{"id":5712,"date":"2023-05-15T16:33:43","date_gmt":"2023-05-15T14:33:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5712"},"modified":"2023-05-24T00:14:43","modified_gmt":"2023-05-23T22:14:43","slug":"die-rueckkehr-orchestraler-opulenz-werke-von-lim-verunelli-und-dusapin-bei-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/15\/die-rueckkehr-orchestraler-opulenz-werke-von-lim-verunelli-und-dusapin-bei-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Die R\u00fcckkehr orchestraler Opulenz \u2013 Werke von Lim, Verunelli und Dusapin bei der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/mv-12.5.23-Liza-Lim-Franck-Ollu-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/mv-12.5.23-Liza-Lim-Franck-Ollu-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5713\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/mv-12.5.23-Liza-Lim-Franck-Ollu-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/mv-12.5.23-Liza-Lim-Franck-Ollu-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/mv-12.5.23-Liza-Lim-Franck-Ollu-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/mv-12.5.23-Liza-Lim-Franck-Ollu-\u00a9-Astrid-Ackermann-BR.jpg 1450w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Liza Lim und Franck Ollu \u00a9 Astrid Ackermann\/BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Anschlie\u00dfend an die \u2013 f\u00fcr 2021 nachgeholte \u2013 Verleihung der \u201eHappy New Ears\u201c Preise in der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste spielte am 12.5.2023 das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <em>im Herkulessaal bei<\/em> <em>der <\/em>musica viva <em>den 2. Teil des <\/em>Annunciation Triptychs: \u201eMary \/ Transcendence after Trauma\u201c <em>der Preistr\u00e4gerin f\u00fcr Komposition, <\/em>Liza Lim. <em>Anschlie\u00dfend erklangen die Urauff\u00fchrung von <\/em>Francesca Verunellis \u201eAccord, chord and tune\u201c <em>f\u00fcr Akkordeon und Orchester <\/em>(<em>Solist: <\/em>Krassimir Sterev)<em> sowie<\/em> \u201eMorning in Long Island\u201c<em> von<\/em> Pascal Dusapin. <em>Es dirigierte<\/em> Franck Ollu.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Verleihung der im 2-Jahres-Turnus vergebenen <em>Happy New Ears <\/em>Preise der Hans und Gertrud Zender-Stiftung f\u00fcr 2021 konnte coronabedingt erst jetzt in der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste nachgeholt werden. Wolfgang Rathert hielt die Laudationes und betonte bei der Preistr\u00e4gerin f\u00fcr Komposition, der Australierin <em>Liza Lim, <\/em>die Weltbezogenheit und das politische Engagement ihrer Musik. Der Preistr\u00e4ger f\u00fcr Publizistik zur Neuen Musik, der italienische Musikwissenschaftler <em>Gianmaria Borio<\/em>, wurde f\u00fcr sein umfangreiches Schaffen beiderseits des Atlantiks \u2013 darunter eine 4-b\u00e4ndige Geschichte der Darmst\u00e4dter Ferienkurse \u2013 gew\u00fcrdigt. Die kurzen, umso pr\u00e4gnanteren Danksagungen der Ausgezeichneten hielten diese in perfektem Deutsch \u2013 und erstmals in diesem Rahmen erklang ein kleiner musikalischer Beitrag: <em>Matthew Sadler<\/em> spielte Lims faszinierendes Trompetensolo <em>Wild Winged-One<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Symphoniekonzert beginnt mit Liza Lims 2. Teil ihres <em>Annunciation Triptychs: Mary \/ Transcendence after Trauma <\/em>(2020\/21), mit dem nun hoffentlich die Reihe der \u201everpassten\u201c musica viva Urauff\u00fchrungen \u2013 das Triptychon wurde stattdessen 2022 in K\u00f6ln von Cristian M\u0103celaru aus der Taufe gehoben \u2013 endet. Ganz im Gegensatz zu Lims zuletzt im Herkulessaal gespielter, hochpolitischer Performance instrumentalen Theaters <em>Extinction Events and Dawn Chorus<\/em> (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/06\/musica-viva-mit-coronakonformer-ensemblemusik-im-herkulessaal\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/06\/musica-viva-mit-coronakonformer-ensemblemusik-im-herkulessaal\/\" target=\"_blank\">wir berichteten<\/a>) besch\u00e4ftigt sich Lim hier mit dem Mysterium von Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung und bedient sich dabei einer gewaltigen Palette orchestraler Klangfarben, deren Opulenz sie mit einer Meisterschaft beherrscht, die in jedem Detail absolut \u00fcberzeugt. So gut wie nichts ist dabei konventionell oder gar ein R\u00fcckgriff in die Kiste der Neo-Romantik. Vom zarten Beginn der <em>Spring Drums <\/em>und Streicher bis zu ehrfurchtgebietenden Blechbl\u00e4serglissandi \u2013 die die Komposition inspirierenden Texte schlagen von der Geschichte der Verk\u00fcndigung eine Br\u00fccke bis zur Reflexion der Offenbarung \u2013 zeugt das gesamte, ca. 18-min\u00fctige St\u00fcck von tiefer spiritueller Versenkung, auch gerade in eher lauten Abschnitten. Ergreifend der kurze, zentrale Moment <em>Her wild consent <\/em>\u2013 nur mit Basstrommel, Horn und Klavier und die folgenden apokalyptischen Visionen. Lim benutzt gekonnt viertelt\u00f6nige Einf\u00e4rbungen und beeindruckende spektrale Kl\u00e4nge, besonders