{"id":5583,"date":"2023-01-27T11:30:26","date_gmt":"2023-01-27T10:30:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5583"},"modified":"2023-01-28T01:06:47","modified_gmt":"2023-01-28T00:06:47","slug":"zum-auschwitz-gedenktag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/01\/27\/zum-auschwitz-gedenktag\/","title":{"rendered":"Zum Auschwitz-Gedenktag"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Anl\u00e4sslich des Gedenktages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 stellt Karin Coper Aufnahmen zweier Werke vor, die den Holocaust thematisieren: Mieczys\u0142aw Weinbergs Oper <\/em>Die Passagierin<em> und Mischa Spolianskys <\/em>Symphonie in f\u00fcnf S\u00e4tzen<em>. (D. Red.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Capriccio, C5455; EAN: 845221054551<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Die-Passagierin.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Die-Passagierin.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5584\" width=\"455\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Die-Passagierin.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Die-Passagierin-300x264.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eNach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch\u201c, dieser Satz von Theodor W. Adorno ist der am h\u00e4ufigsten zitierte aus seinem 1955 ver\u00f6ffentlichten philosophischen Text <em>Kulturkritik und Gesellschaft<\/em>. Da war die k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust noch ein Tabu. Das hat sich im Laufe der Zeit ge\u00e4ndert, ob im Film oder Theater, in Literatur oder Musik. Selbst in der Oper ist das vermeintlich nicht Singbare angekommen. Beispiele daf\u00fcr sind <em>Sophies Choice<\/em> von Nicholas Maw, <em>Das Frauenorchester von Auschwitz<\/em> von Stefan Heucke und \u2013 ganz aktuell \u2013 die gerade in Hof aufgef\u00fchrte <em>Helena Citr\u00f3nov\u00e1<\/em> des thail\u00e4ndischen Komponisten Somtow Sucharitkul. Keine jedoch ist so eindringlich geraten wie <em>Die Passagierin<\/em> von Mieczys\u0142aw Weinberg. Das liegt einerseits am Libretto, das auf dem eigene Erlebnisse verarbeitenden H\u00f6rspiel und Roman der Auschwitz-\u00dcberlebenden Zofia Posmysz \u2013 im Leben wie im St\u00fcck Nummer 7566 \u2013 beruht. Zum anderen an der 1968 entstandenen Komposition, \u00fcber die der Weinbergfreund und -f\u00f6rderer Dmitri Schostakowitsch 1974 im Vorwort zum Klavierauszug schrieb: \u201eIch werde nicht m\u00fcde, mich f\u00fcr die Oper\u2026 zu begeistern. Dreimal habe ich sie schon geh\u00f6rt, die Partitur studiert, und jedes Mal verstand ich die Sch\u00f6nheit und Gr\u00f6\u00dfe dieser Musik besser. Ein in Form und Stil meisterhaft vollendetes Werk.\u201c Aufgef\u00fchrt wurde es trotz Schostakowitschs Empfehlung in der Sowjetunion nur konzertant. Erst 2010 erlebt es bei den Bregenzer Festspielen seine posthume szenische Premiere. Sie markierte nicht nur den Beginn einer nachhaltigen europaweiten Rehabilitation der Oper, sondern auch jene von Weinberg, dem zu Lebzeiten die Anerkennung weitgehend verwehrt wurde \u2013 trotz eines imponierenden Werkkatalogs, darunter 22 Symphonien, 17 Streichquartette und 7 Opern. Viele dieser Kompositionen drehen sich um Krieg und seine Folgen, sie sind gepr\u00e4gt von Weinbergs eigener, von antisemitischem Terror gepr\u00e4gter Biographie. Als Einziger der Familie konnte der 1919 in Warschau geborene j\u00fcdische K\u00fcnstler vor den Nazis in die Sowjetunion fliehen, war aber auch in seiner neuen Heimat Ressentiments ausgesetzt. In <em>Die Passagierin<\/em> begegnet die ehemalige KZ-Aufseherin Lisa w\u00e4hrend einer Schiffsfahrt lange nach Ende des Weltkriegs einer Frau, die sie an die Gefangene Marta erinnert. Die Szenen auf dem Ozeanriesen wechseln ab mit R\u00fcckblenden aus dem Lagerleben; ersch\u00fctternd etwa, wenn die inhaftierten Frauen in ihrer