{"id":5656,"date":"2023-03-29T02:32:13","date_gmt":"2023-03-29T00:32:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5656"},"modified":"2023-03-29T17:40:56","modified_gmt":"2023-03-29T15:40:56","slug":"nostalgische-reflexionen-ueber-die-godowsky-hofmann-aera-abram-chasins-soloklavierwerk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/03\/29\/nostalgische-reflexionen-ueber-die-godowsky-hofmann-aera-abram-chasins-soloklavierwerk\/","title":{"rendered":"Nostalgische Reflexionen \u00fcber die Godowsky\/Hofmann-\u00c4ra: Abram Chasins Soloklavierwerk"},"content":{"rendered":"\n<p>Toccata Classics TOCC 0678 (2CD); EAN: 5 060113 446787<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Chasins-Glebov-Toccata-cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Chasins-Glebov-Toccata-cover.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5657\" width=\"478\" height=\"478\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Chasins-Glebov-Toccata-cover.jpg 1000w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Chasins-Glebov-Toccata-cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Chasins-Glebov-Toccata-cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Chasins-Glebov-Toccata-cover-768x768.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der US-amerikanische Pianist und Autor <\/em>Abram Chasins<em> (1903\u20131987) hinterlie\u00df als Komponist zwischen 1925 und 1951 neben zwei bislang ungedruckten Klavierkonzerten auch etliche Soloklavierwerke, die auf Toccata Classics nun erstmals als Gesamtaufnahme vorliegen. Neben <\/em>24 Preludes <em>durch alle Tonarten spielt die russisch-st\u00e4mmige Pianistin <\/em>Margarita Glebov <em>meist recht witzige Zyklen k\u00fcrzerer, teils selbstironischer St\u00fccke sowie eine hinrei\u00dfende Fantasie \u00fcber Themen aus Jarom\u00edr Weinbergers Oper<\/em> \u201eSchwanda, der Dudelsackpfeifer\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Abram Chasins<\/em>, in New York als Sohn russischer Immigranten geboren, studierte zun\u00e4chst u.&nbsp;a. bei Richard Epstein und an der dortigen (sp\u00e4teren) Juilliard School bei Ernest Hutcheson und Rubin Goldmark (Komposition). Tante und &#8222;Onkel&#8220; \u2013 Vera und Mark Fonaroff \u2013 waren gut mit vielen ber\u00fchmten Musikerpers\u00f6nlichkeiten (Kreisler, Casals, Godowsky usw.) vernetzt. Ab 1926 wurde Abram dann von Josef Hofmann \u2013 dem seinerzeit wohl erfolgreichsten Pianisten \u00fcberhaupt \u2013 in Philadelphia unter seine Fittiche genommen, wo er bald selbst am Curtis Institute lehrte. Dort spielte er 1929 sein erstes Klavierkonzert unter Ossip Gabrilowitsch (vor dem 1. Weltkrieg Dirigent des M\u00fcnchner Konzertvereins, der heutigen M\u00fcnchner Philharmoniker, danach Gr\u00fcndungsdirigent des Detroit Symphony Orchestra), 1933 sein zweites unter Leopold Stokowski. Seine aktive Zeit als durchaus gefragter Konzertpianist w\u00e4hrte relativ kurz, von 1927\u20131947, worauf er sich seiner Familie, dem Unterrichten und vor allem der musikalischen Erziehung mittels des Rundfunks widmete \u2013 beim CBS, NBC und dem New Yorker Sender WQXR, der ab 1944 der New York Times geh\u00f6rte. Im wirklich lesenswerten Buch <em>Speaking of Pianists\u2026<\/em> (1957, 3.&nbsp;Aufl. 1981) beschreibt Chasins auf sprachlich k\u00f6stliche Weise u.&nbsp;a. das Freundschaftsverh\u00e4ltnis zwischen Leopold Godowsky und Josef Hofmann. Au\u00dferdem verfasste er Monographien \u00fcber Van Cliburn und Stokowski.<\/p>\n\n\n\n<p>Blieben die beiden Klavierkonzerte bis heute ungedruckt, spielt die aus St.&nbsp;Petersburg stammende, dann in den USA ausgebildete und nun dort lebende Pianistin <em>Margarita Glebov<\/em> auf der neu erschienenen, exakt 90 Minuten dauernden Doppel-CD alle ver\u00f6ffentlichten Soloklavierwerke Chasins, vieles davon als Ersteinspielung. Die <em>24 Preludes<\/em> durch alle Dur- und Molltonarten erschienen 1928 \u2013 jeweils 6 unter den Opusnummern 10\u201313 \u2013 und tragen Widmungen auch an mehrere Pianisten. Obwohl technisch recht anspruchsvoll, kommt der Zyklus keinesfalls an Vorbilder wie Skrjabin, Cui, geschweige denn Chopin heran. Trotzdem finden sich darunter einige recht h\u00fcbsche Miniaturen: z.&nbsp;B. der Gershwin gewidmete \u201eMarsch\u201c (Nr.&nbsp;5 D-Dur), Nr.