{"id":5726,"date":"2023-05-28T20:35:43","date_gmt":"2023-05-28T18:35:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5726"},"modified":"2023-06-10T03:51:26","modified_gmt":"2023-06-10T01:51:26","slug":"erich-skoczek-die-wiederentdeckung-eines-impressionisten-der-orgel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/05\/28\/erich-skoczek-die-wiederentdeckung-eines-impressionisten-der-orgel\/","title":{"rendered":"Erich Skoczek: die Wiederentdeckung eines Impressionisten der Orgel"},"content":{"rendered":"\n<p>Selbstverlag Andreas Willscher, Hamburg 2021; ISBN: 978-3-9823800-0-1<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Erich-Skoczek-Ein-vergessener-Impressionist.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Erich-Skoczek-Ein-vergessener-Impressionist-689x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5727\" width=\"415\" height=\"617\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Erich-Skoczek-Ein-vergessener-Impressionist-689x1024.jpg 689w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Erich-Skoczek-Ein-vergessener-Impressionist-202x300.jpg 202w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Erich-Skoczek-Ein-vergessener-Impressionist-768x1142.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Erich-Skoczek-Ein-vergessener-Impressionist.jpg 807w\" sizes=\"(max-width: 415px) 100vw, 415px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts kennt die Namen zahlreicher Musiker, die durch Krieg, Vertreibung und politische Verfolgung einen gewaltsamen Tod gefunden haben. Mit der Ausl\u00f6schung ihrer physischen Existenz ging in der Regel die Zerst\u00f6rung ihres k\u00fcnstlerischen Erbes einher. Auch zahlreiche wertvolle Dokumente, die \u00fcber den Lebenslauf der K\u00fcnstler Auskunft h\u00e4tten geben k\u00f6nnen, gingen verloren. Biographie und Schaffen wurden gleicherma\u00dfen fragmentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ein solches Fragment stehen heute Leben und Werk des sudetendeutschen Komponisten Erich Skoczek vor uns, einem der konsequentesten Adepten des franz\u00f6sischen Impressionismus im deutschsprachigen Kulturraum. Der 1908 im m\u00e4hrischen Olm\u00fctz geborene Skoczek hatte in Wien studiert und war dort in den sp\u00e4ten 1920er Jahren als Orgelvirtuose zu Ansehen gelangt. Neben seinem musikalischen Wirken war er auch als Maler und Schriftsteller t\u00e4tig. 1941 in seine Geburtsstadt zur\u00fcckgekehrt, wurde er kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im Mai 1945, w\u00e4hrend einer gegen die deutsche Bev\u00f6lkerung gerichteten Verhaftungsaktion in das nahegelegene Konzentrationslager Hodolein deportiert, wo er wenig sp\u00e4ter zu Tode kam. Die tschechischen Beh\u00f6rden lie\u00dfen seine Wohnung ausr\u00e4umen, wobei auch die Manuskripte seiner Kompositionen auf den M\u00fcll geworfen wurden. Dass immerhin ein winziger Teil von Skoczeks Nachlass erhalten blieb, ist dem Organisten Anton(\u00edn) Schindler zu verdanken, der sich die Bewilligung verschaffte, \u201ezur Stampfe\u201c vorgesehene Papiere zu sichten. Durch seine Umsicht ist u.&nbsp;a. das umfangreichste heute noch vorhandene Werk Skoczeks, das 1928 komponierte Konzert f\u00fcr Orgel und gro\u00dfes Orchester op.