{"id":5707,"date":"2023-05-13T23:37:00","date_gmt":"2023-05-13T21:37:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5707"},"modified":"2023-05-23T09:54:27","modified_gmt":"2023-05-23T07:54:27","slug":"markus-bellheim-zelebriert-andras-hamarys-exzellenten-preludes-zyklus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/13\/markus-bellheim-zelebriert-andras-hamarys-exzellenten-preludes-zyklus\/","title":{"rendered":"Markus Bellheim zelebriert Andr\u00e1s Hamarys exzellenten Pr\u00e9ludes-Zyklus"},"content":{"rendered":"\n<p>NEOS 12305 + 52301 (CD+DVD); EAN: 4 260063 123054<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/NEOS_12305_Hamary.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/NEOS_12305_Hamary-1024x922.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5708\" width=\"424\" height=\"381\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/NEOS_12305_Hamary-1024x922.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/NEOS_12305_Hamary-300x270.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/NEOS_12305_Hamary-768x691.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/NEOS_12305_Hamary-1536x1382.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/NEOS_12305_Hamary.jpg 1649w\" sizes=\"(max-width: 424px) 100vw, 424px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Andr\u00e1s Hamarys<em> Zyklus von <\/em>24 Pr\u00e9ludes f\u00fcr Klavier<em> (2021\/22) ist nun, gespielt vom Widmungstr\u00e4ger <\/em>Markus Bellheim<em>, in Koproduktion mit <\/em>BR Klassik<em> bei <\/em>NEOS<em> erschienen. Die Musik wie ihre Darbietung k\u00f6nnen nur als herausragend betrachtet werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Andr\u00e1s Hamary <\/em>(*1950) kam nach ersten Studien in Budapest bald nach Deutschland, wo Hans Leygraf (Klavier) in Hannover und Thomas Ungar (Dirigieren) in Stuttgart seine wichtigsten Lehrer waren. In beiden F\u00e4chern wurde er mehrfach ausgezeichnet, so beim Debussy-Wettbewerb in Paris oder f\u00fcr seine Interpretation von Adriana H\u00f6lszkys Oper <em>Bremer Freiheit <\/em>bei der 1.&nbsp;M\u00fcnchner Biennale. Von 1986 bis zu seiner Emeritierung hatte Hamary in W\u00fcrzburg eine Professur f\u00fcr Klavier und Kammermusik inne und lebt nun in Berlin. Als Dirigent konzentrierte sich der K\u00fcnstler ganz auf die Neue Musik und widmete sich dann seit Mitte der 1970er Jahre auch \u2013 zunehmend erfolgreich \u2013 der Komposition. Den Pianisten <em>Markus Bellheim<\/em>, seit 2011 Professor an der M\u00fcnchner Hochschule f\u00fcr Musik und Theater, lernte er bereits in dessen W\u00fcrzburger Zeit kennen. W\u00e4hrend der Corona-Einsamkeit entstand \u2013 ausgehend von zun\u00e4chst wenigen Einzelst\u00fccken \u2013 nach und nach ein Zyklus von <em>24&nbsp;Pr\u00e9ludes f\u00fcr Klavier<\/em>, der Bellheim gewidmet ist und von ihm uraufgef\u00fchrt und inzwischen mehrmals \u00f6ffentlich gespielt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 24 Klavierpr\u00e9ludes tritt man fast unweigerlich in die Fu\u00dfstapfen einer Reihe historischer Vorbilder: Im Falle Hamarys sind dies vor allem Chopin, Skrjabin, Rachmaninoff, Debussy und Schostakowitsch (op.