{"id":5594,"date":"2023-02-06T01:44:41","date_gmt":"2023-02-06T00:44:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5594"},"modified":"2023-02-06T01:44:46","modified_gmt":"2023-02-06T00:44:46","slug":"der-andere-tristan-zur-ursendung-von-charles-tournemires-la-legende-de-tristan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/02\/06\/der-andere-tristan-zur-ursendung-von-charles-tournemires-la-legende-de-tristan\/","title":{"rendered":"Der andere Tristan: Zur Ursendung von Charles Tournemires \u201eLa L\u00e9gende de Tristan\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 15. Dezember 2022 wurde im Theater Ulm die 1926 komponierte dreiaktige Oper <\/em>La L\u00e9gende de Tristan<em> des franz\u00f6sischen Orgelmeisters und Symphonikers Charles Tournemire zum ersten Mal \u00fcberhaupt aufgef\u00fchrt. Wer damals nicht dabei sein konnte, dem bot sich am 5.&nbsp;Februar 2023 die M\u00f6glichkeit, auf SWR2 die Urauff\u00fchrung unter Leitung des Generalmusikdirektors Felix Bender nachzuh\u00f6ren. Man begegnete einem Tristan, der sich bedeutend vom ber\u00fchmten Werk Richard Wagners unterscheidet, aber kaum weniger faszinierend ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ohne Zweifel geh\u00f6rt der 1870 in Bordeaux geborene Charles Tournemire zu den gro\u00dfen franz\u00f6sischen Komponisten des fr\u00fchen 20.\u00a0Jahrhunderts. Man kann nicht sagen, dass er je in Vergessenheit geriet, allerdings war er lange Zeit nur mit einem Teil seines Schaffens, n\u00e4mlich seinen Orgelwerken, im Musikleben tats\u00e4chlich pr\u00e4sent. Zu Lebzeiten war Tournemire, der am Pariser Konservatorium Kammermusik unterrichtete und \u00fcber 40 Jahre lang in der Nachfolge seines Lehrers C\u00e9sar Franck als Organist an der Basilika Ste-Clotilde wirkte, auch auf anderen Gebieten der Musik durchaus erfolgreich gewesen. Seine ersten f\u00fcnf Symphonien wurden wiederholt aufgef\u00fchrt und erfreuten sich eine Zeit lang einiger Wertsch\u00e4tzung. 1924 inszenierte die Pariser Oper Tournemires <em>Les Dieux sont morts<\/em>. Allerdings hatte diese Premiere nicht den Durchbruch Tournemires als Opernkomponist zur Folge. Seine anderen vier B\u00fchnenwerke blieben ungeh\u00f6rt in der Schublade, ebenso seine letzten drei Symphonien. Da seine gro\u00dfbesetzten Kompositionen unver\u00f6ffentlicht blieben, wurde Tournemire, der 1939 unter nie gekl\u00e4rten Umst\u00e4nden in der Bucht von Arcachon ertrank, nach seinem Tode jahrzehntelang nur als bedeutender Orgelmeister wahrgenommen. In den 90er Jahren trugen dann zwei Gesamtaufnahmen seiner Symphonien, die beide unvollendet blieben, aber zusammen s\u00e4mtliche Gattungsbeitr\u00e4ge des Komponisten umfassen, bedeutend dazu bei, den Blick auf Tournemires Schaffen zu weiten. Mittlerweile kann man sich mittels Tontr\u00e4ger ein recht umfangreiches, wenngleich nicht l\u00fcckenloses Bild von seinen Leistungen als Klavier-, Kammermusik- und Liederkomponist machen. Mit der Urauff\u00fchrung der <em>L\u00e9gende de Tristan<\/em> durch das Theater Ulm wurde nun endlich auch der Bann um Tournemires Opern gebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich h\u00e4tte die Premiere bereits 2020, anl\u00e4sslich des 150. Geburtstags des Komponisten, stattfinden sollen, doch machten die Covid-Restriktionen dem Theater damals einen Strich durch die Rechnung. Umso erfreulicher ist es zu sehen, dass die Ulmer ihr Projekt wieder aufgenommen und erfolgreich zum Abschluss gebracht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was erwartet einen nun in diesem <em>Tristan<\/em>? Tournemires Oper hat drei Akte und handelt von Tristan und Isolde, Brang\u00e4ne und K\u00f6nig Marke \u2013 doch damit sind die Gemeinsamkeiten mit Richard Wagners ber\u00fchmtem Werk eigentlich schon aufgez\u00e4hlt. Genaugenommen sind nicht einmal die Namen der Protagonisten gleich, denn nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir bei Tournemire von Iseut, Brangien und Le roi Marc sprechen. Nicht nur die franz\u00f6sische Sprache sollte uns dazu ermahnen, hier nicht an die deutschen Namen der Figuren und damit an Wagner zu denken, sondern auch der Umstand, dass Tournemire und sein Librettist Albert Pauphilet ein ganz anderes Konzept verfolgen als der Meister von Bayreuth.