{"id":5764,"date":"2023-06-28T00:17:00","date_gmt":"2023-06-27T22:17:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5764"},"modified":"2023-06-29T20:07:53","modified_gmt":"2023-06-29T18:07:53","slug":"erneuter-aufguss-von-lachenmanns-my-melodies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/06\/28\/erneuter-aufguss-von-lachenmanns-my-melodies\/","title":{"rendered":"Erneuter Aufguss von Lachenmanns \u201eMy\u00a0Melodies\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Herkulessaal widmete sich das letzte Konzert der laufenden musica viva Saison am 23.&nbsp;Juni 2023 einmal mehr der Musik <\/em>Helmut Lachenmanns<em>. Unter der Leitung von <\/em>Matthias Hermann<em> spielte das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em> mit seiner fantastischen Horngruppe allerdings lediglich die Neufassung der gro\u00dfformatigen <\/em>My Melodies<em>, die hier vor 5 Jahren uraufgef\u00fchrt worden waren. Vor der Pause erklangen zwei imposante Duos: <\/em>Salut f\u00fcr Caudwell <em>mit den Gitarristen <\/em>Mats Scheidegger<em> und <\/em>Stephan Schmidt <em>sowie <\/em>GOT LOST<em>, dargeboten von der Sopranistin <\/em>Yuko Kakuta<em> und <\/em>Pierre-Laurent Aimard<em> am Fl\u00fcgel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BR_musicaviva.Copy_AstridAckermann23_0036_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BR_musicaviva.Copy_AstridAckermann23_0036_klein-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5774\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BR_musicaviva.Copy_AstridAckermann23_0036_klein-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BR_musicaviva.Copy_AstridAckermann23_0036_klein-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BR_musicaviva.Copy_AstridAckermann23_0036_klein-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BR_musicaviva.Copy_AstridAckermann23_0036_klein.jpg 1450w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Matthias Hermann [\u00a9 BR \/ Astrid Ackermann]<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn man die Ank\u00fcndigung f\u00fcr das letzte <em>musica viva<\/em> Konzert vor der Sommerpause las, war man versucht, an den Film <em>Und t\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier<\/em> zu denken, so sehr \u00e4hnelte das Programm demjenigen vor gut 5 Jahren, wo ebenfalls <em>Pierre-Laurent Aimard<\/em> als Pianist auftrat und <em>Helmut Lachenmanns<\/em> beeindruckende \u201eMusik f\u00fcr acht H\u00f6rner und Orchester\u201c <em>My Melodies<\/em> ihre Urauff\u00fchrung erlebte (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/06\/11\/ein-triumph-fuer-helmut-lachenmann\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/06\/11\/ein-triumph-fuer-helmut-lachenmann\/\" target=\"_blank\">wir berichteten<\/a>). Im Vorfeld gab es mehrere Absagen: Zun\u00e4chst sprang Lachenmanns Sch\u00fcler und langj\u00e4hriger Freund <em>Matthias Hermann <\/em>f\u00fcr den erkrankten Peter E\u00f6tv\u00f6s ein, der sonst auch die Neufassung von <em>My Melodies <\/em>dirigiert h\u00e4tte. Und ganz kurzfristig musste noch Ersatz f\u00fcr das Trio Recherche gefunden werden, welches f\u00fcr das neue, zweite Streichtrio <em>Mes Adieux <\/em>von 2021\/22 eingeplant war. Statt des angek\u00fcndigten \u201eAdieus\u201c gab es nun zu Beginn des Konzerts ein \u201eSalut\u201c: <em>Salut f\u00fcr Caudwell<\/em> (1977), das von den beiden Gitarristen <em>Mats Scheidegger<\/em> und <em>Stephan Schmidt <\/em>dargeboten wurde, die man bei <em>My Melodies <\/em>eh\u2018 f\u00fcr die E-Gitarren im Orchester engagiert hatte und die das Duo-St\u00fcck erst k\u00fcrzlich eingespielt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Lachenmanns \u201eMusik f\u00fcr zwei Gitarristen\u201c erweist sich nicht nur von seiner L\u00e4nge her als passender Ersatz f\u00fcr das Streichtrio. Obwohl \u00fcber 45 Jahre alt, zeigt sich bereits hier, dass eine Reduktion des Komponisten auf reine Verweigerungs\u00e4sthetik seinem Werk keinesfalls gerecht wird. Nat\u00fcrlich verwendet er die beiden Gitarren \u00fcber das gesamte, gut 25-min\u00fctige St\u00fcck vorwiegend unkonventionell: \u00dcber weite Strecken spielen sich intensive Plektrumkl\u00e4nge in h\u00f6chster Lage ab \u2013 jenseits der B\u00fcnde, die bestimmte Tonh\u00f6hen fixieren. Entsprechend dominieren so dauernde Glissando-Effekte; die Textvorlage des im spanischen B\u00fcrgerkrieg gefallenen britischen Marxisten Christopher Caudwell \u2013 eine Kritik des b\u00fcrgerlichen Kunstbegriffs \u2013 wird von den Musikern teilweise sehr prononciert auf Deutsch rezitiert usw. Scheidegger und Schmidt bleiben selbst dort, wo die anf\u00e4nglich stabilen Rhythmen variabler werden, immer spannungsvoll und verst\u00e4ndlich. Die halsbrecherisch virtuosen Figurationen erinnern den H\u00f6rer einerseits an Freiheiten wie etwa den Beginn von Pendereckis 1.