{"id":571,"date":"2016-03-04T17:04:26","date_gmt":"2016-03-04T16:04:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=571"},"modified":"2016-03-04T17:05:30","modified_gmt":"2016-03-04T16:05:30","slug":"bedrohliches-und-humoreskes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/03\/04\/bedrohliches-und-humoreskes\/","title":{"rendered":"Bedrohliches und Humoreskes"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Fagottkonzerte von Jolivet, Tomasi, Fran\u00e7aix und Villa-Lobos<br \/>\nMatthias R\u00e1cz (Fagott)<br \/>\nStuttgarter Kammerorchester, Johannes Klumpp<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Jean Fran\u00e7aix: Concerto pour basson et 13 archets (1979)<br \/>\nHenri Tomasi: Concerto pour basson et archets avec harpe (1961)<br \/>\nAndr\u00e9 Jolivet: Concerto pour basson, archets, harpe et piano (1954)<br \/>\nHeitor Villa-Lobos: Ciranda de sete notas f\u00fcr Fagott und Streicher (1933)<br \/>\nJean Fran\u00e7aix: Divertissement pour basson et archets (1942)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ars Produktion ARS 38174 (EAN: 4260052381748)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0031.jpg\" rel=\"attachment wp-att-572\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-572 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0031-300x265.jpg\" alt=\"0031\" width=\"300\" height=\"265\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0031-300x265.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0031-768x678.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0031-1024x904.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vier Franz\u00f6sische Konzerte f\u00fcr Fagott und kleine Besetzung \u2013 teils nur Streicher, teils erg\u00e4nzt durch Harfe (Tomasi) oder Harfe und Klavier (Jolivet) \u2013 hat Matthias R\u00e1cz mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter Johannes Klumpp eingespielt, zuz\u00fcglich Villa-Lobos\u2019 \u201aMiranda de sete notas\u2019 von 1933. R\u00e1cz beherrscht sein Instrument in seltener Vollendung, er ist ein wirklicher Erz\u00e4hler auf dem Fagott, und auch das Virtuose ist bei ihm in besten H\u00e4nden. Das Fagottkonzert ist \u2013 nach prominenten Vorl\u00e4ufern wie Mozart oder Weber \u2013 eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts (in der romantischen Epoche hatten die Bl\u00e4ser als Solisten mit Orchesterbegleitung allgemein einen schwachen Stand, wenn man von Webers Klarinettenkonzerten einmal absieht; da ist man schon froh \u00fcber ein Oboenkonzert von Klughardt, ein Fl\u00f6tenkonzert von Reinecke, das erste Hornkonzert von Richard Strauss). Die Anordnung vorliegenden Programms ist etwas seltsam, indem das mit Abstand unbedeutendste, trivialste Werk am Anfang steht: das Konzert von Jean Fran\u00e7aix von 1979, also auch das am sp\u00e4testen entstandene. Es ist deshalb etwas peinlich, weil zwar erlesenste technische Fertigkeit von allen Beteiligten gefordert wird, jedoch der Gehalt und die expressive Spannweite nicht \u00fcber das Niveau von Charlie Chaplin oder Zirkusmusik hinausgeht. Die Ecks\u00e4tze sind ungef\u00e4hr so anspruchsvoll wie \u201aMein Hut, der hat drei Ecken\u2019, und so etwas hat schon Darius Milhaud (etwa in \u201aLe B\u0153uf sur le to\u00eet\u2019) schon viel besser und origineller gemacht. Einzig der langsame Satz hat eine andere Substanz, doch wird er hier schlicht zu z\u00fcgig genommen (mit zus\u00e4tzlichen\u00a0 Beschleunigungen zwischendurch, die der Komponist nicht vorsah), und irgendwie wissen hier alle Beteiligten nicht so recht, was sie au\u00dfer Andacht in diese Musik \u201ahineininterpretieren\u2019 sollen\u2026 Nat\u00fcrlich wusste Fran\u00e7aix genau, was er tat, und hat seine Aufgabe technisch in jeder Hinsicht makellos gel\u00f6st, solange wir nicht darauf achten, ob die gr\u00f6\u00dfere Form irgendwie bezwingend sei. Um wieviel besser ist sein fr\u00fches Divertissement von 1942, urspr\u00fcnglich mit Bl\u00e4serquintettbegleitung komponiert und damals verloren gegangen, sp\u00e4ter von Graham Waterhouse rekonstruiert \u2013 mit dieser launigen, kurzweiligen Musik klingt die CD so am\u00fcsant wie feinsinnig ironisch aus. Man h\u00f6rt: Fran\u00e7aix war ein Mann der kleinen Formen, die beherrschte er vollendet, ob man seine meist absichtlich belanglose Musik mag oder nicht, und f\u00fcr ein Konzert von gut 23 Minuten L\u00e4nge (in vier S\u00e4tzen) reichte die Spannung einfach nicht aus, jedoch sehr wohl f\u00fcr ein gleichfalls viers\u00e4tziges Divertimento von neun Minuten Dauer. Den Musikern hat jedenfalls beides eine Menge Spa\u00df gemacht, was man auch auf Schritt und Tritt h\u00f6rt, und der untadelige Solist hat seinen durchweg gro\u00dfen Auftritt.<br \/>\nAlles andere hat weit mehr Substanz. Villa-Lobos ist noch zu akademisch europ\u00e4isch verstanden, da ist vor allem mehr schwereloser Groove drin. Doch muss man in allen St\u00fccken bemerken, wie sehr das Orchester unter Klumpp rhythmisch \u201eauf Zack\u201c ist. In diesem Werk dominiert das Fagott unangetastet und darf unentwegt singen. Insgesamt eine Freude, das zu h\u00f6ren.