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte von Tristan und Iseut entstammt dem keltischen Sagenkreis, Marc ist in den altfranz\u00f6sischen Fassungen des Stoffes ein bretonischer K\u00f6nig. Angeregt von den Forschungen des Romanisten Joseph B\u00e9dier, der in den 1900er Jahren nicht weniger als drei B\u00fccher \u00fcber den Tristan-Stoff publiziert hatte, legen Tournemire und Pauphilet den Schwerpunkt auf die Umsetzung der mittelalterlichen Legende. Bereits der Titel <em>La L\u00e9gende de Tristan <\/em>\u2013 im Kontrast zu<em> Tristan und Isolde <\/em>\u2013verr\u00e4t, dass das Geschehen sich hier nicht mit solcher Ausschlie\u00dflichkeit auf die beiden Liebenden konzentriert. Bei Tournemire gibt es mehr \u00e4u\u00dfere Handlung. Seine Oper beginnt in Irland mit dem Kampf Tristans gegen den Drachen, also deutlich vor der Seereise, die bei Wagner das Drama er\u00f6ffnet. Auch das Ende unterscheidet sich fundamental: Im dritten Akt greift Tournemire die von der Spielmannsdichtung beeinflusste Tradition auf, die Tristan als Narren auftreten l\u00e4sst (in Deutschland vor allem durch Ernst Hardts Drama <em>Tantris der Narr<\/em> bekannt). Nachdem Tristan sich von Iseut getrennt hat, kommt er in dieser Verkleidung nach Jahren in Marcs Schloss zur\u00fcck, wo er Iseut ein letztes Mal umarmen darf, dann aber endg\u00fcltig von ihr Abschied nimmt. Verglichen mit Wagner wirkt die Umsetzung der Geschichte auff\u00e4llig keusch: Tristan und Iseut treffen sich heimlich, als sie jedoch den sie beobachtenden Marc gewahren, spielen sie ihm (und den Zuschauern) h\u00f6fische Zur\u00fcckhaltung vor (Tournemire setzt das trefflich durch ein strenges Rezitieren beider auf einem Ton um); in einer anderen Szene findet Marc die beiden schlafend im Bett, stellt jedoch fest, dass Tristan sein Schwert zwischen sich und die Geliebte gelegt hat, mithin also kein Ehebruch stattfand. Offensichtlich ist es Tournemire und Pauphilet daran gelegen zu betonen, dass die erotische Beziehung zur Unm\u00f6glichkeit verdammt ist. Die Trag\u00f6die der Liebenden besteht darin, dass sie gerade keine Sklaven des Liebeszaubers sind. Sie k\u00e4mpfen mit Gewissensbissen, die sie letztlich in die Entsagung treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch musikalisch geht Tournemire einen Wagner v\u00f6llig entgegengesetzten Weg. Statt mit exzessiver Chromatik zu prunken, f\u00e4rbt er seine Harmonik modal ein. Die Musik wirkt kaum psychologisierend, viel eher begegnen uns mystische Naturbilder, die gleichsam die Verfassung der Protagonisten spiegeln. Wer die Symphonien Tournemires kennt, der wei\u00df, dass dieser inbr\u00fcnstige Katholik ein gro\u00dfer Naturfreund war, der wiederholt das Wirken des G\u00f6ttlichen in der Natur zum Thema eines gro\u00dfen Werkes gemacht hat. Seine Zweite und Vierte sind Meeressymphonien, Nr.&nbsp;5 f\u00fchrt uns in die Berge und schlie\u00dflich \u201edem Lichte entgegen\u201c (so der Titel des Finalsatzes). In der Dritten, 1913 w\u00e4hrend eines Aufenthalts in Moskau komponiert, malt er die Landschaft des alten Russlands, das seine Erweckung zum Christentum erlebt. Die letzten drei Symphonien gehen dann direkt zu mystischen Gesichten \u00fcber. Die vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs entstandene Nr.