&nbsp;Streichquartett, andererseits an die kalte Strenge von Nancarrows Et\u00fcden f\u00fcr Player Piano \u2013 eine insgesamt ungemein eindringliche Darbietung.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch st\u00e4rker dann <em>GOT LOST <\/em>(2007\/08), quasi eine 28-min\u00fctige Auseinandersetzung mit dem Kunstlied, dabei fast schon Musiktheater. Drei scheinbar v\u00f6llig divergierende Texte \u2013Nietzsches Vierzeiler <em>Der Wandrer<\/em>, Fernando Pessoas <em>Todas as cartas de amor s\u00e3o rid\u00edculas<\/em> und eine kurze, profane Annonce \u2013 werden bis in kleinste, kaum mehr als Worte identifizierbare Fragmente zerlegt: musikalisch vielf\u00e4ltigste Gesten, die aber in der enorm intensiven und bewussten Wiedergabe der japanischen Sopranistin <em>Yuko Kakuta<\/em> absolut faszinierend geraten. Besonders eindrucksvoll, wenn sie direkt in den Fl\u00fcgel singt, und der Resonanzraum den Klang ihrer Stimme fast wie ein langanhaltendes, nat\u00fcrliches \u201eEcho\u201c weitertr\u00e4gt. <em>Pierre-Laurent Aimard<\/em> ist hierbei mit seinem h\u00f6chst anspruchsvollen Klavierpart \u2013 auch er muss mit dem Mund arbeiten, dazu mit einer Vielzahl von Pr\u00e4parationen im Fl\u00fcgel zurechtkommen \u2013 v\u00f6llig gleichberechtigt, engagiert sich gespannt wie ein Flitzebogen und begeistert mit Raffinement und v\u00f6lliger Durchsichtigkeit. Diese musikalische Glanzleistung wird selbstverst\u00e4ndlich mit entsprechendem Beifall bedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz des Triumphs 2018 \u2013 sowie weiterer Auff\u00fchrungen mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle \u2013 war Lachenmann mit <em>My Melodies<\/em> wohl l\u00e4ngst nicht zufrieden und erstellte nun eine Neufassung, die anscheinend \u2013 zum genauen Vergleich m\u00fcsste man beide Partituren gr\u00fcndlichst studieren \u2013 die Gesamtform weitgehend unangetastet l\u00e4sst, an wenigen Stellen erweitert und im Detail, insbesondere im Satz der acht solistischen H\u00f6rner, viele Dinge weiter verfeinert. Zudem hat ein Neue Musik souver\u00e4n meisternder Klangk\u00f6rper wie das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <\/em>wohl selten Gelegenheit, nach relativ kurzer Zeit ein solch komplex ausgearbeitetes Werk nochmals einzustudieren. Andreas Hermanns Dirigat wirkt leider ziemlich steif: Er schl\u00e4gt sehr mechanisch, dazu mit der Linken, die nur Eins\u00e4tze gibt, meist parallel. Nur oberhalb von Forte scheint er auch k\u00f6rperlich mitzugehen. Kein Vergleich mit Peter E\u00f6tv\u00f6s, jedoch darf der \u00e4u\u00dfere Eindruck nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass Hermann anscheinend mit dem Orchester ganz ausgezeichnete Probenarbeit geleistet hat. So funktioniert nicht nur das \u00fcberragende Solistenensemble der acht H\u00f6rner \u2013 <em>Carsten Duffin, Ursula Kepser, Thomas Ruh, Ralf Springmann, Norbert Dausacker, Fran\u00e7ois Bastian, Marlene Pschorr <\/em>(Gast) und<em> Marcin Sikorski<\/em> \u2013 wie vom Komponisten intendiert erneut als ein einziger, atmender Organismus. Auch zahlreiche (teils neue?) leise Bogeneffekte in den Streichern erscheinen nun wie ein zartes Gebl\u00e4se \u2013 die Musik erzeugt sich dadurch sozusagen st\u00e4ndig ihren eigenen \u201eRaum\u201c. Ebenso geb\u00fchrt der Schlagzeuggruppe ganz besonderes Lob. Jedenfalls gelingt es, die H\u00f6rer im Saal zu zwingen, \u00fcber 40 Minuten jedem noch so winzigem Klangereignis nachzusp\u00fcren. Der Applaus beginnt danach erst z\u00f6gerlich, steigert sich aber, als der 87-j\u00e4hrige Komponist die B\u00fchne betritt, in echte Begeisterung. Die H\u00f6rner d\u00fcrfen sogar die ausgefeilte, absolut verr\u00fcckte Kadenz kurz vor Schluss von <em>My Melodies <\/em>noch einmal wiederholen \u2013 gro\u00dfartig!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Herkulessaal widmete sich das letzte Konzert der laufenden musica viva Saison am 23.&nbsp;Juni 2023 einmal mehr der Musik Helmut Lachenmanns. 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