&nbsp;34). Daneben sp\u00fcrt der H\u00f6rer Einfl\u00fcsse diverser, nicht nur Klavierkomponisten, die keine Pr\u00e9lude-Zyklen geschrieben haben. In ihrer rhythmischen Komplexit\u00e4t oder Motorik weisen manche Abschnitte auf Hamarys Landsmann Gy\u00f6rgy Ligeti \u2013 insbesondere dessen Klavieret\u00fcden. Auch Schubert, Schumann, gar Mahler oder Nancarrow schimmern stellenweise durch. Nicht, dass der Komponist im gut 70-min\u00fctigen Werk aus 2&nbsp;x&nbsp;12 St\u00fccken w\u00f6rtlich daraus zitierte; jedoch gibt es zahlreiche Allusionen, die an konkrete musikalische <em>Situationen<\/em> bei jenen Kollegen ankn\u00fcpfen, die hier nat\u00fcrlich nicht alle aufgez\u00e4hlt werden k\u00f6nnen und sollen. Klar ist, dass sich Hamary diesem nicht wegzudenkenden musikhistorischen Bewusstsein stellt, ohne Elemente simpel zu imitieren oder \u201eeinzubauen\u201c. So wird aus dem vermeintlichen \u201eBallast\u201c eine Quelle f\u00fcr ganz eigene Inspiration. Literatur bildet bei zumindest zwei Pr\u00e9ludes den Ausgangspunkt: Attila J\u00f3szefs Gedicht <em>Ringat\u00f3 <\/em>f\u00fcr das \u201eWiegenlied\u201c (1.&nbsp;Heft, Nr.&nbsp;7) und die Erz\u00e4hlung <em>El milagro segreto<\/em> des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (2.&nbsp;Heft, Nr.&nbsp;2).<\/p>\n\n\n\n<p>Das besondere Problem, bei relativ wenig Zeit \u2013 die einzelnen Pr\u00e9ludes dauern hier zwischen 1\u201820\u201c und knapp 5 Minuten \u2013 ohne Umschweife sofort zum Punkt kommen zu m\u00fcssen, erfordert gro\u00dfe Klarheit des musikalischen Materials und eine geradezu plastische Vorstellung der damit erzeugten Klangwelten. Hamary scheut in den meisten der Miniaturen keineswegs tonale Ankl\u00e4nge: Gleich im ersten Pr\u00e9lude haut er die H\u00f6rer quasi \u00fcbers Ohr, indem er deren Erwartungen bez\u00fcglich angedeuteter Dominantseptakkorde und der Leittonwirkung des Tritonus zum M\u00e4andern durch den gesamten Quintenzirkel irref\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre erstaunliche \u00dcberzeugungskraft gewinnt Hamarys Musik allerdings auff\u00e4llig mittels extrem durchdachter und konsequenter Einbeziehung von Resonanzen und Obertoneffekten, was virtuose Nutzung aller M\u00f6glichkeiten des Sostenuto-Pedals verlangt. Allseits \u00fcberraschen stimmige Modifikationen sogar w\u00e4hrend des Verklingens, eines ja sonst als eher statisch wahrgenommenen Klangph\u00e4nomens, die dann immer den Raum mit einbeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies \u00f6ffnet in einer Reihe von Pr\u00e9ludes (<em>\u201eZyklus im Zyklus\u201c<\/em> [Hamary]), darunter die drei <em>Funerals <\/em>des ersten Hefts, eine schon ersch\u00fctternde emotionale Tiefe: Musik sozusagen als Vorbote des Totenreichs \u2013 und Aufarbeitung des eigenen Pandemie-Traumas? Im zweiten Heft unterstreichen zudem wiederkehrende Fragmente des anf\u00e4nglichen Chorals (Track&nbsp;[13]) dessen zyklische Anlage. Weiterhin finden sich einige bildhafte (<em>Terramoto <\/em>[\u201eErdbeben\u201c], <em>Der Trommler<\/em>) sowie heitere, \u201ehelle\u201c St\u00fccke mit einer geh\u00f6rigen Prise Humors: z.&nbsp;B. <em>Paganini met Gershwin on 5th Avenue<\/em> (2.&nbsp;Heft, Nr.&nbsp;10), das Paganinis Caprice Nr.