&nbsp;20, auf uns gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat es Andreas Willscher, einer der meistgespielten Orgelkomponisten unserer Zeit, F\u00f6rderer wenig bekannten Repertoires und ausgewiesener Kenner der sudetendeutschen Musikgeschichte, unternommen, das Wissen \u00fcber Erich Skoczek zusammenzutragen. Sein im Selbstverlag erschienenes, 170 Seiten umfassendes Buch dokumentiert nicht nur s\u00e4mtliche bislang bekannte Quellen zu Skoczeks Biographie, sondern macht auch mit dem Gro\u00dfteil seiner erhaltenen Kompositionen bekannt. Nicht weniger als f\u00fcnf Orgelst\u00fccke, die zu Lebzeiten des Komponisten ver\u00f6ffentlicht worden waren, finden sich bei Willscher vollst\u00e4ndig abgedruckt, zwei davon auch in Fassungen f\u00fcr Klavier. Es sind:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Basilica di Roma<\/em> op.&nbsp;33<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine holl\u00e4ndische Mondnacht. Sinfonisches Intermezzo<\/em> op.&nbsp;39 (auch Fassung f\u00fcr Klavier 4-h\u00e4ndig)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Deux pi\u00e9ces polytonales<\/em> op.&nbsp;42, Nr.&nbsp;1: <em>\u00c0 Claude Debussy. Po\u00e8me symphonique<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Deux pi\u00e9ces polytonales<\/em> op.&nbsp;42, Nr.&nbsp;2 <em>Chanson<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine Seelenwanderung<\/em> op.&nbsp;55 (auch Fassungen f\u00fcr Klavier 2-h\u00e4ndig)<\/p>\n\n\n\n<p>Studiert man diese Kompositionen, die zusammen etwa 2\/3 des Bandes ausf\u00fcllen, wird sofort deutlich, dass Skoczek, der sp\u00e4testens seit op.&nbsp;42 seinen Vornamen zu \u201eEric\u201c franz\u00f6sisierte, unter den deutschen und \u00f6sterreichischen Orgelkomponisten seiner Zeit eine der originellsten Erscheinungen gewesen ist. Sein gro\u00dfes Vorbild war offensichtlich Claude Debussy, dessen freie, von der klassischen Funktionsharmonik gel\u00f6ste Akkordbildung und Stimmf\u00fchrung er auf die Orgel \u00fcbertr\u00e4gt. Auch hinsichtlich der Registrierung gibt Skoczek sehr differenzierte Anweisungen. So nimmt es nicht Wunder, dass sich aus diesen St\u00fccken ein wahres F\u00fcllhorn aparter, zauberischer Kl\u00e4nge ergie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auszugsweise macht uns Willscher mit dem Orgelkonzert op.&nbsp;20 und der <em>Apotheose des Namens BACH<\/em> op.&nbsp;26 bekannt, einem Orgeltriptychon, in dessen Finale ein Sopransolo \u201eBach&#8217;s Verkl\u00e4rung im Himmel\u201c schildert. Als weitere musikalische Dokumente finden wir noch die einzig erhaltene Bassstimme des Chorwerks <em>Christi Geburt<\/em> op.&nbsp;27 sowie den Anfang des von Skoczek erstellten Klavierauszugs einer Opernouvert\u00fcre von Arthur Johannes Scholz (1883\u20131945) mitgeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Musikschriftsteller lernen wir Skoczek mit einer kurzen Einf\u00fchrung in Beethovens letzte drei Klaviersonaten kennen, von der leider die Besprechung des Finales von op.&nbsp;111 fehlt, sowie mit einem f\u00fcr eine Olm\u00fctzer Zeitung verfassten Aufsatz \u00fcber \u201eMusik im Radio\u201c, in welchem sich der Komponist zu den Verwendungsm\u00f6glichkeiten der verschiedenen Instrumente unter den Bedingungen des damaligen Rundfunks \u00e4u\u00dfert und zu dem Schluss kommt: \u201eUm die Feinheiten des Werkes feststellen zu k\u00f6nnen, mu\u00df man dieses aus <em>erster<\/em> Hand h\u00f6ren, das nur im Konzertsaal m\u00f6glich ist, nicht durch den besten Radioapparat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Biographie des Komponisten, einem Verzeichnis seiner Werke (das 62 Opuszahlen umfasst), einer \u00dcbersicht \u00fcber die Interpreten seiner Musik, und einer Sammlung zeitgen\u00f6ssischer Konzertkritiken, enth\u00e4lt der reich bebilderte Band weiterhin einen kurzen Abschnitt, in welchem sich Willscher kritisch mit den Thesen des Musikschriftstellers Anton Popovici auseinandersetzt, der 1935 eine kleine Monographie \u00fcber Skoczek ver\u00f6ffentlicht hatte. Besonders dieser Teil des Buches l\u00e4sst ahnen, \u00fcber welch umfassende Kenntnisse der Orgelliteratur Andreas Willscher verf\u00fcgt. Im Anhang finden sich au\u00dferdem das von Skoczek in seinem op.