{"id":5789,"date":"2023-07-06T19:14:51","date_gmt":"2023-07-06T17:14:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5789"},"modified":"2023-07-06T19:14:55","modified_gmt":"2023-07-06T17:14:55","slug":"busonis-groesse-ein-artikel-von-heinrich-pfitzner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/07\/06\/busonis-groesse-ein-artikel-von-heinrich-pfitzner\/","title":{"rendered":"Busonis Gr\u00f6\u00dfe \u2013 ein Artikel von Heinrich Pfitzner"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der nachfolgende Artikel ist ein historisches Dokument, das hier zum ersten Mal in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlicht wird. Er entstammt der US-amerikanischen Zeitschrift <\/em>The Midwestern Magazine<em>, in deren April-Ausgabe des Jahres 1911 er erschienen ist (S.&nbsp;101f.). Anlass war ein Konzert Ferruccio Busonis in Des Moines, der Hauptstadt des Bundesstaates Iowa. Heinrich Pfitzner, der Autor des Artikels, war der \u00e4ltere Bruder Hans Pfitzners. Er wurde 1867 in Moskau geboren, wuchs in Frankfurt am Main auf, wo er an Dr.&nbsp;Hoch&#8217;s Konservatorium studierte, und lebte seit 1891 in den Vereinigten Staaten, nur unterbrochen von kurzen Lehrt\u00e4tigkeiten in Koblenz 1893 und am Stern&#8217;schen Konservatorium in Berlin von 1898 bis 1901. Er erwarb sich in Amerika den Ruf eines vortrefflichen Pianisten und Musikp\u00e4dagogen, arbeitete teils als Professor an verschiedenen Bildungseinrichtungen, teils als selbstst\u00e4ndiger Klavierlehrer und gr\u00fcndete 1907 in Des Moines ein eigenes Konservatorium. Seine Spur verliert sich 1935 in Tupelo, Mississippi. Sp\u00e4testens 1940 muss er gestorben sein, da im US-Zensus dieses Jahres seine Ehefrau als verwitwet gef\u00fchrt wird. Heinrich Pfitzners Artikel \u00fcber <\/em>Busonis Gr\u00f6\u00dfe<em> dokumentiert nicht nur den \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindruck, den dieser gro\u00dfe Musiker auf einen \u201eMann vom Fach\u201c ausge\u00fcbt hat, sondern fasst in K\u00fcrze grundlegende Bedingungen musikalischer Darbietungskunst zusammen. Er ist ein zeitloses Dokument und sei als solches nun der Leserschaft deutscher Zunge erstmals pr\u00e4sentiert. (D. Red.)<br \/><\/em><br \/><\/p>\n\n\n\n<p>Alle ver\u00f6ffentlichten Berichte \u00fcber Busoni beschreiben ihn \u00fcbereinstimmend als gr\u00f6\u00dften Interpreten der Gegenwart, wenn nicht aller Zeiten; aber seit ich ihn am 6. M\u00e4rz [1911] zum ersten Mal geh\u00f6rt habe, kann ich nicht umhin festzustellen, dass der grundlegende und kr\u00f6nende Faktor seiner \u00dcberlegenheit nie erw\u00e4hnt worden ist. Und gerade dieser eine Punkt ist von \u00e4u\u00dferster Wichtigkeit \u2013 nicht nur, um dem K\u00fcnstler gerecht zu werden, sondern auch im Interesse der Kunstwelt. Es ist ganz richtig, dass Busonis technische Fertigkeit sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht wunderbar und wohl unerreicht ist; wobei ich hinzuf\u00fcgen m\u00f6chte, dass seine Technik sich besonders durch das erfolgreich angewandte Prinzip auszeichnet, \u201eauf den Punkt zu kommen\u201c, dass sie von einem \u201eZielbewusstseins\u201c durchdrungen ist, das sich in einer meisterhaften Sparsamkeit der Kr\u00e4fte und in einer v\u00f6lligen Abwesenheit all jener schauspielerischen Manierismen \u00e4u\u00dfert, denen sich so viele der besten Darsteller hingeben. Es ist auch wahr, dass diese gro\u00dfartige Technik gekr\u00f6nt wird (denn die Tonerzeugung ist nichts anderes als das Endergebnis \u2013 die Bl\u00fcte \u2013 der Technik) durch die vollkommenste Modulation des Anschlags; das bedeutet die F\u00e4higkeit, mit gleicher Vollkommenheit jede Art von Ton zu erzeugen, sowohl in Bezug auf die Farbe als auch auf die St\u00e4rke; ganz zu schweigen von bestimmten einzigartigen Tricks des Pedalspiels, die eine gr\u00fcndliche Kenntnis des Klaviers als Mechanismus zeigen, aber nichts mit Talent, Genie oder sogar Technik zu tun haben. Ferner ist es auch wahr, dass Busoni sogar in Bezug auf die musikalische Phrasierung ein Altmeister ist, der, wie von vielen Kritikern erw\u00e4hnt