{"id":5794,"date":"2023-07-22T15:31:55","date_gmt":"2023-07-22T13:31:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5794"},"modified":"2023-07-31T17:56:33","modified_gmt":"2023-07-31T15:56:33","slug":"ersteinspielung-dreier-orchesterwerke-hans-winterbergs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/07\/22\/ersteinspielung-dreier-orchesterwerke-hans-winterbergs\/","title":{"rendered":"Ersteinspielung dreier Orchesterwerke Hans Winterbergs"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio, C5475; EAN: 84522105476<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Hans-Winterberg-Orchesterwerke.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Hans-Winterberg-Orchesterwerke.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5795\" width=\"519\" height=\"519\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Hans-Winterberg-Orchesterwerke.jpg 500w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Hans-Winterberg-Orchesterwerke-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Hans-Winterberg-Orchesterwerke-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 519px) 100vw, 519px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Johannes Kalitzke pr\u00e4sentiert auf diesem bei Capriccio erschienenen Album erstmals Orchestermusik Hans Winterbergs (1901\u20131991) auf CD. Es erklingen die Symphonie Nr.&nbsp;1 <\/em>Sinfonia drammatica<em> (1936), das Klavierkonzert Nr.&nbsp;1 (1948) und die <\/em>Rhythmophonie<em> (1967). Solist im Klavierkonzert ist Jonathan Powell.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der 1901 in Prag geborene, 1991 im oberbayerischen Stepperg gestorbene Hans Winterberg ist ein Komponist, der sich schwerlich in eine Schublade stecken und mit einem Etikett versehen l\u00e4sst. Die zeitgen\u00f6ssischen Str\u00f6mungen reflektierend, ohne sich aber dezidiert einer von ihnen anzuschlie\u00dfen, schuf er in relativer Abgeschiedenheit ein umfangreiches Gesamtwerk, das vor allem Orchester-, Kammer- und Klaviermusik umfasst. Eine ganze Reihe seiner Kompositionen wurde zu seinen Lebzeiten vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet, jedoch gelangte keines seiner Werke in den Druck. Nachdem der Nachlass Winterbergs lange Zeit der \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich gewesen war, wird seine Musik nun systematisch erforscht, wieder zu Geh\u00f6r gebracht, erstmals publiziert und auf Tontr\u00e4gern festgehalten. Nach Ver\u00f6ffentlichungen von Klavier- und Kammermusikwerken bei Toccata Classics hat nun Capriccio erstmals eine CD mit Orchesterwerken Winterbergs vorgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Winterbergs Biographie haben die Umbr\u00fcche und Katastrophen des 20. Jahrhunderts tiefe Spuren hinterlassen. In eine assimilierte j\u00fcdische Familie hineingeboren, wuchs er, \u00e4hnlich wie Franz Kafka und Max Brod einige Jahre vor ihm, als Kind der sp\u00e4ten Habsburgerzeit zwischen Tschechen und Deutschb\u00f6hmen auf. Obwohl deutschsprachig, lie\u00df sich seine Familie bei der tschechoslowakischen Volksz\u00e4hlung 1930 aus Sympathie mit der tschechischen Kultur als \u201etschechisch\u201c registrieren (Hans Winterberg schreib seinen Vornamen darum auch \u201eHanu\u0161\u201c). Nach der Besetzung Tschechiens durch das nationalsozialistische Deutschland musste Winterberg erleben, wie seine Mutter und mehrere weitere Verwandte deportiert und ermordet wurden. Die Ehe mit der Pianistin Maria Maschat, die nach der NS-Ideologie als \u201eArierin\u201c galt, bewahrte ihn lange Zeit vor der Verhaftung, doch wurde er schlie\u00dflich im Januar 1945 ins KZ Theresienstadt verschleppt. Am Tag des Kriegsendes befreit, kehrte er nach Prag zur\u00fcck. Von der Vertreibung der Deutschb\u00f6hmen blieb er aufgrund seines Status als Tscheche zwar verschont, doch f\u00fchlte er sich in der Nachkriegs-Tschechoslowakei zunehmend unwohl, sodass er eine 1946 bewilligte Auslandsreise (\u201eum nach seinen handschriftlichen Kompositionen zu suchen\u201c), zur \u00dcbersiedelung nach Bayern nutzte. Er lebte, nun als Sudetendeutscher wahrgenommen, bis 1969 meist in der Gegend am Ammersee, dann in Bad T\u00f6lz, zuletzt, ab 1981, in Stepperg.