&nbsp;9 <em>La caccia<\/em> pianistisch h\u00f6chst wirkungsvoll paraphrasiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Markus Bellheim spielt diese Tour de Force absolut kongenial. Der ihm quasi auf den Leib geschriebene, enorm anspruchsvolle Klaviersatz wirkt unter seinen H\u00e4nden \u2013 und F\u00fc\u00dfen! \u2013 trotzdem nie angestrengt. Bellheims Konzentration und hochdifferenzierte Anschlagskunst, wie man sie ja l\u00e4ngst von seinen Messiaen-Auff\u00fchrungen kennt, kommt bei jedem der 24 St\u00fccke voll zur Geltung. Die rasanten Nummern (etwa Nr.\u00a010 <em>Csillagsz\u00f3r\u00f3<\/em> [\u201eWunderkerzen\u201c] oder die zun\u00e4chst an Ligeti erinnernde, sp\u00e4ter hemmungslos tonale Nr.\u00a012 <em>Mandolin<\/em>), aber genauso die perfekt dargebotenen, oft wie eine Fata Morgana erscheinenden besagten Oberton-Kunstst\u00fccke gelingen ihm staunenswert. Die unmittelbare Entfaltung der musikalischen Ideen hinter den Einzelst\u00fccken und das Erfassen des gro\u00dfen Ganzen \u2013 oft fordert Hamary <em>Attacca<\/em>-\u00dcberg\u00e4nge zwischen zwei Pr\u00e9ludes \u2013 gehen stets Hand in Hand und erhalten den Spannungsbogen unentwegt aufrecht: Empathie, die sich sofort auf den H\u00f6rer \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant, dass als Instrument bei der im M\u00e4rz 2023 entstandenen Aufnahme aus dem Reitstadel in Neumarkt (Oberpfalz) ein <em>Steingraeber Grand Piano E<\/em> zum Einsatz kommt, wo gerade die basslastigen Pr\u00e9ludes (<em>Terramoto:<\/em> Heft&nbsp;I, Nr.&nbsp;4 oder <em>Schwarze Trompeten: <\/em>Heft&nbsp;II, Nr.&nbsp;3) einerseits etwas weicher, zugleich jedoch bedrohlicher klingen als auf den gewohnten Steinways. Aufnahmetechnisch ist die CD makellos, das Booklet mit Liner Notes vom Komponisten und Detlef Heusinger \u2013 wie von Neos gewohnt \u2013 sehr ansprechend aufgemacht. Als entbehrliche Zugabe erweist sich die DVD: 24 mit computergenerierter Musik unterlegte Videoanimationen Hamarys aus den letzten 15 Jahren, die in keinem Zusammenhang mit den Pr\u00e9ludes zu stehen scheinen. Der Komponist pr\u00e4sentiert sich damit \u2013 sowie dem Cover-Gem\u00e4lde \u2013 zus\u00e4tzlich als bildender K\u00fcnstler.<\/p>\n\n\n\n<p>Hamarys Zyklus seiner 24 Pr\u00e9ludes ist, verglichen mit mancher \u2013 polemisch ausgedr\u00fcckt \u2013 \u201eMassenware\u201c z.&nbsp;B. aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, ein echter Markstein in der Gattungsgeschichte, offenkundig ein sensibles Meisterwerk mit \u2013 hoffentlich \u2013 nachhaltiger Repertoiref\u00e4higkeit. Der Rezensent kann jedenfalls das Erscheinen der Notenausgabe (Musikverlag V.&nbsp;Nickel, M\u00fcnchen) kaum erwarten. Die CD-Einspielung hat jetzt schon eine vorbehaltlose Empfehlung an alle Freunde der Klaviermusik verdient.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Mai 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NEOS 12305 + 52301 (CD+DVD); EAN: 4 260063 123054 Andr\u00e1s Hamarys Zyklus von 24 Pr\u00e9ludes f\u00fcr Klavier (2021\/22) ist nun, gespielt vom Widmungstr\u00e4ger Markus Bellheim, in Koproduktion mit BR Klassik bei NEOS erschienen. Die Musik wie ihre Darbietung k\u00f6nnen nur als herausragend betrachtet werden. 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