{"id":5754,"date":"2023-06-26T05:43:05","date_gmt":"2023-06-26T03:43:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5754"},"modified":"2023-06-26T16:55:57","modified_gmt":"2023-06-26T14:55:57","slug":"krieg-und-frieden-bei-den-richard-strauss-tagen-2023","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/06\/26\/krieg-und-frieden-bei-den-richard-strauss-tagen-2023\/","title":{"rendered":"Krieg und Frieden bei den Richard-Strauss-Tagen 2023"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Garmisch-Kongresshaus-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Garmisch-Kongresshaus-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5756\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Garmisch-Kongresshaus-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Garmisch-Kongresshaus-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Garmisch-Kongresshaus-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Garmisch-Kongresshaus-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Garmisch-Kongresshaus-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Der Ort des Konzerts: das Garmischer Kongresshaus<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Pilsener Philharmonie spielte im Rahmen der Richard-Strauss-Tage 2023 am 17. Juni 2023 unter R\u00e9my Ballots Dirigat <\/em>Macbeth<em> und V<\/em>ier letzte Lieder<em> von Richard Strauss, Felix Mendelssohn Bartholdys Symphonie Nr.&nbsp;3, die <\/em>Schottische Symphoni<em>e, und Robert Volkmanns <\/em>Ouvert\u00fcre zu Shakespeares Richard III.<em> Es sang Sarah Marie Kramer (Sopran).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus\u201c, m\u00f6chte man mit Goethe \u00fcber das Programm der diesj\u00e4hrigen Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen sagen. Unzweifelhaft den H\u00f6hepunkt bildete das Symphoniekonzert der Pilsener Philharmonie unter Leitung R\u00e9my Ballots am 17.\u00a0Juni, doch war es eingebettet in eine ganze Reihe weiterer Veranstaltungen unterschiedlichster Art, welche man zwischen dem Er\u00f6ffnungskonzert am 14. und dem \u201eAusklang\u201c am Abend des 18. Juni im Wahlheimatort des Komponisten erleben konnte. \u201eMusikwanderungen\u201c in und um Garmisch-Partenkirchen boten den Besuchern Gelegenheit, sich mit der Landschaft vertraut machen, vor deren Hintergrund seit 1908 der gr\u00f6\u00dfte Teil des Straussschen Schaffens entstand. Ein Theaterprojekt des Werdenfels-Gymnasiums setzte sich mit der Oper <em>Ariadne auf Naxos<\/em> auseinander. Ein Liederabend des Tenors Andreas Schager und der Pianistin Donka Angatscheva kombinierte Strauss mit Schumann und Wagner. Die Wiener Kammersymphonie stellte Ausz\u00fcge aus Straussens <em>B\u00fcrger als Edelmann<\/em> und <em>Tanzsuite nach Couperin<\/em> Werken von Schreker, Mahler und Korngold gegen\u00fcber. Im Er\u00f6ffnungskonzert der Musikkapelle Partenkirchen und im Platzkonzert des Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr fanden sich Blasorchesterst\u00fccke des Garmischer Meisters neben Milit\u00e4r- und Popul\u00e4rmusik seiner und unserer Zeit wieder. Zwei Kabarettnachmittage lockerten das Festprogramm humoristisch auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ausgesprochenes Motto war dem Symphoniekonzert nicht beigegeben, doch die Zusammenstellung der Werke verriet, da\u00df man es mit einem Programm zum Thema \u201eKrieg und Frieden\u201c zu tun hatte. Zwei Programmmusikst\u00fccke, denen entsprechende Handlungen ausdr\u00fccklich zugrunde liegen, Straussens <em>Macbeth<\/em> op.&nbsp;23 und Robert Volkmanns <em>Ouvert\u00fcre zu Shakespeares Richard III.<\/em> op.&nbsp;68, umrahmten mit Felix Mendelssohn Bartholdys <em>Schottischer Symphonie<\/em> op.