{"id":5684,"date":"2023-04-23T22:05:18","date_gmt":"2023-04-23T20:05:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5684"},"modified":"2023-04-25T16:05:54","modified_gmt":"2023-04-25T14:05:54","slug":"sensationelle-kapustin-einspielungen-mit-drive-und-herzblut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/04\/23\/sensationelle-kapustin-einspielungen-mit-drive-und-herzblut\/","title":{"rendered":"Sensationelle Kapustin-Einspielungen mit Drive und Herzblut"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio C5495; EAN: 8 45221 05495 7<\/p>\n\n\n\n<p><em>In seiner nunmehr dritten Einspielung mit Werken des ukrainisch-russischen Jazzkomponisten <\/em>Nikolai Kapustin<em> f\u00fcr Capriccio gl\u00e4nzt <\/em>Frank Dupree<em> zun\u00e4chst mit dem <\/em>5.&nbsp;Klavierkonzert op.&nbsp;72<em> \u2013 unterst\u00fctzt vom <\/em>Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin<em> unter <\/em>Dominik Beykirch.<em> Mit seinem Kollegen <\/em>Adrian Brendle<em> erklingen dann noch das <\/em>Konzert f\u00fcr zwei Klaviere und Schlagwerk op. 104<em> sowie die <\/em>Sinfonietta op. 49<em> in der vierh\u00e4ndigen Klavierfassung<\/em>.<em> Am Schlagzeug:<\/em> Meinhard \u201aObi\u2018 Jenne <em>und<\/em> Franz Bach.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Kapustin-Klavierkonzert-Nr.-5-etc-Dupree-Beykirch-Capriccio.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Kapustin-Klavierkonzert-Nr.-5-etc-Dupree-Beykirch-Capriccio-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5685\" width=\"459\" height=\"459\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Kapustin-Klavierkonzert-Nr.-5-etc-Dupree-Beykirch-Capriccio-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Kapustin-Klavierkonzert-Nr.-5-etc-Dupree-Beykirch-Capriccio-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Kapustin-Klavierkonzert-Nr.-5-etc-Dupree-Beykirch-Capriccio-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Kapustin-Klavierkonzert-Nr.-5-etc-Dupree-Beykirch-Capriccio-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Kapustin-Klavierkonzert-Nr.-5-etc-Dupree-Beykirch-Capriccio.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 459px) 100vw, 459px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Der aus der ostukrainischen Provinz Donezk stammende Nikolai Kapustin (1937\u20132020) kam \u00fcber Kirgisistan nach Moskau, wo er u.&nbsp;a. bei Alexander Goldenweiser studierte. Fr\u00fch entdeckte er jedoch seine Liebe zum Jazz, spielte in mehreren entsprechenden Ensembles, sp\u00e4ter dann als Orchesterpianist unter Gennadi Roschdestwenski beim Gro\u00dfen Symphonieorchester des Moskauer Rundfunks. Die ca. 160 Werke Kapustins \u2013 mehrheitlich f\u00fcr Klavier, darunter allein 20 Sonaten \u2013 folgen alle dem Jazz-Idiom, wobei aber s\u00e4mtliche Details auskomponiert sind und demzufolge auf Improvisation g\u00e4nzlich verzichtet wird. Seine <em>Fusion <\/em>klassischer Formen mit Jazz- oder gar Rock-Elementen wirkt vielleicht auf den ersten Blick ein wenig r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt, beh\u00e4lt jedoch stets ihren eigenen, unverwechselbaren Stil. Wer den brillanten Pianisten selbst am Klavier erlebt hat, war fasziniert, wie der Mann mit Hornbrille und Erscheinung eines gewissenhaften Beamten souver\u00e4n, aber ohne jede \u00e4u\u00dfere Regung \u2013 absolute \u00d6konomie der Bewegungen war eines der Prinzipien Goldenweisers \u2013 seinen abstrus virtuosen \u201eJazz\u201c ablieferte, damit absolut \u00fcberzeugte und ungl\u00e4ubiges Staunen hervorrief. Schade nur, dass diese Musik erst den Westen erreichte, als der Komponist schon \u00fcber f\u00fcnfzig war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Kapustin-CD mit <em>Frank Dupree<\/em> enth\u00e4lt zwar keine Ersteinspielung, ist jedoch daf\u00fcr rundum gro\u00dfartig. Das <em>5.