wurde, \u201edas Klavier zum Sprechen bringen kann\u201c und \u201emusikalische Beredsamkeit besitzt\u201c wie kein anderer; in welcher Hinsicht niemand au\u00dfer ihm selbst (nach dem, was ich durch Lekt\u00fcre und m\u00fcndliche \u00dcberlieferung wei\u00df) mit Liszt pers\u00f6nlich verglichen werden kann. Nicht zuletzt ist es wahr, dass seine blo\u00dfe Pers\u00f6nlichkeit jeden als die eines wahren Genies beeindruckt; wozu ich noch hinzuf\u00fcgen darf, dass bei all seiner beherrschenden Pr\u00e4senz eine herzergreifende Aufrichtigkeit und Einfachheit an ihm ist, die das Kennzeichen wahrer Gr\u00f6\u00dfe ist; und dass diese Eigenschaften ihn wie keinen anderen bef\u00e4higen, seine Zuh\u00f6rer alles \u00fcber die Tatsache vergessen zu lassen, dass da ein Mensch am Klavier sitzt. Alle diese Eigenschaften, in solcher Vollkommenheit und Kombination, gen\u00fcgen gewiss, um Busoni zu einem ph\u00e4nomenalen K\u00fcnstler zu machen; aber sie machen ihn noch nicht zu dem wirklich unvergleichlichen Busoni, der er ist; denn er besitzt noch eine andere und viel bedeutendere Eigenschaft, die ihm seine \u00fcberragende Stellung auf diesem Gebiet verschafft; und das ist: seine einzigartige Gabe der konzentrierten genialen Auffassung, verbunden mit der Kraft, diese in die Tat umzusetzen. Das bedeutet: Busoni begreift eine musikalische Komposition in ihrer Gesamtheit, als eine Einheit (\u201eplatonische Idee\u201c w\u00e4re zur Charakterisierung gewisserma\u00dfen der geeignetste Begriff), und er behandelt sie dementsprechend; jedes Teilchen der Komposition, vom gr\u00f6\u00dften Bestandteil bis hinunter zum einzelnen Ton, erh\u00e4lt seinen passenden Platz im Rahmen des Tonbildes; keinem von ihnen wird auch nur ein Qu\u00e4ntchen mehr oder weniger Bedeutung zugemessen, als es vom Standpunkt der perfekten Proportion und der eigent\u00fcmlichen Konzeption der gesamten Komposition aus zul\u00e4ssig ist. Das Ergebnis ist eine unvergleichliche Wirkung auf den Zuh\u00f6rer, sie sei bewusst oder unbewusst. Am Ende der Wiedergabe erschlie\u00dft sich ihm die Komposition in ihrer Gesamtheit, die ihr zugrunde liegende Idee in toto; so wie man ein Bild sehen w\u00fcrde, von dem ein Schleier allm\u00e4hlich weggezogen wurde, bis es ganz freigelegt ist; oder, um ein vielleicht beredteres Gleichnis zu gebrauchen: w\u00e4hrend der Wiedergabe steigt man unabl\u00e4ssig einen Berghang hinauf, und am letzten Ton steht man auf dem Gipfel des Berges und \u00fcberschaut \u2013 mit einem Blick zur\u00fcck \u2013 aus der Vogelperspektive die gesamte Strecke, die man zur\u00fcckgelegt hat. Es ist diese F\u00e4higkeit des konzentrierten, genialen Erfassens einer Komposition als Einheit, verbunden mit der Kraft, sie zur Geltung zu bringen, was Busoni wirklich unvergleichlich macht, denn gerade diese besondere Eigenschaft (und nicht die blo\u00dfe Meisterschaft in Technik, Anschlag, Schattierung und Phrasierung, von Pedaltricks ganz zu schweigen) ist sein hervorstechendes Merkmal und zugleich der h\u00f6chste Wert des ausf\u00fchrenden K\u00fcnstlers. Die Kultivierung und Ausnutzung dieser Qualit\u00e4t bedeutet nichts weniger als den h\u00f6chsten Triumph der Kunst der Wiedergabe und eine Demonstration ihrer einzig wahren Theorie \u2013 was sie auch sein muss, denn sie steht in vollkommener \u00dcbereinstimmung mit dem Wesen der Kunst, des Genies und der genialen Sch\u00f6pfung, wie diese schon von den gr\u00f6\u00dften Denkern der Menschheit beschrieben worden sind: Platon, Kant und Schopenhauer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Heinrich Pfitzner, April 1911]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der nachfolgende Artikel ist ein historisches Dokument, das hier zum ersten Mal in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlicht wird. Er entstammt der US-amerikanischen Zeitschrift The Midwestern Magazine, in deren April-Ausgabe des Jahres 1911 er erschienen ist (S.&nbsp;101f.). Anlass war ein Konzert Ferruccio Busonis in Des Moines, der Hauptstadt des Bundesstaates Iowa. 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