{"id":5649,"date":"2023-03-20T01:01:04","date_gmt":"2023-03-20T00:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5649"},"modified":"2023-03-22T14:43:10","modified_gmt":"2023-03-22T13:43:10","slug":"matthias-pintscher-als-grandioser-motivator-beim-brso","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/03\/20\/matthias-pintscher-als-grandioser-motivator-beim-brso\/","title":{"rendered":"Matthias Pintscher als grandioser Motivator beim BRSO"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Symphoniekonzert der <\/em>musica viva<em> vom Freitag, 17. M\u00e4rz 2023, brachte das<\/em> <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks neben <\/em>\u201eShaar\u201c<em>, einem Streicher-Klassiker <\/em>Iannis Xenakis\u2018 <em>(1922\u20132001) noch zwei gro\u00dfbesetzte Werke zu Geh\u00f6r, die w\u00e4hrend der bzw. als Reaktion auf die Corona-Lockdowns von 2020 entstanden sind: <\/em>Chaya Czernowins \u201eAtara\u201c <em>mit den beiden Gesangssolisten <\/em>Sophia Burgos<em> und <\/em>Holger Falk<em>. Au\u00dferdem dirigierte der Komponist <\/em>Matthias Pintscher<em> sein eigenes St\u00fcck <\/em>\u201eNeharot\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/17032023_musicaviva_c_BR-AstridAckermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/17032023_musicaviva_c_BR-AstridAckermann-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5650\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/17032023_musicaviva_c_BR-AstridAckermann-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/17032023_musicaviva_c_BR-AstridAckermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/17032023_musicaviva_c_BR-AstridAckermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/17032023_musicaviva_c_BR-AstridAckermann.jpg 1275w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>\u00a9 BR\/ Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Besucherzahlen der <em>musica viva<\/em> Symphoniekonzerte im M\u00fcnchner Herkulessaal haben wohl endlich die Corona-Delle hinter sich gelassen und die Neugier des M\u00fcnchner Publikums auf ganz moderne Kl\u00e4nge scheint wieder ungebrochen. Wenn dann noch der Komponist und Dirigent <em>Matthias Pintscher <\/em>zu Beginn einen wegweisenden, mittlerweile als Klassiker geltenden <em>Iannis Xenakis <\/em>aufs Programm setzt, sind Vorfreude und Erwartungen entsprechend hoch. <em>Shaar <\/em>(1982), f\u00fcr ein teilweise komplett aufgef\u00e4chertes, gro\u00dfes Streicherensemble \u2013 hier mit 52 Spielern musiziert \u2013, arbeitet mit Clustern, rhythmisch impulsiven Repetitionen und ausladenden Glissandi. Insbesondere letztere, von ihm fr\u00fcher geradezu inflation\u00e4r eingesetzt, hat der Komponist dabei derma\u00dfen kultiviert, dass man statt von einer Klang<em>fl\u00e4chen<\/em>&#8211; besser von einer Klang<em>raum<\/em>komposition sprechen muss, die eigentlich ganz logisch ihre dichtesten Momente im Unisono erreicht. Unter berufenen Dirigenten \u2013 wie etwa Lothar Zagrosek \u2013 lief das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bei Xenakis schon immer zu H\u00f6chstform auf. Das energetische St\u00fcck kann unter Pintschers strukturell glasklarer, emotional immer mitgehender Leitung wieder von Anfang an begeistern: ein gen\u00fcsslicher Klangschauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Pintschers besonderen F\u00e4higkeiten als Komponist geh\u00f6rt l\u00e4ngst der differenzierte Umgang mit der ganzen Palette an Orchesterfarben und modernen Spielweisen. Dabei ist der Einsatz des riesigen Instrumentariums aber nie Selbstzweck, sondern eher \u00f6konomisch auf das Erreichen ausdrucksstarker H\u00f6hepunkte hin angelegt, wie man sie nicht zuletzt in guter Filmmusik vorfindet. Entstanden angesichts des gro\u00dfen Sterbens in New York im Fr\u00fchjahr 2020, dominieren in <em>Neharot<\/em> \u2013 hebr\u00e4isch f\u00fcr <em>Fl\u00fcsse<\/em> wie <em>Tr\u00e4nen<\/em> stehend \u2013 dunkle Farben, die sich gerne mal gespenstisch zusammenballen und sofort wieder quasi ins Leere aufl\u00f6sen k\u00f6nnen. Zentral wird f\u00fcr den 24-Min\u00fcter dann ein Trauer-<em>Kaddish <\/em>der Solotrompete, das Ganze schlie\u00dflich zum <em>\u201eTombeau\u201c<\/em>, gleichzeitig jedoch irgendwie tr\u00f6stlich. Pintscher lenkt die ungeheuren Energiestr\u00f6me punktgenau \u2013 das BRSO folgt dem offenkundig mit Hingabe, klingt fantastisch \u2013 und erh\u00e4lt folglich enormen Beifall f\u00fcr ein \u00fcberaus gelungenes Orchesterst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Pintscher lehrt und lebt <em>Chaya Czernowin<\/em> (*&nbsp;1957) nun haupts\u00e4chlich in den USA. Und ebenso wurde <em>Atara <\/em>\u2013 der Titel bezieht sich auf das integrierte Gedicht <em>Zohar Eitans<\/em> \u2013 durch den menschlichen Kontrollverlust angesichts dann doch immer noch nicht zu b\u00e4ndigender Naturgewalten inspiriert. Noch dunkler als in <em>Neharot <\/em>\u2013 anfangs grummeln tiefste B\u00e4sse vom Sampler-Keyboard \u2013 setzt die Komponistin ein unvorhersehbares Spiel der Kr\u00e4fte in Gang. Ausdr\u00fccklich als <em>Lamento <\/em>bezeichnet, wirken hierbei die beiden nach einer Viertelstunde einsetzenden verst\u00e4rkten Stimmen meist irritierend zerbrechlich \u2013 souver\u00e4n, aber vielleicht selbst nicht v\u00f6llig \u00fcberzeugt von dem, was sie da vokal anbieten m\u00fcssen: <em>Sophia Burgos<\/em> und <em>Holger Falk.<\/em> Sowohl die vokalen Effekte als auch die enorm einfallsreiche, abstrus zerfaserte Orchestrierung geraten so \u2013 durchaus gewollt \u2013 unorganisch, unberechenbar und eher verst\u00f6rend. Chernowins Kunst liegt gerade darin, \u00fcber fast 40 Minuten zumindest Spannung aufrecht zu erhalten und immer wieder Neues zu bringen, obwohl dadurch der Zerfall ins Episodische vorprogrammiert ist \u2013 erstaunlich wahrhaftig, trotzdem ein wenig erm\u00fcdend. Musikalisch grandios in jedem Falle die Leistung des hochmotivierten BRSO und des Dirigenten Matthias Pintscher, den man bei Neuer Musik auch in M\u00fcnchen nicht mehr missen m\u00f6chte: Die <em>musica viva<\/em> lebt!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 18. M\u00e4rz 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Symphoniekonzert der musica viva vom Freitag, 17. M\u00e4rz 2023, brachte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks neben \u201eShaar\u201c, einem Streicher-Klassiker Iannis Xenakis\u2018 (1922\u20132001) noch zwei gro\u00dfbesetzte Werke zu Geh\u00f6r, die w\u00e4hrend der bzw. als Reaktion auf die Corona-Lockdowns von 2020 entstanden sind: Chaya Czernowins \u201eAtara\u201c mit den beiden Gesangssolisten Sophia Burgos und Holger Falk. 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