\u00a0Klavierkonzert<\/em> op. 72 von 1993 verwendet ein ganz klassisches Symphonieorchester und geh\u00f6rt sicherlich zu Kapustins ambitioniertesten Werken. Der gut zwanzigmin\u00fctige Eins\u00e4tzer mit vier klaren Abschnitten, die an \u00e4hnliche Konzepte des 19. Jahrhunderts ankn\u00fcpfen, strotzt nur so von z\u00fcndenden Ideen, wirkt ein wenig wie Gershwin mit Turbo und Booster, dennoch jede Sekunde authentisch. Gegen\u00fcber der bislang einzigen Konkurrenzaufnahme (Masahiro Kawakami unter dem Dirigenten Norichika Iimori), die das Orchester eher wie eine merkw\u00fcrdig aufgeblasene Bigband behandelt, stellt <em>Dominik Beykirch<\/em> gerade die klangliche Opulenz der gro\u00dfen Besetzung als besondere Qualit\u00e4t heraus. Das <em>Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin<\/em> hat offensichtlich Spa\u00df an dieser Musik und begeistert mit dem n\u00f6tigen Drive sowie einer Palette toller Klangfarben. Dupree folgt der zwingenden Dramaturgie des Konzerts mit Hingabe, bleibt auch bei den komplexesten und rasantesten Passagen absolut durchsichtig. Rhythmisch pr\u00e4gnant, trotzdem elastisch, wirkt der abenteuerlich schwere Solopart bei ihm eben doch \u00fcber weite Strecken wie improvisierter Jazz \u2013 immer Kapustins Ziel. Die gro\u00dfe Kadenz vor der Schlussapotheose gelingt hinrei\u00dfend, zielf\u00fchrend und erscheint so keinesfalls als konventioneller, eigentlich \u00fcberfl\u00fcssiger Schnickschnack. Zudem \u00fcberzeugt die exzellente Aufnahmetechnik \u2013 r\u00e4umlich wie dynamisch. Was f\u00fcr ein grandioses Konzert!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein etwas intellektuelleres Bild ergibt sich beim <em>Konzert f\u00fcr zwei Klaviere und Schlagwerk<\/em> op.&nbsp;104 (2002), das nat\u00fcrlich sofort an Bart\u00f3ks Sonate f\u00fcr diese Besetzung erinnert. Hierbei erweist sich <em>Adrian Brendle <\/em>als idealer Partner. Solch perfektes Zusammenspiel bei derartiger rhythmischer Komplexit\u00e4t \u2013 man h\u00f6re nur den irrwitzig raschen Presto-Mittelteil des langsamen Satzes, wo sich zus\u00e4tzlich die beiden Schlagzeuger <em>Meinhard \u201aObi\u2018 Jenne<\/em> und <em>Franz Bach<\/em> teils mit melodischen Verdopplungen von Klavierstimmen synchronisieren m\u00fcssen \u2013 ist schon sensationell: Klavierkammermusik in Vollendung. Hier bringt die Neuaufnahme \u2013 etwa gegen\u00fcber der Einspielung mit del Pino, Angelov und Neopercusi\u00f3n \u2013 nochmals eine deutliche Steigerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen ist die <em>Sinfonietta <\/em>op.&nbsp;49 \u2013 eine Aufnahme der originalen Orchesterfassung steht leider noch aus \u2013 tats\u00e4chlich \u201eeasy listening\u201c<em>.<\/em> Das viers\u00e4tzige Werk (Ouvert\u00fcre, Slow Waltz, Intermezzo &amp; Rondo) gibt sich heiter optimistisch, im als Walzer verkleideten Blues leicht sentimental. Dupree und Brendle spielen das entspannt \u2013 selbst die anspruchsvollen rhythmischen Verzahnungen im Intermezzo \u2013 und sind dynamisch noch eine Spur differenzierter als Yukari und Masahiro Kawakami. Das hat durchaus Anspruch, ist allerdings fast zu gef\u00e4llig. Insgesamt bietet diese CD nicht nur wirklich un\u00fcbertreffliche Kapustin-Darbietungen, die sehr sch\u00f6n unterschiedliche Ans\u00e4tze des Komponisten aufzeigen \u2013 sie ist eindeutig eines der bisherigen Highlights des Jahres 2023 und verdient eine klare Empfehlung an wirklich jeden (!) Klassik-H\u00f6rer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen: <\/strong>[op.&nbsp;72] Masahiro Kawakami, Japan Century Symphony Orchestra, Norichika Iimori (Triton OVCT-00163, 2018) \u2013 [op.&nbsp;104] Daniel del Pino, Ludmil Angelov, Neopercusi\u00f3n (Non Profit Music 1011, 2009) \u2013 [op.&nbsp;49] Yukari und Masahiro Kawakami (Nippon Acoustic Records NARD-5030, 2010)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, April 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio C5495; EAN: 8 45221 05495 7 In seiner nunmehr dritten Einspielung mit Werken des ukrainisch-russischen Jazzkomponisten Nikolai Kapustin f\u00fcr Capriccio gl\u00e4nzt Frank Dupree zun\u00e4chst mit dem 5.&nbsp;Klavierkonzert op.&nbsp;72 \u2013 unterst\u00fctzt vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Dominik Beykirch. 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