{"id":5613,"date":"2023-02-19T23:53:00","date_gmt":"2023-02-19T22:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5613"},"modified":"2023-02-23T00:03:51","modified_gmt":"2023-02-22T23:03:51","slug":"mehr-und-weniger-gelungene-urauffuehrungen-bei-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/02\/19\/mehr-und-weniger-gelungene-urauffuehrungen-bei-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Mehr und weniger gelungene Urauff\u00fchrungen bei der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Auch im Symphoniekonzert der musica viva am Freitag, 17.&nbsp;Februar 2023, pr\u00e4sentierte das<\/em> <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wieder zwei Urauff\u00fchrungskompositionen: <\/em>\u201eIn der Farbe von Erde\u201c <em>von <\/em>Nikolaus Brass<em> \u2013 mit <\/em>Tabea Zimmermann<em> als Solistin an der Bratsche \u2013 sowie <\/em>\u201e\u2026the Brent geese fly in long low wavering lines\u2026\u201c <em>von <\/em>Hans Thomalla<em>. Zuvor erklangen noch die legend\u00e4ren <\/em>Quattro pezzi su una nota sola <em>des Italieners <\/em>Giacinto Scelsi. <em>Am Pult stand der aus Simbabwe geb\u00fcrtige Dirigent <\/em>Vimbayi Kaziboni<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Vimbayi-Kaziboni-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Vimbayi-Kaziboni-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5614\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Vimbayi-Kaziboni-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Vimbayi-Kaziboni-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Vimbayi-Kaziboni-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Vimbayi-Kaziboni-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Vimbayi-Kaziboni-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Vimbayi Kaziboni, Photo <em>\u00a9<\/em> BR\/ Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So langsam arbeitet man die Auftragskompositionen der musica viva ab, die sich durch Corona mittlerweile aufgestaut haben, und deren Urauff\u00fchrungen eigentlich viel fr\u00fcher geplant waren. Am Pult steht an diesem Abend der aus Simbabwe stammende Dirigent <em>Vimbayi Kaziboni<\/em>, der in den USA (Los Angeles) und Deutschland (Frankfurt) ausgebildet wurde, schon l\u00e4nger auf zeitgen\u00f6ssische Musik spezialisiert ist und derzeit eine Professur in Boston innehat. Souver\u00e4n und mit ruhigen Bewegungen leitet er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das in allen drei St\u00fccken trotz vollgestellter B\u00fchne des Herkulessaals in gar nicht mal so gro\u00dfen Besetzungen spielt. Bei Scelsi und Thomalla kann er leider rein technisch nicht allzu viel von seinen F\u00e4higkeiten zeigen, da der Ablauf hier relativ unproblematisch zu kontrollieren ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Giacinto Scelsi<\/em> (1905\u20131988) hatte nach einer mithilfe fern\u00f6stlicher Spiritualit\u00e4t \u00fcberwundenen psychischen Krise  ab Anfang der 1950er Jahre damit begonnen, Aspekte des Einzeltons n\u00e4her zu erforschen. Dazu nahm er Improvisationen an der Ondiola, einem fr\u00fchen elektronischen Instrument, auf Tonband auf und lie\u00df diese dann von anderen Musikern transkribieren, was nat\u00fcrlich bis heute zu Diskussionen \u00fcber die Authentizit\u00e4t gerade seiner Orchesterwerke f\u00fchrte. Die <em>Quattro pezzi su una nota sola<\/em> von 1959 treiben dies titelgem\u00e4\u00df auf die Spitze, indem jedes der kurzen St\u00fccke, kaum mehr als Orchesterstudien, tats\u00e4chlich nur jeweils einem Ton gewidmet ist \u2013 mit Schwankungen von mikrotonalen Schwebungen bis hin zum Ganzton (Doppelkreuz). Die Konzentration richtet sich also komplett auf Klangfarbe, Dynamik und Rhythmus. Kaziboni gelingt diese Gratwanderung zwischen \u201eEint\u00f6nigkeit\u201c und musikalisch sensibler Aktion ausgezeichnet, vielleicht sogar besser als Hanz Zender 2006 an gleicher Stelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl <em>Nikolaus Brass<\/em> (*1949) nun wieder in seiner Geburtsstadt Lindau lebt, darf man ihn getrost zu den M\u00fcnchner Komponisten rechnen. Seinem Ruf als nachdenklicher Sp\u00e4tentwickler wird er mit <em>In der Farbe von Erde <\/em>(2021) erneut gerecht. Urspr\u00fcnglich als Musik f\u00fcr 44 Solostreicher geplant, ergab sich nach Kompositionsbeginn die Erweiterung um einen \u2013 nun zentralen \u2013 Solopart f\u00fcr die Bratschistin der Urauff\u00fchrung, <em>Tabea Zimmermann<\/em>. Der Titel bezieht sich auf die Inspiration durch einen Text des schweizerischen Dichters Philippe Jaccottet, der aber keinesfalls als Vorlage einer \u201eVertonung\u201c verstanden werden