{"id":5700,"date":"2023-05-09T10:00:00","date_gmt":"2023-05-09T08:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5700"},"modified":"2023-05-08T00:27:30","modified_gmt":"2023-05-07T22:27:30","slug":"von-bruch-zu-tveitt-von-violine-zu-hardangerfiedel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/09\/von-bruch-zu-tveitt-von-violine-zu-hardangerfiedel\/","title":{"rendered":"Von Bruch zu Tveitt, von Violine zu Hardangerfiedel"},"content":{"rendered":"\n<p>Berlin Classics, <em>LC06203 <\/em>0302757BC, EAN: 8 85470 02757 9<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/BruchTveittHemsing.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/BruchTveittHemsing-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5701\" width=\"475\" height=\"475\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/BruchTveittHemsing-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/BruchTveittHemsing-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/BruchTveittHemsing-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/BruchTveittHemsing-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/BruchTveittHemsing.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 475px) 100vw, 475px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf ihrem neuesten Album beschreibt die junge norwegische Violinistin Ragnhild Hemsing eine musikalische Route von konzertanten Werken f\u00fcr Violine und Orchester, die von der Romantik bis in die Musik des 20. Jahrhunderts sowie von Deutschland nach Norwegen reicht und schlie\u00dflich auch die Hardangerfiedel als Soloinstrument mit Orchester einsetzt. Begleitet wird sie vom Philharmonischen Orchester Bergen unter der Leitung von Eivind Aadland.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Markenzeichen, das einen signifikanten Teil der CD-Ver\u00f6ffentlichungen der 1988 geborenen Norwegerin Ragnhild Hemsing (nicht zu verwechseln mit ihrer etwas j\u00fcngeren Schwester Eldbj\u00f8rg) durchzieht, ist, dass man sie nicht nur auf der Violine, sondern auch auf der traditionellen norwegischen Hardangerfiedel erleben darf. Die Hardangerfiedel, benannt nach der Region Hardanger in Westnorwegen, verf\u00fcgt neben vier gestrichenen Saiten auch noch \u00fcber eine Reihe von unter dem Steg verlaufenden Resonanzsaiten, die f\u00fcr ein ganz eigenes, obertonreiches Timbre sorgen; nebenbei sei bemerkt, dass die Instrumente in der Regel bereits optisch durch ihre reichen Verzierungen einen pr\u00e4chtigen Eindruck hinterlassen. So kombiniert auch Hemsings neueste CD drei konzertante Werke f\u00fcr Violine von Max Bruch, Johan Svendsen und Sigurd Lie mit einem Konzert f\u00fcr Hardangerfiedel und Orchester von Geirr Tveitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich also eindeutig ein Album mit Schwerpunkt auf norwegischer Musik, beginnt die CD allerdings mit einem der popul\u00e4rsten Violinkonzerte der deutschen Romantik, n\u00e4mlich dem <em>Violinkonzert Nr. 1 g-moll op.&nbsp;26<\/em> von Max Bruch (1838\u20131920). Einerseits m\u00f6chte Hemsing dadurch eine \u201ehistorische Linie\u201c von Bruch bis hin zu Tveitt aufzeigen, andererseits ist Bruch in einem Programm mit folkloristischem Einschlag nat\u00fcrlich per se alles andere als eine abwegige Wahl, und zwar noch wesentlich tiefgreifender als im Beiheft diskutiert (das sich auf die Nennung seiner <em>Schottischen Fantasie<\/em> und <em>Kol Nidrei<\/em> beschr\u00e4nkt). Tats\u00e4chlich hat sich Bruch auch mit skandinavischer, in seinem Fall schwedischer Folklore befasst, wovon die in diversen Besetzungen vorliegenden <em>Schwedischen T\u00e4nze op.