&nbsp;56 ein Werk, das zwar vorrangig als romantisches Portrait schottischer Landschaft und schottischen Nationalcharakters angesprochen werden kann, jedoch im letzten Satz, urspr\u00fcnglich \u201eAllegro guerriero\u201c betitelt, durchaus k\u00e4mpferische T\u00f6ne anschl\u00e4gt und mit einer Coda schlie\u00dft, die sich als \u201eFriedenshymne\u201c charakterisieren l\u00e4sst. Den Schluss des Abends bildeten die <em>Vier letzten Lieder<\/em> von Richard Strauss, gesungen von der kanadischen Sopranistin Sarah Marie Kramer, mit welchen nicht nur die britischen Inseln, sondern auch die kriegerische Thematik verlassen wurden. Man erlebte diese letzte vollendete Arbeit des Komponisten \u2013 Strauss schrieb sie 60 Jahre nach dem <em>Macbeth<\/em> \u2013 im Kontext des Programms also als das, was sie rein entstehungsgeschichtlich in der Tat ist: als Nachkriegsmusik.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e9my Ballot hat sich in den vergangenen Jahren vor allem als Dirigent der Bruckner-Tage (sein bei Gramola erscheinender Bruckner-Zyklus n\u00e4hert sich der Vollendung) sowie an der Spitze des Klangkollektivs Wien mit Werken der Wiener Klassiker einen guten Namen gemacht. Umso interessanter war es, ihn nun mit Repertoire abseits dieser beiden Schwerpunkte zu erleben. Man geht gewiss nicht fehl, Ballot einen der form- und strukturbewusstesten Musiker unserer Tage zu nennen. Sein Dirigieren ist schlicht funktional und l\u00e4sst \u201echoreographische\u201c Elemente ganz bei Seite. Umso wichtiger ist ihm der stetige Kontakt zu den einzelnen Mitgliedern des Orchesters. In der Tat macht er aus ihnen allen instrumentale Choristen, die um die Bedeutung ihrer Stimme im Zusammenhang wissen, aufeinander h\u00f6ren, miteinander im Dienste der Gesamtwirkung agieren k\u00f6nnen, sodass es nicht Wunder nimmt, dass unter seinem Dirigat die Melodieb\u00f6gen in langem Atemz\u00fcgen auszuschwingen pflegen, und der Darstellung des Geflechts kontrapunktischer Stimmen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Kunst, die einzelnen Momente einer musikalischen Handlung in ihrer Einzigartigkeit auszukosten und zugleich das Ganze im Blick zu behalten, das Geschehen zum Ziel zu f\u00fchren, beherrscht Ballot wie nur wenige unter den Heutigen. Sehr sch\u00f6n zeigte sich dies gleich anhand des <em>Macbeth<\/em>. Der Vorschrift \u201eun poco maestoso\u201c trug er mit einem relativ breiten Grundtempo Rechnung, das optimal dazu geeignet war, bei den martialischen Themen des Titelhelden den Eindruck einer ehrfurchtgebietenden, finsteren Gestalt aufkommen zu lassen. Ebenso wurde der einschmeichelnden Melodik der Lady Macbeth genug Raum zur Entfaltung geboten. In der zweiten H\u00e4lfte des St\u00fccks, worin Macbeth seine gewonnene Krone in minutenlangen, lautstarken K\u00e4mpfen mit zahlreichen nach oben schie\u00dfenden Motivsequenzierungen verteidigen muss, erlebte man, wie das Pulver nicht vorschnell verschossen, sondern durch kluge Dosierung der Kr\u00e4fte immer noch eine M\u00f6glichkeit der Intensivierung gefunden wurde. Zugleich wurde deutlich, welch ein gro\u00dfartiger Meister der Orchesterpolyphonie Strauss schon in dieser fr\u00fchesten seiner Tondichtungen gewesen ist. Die sorgf\u00e4ltige Darbietung des kontrapunktischen Gef\u00fcges verlieh auch dem Festmarsch in der Mitte den n\u00f6tigen Prunk und lie\u00df die bl\u00e4serbetonte, leise Episode mit dem choralartigen Einwurf der hohen Streicher (bei etwa \u00be der Spieldauer) zu einem heimlichen H\u00f6hepunkt des Werkes werden \u2013 manchmal sind Strauss und Bruckner einander gar nicht so fern.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>Schottischen Symphonie<\/em> fesselten sofort die Zartheit der einleitenden Takte und die sorgf\u00e4ltige Phrasierung, mit der die anschlie\u00dfenden Sechzehntelfiguren der Violinen zum Sprechen gebracht wurden. Ein besonderes Augenmerk legte der Dirigent offenbar auf die Hervorhebung instrumentatorischer Feinheiten. Nicht nur der Nachvollziehbarkeit der thematischen Arbeit kam dies zugute, etwa wenn in der Durchf\u00fchrung des Scherzos das Hauptmotiv fr\u00f6hlich durch die verschiedenen Orchestergruppen jagt. Auch Ph\u00e4nomene rein klangfarblicher Natur kamen trefflich zur Wirkung. Wann h\u00f6rt man beispielsweise die Farbtupfer der Trompeten im letzten Satz nach Buchstabe E einmal so deutlich? Ganz hervorragend gelang Ballot die Coda des Finales. Die ungew\u00f6hnliche Gestaltung dieses Schlusses, in welchem Mendelssohn nicht nur zu Gunsten eines