sowie Mendelssohns unverw\u00fcstliches Violinkonzert e-Moll mit dem Solisten Leonidas Kavakos. Unsere Rezension bezieht sich auf das Konzert vom Donnerstag. 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