{"id":5662,"date":"2023-04-04T01:13:13","date_gmt":"2023-04-03T23:13:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5662"},"modified":"2023-04-04T15:11:43","modified_gmt":"2023-04-04T13:11:43","slug":"julian-andersons-exiles-und-ein-phaenomenaler-schostakowitsch-unter-manfred-honeck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/04\/04\/julian-andersons-exiles-und-ein-phaenomenaler-schostakowitsch-unter-manfred-honeck\/","title":{"rendered":"Julian Andersons \u00bbExiles\u00ab und ein ph\u00e4nomenaler Schostakowitsch unter Manfred Honeck"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 30.\/31.&nbsp;M\u00e4rz und 1.&nbsp;April 2023 konzertierten Chor- und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von <\/em>Manfred Honeck<em> in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie. Gespielt wurden die Kantate <\/em>\u201eExiles\u201c <em>des britischen Komponisten <\/em>Julian Anderson <em>(Sopransolo: <\/em>Julia Bullock<em>)<\/em> <em>sowie <\/em>Dmitri Schostakowitschs<em> 5.&nbsp;Symphonie d-Moll op.&nbsp;47. Unser Rezensent besuchte das erste Konzert am Donnerstag.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BRSO-Konzertfoto-Honeck-c-BR-Astrid-Ackermann-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BRSO-Konzertfoto-Honeck-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5663\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BRSO-Konzertfoto-Honeck-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BRSO-Konzertfoto-Honeck-c-BR-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BRSO-Konzertfoto-Honeck-c-BR-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BRSO-Konzertfoto-Honeck-c-BR-Astrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/BRSO-Konzertfoto-Honeck-c-BR-Astrid-Ackermann-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>\u00a9 BR\/ Astrid Ackermann<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein Konzertprogramm an drei Abenden nur aus Werken des 20. bzw. 21. Jahrhunderts: Das klappt nun beim BR auch wieder mit den Abos in der Isarphilharmonie \u2013 und wie! Vor der Pause spielt das BRSO unter <em>Manfred Honeck<\/em> samt Chor (Einstudierung: <em>Peter Dijkstra<\/em>) die eigentlich in M\u00fcnchen als Urauff\u00fchrung f\u00fcr Januar 2022 geplante Kantate <em>\u00bbExiles\u00ab <\/em>des Briten <em>Julian Anderson <\/em>(*&nbsp;1967). Wegen Corona fiel dieser Termin leider aus, das St\u00fcck wurde dann in Berlin aus der Taufe gehoben, und man darf froh sein, dass es jetzt mit absoluten Spitzenkr\u00e4ften doch noch hier zu h\u00f6ren ist. Anderson studierte bei John Lambert, Alexander Goehr, sp\u00e4ter auch beim franz\u00f6sischen Spektralisten Tristan Murail, was gro\u00dfen Einfluss auf die au\u00dferordentliche Farbigkeit seiner Orchestersprache hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die etwa 40-min\u00fctige Kantate besteht aus f\u00fcnf S\u00e4tzen, von denen nur der zweite und f\u00fcnfte von der kompletten Besetzung vorgetragen werden. Der knappe erste \u2013 f\u00fcr Sopransolo und Orchester \u2013 handelt vom inneren \u201eExil\u201c des marokkanisch-franz\u00f6sischen Komponistenkollegen Ahmed Essyad w\u00e4hrend der Corona-Lockdowns, vertont dessen prosaischen Email-\u201eNotruf\u201c, der aber ohne Weiteres f\u00fcr die damalige Erstarrung gerade der Kulturszene insgesamt stehen darf. Die US-amerikanische S\u00e4ngerin <em>Julia Bullock <\/em>zeigt von Beginn an eine ungemein eindringliche, glaubw\u00fcrdige B\u00fchnen- und Stimmpr\u00e4senz, gewinnt sofort das Publikum, das gerne die ganze Zeit an ihren Lippen h\u00e4ngt. Sie vermag die musikalische Bedeutung des h\u00f6chst anspruchsvollen Gesangsparts weit \u00fcber den Text hinaus mit hinrei\u00dfender Empathie her\u00fcberzubringen, auch wenn sie trotz gewaltigen Stimmvolumens und -umfangs stellenweise gegen ein doch riesiges Orchester ziemlich ank\u00e4mpfen muss. Der relativ weit hinten und oberhalb des Orchesters platzierte Chor des BR hat es in dieser Hinsicht allerdings sogar schwerer \u2013 bekannte Einschr\u00e4nkungen des HP\u00a08.