<br \/>\nEine f\u00fcr mich gro\u00dfartige Entdeckung ist das 1961 entstandene Konzert des korsisch-st\u00e4mmigen Henri Tomasi (1901-71), der vor dem Krieg einige Jahre das franz\u00f6sische Radio-Kolonialorchester in Vietnam leitete und sp\u00e4ter das Orchestre National de France. Heute ist er vor allem durch sein Trompetenkonzert und die Fl\u00f6tenkonzerte bekannt. Er schrieb aber unz\u00e4hlige weitere Konzerte, eigentlich nur das Cello hat er nicht bedacht. Sein Fagottkonzert besticht mit einer unergr\u00fcndlichen Mischung aus Bedrohlichem und Humoreskem, das niemals in jene Gefilde der Belanglosigkeit abgleitet, vor welchen franz\u00f6sische Musik gelegentlich nicht sicher ist. Auch die Orchestration ist von erlesenster Finesse, und durch alles f\u00fchrt ein energetischer roter Faden, der die Spannung nicht abrei\u00dfen l\u00e4sst. Solist und Orchester meistern die virtuose Faktur mit bemerkenswert pr\u00e4ziser Leichtigkeit. In dieser Musik kommen unterschiedlichste Einfl\u00fcsse zusammen, bis hin zu niemals plakativ zur Schau gestellten Exotismen, und dabei klingt sie stets distinguiert s\u00fcdfranz\u00f6sisch. Und: sie kreiert einen imagin\u00e4ren \u201aFilm noir\u2019. Man k\u00f6nnte an Truffauts \u201aGeheimnis der falschen Braut\u2019 oder \u201aDie Braut trug schwarz\u2019 denken \u2013 an jeder Ecke lauert eine unheimlich verf\u00fchrerische und gef\u00e4hrliche Deneuve oder Moreau\u2026 Danach d\u00fcrfte es kaum jemanden geben, der nicht gerne mehr von Tomasi h\u00f6ren m\u00f6chte.<br \/>\nDie Krone geb\u00fchrt freilich immer noch Andr\u00e9 Jolivet f\u00fcr sein grandioses Konzert von 1954. Nur ein Klavier tritt zu Streichern und Harfe hinzu, und was f\u00fcr eine wilde Farbigkeit, was f\u00fcr eine magische Alchimie! Das zweis\u00e4tzige Werk ist zurecht ein Klassiker geworden, und Matthias R\u00e1cz darf nun zu den feinsten Musikern seines Fachs gez\u00e4hlt werden. Es ist aber auch (wie Tomasi \u00fcbrigens in nicht geringerem Ma\u00dfe) herrlich dankbar f\u00fcr sein Instrument geschrieben. Jolivet schafft es sogar, eine \u201aFuge\u2019 frenetisch obsessiv klingen zu lassen, sozusagen eine Transzendenz des Akademischen mit einer fast schon rohen Schroffheit, einer archaisierenden Auslegung moderner Klangmittel herzustellen. Und er lotet das ganze Spektrum von mystischer Introspektion bis zu frenetischer \u00dcberdrehtheit aus. Jazz und Orient begegnen sich hier in einem Geist, der die Abgr\u00fcnde liebt und doch stets eine franz\u00f6sische Rationalit\u00e4t auf der Hinterhand hat, die bei aller systematisch betriebenen Enthemmung nicht den Klischees von Pathos, Sentimentalit\u00e4t oder pr\u00e4tensi\u00f6s neut\u00f6nerischem Bruitismus aufsitzt. Gro\u00dfartig \u2013 wie vieles von Jolivet, das heute fast kein Mensch kennt (man denke nur an seine drei Symphonien, das Klavierkonzert, die Cellokonzerte). Und wieder gl\u00e4nzen alle Beteiligten mit Geistesgegenwart und Pr\u00e4zision. Nat\u00fcrlich gibt es auch Fehlleistungen wie das pomp\u00f6s vierschr\u00f6tige Ritardando am Ende des ersten Satzes, das \u00fcberhaupt nicht passt, sondern im letzten Moment den resoluten Charakter sabotiert. Gemessen an dem, was wir kennen, ist es insgesamt jedoch auf sehr hohem Niveau. Das gilt auch f\u00fcr die durchsichtige und ausgewogene Aufnahmetechnik und den Bookletessay, den sich Daniel Knaack und der Dirigent in simuliertem Zwiegespr\u00e4ch teilen.<br \/>\n<strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, M\u00e4rz 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fagottkonzerte von Jolivet, Tomasi, Fran\u00e7aix und Villa-Lobos Matthias R\u00e1cz (Fagott) Stuttgarter Kammerorchester, Johannes Klumpp Jean Fran\u00e7aix: Concerto pour basson et 13 archets (1979) Henri Tomasi: Concerto pour basson et archets avec harpe (1961) Andr\u00e9 Jolivet: Concerto pour basson, archets, harpe et piano (1954) Heitor Villa-Lobos: Ciranda de sete notas f\u00fcr Fagott und Streicher (1933) Jean &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/03\/04\/bedrohliches-und-humoreskes\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Bedrohliches und Humoreskes<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[528,529,527,526,223,531,530],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/571"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=571"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/571\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4947,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/571\/revisions\/4947"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=571"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=571"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=571"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}