soll. Die Streicher spielen in Gruppen mit unterschiedlichen, feinen Skordaturen und reagieren mit diesen Unebenheiten auf den von Beginn an hochdifferenzierten Solopart, der mit technischen Schwierigkeiten nur so gespickt ist, ohne dabei \u00e4u\u00dferlich virtuos zu wirken. Die Expressivit\u00e4t von Frau Zimmermann ist einmal mehr grandios. Unglaublich, wie sie dazu f\u00e4hig ist, in Sekundenbruchteilen Klang und Stimmung glaubw\u00fcrdig komplett zu modifizieren. Feinheiten sind es auch, die der gesamten Komposition Sinn einhauchen. So wirken besagte Skordaturen keineswegs wie Fremdk\u00f6rper, sondern organische Bestandteile lebendig gewordenen musikalischen Materials. Lediglich im letzten Tutti nach der gro\u00dfen Kadenz f\u00fchren sie zu einer gewissen Sprachverwirrung. \u00dcberzeugend auch die Idee, zwei Vibraphone als Pedalinstrumente einzusetzen, die den H\u00f6rer den Raum als solchen deutlicher wahrnehmen lassen. Das kaum 14-min\u00fctige, intensive Wechselspiel zwischen Solistin und Orchester \u2013 vom Dirigenten mit Hingabe gef\u00fchrt \u2013 begeistert jedenfalls das gesamte Publikum: einfach sehr sch\u00f6n!<\/p>\n\n\n\n<p>Konnte <em>Hans Thomalla<\/em> (*1975) mit seiner <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/06\/16\/wenn-ein-riese-seinen-schatten-wirft\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/06\/16\/wenn-ein-riese-seinen-schatten-wirft\/\" target=\"_blank\">Ballade f\u00fcr Klavier und Orchester<\/a> 2017 den Rezensenten noch positiv beeindrucken, erweist sich <em>\u201e\u2026the Brent geese fly in long low wavering lines\u2026\u201c <\/em>als schlicht langweilig. Knapp 40 Minuten qu\u00e4lt uns der Komponist mit einem immerhin recht farbigen Minimalismus, der dabei emotional keinerlei Spuren hinterl\u00e4sst. L\u00e4sst man mal den eher nachtr\u00e4glich gefundenen Titel \u2013 aus einem Gedicht von Juliana Spahr \u2013 au\u00dfer Acht: Rhythmisch basiert das komplette St\u00fcck auf einem durchgehenden Achtelpuls, der zwar durch einige \u2013 jedoch mehr oder weniger identische \u2013 metrische Modulationen modifiziert wird, dennoch starr wirkt. Harmonisch bzw. melodisch gibt es ein (!) \u00e4u\u00dferst simples Motiv, das Dreikl\u00e4nge umspielt, die sich so als das jeweilige tonale Zentrum etablieren. Mittels verst\u00e4rkter Klaviere und Vibraphone wirkt dieses zudem zun\u00e4chst als omnipr\u00e4sentes, stabiles Ger\u00fcst, bald zunehmend wie unbewegliche S\u00e4ulen, die uns quasi signalisieren: Hier f\u00fchrt kein Weg hinaus; es gibt nicht mal einen Blick \u00fcber den Tellerrand! In der Tat ist das St\u00fcck wegen der recht anspruchsvollen Partien vor allem der Bl\u00e4ser durchaus ein <em>Konzert f\u00fcr Orchester<\/em>. Trotzdem scheint sich Thomalla an bew\u00e4hrte Rezepte bestimmter amerikanischer Komponisten dranzuh\u00e4ngen, ohne deren Entwicklungsm\u00f6glichkeiten auch nur ann\u00e4hernd auszunutzen: also John Adams f\u00fcr Arme? Nein, aber ein viel zu lang geratener Rohrkrepierer, f\u00fcr den es v\u00f6llig zu Recht entsprechend zur\u00fcckhaltenden Applaus gibt, der wohl mehr Vimbayi Kaziboni \u2013 bei Thomalla fast zu einem taktschlagenden Automaten degradiert \u2013 und dem Orchester gilt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 18. Februar 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch im Symphoniekonzert der musica viva am Freitag, 17.&nbsp;Februar 2023, pr\u00e4sentierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wieder zwei Urauff\u00fchrungskompositionen: \u201eIn der Farbe von Erde\u201c von Nikolaus Brass \u2013 mit Tabea Zimmermann als Solistin an der Bratsche \u2013 sowie \u201e\u2026the Brent geese fly in long low wavering lines\u2026\u201c von Hans Thomalla. Zuvor erklangen noch die legend\u00e4ren &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/02\/19\/mehr-und-weniger-gelungene-urauffuehrungen-bei-der-musica-viva\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Mehr und weniger gelungene Urauff\u00fchrungen bei der musica viva<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[2000,728,507,2202,4585,243,2655,4586],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5613"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5613"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5613\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5626,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5613\/revisions\/5626"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5613"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5613"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5613"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}