{"id":5744,"date":"2023-06-10T03:36:56","date_gmt":"2023-06-10T01:36:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5744"},"modified":"2023-06-10T03:37:12","modified_gmt":"2023-06-10T01:37:12","slug":"rezensionen-im-vergleich-2-felix-woyrschs-orgelwerke-erstmals-komplett-auf-cd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/06\/10\/rezensionen-im-vergleich-2-felix-woyrschs-orgelwerke-erstmals-komplett-auf-cd\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich\u00a02] Felix Woyrschs Orgelwerke erstmals komplett auf CD"},"content":{"rendered":"\n<p>Toccata Classics TOCC 0120; EAN: 5 060113 441201<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Woyrsch-Orgelwerke-Forsbach-Toccata-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Woyrsch-Orgelwerke-Forsbach-Toccata-1-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5745\" width=\"492\" height=\"492\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Woyrsch-Orgelwerke-Forsbach-Toccata-1-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Woyrsch-Orgelwerke-Forsbach-Toccata-1-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Woyrsch-Orgelwerke-Forsbach-Toccata-1-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Woyrsch-Orgelwerke-Forsbach-Toccata-1-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Woyrsch-Orgelwerke-Forsbach-Toccata-1.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 492px) 100vw, 492px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Erstaunlich, dass das Orgelwerk des lange das Altonaer Musikleben pr\u00e4genden Komponisten <\/em>Felix Woyrsch (<em>1860\u20131944<\/em>) <em>erst 2019 von <\/em>Ruth Forsbach<em> auf CD eingespielt wurde, ist es doch stilistisch ein wertvolles Bindeglied zwischen Brahms und Reger und in der Zeit um den 1.&nbsp;Weltkrieg ein einzigartiges Zeugnis norddeutscher Orgelkunst.<\/em> <em>Bis auf ein Choralvorspiel sind die Darbietungen sogar kommerzielle Erstaufnahmen: f\u00fcr Orgelfreunde eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Ausgrabung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der aus Troppau stammende <em>Felix Woyrsch<\/em> (1860\u20131944) war als Komponist weitgehend Autodidakt. \u00dcber Jahrzehnte pr\u00e4gte er als Organist und Dirigent \u2013 sp\u00e4ter Musikdirektor \u2013 das Musikleben der bis 1938 selbst\u00e4ndigen, schleswig-holsteinischen (!) Gro\u00dfstadt Altona, leitete u.&nbsp;a. die dortige Singakademie und das Orchester des \u201eVereins Hamburgischer Musikfreunde\u201c. Obwohl als Interpret durchaus aufgeschlossen gegen\u00fcber der sich zunehmend etablierenden Moderne, blieb er in seinen Werken zeitlebens einer sp\u00e4tromantischen Tradition in der Nachfolge Griegs, Bruckners und Brahms\u2018 treu. Sein Orgelwerk ist mit einer Gesamtspieldauer von knapp 63 Minuten nicht sehr umfangreich und besteht neben 10 Choralvorspielen lediglich noch aus einem <em>Festpraeludium \u00fcber den Choral \u201eNun danket alle Gott\u201c<\/em> (1895) sowie aus einer \u2013 freilich ph\u00e4nomenalen \u2013 <em>Passacaglia \u00fcber das \u201eDies irae\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im <em>Festpraeludium <\/em>zeigen sich Woyrschs sicheres kontrapunktisches Geschick und wirkungsvolle Registrierungsvorstellungen; das St\u00fcck steht allerdings noch ganz in der Tradition etwa von Liszt und Rheinberger. Sehr pers\u00f6nlich zeigen sich dann schon die <em>10 Choralvorspiele op.&nbsp;59<\/em>, entstanden zwischen 1909 und 1918, vor allem also w\u00e4hrend des 1.&nbsp;Weltkriegs. Entsprechend pessimistisch ist deren Tonfall. Im letzten St\u00fcck <em>\u201eVerleih uns Frieden gn\u00e4diglich\u201c<\/em> schreibt der Komponist ausdr\u00fccklich \u201eim Kriegsjahr 1918\u201c \u00fcber die Partitur, den tats\u00e4chlich dringlichen Wunsch nach Frieden vor Augen. Aber auch in einigen der anderen Choralvorspiele wird die Tragik der geschichtlichen Ereignisse h\u00f6rbar, besonders in den beiden, den liturgischen Rahmen schon durch ihre L\u00e4ngen von um die acht Minuten sprengenden Nummern 5 und 7 (<em>\u201eO Haupt voll Blut und Wunden\u201c \u2013 <\/em>h\u00f6chst chromatisch \u2013 sowie <em>\u201eWas mein Gott will, das gescheh\u2018 allzeit\u201c<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wahres Meisterwerk ist dann schlie\u00dflich die <em>Passacaglia \u00fcber das \u201eDies irae\u201c<\/em>, 1921 ver\u00f6ffentlicht, aber h\u00f6chstwahrscheinlichkeit noch im oder kurz nach dem Kriege verfasst. Das 12-min\u00fctige St\u00fcck kann sich qualitativ durchaus mit entsprechenden Werken Max Regers messen, ist technisch enorm anspruchsvoll, kompositorisch auf der H\u00f6he der Zeit und verfehlt durch seine Auseinandersetzung mit der Totentanz-Thematik \u2013 Woyrsch selbst hatte bereits ein Mysterium mit dem Titel <em>Totentanz<\/em> (op.&nbsp;51) komponiert \u2013 seine Wirkung nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erfahrene Organistin und ehemalige Remscheider Kirchenmusikdirektorin<em> Ruth Forsbach<\/em> (*&nbsp;1949) \u2013 u.&nbsp;a. Sch\u00fclerin von Gerd Zacher, Lionel Rogg und Gaston Litaize \u2013 spielt Woyrschs Musik absolut souver\u00e4n und begeistert den H\u00f6rer nicht nur mit einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Darbietung der Passacaglia, sondern bringt auch sensibel die vielen Zwischent\u00f6ne bei den Choralvorspielen zum Vorschein. Der Klang des historisch perfekt passenden Instruments \u2013 der Wilhelm-Sauer-Orgel der reformierten Kirche Wuppertal-Ronsdorf von 1908 \u2013 unterstreicht den konzertanten Charakter der meisten Choralvorspiele und wurde aufnahmetechnisch in Co-Produktion mit dem WDR sehr sch\u00f6n eingefangen. Forsbach gelingt es, trotz eines ein wenig verschwenderischen Umgangs mit den 16\u2018-Registern, durchsichtig zu bleiben, ohne den doch etwas bombastischen Zeitgeist zu verleugnen. Diese Ver\u00f6ffentlichung schlie\u00dft auf erfreuliche Weise eine offenkundig viel zu lange bestehende Repertoirel\u00fccke \u2013 h\u00f6renswert!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toccata Classics TOCC 0120; EAN: 5 060113 441201 Erstaunlich, dass das Orgelwerk des lange das Altonaer Musikleben pr\u00e4genden Komponisten Felix Woyrsch (1860\u20131944) erst 2019 von Ruth Forsbach auf CD eingespielt wurde, ist es doch stilistisch ein wertvolles Bindeglied zwischen Brahms und Reger und in der Zeit um den 1.&nbsp;Weltkrieg ein einzigartiges Zeugnis norddeutscher Orgelkunst. 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