&nbsp;6 (eine Chorsymphonie mit Tenor- und Orgelsolo) entrollt ein apokalyptisches Geschehen, die achtzigmin\u00fctige Siebte besteht aus f\u00fcnf <em>Danses de la Vie<\/em>, in denen die Entwicklung der Menschheit von den Anf\u00e4ngen hin zur g\u00f6ttlichen Erl\u00f6sung geschildert wird, Nr.&nbsp;8 schlie\u00dflich, eine musikalische Gedenkstele f\u00fcr Tournemires erste Ehefrau, schildert <em>Le Triomphe de la Mort<\/em> (was als Triumph <em>\u00fcber<\/em> den Tod zu \u00fcbersetzen ist). In den letzten drei Symphonien findet Tournemire zu einer charakteristischen Melodik, die von carillonartigen Kurzmotiven aus wenigen gleich langen Noten und weiten Intervallspr\u00fcngen gepr\u00e4gt wird. Diese Motive zucken auf wie Blitze, die schlagartig weite R\u00e4ume erhellen, und schreiten einher mit Riesenschritten. Tournemire gelangte damit zu einer ebenso einfachen wie wirkungsvollen Darstellung des Erhabenen. In eben dieser Tonsprache ist auch seine <em>Tristan-Legende<\/em> gehalten. Man darf sich das Ganze nun nicht als ein permanentes Verharren im Fortissimo-Tutti vorstellen! Im Gegenteil: Das Erhabene dr\u00fcckt sich bei Tournemire sehr oft auch in zartesten Pianissimi aus. Von kontrapunktischen Techniken macht er wenig Gebrauch, eher l\u00e4sst sich bei ihm eine Tendenz zur Einfachheit feststellen, die bis hin zu veritablen Monodien f\u00fchrt. In den recht ausgedehnten symphonischen Zwischenspielen der Oper erleben wir mehrfach, wie sich das Geschehen im Orchester auf eine einzelne Melodielinie reduziert. Gerade durch diese Reduktion entstehen Momente gr\u00f6\u00dfter Spannung, die den Atem anhalten lassen. Im zweiten Akt findet sich eine l\u00e4ngere Monodie f\u00fcr Klarinette, die wie eine Vorwegnahme des <em>Abime des Oiseaux<\/em> aus Olivier Messiaens <em>Quatuor pour la fin du Temps<\/em> wirkt. Nicht nur in der Reduktion, auch in der Mischung der Instrumentalfarben beeindruckt das Werk. Tournemire zeigt sich in seinem Tristan als \u00fcberragend begabter Klangfarbenk\u00fcnstler, der bei der Einkleidung der Handlung alle Register seines K\u00f6nnens zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Charles Tournemire hat vier seiner f\u00fcnf Opern und die letzten drei seiner acht Symphonien nie geh\u00f6rt. Ob er sich damit tr\u00f6stete, dass wenigstens der Herrgott um den Wert seiner Arbeiten wisse, entzieht sich meiner Kenntnis. Man muss jedenfalls betonen, dass den Menschen musikalische Sch\u00e4tze h\u00f6chster Qualit\u00e4t entgehen, wenn diese Musik ungespielt bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auff\u00fchrung der <em>L\u00e9gende de Tristan <\/em>war von der Kompetenz und Hingabe getragen, die man sich f\u00fcr die Erweckung vergessener Meisterwerke w\u00fcnscht. An De Ridder (Iseut), Markus Francke (Tristan), Dae-Hee Shin (Le roi Marc), I Chiao Shih (Brangien), Joshua Spink (Le nain Frocin), Chor und Orchester des Ulmer Theaters haben sich unter Leitung des Generalmusikdirektors Felix Bender \u00fcberzeugend f\u00fcr den Musikdramatiker Tournemire eingesetzt. M\u00f6ge ihre Tat anderen Opernh\u00e4usern zum Vorbild werden, auf dass die Welt bald auch die \u00fcbrigen noch ungespielten Opern des Meisters zu h\u00f6ren bekommt!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Februar 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. Dezember 2022 wurde im Theater Ulm die 1926 komponierte dreiaktige Oper La L\u00e9gende de Tristan des franz\u00f6sischen Orgelmeisters und Symphonikers Charles Tournemire zum ersten Mal \u00fcberhaupt aufgef\u00fchrt. 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