{"id":5761,"date":"2023-06-30T12:07:00","date_gmt":"2023-06-30T10:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5761"},"modified":"2023-06-30T14:56:47","modified_gmt":"2023-06-30T12:56:47","slug":"vier-hochinteressante-spaetwerke-claudio-santoros","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/06\/30\/vier-hochinteressante-spaetwerke-claudio-santoros\/","title":{"rendered":"Vier hochinteressante Sp\u00e4twerke Claudio Santoros"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574406; EAN: 7 47313 44067 2<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5762\" width=\"469\" height=\"465\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-300x297.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-1536x1523.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Santoro-11-12-etc.-cover-2048x2031.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 469px) 100vw, 469px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auch die zweite Folge der geplanten Naxos-Gesamtaufnahme s\u00e4mtlicher 14 Symphonien des Brasilianers <\/em>Claudio Santoro<em> (1919\u20131989) erweist sich als h\u00f6renswerte Fundgrube. Neben den <\/em>Symphonien Nr. 11 &amp; 12<em> spielt das <\/em>Goi\u00e1s Philharmonic Orchestra<em> unter seinem britischen Chef <\/em>Neil Thomso<em>n noch das <\/em>Concerto Grosso<em> f\u00fcr Streichquartett &amp; Orchester sowie <\/em>Tr\u00eas Fragmentos sobre BACH<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Orquestra Filarm\u00f4nica de Goi\u00e1s <\/em>hatte bereits mit der ersten Folge s\u00e4mtlicher Symphonien <em>Claudio Santoros<\/em> absolut begeistert \u2013 siehe unsere Rezension <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/15\/zwei-zentrale-symphonien-claudio-santoros-in-mustergueltiger-deutung-goias-philharmonic-orchestra-neil-thomson\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>, wo man ebenfalls grundlegende Infos zum Komponisten nachlesen kann. Nun legt der brasilianische Klangk\u00f6rper unter seinem britischen Chef <em>Neil Thomson<\/em> noch eins drauf: Dergestalt, dass sowohl in der <em>Symphonie Nr.\u202f12 \u201aSinfonia concertante\u2018<\/em> als auch dem <em>Concerto Grosso<\/em> insgesamt 11 Mitglieder des Orchesters zudem anspruchsvolle Soloparts meistern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier hier vorgestellten Orchesterwerke stammen alle aus Santoros letzter Schaffensphase nach seiner R\u00fcckkehr 1978 aus Deutschland, wo er ein knappes Jahrzehnt an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim eine Dirigierprofessur bekleidet hatte. Nach einer Zeit ausgiebigen Experimentierens mit Avantgarde-Elementen wie Elektronik, Aleatorik, teilweise graphischer Notation usw. zeigt sich nun eine gewisse Konsolidierung seines Stils, wobei er die vorherigen Erfahrungen jedoch keineswegs \u00fcber den Haufen wirft, sondern auf sehr pers\u00f6nliche Weise in traditionellere Formen integriert. So h\u00f6ren wir im <em>Concerto Grosso<\/em> (1980) f\u00fcr Streichquartett und Streichorchester neben strikt motivischer Arbeit auch Clusterbildungen sowie aleatorische Momente. Ein intensives Werk f\u00fcr die ja nach wie vor seltene Besetzung; der Verzicht auf Bl\u00e4serfarben bewirkt zus\u00e4tzliche Dichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nur knapp 17-min\u00fctige 11. Symphonie (1984) charakterisiert der Verfasser des informativen Booklettexts, Gustavo de S\u00e1, als \u00fcberwiegend tragisch. Gerade die herausgestellten Soli (Oboe bzw. Violine) im Kopfsatz evozieren von Beginn eine