neuen Themas auf die Verwendung der Hauptgedanken des Satzes verzichtet, sondern ihn auch vom vorangegangenen Hauptteil durch ein langes, auskomponiertes Diminuendo deutlich abgrenzt, birgt die Gefahr in sich, dass die Coda als unorganisches Anh\u00e4ngsel erscheint, gelingt es dem Dirigenten nicht, den \u00dcbergang schl\u00fcssig darzustellen. Ballot bannte die Gefahr, hielt die Spannung aufrecht und lie\u00df sie sich schlie\u00dflich in den A-Dur-Hymnus hinein aufl\u00f6sen, der somit als Zielpunkt der ganzen Symphonie erschien. Auch die Klangfarbenarbeit feierte wieder einen Triumph. Mendelssohn w\u00fcnscht hier, wie die Vorschrift \u201emarcato assai la melodia\u201c zeigt, keineswegs einen glatten, geschmeidigen Vortrag. Zugleich muss es, dem Charakter der Melodie gem\u00e4\u00df, kantabel klingen. Durch konsequente Umsetzung dieser Vorgaben gelang Ballot und den Pilsenern ein feierlicher Dankgesang aus rauen Highlander-Kehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Volkmanns Ouvert\u00fcre zu <em>Richard III<\/em>., ein im 19.&nbsp;Jahrhundert viel gespieltes Werk, f\u00fcr das sich auch sp\u00e4ter noch gro\u00dfe Dirigenten wie Carl Schuricht und Gennadij Roshdestwenskij einsetzten, bot nach Strauss und Mendelsohn eine dritte, nicht minder interessante Darstellung von \u201eKrieg und Frieden\u201c. Mendelssohn l\u00e4sst dem \u201ekriegerischen\u201c Allegro des letzten Satzes einen strahlenden Hymnus folgen, w\u00e4hrend Strauss nach dem Untergang von Lord und Lady Macbeth ihre Gegner mit Fanfaren in der Ferne Sieg und Frieden feiern l\u00e4sst, bevor in den letzten Takten ein Motiv, das man das \u201eMotiv des Ehrgeizes\u201c nennen kann, den H\u00f6rer erneut anspringt und davon zu k\u00fcnden scheint, dass der n\u00e4chste Gewaltherrscher schon in den Startl\u00f6chern steht. Auch bei Volkmann fehlen die Fanfaren nicht, die, nach einer d\u00fcsteren Einleitung und einer f\u00fcr ein Werk von 1871 geradezu expressionistischen Schlachtenmusik, das Ende des Krieges verk\u00fcnden. Ein verhalten-sublimes Adagio, den langsamen S\u00e4tzen des sp\u00e4ten Beethoven stil- und geistesverwandt, schlie\u00dft sich an, mit dem das Werk still ausklingt. Auf diesen Schluss hin entwickelte Ballot das Geschehen und fasste damit die stark kontrastierenden Teile dieser Symphonischen Dichtung (als welche man die Ouvert\u00fcre sehr wohl bezeichnen kann) unter einem gro\u00dfen Spannungsbogen zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>An die beruhigte Stimmung des Volkmannschen Schlusses konnten nun Straussens <em>Vier letzte Lieder<\/em> direkt ankn\u00fcpfen. Diese St\u00fccke sind vom Mythos des gro\u00dfen Abschiedswerkes umwoben. Ich kann sie weder einen traurigen, noch wehm\u00fctigen Abschied nennen, als welcher die wenig \u00e4lteren <em>Metamorphosen<\/em> durchaus erschienen w\u00e4ren, h\u00e4tte Strauss mit ihnen sein Gesamtwerk beschlossen. Verglichen mit diesem im Schaffen des Komponisten raren Bekenntnis pers\u00f6nlicher Betroffenheit wirken die Lieder emotional distanziert \u2013 oder, wenn man anders formulieren m\u00f6chte: wie Dokumente eines, der sich wieder gefangen hat. Und so verabschiedet sich Strauss als der, als den man ihn aus dem Gro\u00dfteil seiner fr\u00fcheren Werke kennt: als Genussmensch und virtuoser Klangzauberer. Die Auff\u00fchrung lie\u00df so recht deutlich werden, mit welchem Feinsinn Strauss seine Ideen auf das Orchester verteilt, welche Lebendigkeit in den einzelnen Klanggruppen herrscht und wie sie einander wechselseitig beleuchten. Sarah Marie Kramer begegnete den hohen Anforderungen an ihre Partie mit stupender Meisterschaft und unersch\u00f6pflicher stimmlicher Energie, wirkte inmitten der von Ballot fein abgestuften Orchestermassen als die kr\u00e4ftig pulsende Hauptschlagader des Ganzen. Ein w\u00fcrdiger Abschluss eines gro\u00dfartig gelungenen Konzerts!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juni 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pilsener Philharmonie spielte im Rahmen der Richard-Strauss-Tage 2023 am 17. 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