&nbsp;63<\/em>, die <em>Suite f\u00fcr Orchester Nr.&nbsp;2 nach schwedischen Volksmelodien<\/em> (posthum unter dem Titel <em>Nordland-Suite<\/em> publiziert) und die <em>Serenade nach schwedischen Melodien<\/em> f\u00fcr Streichorchester zeugen; daneben hat er sich (nat\u00fcrlich neben deutscher) u.&nbsp;a. mit russischer (op.&nbsp;79, op.&nbsp;79b), keltischer (op.&nbsp;56), italienischer (op.&nbsp;88b) und rum\u00e4nischer (op.&nbsp;83) Folklore befasst. Bezeichnend, wie er es selbst in einem Brief an seinen Verleger Simrock in Worte fasste: \u201eIn der Regel ist eine gute Volksmelodie mehr werth als 200 Kunstmelodien. Ich h\u00e4tte es nie in der Welt zu etwas gebracht, wenn ich nicht seit meinem 24.&nbsp;Jahr mit Ernst und Ausdauer und nie endendem Interesse die Volksmusik aller Nationen studiert h\u00e4tte. Denn an Innigkeit, Kraft, Originalit\u00e4t und Sch\u00f6nheit ist nichts mit dem Volkslied zu vergleichen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist sein erstes Violinkonzert sein um L\u00e4ngen am h\u00e4ufigsten gespieltes Werk (und Bruchs Unmut dar\u00fcber ist vielfach zitiert worden), sodass sich Hemsings Neueinspielung in eine kaum zu \u00fcberschauende Phalanx von Aufnahmen einreiht. Insgesamt schl\u00e4gt sie sich dabei sehr beachtlich: Hemsing und Aadland haben beide eine tendenziell temperament- und kraftvolle, beherzt zupackende Vorstellung von dieser Musik, ohne dabei in Extreme zu verfallen. Den rhapsodischen Passagen (etwa im ersten Satz) gibt Hemsing viel Raum und Zeit, und \u00fcberhaupt wirken die Tempi zwar manchmal straff, aber nie gehetzt. Die gro\u00dfen gesanglichen Linien des langsamen Satzes vollzieht Hemsing expressiv, dabei stets geschmackvoll und niemals sentimental nach, und ganz generell zeigt sie sich als sehr agile, wache Solistin, die zahlreiche Details (der Agogik, der Artikulation) ausgesprochen bewusst und sorgf\u00e4ltig realisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Was der Einspielung \u2013 auf hohem Niveau! \u2013 etwas abgeht, ist ein gewisses Ma\u00df an Ruhe sowie der (orchestrale) Schmelz, der f\u00fcr diese Musik so charakteristisch ist. Bruch ist zuvorderst ein Melodiker, ein Lyriker, was er nicht einmal dann verleugnen kann, wenn er etwa in seiner <em>Zweiten Sinfonie<\/em> ein explizit dramatisches, wuchtiges, expressives und konflikthaftes Werk anstrebt, denn auch hier ist der \u00dcbergang zum dritten Satz, wenn der Himmel sich lichtet und in ein freundliches, gel\u00f6stes Finale m\u00fcndet, im Grunde genommen das Analogon eben jenes Moments der lyrischen Katharsis, den Bruch in seinen (famosen) Konzertst\u00fccken f\u00fcr Streichinstrument und Orchester perfektionierte. Insofern kann man diese Musik zwar sicher etwas k\u00fchler, mit einem st\u00e4rkeren Fokus auf ihren dramatischen Seiten interpretieren, aber das Muster bleibt eben doch die W\u00e4rme, der melodisch-kantable Fluss, wie ihn zum Beispiel ein Arthur Grumiaux ganz au\u00dfergew\u00f6hnlich zu gestalten wusste. Es sei aber betont, dass es sich dabei um eine Kritik im Kontext von Spitzeneinspielungen handelt; insgesamt liegt hier fraglos eine hochrangige Neuaufnahme vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der <em>Romanze G-Dur op.