in den Bl\u00e4sern. Dies alles kontrolliert der franz\u00f6sische Spezialist Franck Ollu \u2013 er dirigiert ohne Taktstock und mit links \u2013 mittels klarer Impulse und genauer dynamischer F\u00fchrung, bleibt daf\u00fcr emotional recht unbeteiligt, vor allem im folgenden Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesca Verunelli<\/em> (*1979) erhielt 2020 den <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/09\/ernst-von-siemens-musikstiftung-stellt-foerderpreise-fuer-2020-und-2021-vor\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/09\/ernst-von-siemens-musikstiftung-stellt-foerderpreise-fuer-2020-und-2021-vor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">F\u00f6rderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung<\/a>. In ihrem Urauff\u00fchrungsst\u00fcck mit dem technischen, neutral erscheinenden Titel <em>Accord, chord and tune <\/em>geht die Komponistin entschieden radikalere Wege: Konsequente Mikrotonalit\u00e4t erh\u00e4lt hier eine im wahrsten Sinne des Wortes unerh\u00f6rte Bedeutung. Der Solopart wurde eigens auf das spezielle Viertelton-Akkordeon <em>Krassimir Sterevs <\/em>abgestimmt. Ein Solistenkonzert im traditionellen Sinne h\u00f6ren wir jedoch nicht: Die besondere Klanglichkeit wird in einen einheitlichen Organismus von Solist und Orchester integriert; das Akkordeon tritt praktisch kaum jemals in den Vordergrund. Aus den nahezu unbegrenzten M\u00f6glichkeiten werden best\u00e4ndig neuartige Kl\u00e4nge synthetisiert, wo lediglich die Harfen stellenweise vertraute Akzente setzen. Mit seiner \u00dcberladenheit an instrumentalen Effekten, wodurch immerhin ein unterbrechungsloser, stimmiger Klangstrom gelingt, geh\u00f6rt Verunellis St\u00fcck zu den vielen \u201e\u00fcberinstrumentierten\u201c Orchesterwerken der letzten Jahre, die dann doch ohne jede Emotionalit\u00e4t irgendwie auf der Stelle treten. Das Publikum ist allerdings wohl anderer Meinung und bedenkt die Beteiligten mit gro\u00dfem Applaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause kommt <em>Pascal Dusapin <\/em>mit seinem gut halbst\u00fcndigen \u201eKonzert Nr.&nbsp;1 f\u00fcr gro\u00dfes Orchester\u201c <em>Morning in Long Island<\/em> von 2010 zum Zuge. Dusapin (geb. 1955), Sch\u00fcler u.&nbsp;a. von Iannis Xenakis, geh\u00f6rt seit langem zu den wichtigsten Komponisten Frankreichs; entsprechend gro\u00df ist seine Souver\u00e4nit\u00e4t im Umgang mit dem Orchester. Inspiriert durch einen Spaziergang an den eiskalten Strand Long Islands im Jahre 1988 schildert Dusapin nicht etwa konkrete Naturstimmungen, sondern setzt die Erinnerungen an seine damaligen Empfindungen musikalisch um. Der stark durch Literatur \u2013 namentlich Flauberts \u2013 gepr\u00e4gte Komponist begibt sich auch hier auf eine Metaebene, nie simpel programmatisch. So etwas mag heutzutage dennoch altmodisch wirken \u2013 gute Musik ist es trotzdem. Nun ist Franck Ollu, h\u00f6chst vertraut mit Dusapins Schaffen, endg\u00fcltig in seinem Element, geht insbesondere im rhythmisch mitrei\u00dfenden, positiv energetischen Schlussabschnitt (<em>swinging<\/em>) mit seinen amerikanischen Tanzrhythmen voll mit. Dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks muss man an erster Stelle aber f\u00fcr eine h\u00f6chst gelungene Darbietung des langen, langsamen Mittelteils (<em>simplement<\/em>) danken, der farblich ungemein ausdifferenziert her\u00fcberkommt. Ollu scheint nun gl\u00fccklich mit dem ganzen Abend zu sein und erh\u00e4lt zusammen mit dem Komponisten verdient begeisterte Zustimmung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Mai 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anschlie\u00dfend an die \u2013 f\u00fcr 2021 nachgeholte \u2013 Verleihung der \u201eHappy New Ears\u201c Preise in der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste spielte am 12.5.2023 das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal bei der musica viva den 2. Teil des Annunciation Triptychs: \u201eMary \/ Transcendence after Trauma\u201c der Preistr\u00e4gerin f\u00fcr Komposition, Liza Lim. Anschlie\u00dfend erklangen die &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/15\/die-rueckkehr-orchestraler-opulenz-werke-von-lim-verunelli-und-dusapin-bei-der-musica-viva\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die R\u00fcckkehr orchestraler Opulenz \u2013 Werke von Lim, Verunelli und Dusapin bei der musica viva<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[4042,4638,4641,728,4640,1755,507,2202,4639,243],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5712"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5712"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5712\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5723,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5712\/revisions\/5723"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5712"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5712"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5712"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}