desolate Atmosph\u00e4re. Das h\u00f6chst virtuose Scherzo \u2013 es gibt keinen eigenen, langsamen Satz \u2013 dient lediglich zur Vorbereitung des sich aus bisherigem Material gewaltig zusammenballenden Konflikts des Finales, der sich schlie\u00dflich geradezu kataklysmisch entl\u00e4dt \u2013 emotional \u00fcberw\u00e4ltigend. Anscheinend darf man den Hinweis am Schluss der Partitur (\u201eBrahms Haus, 12-6-84, Baden-Baden\u201c) als deutlichen Fingerzeig auf gewisse Allusionen zu Brahms 1. Symphonie durchaus ernst nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entstanden zum 300. Geburtstag des Barockmeisters, benutzen die <em>Tr\u00eas Fragmentos sobre BACH<\/em> f\u00fcr Streichorchester das Namensmotiv auf vielf\u00e4ltige Weise durchaus im Sinne serieller Techniken, greifen dabei jedoch ebenso auf barockes Handwerk (Fuge) zur\u00fcck. Wieder dominiert eine d\u00fcstere Stimmung, der die formal hochorganisierte Ordnung quasi wie ein tr\u00f6stliches Regulativ entgegenwirkt. F\u00fcr ein Jugendorchester \u2013 wof\u00fcr die St\u00fccke eigentlich konzipiert wurden \u2013 w\u00e4ren Santoros BACH-Fragmente in der Tat eine gewaltige Nummer; den brasilianischen Profi-Musikern gelingt selbstverst\u00e4ndlich eine absolut souver\u00e4ne Darbietung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 12. Sinfonie (1987, 1988\/89 nochmals revidiert) hat ihren Ursprung in 15 Solost\u00fccken f\u00fcr einen Jugendwettbewerb 1983 in Rio de Janeiro. Santoro wollte diese zun\u00e4chst als \u201eFantasia Concertante\u201c orchestrieren und zusammenfassen, nutzte sie aber schlie\u00dflich als Basis f\u00fcr die Symphonie, die tats\u00e4chlich eine echte \u201eConcertante\u201c ist. Kontrastierend, sich \u00f6fters zum Duo erg\u00e4nzend, gibt dieses St\u00fcck den neun Solisten \u2013 Fl\u00f6te, Oboe, Klarinette, Horn, Trompete, Posaune, Violine, Bratsche und Violoncello \u2013 dann reichlich Gelegenheit zum befreiten Musizieren, ist endlich von freundlicher Farbigkeit, immenser klanglicher Finesse, ohne den hohen Anspruch an die symphonische Gattung preiszugeben. Nur zu schade, dass der Komponist das inspirierte Werk nicht mehr h\u00f6ren durfte: Die Urauff\u00fchrung fand erst 2019 in S\u00e3o Paulo statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Neil Thomson legt mit seinem wirklich fantastischen Orchester erneut eine Glanzleistung nach der anderen hin: Abgesehen von der gro\u00dfartigen Spielfreude der erw\u00e4hnten Solisten, gelingt es allen beteiligten Musikern, die Gratwanderung zwischen Santoros formaler Strenge und einer stellenweise \u00fcberbordenden Emotionalit\u00e4t feinsinnig nachzuzeichnen und allen Parametern guten orchestralen Miteinanders v\u00f6llig gerecht zu werden. Offenkundig ist man sich der kulturellen Bedeutung dieser Naxos-Reihe f\u00fcr die weltweite Reputation der bislang unterbelichteten klassischen Musik Brasiliens klar bewusst \u2013 und drei der vier pr\u00e4sentierten Werke sind hier sogar wieder Erstaufnahmen. Gro\u00dfes Lob geb\u00fchrt dar\u00fcber hinaus ebenso der stimmigen Tontechnik. Dieses Repertoire hat eindeutig die ganz gro\u00dfe B\u00fchne verdient! Man darf sich schon auf Santoros 8. Symphonie freuen, die im Juli erscheinen soll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574406; EAN: 7 47313 44067 2 Auch die zweite Folge der geplanten Naxos-Gesamtaufnahme s\u00e4mtlicher 14 Symphonien des Brasilianers Claudio Santoro (1919\u20131989) erweist sich als h\u00f6renswerte Fundgrube. 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