&nbsp;26<\/em> (1881) von Johan Svendsen (1840\u20131911) folgt einmal mehr das deutlich popul\u00e4rste Werk seines Sch\u00f6pfers; dass es sich dabei eigentlich um eine Gelegenheitsarbeit handelt, wird im Beiheft durch eine h\u00fcbsche Anekdote illustriert. \u00dcberhaupt: nat\u00fcrlich ist Svendsen als Komponist bei weitem nicht so bekannt wie sein fast exakter Zeitgenosse und Freund Edvard Grieg. Ein Blick auf seinen Werkkatalog verr\u00e4t aber auch, dass diese Romanze bereits eines seiner letzten Werke ist, denn die Majorit\u00e4t seines Schaffens entstand in einem Zeitraum von kaum mehr als 15 Jahren von Mitte der 1860er (damals noch als Student u.&nbsp;a. von Reinecke in Leipzig) bis zu den fr\u00fchen 1880er Jahren. Sein Einfluss auf seine Zeitgenossen als Dirigent (ab 1883 in Kopenhagen) und Pers\u00f6nlichkeit des Musiklebens war indes sein Leben lang immens.<\/p>\n\n\n\n<p>Svendsen Romanze ist in ihren Au\u00dfenteilen ein echtes Idyll und legt insbesondere ein beredtes Zeugnis von der Orchestrierungskunst ihres Sch\u00f6pfers ab. Man beachte etwa die Wiederkehr des Anfangs (das St\u00fcck ist \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 in tern\u00e4rer Form gehalten): hier wird der Solist, der das Hauptthema in variierter, mit allerhand Ornamenten versehener Form vortr\u00e4gt, von einem Teppich aus Tremoli sul ponticello und Pizzicati begleitet, erg\u00e4nzt um einige helle Fl\u00f6tentupfer, was alles zusammen ein ausnehmend apartes Klangbild ergibt. Im bedeckteren Mittelteil in g-moll beschleunigt sich das Tempo, eine Art Volkstanz; das Ende der Romanze ist Verkl\u00e4rung. Hemsings Ton ist insgesamt hell und lyrisch-expressiv; speziell in den Au\u00dfenteilen gibt sie der Musik wiederum viel Zeit zur Entfaltung, zur runden gesanglichen Linie, und scheut auch die gro\u00dfe Geste nicht, die in dieser Musik durchaus inbegriffen ist. Bemerkenswert dabei zudem, wie sie im Mittelteil sehr bewusst ihren Ton variiert und der Musik gekonnt eine wesentlich nerv\u00f6sere, fl\u00fcchtigere Aura verleiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eindeutig am wenigsten bekannte Komponist auf diesem Album ist der in Drammen geborene Sigurd Lie (1871\u20131904), ein Sch\u00fcler von Iver Holter und dann (wiederum!) von Reinecke in Leipzig. Der ber\u00fchmte Mathematiker Sophus Lie war sein Onkel, wohingegen mir eine verwandtschaftliche Beziehung zum Komponisten Harald Lie (1902\u20131942, wie Sigurd Lie jung an Tuberkulose verstorben) nicht bekannt ist. Eingespielt ist hier Lies <em>Konzertst\u00fcck \u00fcber die norwegische Volksweise \u201eHuldra aa\u2019n Elland\u201c<\/em> (1894\/95). Das besagte Volkslied taucht bereits in den <em>D<\/em><em>\u00f8<\/em><em>leviser<\/em> von Edvard Storm (1749\u20131794) auf, eine Geschichte \u00fcber den jungen Elland, der ermattet von der Sommerhitze Rast sucht und von einer Huldra, also einer kuhschw\u00e4nzigen Waldnymphe, bezirzt wird (was selbstverst\u00e4ndlich zum Scheitern verurteilt ist). Dabei besteht das Lied aus zwei Teilen, n\u00e4mlich Ellands Klagelied und dem Lied bzw. Tanz der Huldra; den ersten Teil findet man auch in Griegs <em>Norwegischen Melodien<\/em> f\u00fcr Klavier EG 108 (dort Nr.&nbsp;100), den zweiten in Svendsens (orchestraler) <em>Norwegischer Rhapsodie Nr.