jeweiligen Muttersprache \u2013 polnisch, franz\u00f6sisch, deutsch, englisch und hebr\u00e4isch \u2013 Gebete, Volkslieder oder Klagen singen. Dicht gewebt ist die mit Ch\u00f6ren, Soli, Duetten und Ensemble formal traditionelle Partitur, mal sparsam instrumentiert, mal expressiv ausbrechend, mal lyrisch z\u00e4rtlich. Es gibt Einsprengsel aus der Unterhaltungsmusik, wie die von der Schiffskapelle gespielten Modet\u00e4nze oder den Lieblingswalzer des Kommandanten, und auch der Klassik, etwa von Bach und Schubert. Welche Relevanz die Oper inzwischen bekommen hat, zeigt sich daran, dass bereits die dritte DVD erschienen ist: der von Teodor Currentzis dirigierte Mitschnitt aus Bregenz, die russische Premiere in Jekaterinburg und \u2013 als j\u00fcngste Ver\u00f6ffentlichung \u2013 die Verfilmung der Grazer Produktion 2021, die auch als CD erh\u00e4ltlich ist. Sie beweist, dass die Musik auch ohne Szene gefangen nimmt. Unter der konzentrierten Leitung von Roland Kluttig l\u00e4sst sich das Ensemble mit sp\u00fcrbarer Intensit\u00e4t auf seine Rollen ein: Dshamilja Kaiser als sich gegen die Vergangenheit aufb\u00e4umende Aufseherin Lisa, Will Hartmann als ihr immer mehr verunsicherter Ehemann, Nadja Stefanoff als unbeugsame Marta und Markus Butter als ihr mutiger Geliebter. (Capriccio)<\/p>\n\n\n\n<p>Toccata Classics, TOCC 0626; EAN: 5060113446268<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Spoliansky.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Spoliansky.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5586\" width=\"446\" height=\"446\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Spoliansky.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Spoliansky-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Cover-Spoliansky-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 446px) 100vw, 446px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine ganz andere Form f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust w\u00e4hlte Mischa Spoliansky. 1969, ein Jahr nach <em>Die Passagierin<\/em> vollendete er seine <em>Symphony in Five Movements<\/em>, an der er \u00fcber zwanzig Jahre lang, von 1941 an, gearbeitet hatte. Sie ist ein Solit\u00e4r im Schaffen des Komponisten, der mit seinen Revuen, Schlagern, Kabarett- und Filmliedern zu den ganz Gro\u00dfen der Unterhaltungsmusik der \u201eGoldenen Zwanziger\u201c z\u00e4hlt. Aufgrund seiner j\u00fcdischen Wurzeln musste er wie so viele Leidensgenossen emigrieren und ging ins englische Exil. Die f\u00fcnf S\u00e4tze der Sinfonie haben jeweils einen Titel mit vermutlich biographischem Bezug. Nummer vier hei\u00dft \u201eOf Weeping\u201c. Das ausladende Lamento reflektiert die Shoah, die darin versteckte deutsche Nationalhymne in Moll mag Ausdruck der Trauer \u00fcber die verlorene Heimat sein. Das dieses monumentale, fast einst\u00fcndige Werk nun erstmals auf CD zu h\u00f6ren ist, ist dem Dirigenten Paul Mann zu danken. Er dirigiert das auf hohem Niveau spielende lettische Liep\u0101ja Symphony Orchestra mit nicht nachlassender Spannung. Fans vom \u201etypischen\u201c Spoliansky kommen aber auch auf ihre Kosten: Die bei Toccata Classics erschienene CD enth\u00e4lt die schmissige Ouvert\u00fcre zum letzten B\u00fchnenwerk <em>My Husband and I<\/em> und den \u00e4u\u00dferst effektvolle Konzert-Boogie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karin Coper [Januar 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des Gedenktages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 stellt Karin Coper Aufnahmen zweier Werke vor, die den Holocaust thematisieren: Mieczys\u0142aw Weinbergs Oper Die Passagierin und Mischa Spolianskys Symphonie in f\u00fcnf S\u00e4tzen. (D. Red.) Capriccio, C5455; EAN: 845221054551 \u201eNach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch\u201c, dieser Satz von Theodor W. 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