&nbsp;26 vertonte Gedicht \u201eBach&#8217;s Verkl\u00e4rung\u201c von Grete Jank, sowie drei Improvisationsthemen, die der Retter des Orgelkonzerts, Anton Schindler, f\u00fcr Willscher aufgezeichnet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Kritisch anzumerken w\u00e4re, dass das Buch besser h\u00e4tte lektoriert werden m\u00fcssen, denn leider sind einige Druckfehler stehen geblieben. Der erste findet sich bereits auf dem Einband, wo der Name des Komponisten \u201eScoczek\u201c geschrieben wird (was dazu f\u00fchren kann, dass das Buch bei einer Suche schwerer gefunden wird). Auf S.\u00a0159 erfahren wir zwar die genauen Lebensdaten und einen knappen Lebenslauf des Komponisten des \u201ePhantasiegem\u00e4ldes mit Gesang in drei Aufz\u00fcgen\u201c <em>Der Zeitgeist oder Ein Besuch aus der Vorzeit<\/em> von 1841, nicht aber dessen Namen Adolph M\u00fcller. Auch h\u00e4tte man sich im Verzeichnis der Werke Skoczeks pr\u00e4zisere Angaben gew\u00fcnscht. Zwar liest man dort die Titel aller bekannten Kompositionen (einige Opuszahlen konnten nicht zugeordnet werden) und auch, welche davon zu Lebzeiten gedruckt wurden, doch wird bei den anscheinend Manuskript gebliebenen nicht klar, welche verschollen und welche erhalten sind. So erh\u00e4lt man zum erhaltenen Orgelkonzert und zur fragmentarisch \u00fcberlieferten <em>Christi Geburt<\/em> nicht mehr Informationen als zu anderen Kompositionen, deren Urauff\u00fchrungsdatum bekannt ist. Gerade weil uns aus dem ganzen Buch die Liebe entgegenschl\u00e4gt, mit der der Autor es geschrieben und gestaltet hat, wirken diese Einzelheiten st\u00f6rend! Dennoch mu\u00df betont werden, dass es sich um eine au\u00dferordentlich wichtige Ver\u00f6ffentlichung handelt, die Beachtung verdient. Musikwissenschaftler sollten sich davon zu weiteren Forschungen \u00fcber Erich Skoczek anregen lassen, und Musiker dazu, seine Werke wieder zu Geh\u00f6r zu bringen. Den Organisten hat Willscher hier genug Material an die Hand gegeben. M\u00f6gen sie es nutzen!<\/p>\n\n\n\n<p>Um einen Eindruck von Skoczeks Klangwelt zu vermitteln, sei noch auf Ausz\u00fcge einer Auff\u00fchrung seines Orgelkonzerts durch die M\u00e4hrische Philharmonie unter Petr \u0160umn\u00edk mit Kate\u0159ina Chrobokov\u00e1 an der Orgel hingewiesen:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qjrGlNZztfs\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qjrGlNZztfs\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Erich Skoczek &#8211; Concerto for Organ and Orchestra 1 &#8211; YouTube<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PxQ5a4w05Do\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Erich Skoczek &#8211; Concerto for Organ and Orchestra 2 &#8211; YouTube<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Norbert Florian Schuck [Mai 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstverlag Andreas Willscher, Hamburg 2021; ISBN: 978-3-9823800-0-1 Die Musikgeschichte des 20. 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