&nbsp;2<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Lie \u00fcberf\u00fchrt dies in ein dreiteiliges Konzertst\u00fcck in e-moll, dessen Eckteile auf Ellands Klage basieren, w\u00e4hrend der lebhafte Mittelteil in G-Dur auf dem Lied der Huldra beruht. Grunds\u00e4tzlich ist Lies Tonsprache speziell harmonisch nicht wesentlich avancierter als Bruchs oder Svendsens Musik, eine Ausnahme bilden allerdings die \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Akkorde in der Coda, die dem Konzertst\u00fcck f\u00fcr einen Moment einen geradezu leicht \u00fcbernat\u00fcrlichen Hauch verleihen. Im Vergleich zu Svendsens Romanze wirkt Lies (ebenfalls grunds\u00e4tzlich langsames) Konzertst\u00fcck atmosph\u00e4risch fast wie ihr Negativ: hier Idyll, dort Elegie, hier eine kurze Eintr\u00fcbung in der Mitte, dort eine tempor\u00e4re Aufhellung. Au\u00dferdem zeugt gerade dieses Werk von der intelligenten Zusammenstellung der CD, denn im Mittelteil scheint hier und da durchaus das Finale von Bruchs g-moll-Konzert als Vorbild durch, w\u00e4hrend an anderen Stellen die Violinstimme an eine Hardangerfiedel denken l\u00e4sst. Das Konzertst\u00fcck ist bereits vorher auf einem Album des norwegischen Labels 2L eingespielt worden, das zur G\u00e4nze Sigurd Lies Orchesterwerken gewidmet ist. Im Vergleich \u00fcberzeugt die Neueinspielung durch Hemsings sattes, kraftvolles Spiel, ein exzellentes Orchester und eine etwas direktere Akustik; ich m\u00f6chte aber auch die Alternativeinspielung explizit empfehlen, allein schon um Lies sehr h\u00f6renswerte Sinfonie a-moll kennenzulernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Programms steht mit dem gro\u00dfen Norweger Geirr Tveitt (1908\u20131981) ein Komponist, der um die Jahrtausendwende durch eine ganze Reihe von Ver\u00f6ffentlichungen der Labels Naxos, BIS und Simax einige Pr\u00e4senz auf dem Tontr\u00e4germarkt erhalten hat; in den letzten Jahren ist dies leider etwas abgeebbt (sodass man auf CDs mit Werken wie seiner Sinfonie Nr.&nbsp;1 <em>Julabend<\/em> oder auch seinem Violinkonzert offenbar bis auf weiteres noch vergeblich warten muss). Umso erfreulicher ist die vorliegende Neueinspielung seines <em>Konzerts f\u00fcr Hardangerfiedel und Orchester Nr.&nbsp;2 op.&nbsp;252 \u201eDrei Fjorde\u201c<\/em> aus dem Jahre 1965. Auch Tveitt studierte (wie alle auf diesem Album versammelten Komponisten) in Leipzig (bei Grabner), dann in Wien bei Wellesz und anschlie\u00dfend in Paris bei Honegger und Villa-Lobos, eine sehr illustre Schar von Lehrern also. Grunds\u00e4tzlich tief in der norwegischen Folklore verwurzelt, die er sammelte, arrangierte oder auch einfach mehr oder weniger selbst komponierte, ist es ganz besonders die franz\u00f6sische Musik (des Impressionismus), die in den schillernden Farben und der faszinierenden Atmosph\u00e4rik seiner Partituren ihren Niederschlag gefunden hat. Tragischerweise brannte im Jahre 1970 sein Hof nieder, sodass eine erhebliche Anzahl seines auch zahlenm\u00e4\u00dfig eindrucksvollen \u0152uvres unwiederbringlich verloren ging \u2013 ein Jammer, wenn man bedenkt, was dort alles in den Flammen aufgegangen sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Komponist, der die Hardangerfiedel mit einem Orchester kombinierte, war Johan Halvorsen in seiner <em>Fossegrimen-Suite<\/em> (1904); der erste Komponist, der ein Konzert f\u00fcr Hardangerfiedel und Orchester schrieb, war offenbar Tveitt (1955). Dass er zehn Jahre sp\u00e4ter ein zweites folgen lie\u00df, ging auf einen Kompositionsauftrag zur\u00fcck. Dabei ist sein zweites das etwas kompaktere der beiden Konzerte, eigentlich eine Folge von drei Tonbildern, die jeweils einem norwegischen Fjord gewidmet sind. So bl\u00fcht im ersten Satz nach einem kurzen orchestralen Vorhang eine Landschaft mit dem Hardangerfjord regelrecht vor dem