<\/p>\n\n\n\n<p>Winterberg war Sch\u00fcler namhafter Lehrer. In Prag hatte er bei Fidelio F. Finke und Alois H\u00e1ba Komposition, bei Alexander Zemlinsky Dirigieren studiert. Sp\u00fcrbare Einfl\u00fcsse dieser recht unterschiedlichen Musikerpers\u00f6nlichkeiten finden sich in seinen Kompositionen allerdings nicht. Winterberg war ein durchaus eigener Kopf. Seine Musik ist \u00fcberwiegend introvertierten Charakters und bewegt sich, meist linear-kontrapunktisch gesetzt, in einer freien Tonalit\u00e4t, der Quartenharmonien nicht fremd sind. In der Instrumentation setzt er auf schwarz-wei\u00df-Kontraste mittels klar voneinander getrennter Klanggruppen, auch auf schroffe Gegens\u00e4tze zwischen Tutti- und kammermusikalisch ausged\u00fcnnten Abschnitten, wobei in letzteren oft Soli vor kontrastierenden Hintergr\u00fcnden spielen. Immer wieder auftauchende abtaktige Motive in markanten Rhythmen zeugen von der tschechischen Herkunft des Komponisten. Auch kommen regelm\u00e4\u00dfig Abschnitte vor, in denen ein eindeutig b\u00f6hmischer Musikantengeist durchschl\u00e4gt. Die nationalen Elemente in Winterbergs Musik dominieren insgesamt jedoch nicht so sehr, dass man ihn einen folkloristischen Komponisten nennen m\u00f6chte. Sie klingen eher aus der Ferne an, wirken abstrahiert. Das unbek\u00fcmmerte Losmusizieren, wie es beispielsweise in den Werken des etwas \u00e4lteren Landsmannes Martin\u016f best\u00e4ndig anzutreffen ist, weicht bei Winterberg einem gr\u00fcblerischen Ernst. Der Reiz dieser Musik liegt in ihrer Knorrigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hat unter der Leitung Johannes Kalitzkes drei Orchesterwerke Hans Winterbergs aus verschiedenen Schaffensphasen aufgenommen. Die <em>Sinfonia drammatica<\/em>, die erste der beiden Symphonien des Komponisten, stammt aus dem Jahr 1936. Es handelt sich um eine viertelst\u00fcndige Komposition in einem einzigen Satz, in welchem zwei miteinander korrespondierende, bewegtere Eckteile einen zur\u00fcckgenommenen, karg instrumentierten Mittelteil umschlie\u00dfen. Das St\u00fcck basiert auf wenigen kurzen Grundmotiven, die einem permanenten Verwandlungsprozess unterworfen werden. Charakteristisch f\u00fcr die Au\u00dfenteile ist, dass die Aufschw\u00fcnge stets durch ein resignierendes Zur\u00fccksinken aufgefangen werden, was dem Ganzen den Eindruck des In-Sich-Kreisens verleiht. In den letzten rund zwei Minuten stellt sich ein paradoxes Gleichgewicht zwischen Aufschwung und Abklingen in Form eines ruhelosen Br\u00fctens und Gr\u00fcbelns ein. Unwillk\u00fcrlich kommt mir ein Vers Georg Heyms in den Sinn, mit welchem sich die Stimmung dieser Takte gut beschreiben l\u00e4sst: \u201eDie Menschen stehen vorw\u00e4rts in den Stra\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Von einer anderen Seite zeigt sich Winterberg in seinem ersten Klavierkonzert von 1948. Die drei S\u00e4tze sind als \u201eVorspiel\u201c, \u201eZwischenspiel\u201c und \u201eNachspiel\u201c bezeichnet und s\u00e4mtlich in knappen Dimensionen gehalten, namentlich der erste, der nur drei Minuten dauert. Die et\u00fcdenartigen Klaviermotive und die Perpetuum-Mobile-Rhythmik der Ecks\u00e4tze lassen franz\u00f6sische Einfl\u00fcsse vermuten, wobei sich im letzten Satz \u2013 der beinahe zur H\u00e4lfte aus einer Solokadenz besteht \u2013 dem \u201ejeu\u201c h\u00f6rbar Tschechisches hinzugesellt. In der Instrumentation bleibt Winterberg jedoch seinem Klangideal treu und verzichtet weitgehend auf Mischkl\u00e4nge in der Art seiner franz\u00f6sischen Zeitgenossen, wie sich vor allem im langsamen zweiten Satz zeigt, dem l\u00e4ngsten des Werkes, der \u00fcber weite Strecken von Konduktrhythmen gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm wird beschlossen durch die 1967 vollendete <em>Rhythmophonie<\/em>, ein Werk, das zu Lebzeiten des Komponisten aufgrund seiner hohen spieltechnischen Anforderungen nie erklungen ist. In drei S\u00e4tze nach dem Modell schnell-langsam-schnell gegliedert und gut eine halbe Stunde lang, erscheint es rein \u00e4u\u00dferlich wie eine Symphonie. Bei n\u00e4herer Betrachtung wird aber recht schnell deutlich, warum der Komponist diese Gattungsbezeichnung vermieden hat. Man kann in diesem St\u00fcck kaum noch von Motiven oder gar Themen sprechen. Auch lassen sich keine exponierenden, durchf\u00fchrenden oder rekapitulierenden Abschnitte ausmachen. Die best\u00e4ndige metamorphotische Umbildung des Materials, wie sie sich in der <em>Sinfonia drammatica<\/em> angewendet findet, wird hier auf die Spitze getrieben. Das musikalische Geschehen wird von rhythmischen Verwandlungsprozessen dominiert. Es entsteht eine Art klingendes Kaleidoskop. Das Ganze wirkt dabei keineswegs spielerisch, sondern ist von dem gleichem Ernst durchdrungen, der auch die fr\u00fche Symphonie auszeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Kalitzke, der mit dieser CD seinen Ruf als F\u00fcrsprecher wertvoller, zu wenig beachteter Musik des 20. Jahrhunderts aufs Neue unterstreicht, hat sich mit dem Idiom Winterbergs gut vertraut gemacht und f\u00fchrt das hervorragend disponierte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit sicherer Hand durch die anspruchsvollen Partituren. Ein besonderes Plus besteht darin, dass f\u00fcr das Klavierkonzert mit Jonathan Powell ein wahrhaft meisterlicher Pianist gewonnen wurde, der mit Leichtigkeit, Energie und viel Sinn f\u00fcr die Dramaturgie des musikalischen Geschehens Winterbergs Musik lebendig macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Fortsetzung dieses Projekts ist durchaus erw\u00fcnscht!<\/p>\n\n\n\n<p>Zum an sich guten und informativen Begleittext aus der Feder von Michael Haas ist kritisch anzumerken, dass \u201eder lebendige Verbund tschechischer Komponisten\u201c w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs zwar tats\u00e4chlich wegen der Ermordung zahlreicher j\u00fcdischer Meister durch die Nationalsozialisten empfindlich geschw\u00e4cht wurde, die Behauptung jedoch, seine musikalische Sprache w\u00e4re ohne Bohuslav Martin\u016f oder Hans Winterberg spurlos ausgel\u00f6scht worden, angesichts beispielsweise eines Ladislav Vycp\u00e1lek, Otakar Jeremi\u00e1\u0161, I\u0161a Krej\u010d\u00ed, Miloslav Kabel\u00e1\u010d oder <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/08\/01\/der-symphoniker-jan-hanus-1915-2004\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/08\/01\/der-symphoniker-jan-hanus-1915-2004\/\">Jan Hanu\u0161<\/a> eine \u00dcbertreibung darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juli 2023]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[Meinem gesch\u00e4tzten Kollegen Martin Blaumeiser danke ich f\u00fcr die Hinweisung auf ein 2019 von der Pierian Recording Society ver\u00f6ffentlichtes Doppelalbum mit historischen Rundfunkeinspielungen mehrerer Orchesterwerke Hans Winterbergs, das auf CD 2 eine Aufnahme der<em> Sinfonia drammatica<\/em> enth\u00e4lt. Im Falle dieses Werkes hat Capriccio also keine Erstaufnahme vorgelegt. N. F. Schuck, 31. August 2023]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio, C5475; EAN: 84522105476 Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Johannes Kalitzke pr\u00e4sentiert auf diesem bei Capriccio erschienenen Album erstmals Orchestermusik Hans Winterbergs (1901\u20131991) auf CD. Es erklingen die Symphonie Nr.&nbsp;1 Sinfonia drammatica (1936), das Klavierkonzert Nr.&nbsp;1 (1948) und die Rhythmophonie (1967). Solist im Klavierkonzert ist Jonathan Powell. 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