&nbsp;12 H-Dur mit seinen wilden Girlanden, Nr.&nbsp;13 Ges-Dur an Godowsky oder Nr.&nbsp;18 f-Moll an Myra Hess. Glebov macht immerhin das Beste aus diesen etwas nostalgischen St\u00fccken: klanglich fein artikuliert und insbesondere agogisch \u00e4u\u00dferst schl\u00fcssig.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel interessanter sind die meisten der \u00fcbrigen Werke. Neben den tats\u00e4chlich p\u00e4dagogischen Zwecken f\u00fcr angehende Klavierspieler dienenden sieben St\u00fccken aus <em>Piano Playtime <\/em>(1951) begegnet der H\u00f6rer sehr vergn\u00fcglichen, selbstironisch den Klavierzirkus als solchen karikierenden Opera: <em>The Master Class <\/em>zeichnet parodistisch die \u00c4ngste vierer Probanden solcher Veranstaltungen nach; die <em>Keyboard Karikatures <\/em>op.&nbsp;6 portr\u00e4tieren witzig Rachmaninoff, Godowsky und Bachaus (Wilhelm Backhaus schrieb sich in den USA stets ohne \u201ek\u201c!). Chasins Erfolgsst\u00fccke \u2013 sie erreichten sofort hohe Auflagen \u2013 waren jedoch die <em>Three Chinese Pieces<\/em>: <em>A Shanghai Tragedy, Flirtation in a Chinese Garden <\/em>(nur f\u00fcr wei\u00dfe Tasten) und <em>Rush Hour in Hongkong <\/em>sind effektvolle, ein wenig dramatische, in jedem Fall salonf\u00e4hige Klavierst\u00fccke \u2013 f\u00fcr uns heute herrlich genussvolle Fettn\u00e4pfchen kultureller Aneignung: <em>\u201eIch habe sie mit der ganzen Autorit\u00e4t eines Menschen geschrieben, der nie in der N\u00e4he des Orients gewesen ist.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch am anspruchsvollsten, auch nach Chasins eigener Meinung, ist die gut achtmin\u00fctige Ballade <em>Narrative: Remembrance of Things Past <\/em>(1942) \u2013 Romantik im Stile Rachmaninoffs, aber mit dann doch erkennbar eigenst\u00e4ndigen Mitteln. Ebenso dankbar: <em>Fairy-Tale <\/em>op.&nbsp;16\/1, die <em>Etude Appassionato <\/em>und die Bearbeitung von Glucks <em>Reigen seliger Geister. <\/em>Als echter Virtuosenkracher mit geradezu irrwitzigen pianistischen Anforderungen erweist sich hingegen Chasins <em>Schwanda Fantasy <\/em>\u00fcber die Polka-Themen aus Jarom\u00edr Weinbergers Oper <em>Schwanda, der Dudelsackpfeifer<\/em>, die 1931 auch die New Yorker MET erobert hatte. Sp\u00e4testens hier kann Margarita Glebov \u2013 die schon f\u00fcr ihre vorherigen CD-Aufnahmen viel Lob erhielt \u2013 so richtig zeigen, was sie wirklich draufhat: Mit Sinn f\u00fcr formalen Aufbau, die exquisiten harmonischen Feinheiten und den dabei gleichzeitig n\u00f6tigen Schwung legt sie diesen Rausschmei\u00dfer absolut mitrei\u00dfend hin. Diese Bearbeitung geh\u00f6rt in einem Atemzug mit den wirkungsvollsten Transkriptionen Godowskys oder den ber\u00fcchtigten <em>Carmen-Variationen <\/em>von Vladimir Horowitz genannt. Diesbez\u00fcglich sei hier auf Chasins noch verr\u00fccktere <em>Carmen Fantasy <\/em>f\u00fcr zwei Klaviere hingewiesen, die er f\u00fcr seine Frau Constance Keene und sich komponiert hat (s.&nbsp;u.).<\/p>\n\n\n\n<p>Die 2019\u20132022 entstandenen Einspielungen sind aufnahmetechnisch mehr als in Ordnung; nur ist der Fl\u00fcgel nicht bei allen Sitzungen gleich gut gestimmt, was leider auff\u00e4llt. Der 11-seitige Booklettext von Donald Manildi bietet ausf\u00fchrliche Informationen sorgf\u00e4ltig dar, allerdings nur auf Englisch. Glebovs Spiel kann jedenfalls durchgehend \u00fcberzeugen, und jeder Klavierbegeisterte, der sich f\u00fcr die <em>composer pianists <\/em>in der Nachfolge Godowskys interessiert, sollte sich diese bisher teils ungehobenen Sch\u00e4tze nicht entgehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erg\u00e4nzende Empfehlung: <\/strong>Chasins: <em>Carmen Fantasy <\/em>&amp; <em>Fledermaus Fantasy<\/em>, in: <em>Masques \u2013 Theatrical Reminiscences <\/em>\u2013 Piano Duo Chipak-Kushnir (Genuin GEN 14295, 2013)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toccata Classics TOCC 0678 (2CD); EAN: 5 060113 446787 Der US-amerikanische Pianist und Autor Abram Chasins (1903\u20131987) hinterlie\u00df als Komponist zwischen 1925 und 1951 neben zwei bislang ungedruckten Klavierkonzerten auch etliche Soloklavierwerke, die auf Toccata Classics nun erstmals als Gesamtaufnahme vorliegen. 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