H\u00f6rer auf, gleich einem gro\u00dfen, weiten Panorama. Tveitts exquisiter Klangsinn ist in den fein ausgeh\u00f6rten, leise verklingenden Schlusstakten exemplarisch zu bestaunen: hier ist jeder Ton, jedes Detail der Orchestrierung ein kleines Ereignis. In den Eckteilen des dem Sognefjord gewidmeten langsamen zweiten Satzes steht die schlichte Weise der Hardangerfiedel sich bedrohlich auft\u00fcrmenden Blechbl\u00e4serfiguren wie schroff in die H\u00f6he ragenden Berggipfeln gegen\u00fcber. Und schlie\u00dflich steht am Ende mit dem Nordfjord ein Satz, den Tveitt selbst gegen\u00fcber Sigbj\u00f8rn Bernhoft Osa, dem Solisten der Urauff\u00fchrung, mit den Worten \u201eHer kan du bare juble p\u00e5\u201c in Worte fasste: nichts als jubilieren soll das Soloinstrument hier. Und abgesehen von einer kurzen Reminiszenz an den zweiten Satz ist tats\u00e4chlich das ganze Finale von urw\u00fcchsigem Optimismus bestimmt, eine Musik in nahezu ungetr\u00fcbtem (stark modal, insbesondere lydisch bzw. mixolydisch gef\u00e4rbtem) D-Dur, festlich-ausgelassen und voller Lebensfreude.<\/p>\n\n\n\n<p>Ragnhild Hemsings Spiel auf der Hardangerfiedel ist ungemein klangvoll, sonor und reich an Resonanzen; die improvisatorischen Passagen spielt sie frei und mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, als w\u00fcrde die Musik in diesem Moment gerade entstehen. Im Vergleich zur Alternativeinspielung mit Arve Moen Bergset (BIS) fallen eine Reihe von kleineren Freiheiten wie Ornamenten auf, die Hemsing offenbar selbst eingebaut hat (vgl. etwa die Solopassagen zu Beginn des zweiten Satzes), ein wenig wie ein eigener Zungenschlag. Eine rhythmisch pointierte, kraftvolle, in der Leistung des Orchesters in vielen Details pr\u00e4gnantere Einspielung als die BIS-Aufnahme (Hemsings Spiel ist ohnehin spektakul\u00e4r gut und extrem idiomatisch), sodass man hier entschieden von einer neuen Referenz sprechen kann. Faszinierend, und allein deswegen schon den Kauf voll und ganz Wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beiheft vom Grieg-Experten Erling Dahl&nbsp;jr. ist insgesamt solide, obwohl man an einigen Stellen noch st\u00e4rker ins Detail gehen k\u00f6nnte (z.&nbsp;B. im Falle der Werke von Lie und Tveitt). Dass Bruchs Beziehung zur Volksmusik weniger \u201etief\u201c war als diejenige Tveitts, mag erst einmal trivial richtig sein; Bruchs Blick auf die Volksmusik anderer L\u00e4nder ist eben der eines deutschen, akademisch gepr\u00e4gten Romantikers, was im \u00dcbrigen v\u00f6llig ohne Wertung zu verstehen ist. Die von Ragnhild Hemsing aufgezeigte Linie zwischen Bruch und Tveitt w\u00fcrde ich vielleicht vorwiegend als eine Reihe von Parallelen, \u00e4hnlicher Schwerpunkte und Konstellationen begreifen, eine direkte, unmittelbar zwangsl\u00e4ufige Linie zwischen den beiden (im \u00dcbrigen auch von mir pers\u00f6nlich hochgesch\u00e4tzten!) Komponisten sehe ich eher nicht. Die Tonqualit\u00e4t entspricht sehr guten zeitgen\u00f6ssischen Standards.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem ein sehr empfehlenswertes Album.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Mai 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin Classics, LC06203 0302757BC, EAN: 8 85470 02757 9 Auf ihrem neuesten Album beschreibt die junge norwegische Violinistin Ragnhild Hemsing eine musikalische Route von konzertanten Werken f\u00fcr Violine und Orchester, die von der Romantik bis in die Musik des 20. 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