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderson erweitert dann seine Besch\u00e4ftigung mit der Vokabel <em>Exil <\/em>weit \u00fcber die allen noch pr\u00e4sente Isolation der Corona-Wirren hinaus: auf die Verfolgung des Volkes Israel, Befindlichkeiten w\u00e4hrend des Exils oder auf dem Weg dorthin. Im zweiten Satz werden hebr\u00e4ische Psalmtexte mit Versen des rum\u00e4nischen Komponisten Horatio Radulescu \u2013 ebenfalls ein Protagonist des Spektralismus im Umfeld G\u00e9rard Griseys \u2013 verkn\u00fcpft. Dabei erreicht Manfred Honeck eine fast makellose Synchronisation der Stimmen mit dem \u00fcbrigen, dichten Geschehen. Dies demonstriert \u2013 von beinahe tonalen Passagen \u00fcber teils aleatorische Klangfl\u00e4chen bis zu die H\u00f6rer in einen wohligen Schauer einh\u00fcllenden, spektralen Supernovae \u2013 erneut Andersons fantastische Orchestrierungskunst. Gerade bei leisen, zugleich komplexen Abschnitten \u2013 auch im dritten Satz (doppelch\u00f6rig <em>a&nbsp;cappella<\/em>), der die Rettung vieler j\u00fcdischer K\u00fcnstler durch den Diplomaten Varian Fry in Erinnerung ruft \u2013 beh\u00e4lt Honeck den \u00dcberblick, modelliert sicher den Klang und stellt sowohl dessen H\u00e4rten als auch die oft unfassbaren Sch\u00f6nheiten v\u00f6llig \u00fcberzeugend heraus. Bei der Behandlung des Chors merkt man, wie der anwesende Komponist an beste britische Traditionen \u2013 von Benjamin Britten bis Jonathan Harvey \u2013 anschlie\u00dft und recht \u00f6konomisch erstaunliche Feinheiten aus den Stimmen herauskitzelt, was der BR-Chor souver\u00e4n meistert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte Satz, diesmal rein instrumental unter Einbeziehung obertonreicher <em>musique concr\u00e8te <\/em>vom Soundtrack, schildert die tragische Flucht des sp\u00e4ter ber\u00fchmten Musikwissenschaftlers Harry Halbreich vor den Nazis 1942 in die Schweiz. Gro\u00dfartig schlie\u00dflich der letzte Teil, in dem Psalm 108 mit Apollinaire und V\u00edt\u011bzslav Nezvals herrlichem Gedicht <em>Sbohem a \u0161\u00e1te\u010dek <\/em>\u2013 teils tschechisch, teil englisch \u2013 kombiniert wird! Hier g\u00e4be es allerdings den einzigen Kritikpunkt an Andersens Komposition: Die teilweise engmaschige musikalische Vernetzung von gleich drei oder vier Sprachen \u2013 Nezval ist schon alleine kaum ad\u00e4quat ins Englische oder Deutsche zu \u00fcbersetzen; warum nicht einfach nur beim Original bleiben? \u2013 macht dem H\u00f6rer das Verst\u00e4ndnis unn\u00f6tig schwer. Dennoch ist das M\u00fcnchner Publikum, nicht zuletzt wegen der grandiosen Leistung aller S\u00e4nger, zu Recht komplett begeistert. Andersons Werk h\u00e4tte weitere beeindruckende Sch\u00e4tze parat: zum Beispiel <em>Heaven is Shy of Earth<\/em>\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4sst sich das noch toppen? Antwort: Ja, denn Honecks Darbietung von Schostakowitschs 5.&nbsp;Symphonie von 1937 sollte sich am Donnerstag als wirklich ma\u00dfstabsetzend erweisen. Hier kommen mehrere gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde in idealer Weise zusammen. Das BRSO kennt \u00fcber Mariss Jansons seinen Schostakowitsch sehr gut, und Honeck hat mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra, dessen Chef er seit bald 15 Jahren ist, f\u00fcr eine Einspielung dieses Werks von 2013 schon einen <em>Grammy<\/em> erhalten. Der Dirigent bleibt seinem Konzept treu, das sich im Detail merklich von dem Jansons unterscheidet: Honeck w\u00e4hlt hier ungew\u00f6hnlich zur\u00fcckhaltende Tempi, bis auf den letzten Satz. Er erzeugt, vor allem durch Pianissimos ohnegleichen, die in dieser Tonqualit\u00e4t nur Spitzenorchester hinkriegen, enorme dynamische Kontraste \u2013 emotional immer tragf\u00e4hig. Das beginnt mit der gro\u00dfen Steigerung des Kopfsatzes, die nach tr\u00fcgerischer Ruhe total unter die Haut geht. Die N\u00e4he zu Gustav Mahler wird in beiden Mittels\u00e4tzen bewusst zelebriert, wobei die unterschwellig stets karikierende Art des russischen Komponisten im <em>Allegretto<\/em> wunderbar schr\u00e4g wirkt. Das <em>Largo<\/em> verstr\u00f6mt eine Ruhe, wie sie der Rezensent dort noch nie so intensiv empfunden hat: gnadenlose Erhabenheit der Natur. Und Honecks Lieblingsstelle, die einsamen Holzbl\u00e4sersoli \u00fcber sibirisch frostigen Streichertremoli, wird so zum ergreifenden H\u00f6hepunkt der gesamten Symphonie. Das monstr\u00f6s martialische Finale gelingt mit ironisch \u00fcberpointiertem Schluss schlicht ph\u00e4nomenal, danach folgt selten einm\u00fctiger, minutenlanger tosender Applaus f\u00fcr Orchester und Dirigent.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 1. April 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 30.\/31.&nbsp;M\u00e4rz und 1.&nbsp;April 2023 konzertierten Chor- und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Manfred Honeck in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie. 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